Die Kritiker: «Tatort – Die goldene Zeit»

Inszeniert wurde dieser «Tatort» von Regisseurin Mia Spengler, die für die zweite Staffel von «How to Sell Drugs Online (Fast)» verpflichtet ist

Die Bundespolizei agiert wieder: Das Norddeutschland-Team beim Tatort, Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) führt es zum sechsten Mal in Folge nach Hamburg und zum dritten Mal in Folge spielt sich auch der Löwenanteil des Neunzigminüters in Nick Tschillers altem Revier ab. Grund dafür: Ein Auftragsmord im Hamburger Rotlicht-Milieu. Während der Ermittlungen trifft der ehemals schlimme Finger Falke auf einen alten Bekannten, das Kiez-Urgestein Michael Lübke (Michael Thomas). Somit wird Falke mit seiner Vergangenheit als Türsteher konfrontiert, was für unnötige Ablenkung sorgt. Denn die Zeit drängt: Bestehende Konflikte im Rotlicht-Milieu drohen zu eskalieren, sollten Falke und Grosz den Auftragsmörder und dessen Komplizen nicht bald dingfest machen …

Inszeniert wurde «Tatort – Die goldene Zeit» von Regisseurin Mia Spengler, die schon den Berlinale-Titel Back for Good verantwortete und für die zweite Staffel von How to Sell Drugs Online (Fast) verpflichtet ist. Und nach «Tatort – Die goldene Zeit» dürfte sie gewiss viele weitere Angebote erhalten: Die noch vergleichsweise unverbrauchte Regisseurin ringt den Rotlicht-Milieu-Szenen mal zielgenau das ab, was das Sonntagabend-Fernsehpublikum vom Kiez erwartet (abgenutzte, vollgestopfte, aber irgendwie gemütliche Kneipenatmosphäre). Und andere Male versieht sie es mit einer modernen, frischen Perspektive – kein schummriges Rotlicht, sondern kräftiges, schmeichelndes Lila erfüllt die Räume der Erotikanbieter und die Arbeiterinnen werden chic, aber nicht geifernd in Szene gesetzt.

Gemeinsam mit Kameramann Moritz Schultheiss setzt Spengler zudem wiederholt auf enge Räume, durch die sich die Kamera mit Weitwinkelobjektiv durchzwängt, um schrittweise an den Cast heranzurücken, der unter verschmutzten Lichtquellen sitzt. So schafft Spengler eine stylische, nicht aber romantisierende Stimmung, die lose an Klassiker des Hongkong-Kinos erinnert, aber an den Schauplatz Hamburg angepasst ist. Als hätte Wong Kar-Wai einen Kiezfilm gedreht ... Spengler zeigt außerdem ein gutes Gespür für Episodenfiguren: Die Verdächtigen und Informanten werden ausdrucksstark in Szene gesetzt und erhalten genügend Raum, um auch non-verbal ihre Persönlichkeit zu vermitteln. Bei der Figur eines leicht beeinflussbaren, potentiell gefährlichen Jungen unterstützt sie dies zudem, indem sie Szenen, die aus seiner Sicht gedreht sind, mit einem verzerrten Klangbild abmischen lässt.


Dieser Junge aus Rumänien ist die Schlüsselfigur des Krimis: Drehbuch-Autor Georg Lippert verarbeitet damit Erkenntnisse aus einem Eddy-Kante-Interview über die gewandelten Handlungsweisen der Luden in Hamburg. Entstanden ist weder ein Nachtrauern um die titelgebende goldene Zeit, noch ein Aufatmen, sondern eine distanziert beobachtende, schulterzuckende Bestandsaufnahme. Ganz nebenher skizziert er eine Verbesserung in Sachen Teamgeist bei Falke und Grosz: Obwohl Falke durch Nostalgie abgelenkt ist, wächst sein Umgang mit Grosz, es entsteht eine professionelle Freundschaft.

Etwas ernüchternd ist dahingehend aber, dass das Drehbuch den Ermittlerfiguren zuweilen wenig plausible Begriffsstutzigkeit andichtet, um den Fall in Gang zu halten. Hier wären wahlweise ein stärkerer Fokus auf andere Figuren wünschenswert gewesen, um die Ermittlungsfortschritte nicht zu sehr zu fokussieren, oder besser durchdachte Begründungen für die Patzer von Falke und Grosz.

«Tatort – Die goldene Zeit» ist am 9. Februar 2020 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
08.02.2020 · 11:16 Uhr
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