Die Kritiker: Jenseits der Angst

Modedesignerin Lisa steht neben sich, ihr Ehemann verhält sich komisch und nachts schleicht ein IT-Spezialist aus ihrer Firma ums Haus. Kann das ZDF daraus einen gelungenen Thriller basteln?

In ihren Tagträumen wirft sich die Modedesignerin Lisa Hembach (Anja Kling) in wallendem roten Gewand gekleidet vom Hochhaus ihres Firmensitzes. Keine gute Ausgangssituation für die psychische Stabilität. Dabei spiegeln diese beängstigenden Fantasien ihren Gemütszustand wider: Schon seit einiger Zeit steht sie neben sich, fühlt sich benommen, ist nicht so ganz bei Sinnen. Sie storniert wichtige geschäftliche Bestellungen, ohne sich danach daran zu erinnern, wirkt bei der Arbeit nicht mehr so kreativ wie sonst, sondern bisweilen erratisch, und bildet sich ein, ihr Ehemann Ronald Kärger (Benjamin Sadler) habe eine Affäre mit einem dahergelaufenen Model.

Auf der lange erwarteten Modenschau steht im Beisein der japanischen Geschäftspartner der Eklat an: Lisa ertappt ihren Mann, wie er draußen das Model knallt, verlässt Hals über Kopf die Party und fährt wegen der beschlagenen Scheiben unbeabsichtigt die Nebenbuhlerin tot. Gut, dass Ronald sofort zur Stelle ist und Lisa mit allerhand effektiven Beteuerungen schnell wieder davon überzeugt hat, dass sie sich seine vermeintliche Liebelei nur einbildet, bevor er für sie – was tut man nicht alles für seine Gattin – noch zügig die Leiche des armen Unfallopfers in der Spree versenkt.



Lisa versinkt nun noch tiefer in ihren Wahnvorstellungen – denn nachts wird sie regelmäßig von der Totgefahrenen heimgesucht, die draußen vor dem Küchenfenster ihres Wohnhauses steht. Doch im Schutz der Dunkelheit schleicht sich noch jemand um das Anwesen: Stefan Welsner (Moritz Grove), ein Sonderling aus der IT-Abteilung von Lisas Modefirma, der seine Chefin tagsüber heimlich über ihre Laptop-Webcam beobachtet. Ein gruseliger Typ.

Oder ist alles ganz anders? Setzt Ronald seine Frau die ganze Zeit unter Drogen, um sie damit – und mittels des inszenierten Verkehrsunfalls – reif für die Klapsmühle zu machen, damit er sich ihr Firmenimperium unter den Nagel reisen kann? Und ist Stefan Welser, ein Protégé von Lisas Vater, in diesem Spiel die besessene gute Seele, die die Tochter seines Förderers vor ihrem psychopathischen Ehemann beschützen will?

Nachdem Jenseits der Angst uns die erste Hälfte der Laufzeit zwischen diesen beiden Möglichkeiten hin- und hermäandrieren lässt, findet pünktlich zur Halbzeit die Auflösung statt. Das mag dramaturgisch schwer vermeidbar gewesen sein, um die Geschichte so weiterzuerzählen, wie man das offensichtlich wollte. Dennoch büßt der Film ab dieser Stelle viel von seinem Reiz als Genrestoff ein, der seine Thriller-Möglichkeiten zwar nie voll auszureizen verstand, aber trotzdem ungewöhnlich dicht und spannend erzählt war.

Doch der zunächst sehr gut verzahnte Plot und die klug ausgearbeiteten Zwickmühlen, die die Charaktere immer tiefer in die Eskalation treiben, werden mit der Zeit zunehmend offensichtlicher und münden in ein fahriges Finale, dessen Klimax fast die Grenze zur Parodie überschreitet. Dennoch: Mit seiner gut aufgebauten Geschichte und unter Aussparung des üblichen pseudo-emotionalen Firlefanzes macht Jenseits der Angst deutlich, was auch montags im ZDF möglich ist.

Das ZDF zeigt Jenseits der Angst am Montag, den 16. September um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
16.09.2019 · 10:42 Uhr
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