Die Kritiker: Eine Klasse für sich

Ein gescheiterter Biolehrer muss sein Abitur nachmachen und erfährt dabei, was soziale Gerechtigkeit heißt. Ein allzu bemühtes Lehrstück.

Seit Jahrzehnten schleust Fabian Sorge (Hans Löw) eine Oberstufenklasse nach der anderen durchs Abitur. Der Schock kommt eines Tages im Direktorinnenzimmer, als endlich über seine Verbeamtung befunden werden soll. Darüber entscheiden wird ausgerechnet ein ehemaliger Mitschüler aus der mecklenburgischen Heimat, der Sorges düsteres Geheimnis kennt: Er selbst ist damals durchs Abitur gerasselt und hat sich daraufhin das Zeugnis für das anstehende Lehramtsstudium kackdreist gefälscht.

Nach der Enttarnung bleiben von Sorges Berufslaufbahn nur noch Trümmer – womit sie sich in guter Gesellschaft zum Rest seiner Lebenssituation befindet: Nach einer hässlichen Scheidung tut er sich schwer, eine Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen, und verkraftet die neue Partnerschaft seiner Ex nicht so richtig, während ihm die monatlichen Unterhaltszahlungen den Großteil seines Einkommens absaugen. Zum Glück wird ihm wenigstens an der Bildungsfront ein guter Deal angeboten: Wenn er innerhalb eines Jahres sein Abitur nachmacht, darf er zurück in den Schuldienst.

Der Lösung „Feuerzangenbowle – Teil 2“ wird ein bisschen die Albernheit genommen, indem der sorgenvolle Fabian seine Reifeprüfung im Rahmen der Erwachsenenbildung ablegend darf und nicht mit den siebzehnjährigen Halbstarken die Schulbank drücken muss, die er gestern noch in Bio unterrichtet hat. Doch auch der Ein-Jahres-Abi-Crash-Kurs steckt voller sozialer Tücken und alberner Pennälerstreitigkeiten.

Dass sich dort die gesamte gesellschaftliche Struktur Kölns die Klinke in die Hand gibt, eröffnet die Möglichkeit zu ein bisschen Sozialkritik: Neben einer Putzfrau am Rande der Obdachlosigkeit in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch Bildung, einer kopftuchtragenden Kurdin, die von ihrem herrischen Bruder unterdrückt wird, und einem türkischstämmigen Ex-FC-Spieler wuselt sich dort auch die vorlaute Cora (Alwara Höfels) durch Goethe und Infinitesimalrechnung. Ihre Klassenkampfattitütde verträgt sich anfangs noch schlecht mit Fabians leistungsgesellschaftlichem Entitlement. Doch je mehr sich der entwürdigte Ex-Lehrer an Geldsorgen und familiären Konflikten abarbeiten muss, umso besser versteht er die sozialen Grenzsetzungen beim Bildungsaufstieg. Und um die Lerngruppe im Großen und das Fabian-Cora-Duo im Kleinen emotional völlig miteinander zu verschweißen, darf auch der gemeinsame Feind von außen nicht fehlen: Immobilienspekulant Hambach (Peer Martiny), der die halbe Rheinmetropole aufkauft und einen Mieter nach dem anderen vor die Tür setzt.

Die sozialen Konflikte, die Eine Klasse für sich dabei verhandeln will, würden für einen ganzen Sozialkundeleistungskurs reichen: Ost-West-Spannungen, Deutsche mit Migrationshintergrund und ihre gesamtgesellschaftliche Integration, die staatliche Unterversorgung des öffentlichen Bildungssystems, Immobilienspekulationen in Großstädten samt ihrer sozialen Folgen, berufliche Perspektivlosigkeiten, familiäre Zerrüttungen und allgemeine Misogynie. Will man das innerhalb von neunzig Minuten noch mit einem betont leichtfüßig-humorvollen Stil kombinieren, kann das nur in die völlige Oberflächlichkeit führen. Und so bleibt von der Anklage gegen steuervermeidende Wohnraumvernichter und schnöselige Kids aus gutem Hause nur plumper Populismus übrig, während die positiv besetzten Figuren ebenso auf ihre stereotypen Funktionen reduziert werden: die Klofrau, die Kurdin, der Türke, die NGO-Hoffnungstante. Doch das ist letztlich eben televisionäre Hauptschule – und damit meilenweit von der erfolgreichen Reifeprüfung entfernt.

Das Erste zeigt Eine Klasse für sich am Mittwoch, den 13. November um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
12.11.2019 · 21:09 Uhr
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