Die Kritiker: Servus, Schwiegersohn

Vergessen Sie Otti Fischer und die Weppers: Der archetypische Ur-Bayer heißt Adnan Maral. Wer's nicht glaubt, muss den Freitagsfilm im Ersten sehen.

Alle, die etwas Ahnung vom Freistaat haben, wissen es schon lange: Ein echter Bayer hat Migrationshintergrund. So wie Toni Freitag (Adnan Maral), der gerne Trachtenjankerl trägt, im heimischen Schützenverein Aussicht auf das höchste Amt hat und als selbstständiger Bauunternehmer bestens in die Alpengemeinschaft integriert ist. Dass seine Wurzeln „ursprünglich“ an der türkischen Ägäis liegen, ignoriert er dabei seit Jahrzehnten – und ist deshalb auch schockiert, als er erfährt, dass seine erwachsene Tochter Franzi (Lena Meckel) nicht auf Malle, sondern in Bodrum Urlaub gemacht hat. Noch schlimmer: Sie bringt auch gleich ihren neuen Boyfriend Osman (Aram Arami) mit. Der ist zwar in Berlin geboren, hat dort studiert und wartet nun auf finanzielle Förderung für seine Start-up-Idee. Doch Tonis gelungene Integration hat ihn auch mit zahlreichen Vorurteilen ausgestattet: Für ihn ist Osman nur „der Türke“.

Weil Toni den neuen Partner seiner Tochter nicht so recht in der allgemeinen Familiengemeinschaft wissen will, trägt die trotzig vor, dass sie ihren Osman in Bälde heiraten wolle. Die Idee verselbstständigt sich – auch emotional. Toni will das natürlich unbedingt verhindern, und findet bei einem Spezl, der gleichzeitig als sein Geschäftspartner und als Vater von Franzis Verflossenem auftritt, einen Verbündeten. Mit ihm haben wir einen Ur-Bayern der anderen Sorte: „Deine Tochter hat doch was Besseres verdient als so an Türken“, äußert der sich. Zu einem Türken. Über eine Türkin.

Während Franzi ihren Waldkindergarten weiterführt, Toni um sein geschäftliches Überleben bangt und Osman auf den Baustellen des Schwiegervaters-in-spe schuftet, um dessen Segen für die anstehende Hochzeit doch noch zu bekommen, wächst der familiäre Zirkel in einem geschickten Weiterdreh bekannter Culture-Clash-Muster trotz ständigen gegenseitigen Austestens nur enger zusammen. Dass dabei auch ein Melodramklischee nach dem anderen bedient wird, versteht sich angesichts des Sendeplatzes von selbst. Doch angenehm subtil und gleichzeitig unverkennbar deutlich erzählt dieser Film von der Krux mit den zwei Kulturen: Als Deutschtürkin ist man für die Deutschen die Türkin und für die Türken die Deutsche, während Toni über die Jahrzehnte noch so Teil der alpinen Kulisse geworden sein kann, – wenn er gegen die Kerninteressen von Franzis Verflossenem und dessen reaktionären Vater handelt, ist er nicht mehr der Bayer, wie er im Buche steht, sondern der Türke. Dass sich am Schluss die Liberalitas Bavarica der breiten Dorfgemeinschaft gegen die ausgrenzenden Vorstellungen ihrer Rädelsführer durchsetzt, ist dabei ein sehr menschenfreundlicher und angenehm optimistischer Schlusspunkt – und passt so perfekt zu diesem Film.

Das Erste zeigt Servus, Schwiegersohn am Freitag, den 11. Oktober um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
10.10.2019 · 10:20 Uhr
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