Die Kritiker: «Polizeiruf 110: Der Ort von dem die Wolken kommen»

Der kreativ erzählte «Polizeiruf 110» handelt von einem Jungen mit Kaspar-Hauser-Syndrom, Hypnose und der Kunst der Kommunikation.

Schwerer Hospitalismus, in der Psychologie auch Kaspar-Hauser-Syndrom genannt, bedeutet, dass eine Person (meist Säuglinge oder Kinder) gravierende psychische und körperliche Folgen von einem völligen Reizentzug davongetragen hat. Zumeist spielen auch Mangelernährung, ungenügende Hygiene und Misshandlung in die Krankengeschichte mit ein. Der ARD-Krimi «Polizeiruf 110: Der Ort von dem die Wolken kommen» erzählt von einem Jungen, der unter dem Kaspar-Hauser-Syndrom leidet und in Lebensgefahr schwebt.

Sein früherer Peiniger ist weiterhin auf freiem Fuß – und die Behörden befürchten, dass er weitere Kinder in seiner Gewalt hat. Doch Polou (Dennis Doms), der kaum Worte über die Lippen kriegt und zumeist unverständlich ist, ist den Ermittlern, wenig überraschend, keine Hilfe. Da empfiehlt eine Kinderpsychologin (Katja Bürkle), den Jungen sowie die frühere Streifenpolizistin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) in eine Doppeltrance zu versetzen …

So kommt ein Sonntagskrimi in Bewegung, in dem weder Drohungen noch hierarchisches Ausfragen der Weg zur Lösung sind, geschweige denn die Action der Til-Schweiger-Tatorte. Die grundlegende Aussage des Drehbuchs von Thomas Korte und Michael Proehl ist: Kommunikation ist der Schlüssel. Verena Altenberger darf bei ihrem Einstand in diese Reihe die Figur der Elisabeth Eyckhoff als Kommunikationsass markieren: Sie weiß, sich auszudrücken, und ein offenes Ohr zu bewahren. Sie geht nicht frei Schnauze vor, sondern bespricht sich mit Kollegen, Vorgesetzten, Leuten vom Jugendamt und der Kinderpsychologin, um vorsichtig abzutasten, welches Vorgehen für diesen Fall ideal sein könnte.

Das Autoren-Team versteht, dieses Hin und Her, dieses Abwägen und Hinterfragen mittels geschliffener, dennoch glaubwürdiger Dialoge spannend darzustellen. Sie schaffen so auch das Fundament, um den nach und nach inszenatorisch und erzählerisch unangepasster werdenden Polizeiruf 110 zu erden. Und dieses Gefühl der Erdung tut dem Krimi gut. Nicht nur weil es Altenberges sehr schrägen, aber auch sehr gut sitzenden Dialogwitz ausgleicht, sondern vor allem, weil das Hypnoseelement den Krimi in assoziative Gefilde bewegt.

Regisseur Florian Schwarz, der mit dem legendären Murot-Tatort Im Schmerz geboren und dem Pädophilie-Thriller Das weiße Kaninchen bereits sein Händchen für visuell originelle, anspruchsvoll erzählte TV-Stoffe bewiesen hat, trennt die so entstehenden, verschiedenen Erzählebenen griffig – und mit ästhetischer Hand. Kameramann Julian Krubasik (Mein Ende, Dein Anfang) erschafft eine kunstvolle, aber nie abgehobene Bildwelt, die auf tonaler Hinweise gibt, wo sich die spannende, gefühlvolle Geschichte noch hin entwickelt. Hinzu kommt das fesselnde Spiel nicht nur Altenbergers, sondern auch Dennis Doms' – und fertig ist der Sonntagskrimi, der lange in Erinnerung bleibt.

«Polizeiruf 110: Der Ort von dem die Wolken kommen» ist am 15. September 2019 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.
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13.09.2019 · 12:55 Uhr
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