Die Kritiker: West of Liberty

Wotan Wilke Möhring nimmt es mit einer Verschwörung auf, Lars Eidinger sitzt in der syrischen Botschaft fest. Alltag in diesem schwedisch-deutschen Agenten-Thriller.

Der Grund, warum deutsche Polit-Thriller – Tödliche Geheimnisse samt Fortsetzung, Unterm Radar, Die Lobbyistin oder Saat des Terrors – ihren angelsächsischen Pendants – Homeland oder The Honourable Woman – inhaltlich so massiv hinterherhinken, dürfte sich auf ein Schlagwort reduzieren lassen: ihre unumstößliche Blauäugigkeit, die in ihrem Agitprop-Diskurs oft die Schwelle zur Demagogie überschreitet. Wenn Nina Kunzendorf oder Christiane Paul bei öffentlich-rechtlichen Sendern Verschwörungen aufdecken, stecken dahinter natürlich: die Amis, verkörpert durch die CIA mit ihren mörderischen Motiven und mafiösen Handlungsmustern, die weniger die freie Welt schützen als ihre frevelhaften Ziele von politischer Hegemonie, globaler Vergiftung und – zumindest unterschwellig – kultureller Dekadenz verfolgen. Deutsche Offizielle treten derweil als willfährige Helfershelfer dieser Ideologie von Turbokapitalismus, Allesvernetzung und westlichem Macht- und Kulturchauvinismus auf, die diesen verschwurbelten Abstrakta bereitwillig die legitimen Interessen ihres Volkes opfern, während Assange-hafte Whistleblower aufgrund ihres exzentrischen Getues vielleicht menschlich schwierige Persönlichkeiten sind, aber keinesfalls ethisch komplexe Figuren mit einer Agenda, die jenseits des absolut Guten und Selbstlosen läge.

Es ist also nicht verwunderlich, dass erst ein Stoff von außen kommen muss, damit der deutsche Polit-Thriller aus diesem perfide versimpelten und moralisch einfältigen Betrieb herauskommt – und dass er dann prompt spätabends versendet und in die Mediathek ausgelagert wird, anstatt an prominenter Prime-Time-Stelle platziert zu werden.

West of Liberty basiert auf der Buchreihe eines schwedischen Autors, und als die Network Movie GmbH bei europäischen Sendern mit dem Projekt hausieren ging, erhielt sie mehrere Abfuhren: Die Miniserie sei „zu amerikanisch“. Vermutlich weil sie (trotz einer nicht zu verleugnenden Diskrepanz hinsichtlich der erzählerischen Komplexität) eher an Homeland als an Saat des Terrors erinnert:

Früher stand Ludwig Licht (Wotan Wilke Möhring) zwischen den STASI- und CIA-Fronten, als die DDR ihre letzten Tage erlebte. Noch heute haut ihn der in die Jahre gekommene Chef der Berliner CIA-Niederlassung bei besonders schwierigen Fällen an, wenn mal eine Operation keine offiziellen amerikanischen Spuren hinterlassen soll: So wie jetzt, als spätnachts eine verzweifelte Amerikanerin (Michelle Meadows) bei der Berliner US-Botschaft durchklingelt und darauf besteht, sofort den Botschafter zu sprechen, weil sie Informationen zu den drei Amerikanern habe, die vor ein paar Tagen unter mysteriösen Umständen in Marrakesch niedergemetzelt wurden.

Jetzt muss Licht ran, um sie an einen sicheren Ort zu bringen – und sich gleichzeitig die moldawische Mafia vom Leib halten, der er fünfzehntausend Euro aus Spielverlusten schuldet. Derweil kämpft sein amerikanischer Kontaktmann gegen seine Ausbootung aus dem Agentenspiel zugunsten jüngerer und technisch versierterer Kollegen an, während in der syrischen Botschaft das Julian-Assange-Imitat in Form von Lucien Gell (Lars Eidinger) hockt.

Während sich Ludwig Licht zwar stringenter als in den meisten deutschen Serien, aber ohne die persönliche Vehemenz oder die intellektuelle Urgewalt einer Carrie Mathison durch die Verschwörung wurstelt, ist Lucien Gell eine ganz andere Hausnummer als der übliche Whistleblower aus hiesigen Produktionen: Sein Engagement für eine unbedingte Transparenz von Regierungen und Unternehmen ist bei weitem nicht sein einziges Handlungsmotiv – wahrscheinlich nicht einmal sein hauptsächliches: Denn die Finanzierungsquellen seines „Hydralinks“ genannten Wikileaks-Verschnitts legt er natürlich nicht offen. Aus Gründen. Und über jede Schweinerei, die ein Staat oder eine Armee irgendwo auf der Welt verbrochen hat, berichtet er sowieso nicht – sondern nur über die, die ihm politisch opportun erscheinen.

Damit dürfte diese Darstellung von Julian Assange die intelligenteste sein, die wir im deutschen Fernsehen bisher gesehen haben. Denn auch wenn Lars Eidinger im PR-Begleitmaterial dieses Formats Assange in unangenehmer Blauäugigkeit einen „modernen Helden“ nennt, ist Assanges Rezeption in diesem Format doch um ein Vielfaches kritischer und differenzierter: Der Umstand, dass der Wikileaks-Gründer nonchalant das Leben amerikanischer Assets überall auf der Welt in Gefahr bringt und, mittlerweile weitgehend als russischer Agent auftretend, mit gezielter Wahlmanipulation in die demokratischen Prozesse ihm unliebsamer Staaten eingreift, deckt sich bei nüchterner Betrachtung nicht mit seiner infantilen Heroisierung durch interessierte Kreise. Will man populistisch sein, könnte man zu West of Liberty also das Fazit ziehen: Endlich sagt’s mal einer.

Leider fehlt diesem Format dafür an anderer Stelle die Konsequenz: Luciens Ex-Kollaborateurin wird trotz ihrer beachtenswerten Findigkeit, Intelligenz und ethischer Reife als unangenehm „zerbrechlich“ dargestellt, der gediegene alte Herr von der CIA als manischer Burgerfresser, die jungen Wilden in der CIA-Station als zu ungehalten und einfältig. Am Schluss ist West of Liberty doch eine unverkennbar europäische Produktion, die mit der amerikanischen Serientatkraft nicht mithalten kann. Aber immerhin keine durch und durch deutsche.

Das ZDF zeigt West of Liberty als sechsteilige Miniserie ab Dienstag, den 19. November in der Mediathek sowie als Zweiteiler am Sonntag, den 24. November und Montag, den 25. November, jeweils ab 22.15 Uhr.
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17.11.2019 · 09:51 Uhr
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