Die Kritiker: Reich oder tot

Die beiden Vorgängerfilme Unter Feinden und Zum Sterben zu früh gefielen, weil sie dichter an ihren Milieus und Figuren waren als die meisten ähnlichen Stoffe. Kann Reich oder tot das Niveau halten?

In den letzten beiden Filmen – Unter Feinden und Zum Sterben zu früh – ist der Hamburger Bulle Erich Kessel (Fritz Karl) schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Blessuren sieht man spätestens, als er bei der feierlichen Rückkehr aufs Revier die Schusswunden am Bauch vorzeigt. „Geht alles ganz normal weiter, Erich“, wird ihm noch kumpelhaft vom Vorgesetzten (Martin Brambach) als Geleitwort ausgegeben – und blöderweise soll er damit recht behalten.

Denn wenig später erhalten Erich und sein Kollege Mario Diller (Nicholas Ofczarek) Kenntnis von einem geplanten Raubüberfall auf eine Bank. Erich, dank erfolgreichem Kokainentzug wieder mit völliger Geistesgegenwart bedacht, eilt zum Tatort, nur um seine (Noch-)Ehefrau Claire (Jessica Schwarz) und seine epilepsiekranke Tochter in den Händen der Geiselnehmer vorzufinden. Als die Situation eskaliert, entführen die Täter das Kind, um sich nicht den Weg zum Fluchtfahrzeug freischießen zu müssen. „Mach was“, brüllt die aufgebrachte Mutter ihren Polizisten-Ex an. Und der macht was.

Zum Glück haben die Räuber Erbarmen und lassen seine Tochter an der nächsten Kreuzung aussteigen. Mario und Erich begeben sich derweil zu einem Privat-Zugriff, den einer der Entführer mit dem Leben bezahlen muss. Noch ein Grund mehr, warum die akkurate Staatsanwältin (Melika Foroutan) ein Auge auf das zupackende Straßenköter-Duo hat.

Nicht nur inhaltlich ist sich die „Wir-kommen-in-die-Scheiße-Erich“-Reihe treu geblieben. Schon für ihre ersten beiden Filme wurde sie von Kritikern für ihre unkonventionelle (will sagen: unfernsehfilmhafte) Ästhetik und ihre aufrichtige Nähe zu den Charakteren gepriesen. Beide Aspekte treffen auch auf Reich oder tot zu, wobei die Figuren leider keine wesentliche Weiterentwicklung erfahren und durch ihre zum Klischee gewordenen Eigenheiten eher zu generischen Stereotypen ihrer selbst geworden sind.

Das trifft vor allem auf Claire Kessel zu, die Autor Lars Becker in diesem Film ausschließlich zum gebeutelten Kollateralschaden ihres ehemals drogensüchtigen, weidwund geschossenen Partners und seiner Heldenreise macht, wodurch ein unangenehmer Dualismus aus zupackenden Männern und nöhligen Frauen etabliert wird. Anstatt sich zumindest unauffällig zu verhalten und ihm den Rücken zu stärken, wird sie prompt zum Klauen in ein Bekleidungsgeschäft geschickt, wo Erich, obwohl er schon an allen anderen Fronten in der Scheiße steckt, den Kaufhausdetektiv bestechen muss, um die nervige Trulle aus der Bredouille zu bekommen.

Charaktertiefe bleibt den männlichen Figuren vorbehalten, doch auch hier verlässt Reich oder tot die Betrachtungsebene der einnehmenden Milieustudien seiner Vorgängerfilme, und degeneriert zunehmend zur Apologe auf den zupackenden Macho mit dem Herz auf dem rechten Fleck, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt – auch gegen die Widerstände seiner bedenkentragenden Frau und der Paragraphen reitenden Staatsanwältin. Ein sicheres Zeichen, dass es an der Zeit wäre, die Charaktere in den Sonnenuntergang reiten zu lassen. Erich Kessel hat schließlich schon genug durchmachen müssen.

Das ZDF zeigt Reich oder tot am Montag, den 27. Mai um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
26.05.2019 · 10:46 Uhr
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