Die Kritiker: Tatort - Die Pfalz von oben

Lena Odenthal trifft einen alten Bekannten wieder, der mittlerweile völlig korrupt geworden ist. Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche - oder eine tumbe Menschelei?

Ein junger, engagierter Polizist will aussteigen. Doch Stefan Tries (Ben Becker), sein Dienststellenleiter und eine emotional nahestehende Vaterfigur, lässt ihn nicht. Als die Beiden spät nachts auf Streife einen französischen LKW-Fahrer wegen überhöhter Geschwindigkeit von der Bundesstraße ziehen, fängt sich der junge Beamte eine Kugel in den Hals. Wenig später erliegt er seinen Verletzungen.

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) wird nun aus Ludwigshafen in die Provinz beordert, um den gewaltsamen Tod des Kollegen aufzuklären. Tries ist ein alter Bekannter: Vor fast drei Jahrzehnten waren sie zusammen auf der Polizeischule. Taktvoll und herzlich klopft sie erste Infos auf der ländlichen Außenstelle ab und begegnet der örtlichen Mannschaft mit Empathie.

Doch dabei spielt sie ein falsches Spiel. Schon Wochen zuvor war bei der Internen Ermittlung eine anonyme E-Mail eingegangen, in der ein Whistleblower aus den Reihen der Polizei umfangreiche Angaben über die allgegenwärtige Korruption auf der örtlichen Dienststelle machte. Dass die tödlichen Schüsse an jenem verhängnisvollen Abend auch nicht vom angehaltenen LKW-Fahrer abgegebenen worden waren, haben Odenthal, Stern (Lisa Bitter) und ihre Kollegen ebenfalls schnell ermittelt.

Nun geht es hinein in den Sumpf: Alle Polizisten des Ortes leben „An der Bullenweide“, einem Neubaugebiet mit frisch errichteten schicken Häusern, die sie mit herrlich günstigen Krediten finanzieren. Das Geld dafür kommt über kommunale Umwege aus Frankreich; verantwortlich für die Zahlungen ist ein linksrheinischer Anwalt, der im großen Stil Mitglieder der Pègre vertritt.

Doch der „Pfalz von oben“ geht es nicht so sehr um die Struktur der Korruption, als um ihre psychologischen wie sozialen Ursachen und Auswirkungen. Mit wachem Verstand und guter Beobachtungsgabe erzählt dieser Film nicht nur vom Korpsgeist, sondern auch von der Allmählichkeit, mit der ein ehemals integrer Mann im Lauf der Jahre sukzessive korrumpiert, bis er schließlich als ethisch vollkommen degenerierter Erpresser dasteht, und trotzdem noch als sympathische Figur funktionieren kann – ein Dualismus, den Ben Becker beeindruckend reduziert mit Leben zu füllen versteht.

Doch obwohl er am Schluss in seinem bewusst auf Sparflamme gehaltenen Duell mit Lena Odenthal den Kürzeren ziehen muss, herrscht zwischen den Beiden nicht pari. Denn Lena Odenthal wäre nicht Lena Odenthal, wenn sie sich nicht bei der erstbesten Gelegenheit von der Sentimentalität der Vergangenheit hinreißen und die Nacht beim Hauptverdächtigen ihres aktuellen Mordfalls verbringen würde – was natürlich sofort die ganzen Ermittlungen durch den Tüddel bringt. Noch problematischer als die durchkokste Nacht und der unnötig romantisierende Duktus ist jedoch der Umstand, dass Odenthal als Figur nicht standhaft bleibt – und so letztlich in ähnlich korrupte Niederungen tritt wie ihr Freund und Gegner Stefan Tries. Dass sie darin allenfalls eine kurzfristige Inkonsequenz sieht, offenbart, wie weder sie noch die Autoren die Tragweite dieses Umstands erfasst haben – weswegen am Schluss leider kein beeindruckendes Traktat über den Verfall der Korruption steht, sondern eine zu alberne Menschelei.

Das Erste zeigt Tatort – Die Pfalz von oben am Sonntag, den 17. November um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
17.11.2019 · 09:42 Uhr
[1 Kommentar]
 

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