Die Kritiker: Tatort: Das Leben nach dem Tod

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls findet auch die DDR Thematik Einzug in den Tatort. Allerdings dreht es sich nicht "nur" um die Mauer zwischen Ost und West, sondern taucht tiefer in die Materie ein.

Kommissar Karow kann es kaum glauben - er hat wochenlang neben einem Toten gewohnt. Bei der Leiche handelt es sich um Gerd Böhnke, der von zwei jungen Mädchen während einem Einbruch ermordet wurde. Die beiden Einbrecherinnen sind bekannt, da wegen einer ganzen Serie an Überfällen und Einbrüchen gegen sie ermittelt wird. Die Ermittler finden schnell heraus, dass es sich bei dem jüngsten Opfer der Mädchen um einen ehemaligen Richter der DDR handelte, der dort die Todesstrafe verhängte. Die Berliner fragen sich, ob es einen tiefer gehenden Grund für die Tat gab, oder ob es sich wirklich nur um einen Raubüberfall gehandelt hat.

Und gerade diese Frage macht den aktuellen Tatort so spannend. Oftmals steht im Krimi die Suche nach dem unbekannten Täter im Vordergrund, allerdings bricht Tatort: Das Leben nach dem Tod dieses Schema auf, indem man die Täter bereits anfangs zu Gesicht bekommt. Vielmehr wird hier nach dem Motiv gesucht, was sich als überraschend vielseitig und spannend herausstellt.

Allerdings hat sich der Berliner Tatort keine leichte Aufgabe mit seinem aktuellen Fall ausgesucht. Dass es anlässlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls einen DDR Aspekt geben würde, war auszumachen. Dennoch greift Tatort: Das Leben nach dem Tod mit dem weitestgehend unbekannten Thema - der Todesstrafe in der DDR - ein Element auf, dass sich nur schwer in den Ermittlungsalltag integrieren lässt. Und doch schafft der Berliner Tatort diesen Spagat aus realistischer Ermittlung, in die das dunkle Kapitel der deutschen Historie organisch eingesponnen wird. Es ist das erste Mal, dass die Todesstrafe in der DDR in einem Tatort zur Sprache kommt.

Trotz der düsteren Inszenierung und den harten Themen gibt es immer wieder kleine Humorspitzen, die aufblitzen, um den ansonsten ernsten Fall minimal aufzulockern. Dem guten Drehbuch ist es geschuldet, dass dies nicht pietätslos wirkt, sondern wirklich nur für einen kurzen Schmunzler sorgt, sodass sich das Publikum gleich wieder dem vielschichtigen Fall widmen kann.

Doch die Geschichte der DDR ist nicht das einzige, was in Tatort: Das Leben nach dem Tod behandelt wird. So gibt es Gespräche darüber, was sich weibliche Kolleginnen mit schwarzer Hautfarbe im Dienst anhören müssen. Und auch Kommissarin Nina Rubin wird gefragt, ob sie sich als Jüdin nicht auch schonmal dumme Spürche hat anhören müssen. Diese und noch weitere Fragen machen den Fall erstaunlich vielseitig und angenehm zu verfolgen, da man als Zuschauer nicht sicher darüber sein kann, welcher Weg sich einem als nächstes eröffnen wird.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kriminalfällen macht Tatort: Das Leben nach dem Tod dabei nicht den Fehler sich zu übernehmen. Rahmenhandlungen blähen den Fall nicht auf, sondern sind sinnvoll eingebunden, und Themen wie Hautfarbe und Glauben fühle sich nicht an, als ob sie einer Quote geschuldet wären.

Humorvoll ist der berliner Tatort nur an einzelnen Stellen, spannend hingegen an vielen. Die Mischung aus historischen Gegebenheiten und einem Sozialkommentar ist stark gespielt und profitiert von einem der stärksten Tatort Drehbücher der letzten Zeit. Der dunkle Tatort ist ein Muss für diejenigen, die einen Einblick in düstere Seite der deutschen Kultreihe bekommen wollen.

Das Erste zeigt Tatort: Das Leben nach dem Tod am Sonntag, den 10. November, um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
09.11.2019 · 09:00 Uhr
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