Die Kritiker: Das vergessene Dorf

Überall in Berlin tauchen seltsame Voodoo-Symbole auf, und Journalistin Cora Stein spürt okkulten Ritualen in einer Brandenburger Flüchtlingsunterkunft nach. Dieser Film ist der reinste Grusel: Nur leider nicht so, wie die Macher sich das vorgestellt haben.

Das unheimliche Quietschen einer leeren, rostigen Kinderschaukel an einem düsteren, verlassenen Ort, abgefallene Blätter, die den Wegesrand säumen, und ein seltsamer maskierter Mann mit durchbohrendem Blick, der im gleisenden Mondlicht steht. Atmosphärischer könnte Sat.1 auf seinen Mystery-Thriller mit übersinnlichen Elementen und okkulten Figuren gar nicht einstimmen.

Doch prompt landet er im Großraumbüro einer Berliner Redaktion, wo die Journalistin Cora Stein (Susan Hoecke) vor dem langersehnten Ostsee-Wellness-Urlaub noch ihren letzten Artikel in den Rechner kloppt. Zuhause angekommen, stößt sie auf eine Festplatte mit seltsamen Videos und Fotos: Die Aufnahmen zeigen Maren Grabow (Luise von Finckh), eine junge Frau, die im gegenüberliegenden Wohnkomplex lebt. Als Cora ihr den Datenträger flugs vorbeibringen will, findet sie Maren mit aufgeschlitzten Pulsadern in der Badewanne vor.

Cora ist nicht die Art Mensch, die jetzt seelenruhig zu ein paar Fangopackungen an die Küste fahren könnte. Stattdessen kommt die Journalistin in ihr durch: Nachforschen, nachhaken, nicht abwimmeln lassen. Maren selbst ist im Dämmerzustand in der Nervenklinik zwar nicht ansprechbar, dafür sind die Erzählungen ihrer Großmutter und das umfangreiche Bild- und Videomaterial auf ihrer Festplatte umso ergiebiger. Davon ausgehend spürt sie den letzten zwei Wochen im Leben der jungen Frau nach – und stößt dabei auf allerhand seltsame Voodoo-Todeszeichen.

Von nun an parallelisiert der Film den Gang der Ereignisse im Fall Maren mit Coras Recherchearbeiten. Die Spur führt in einen entlegenen Hof ziemlich weit draußen im Landkreis Dahme-Spreewald, wo ein gütiger und weltoffener Pastor Flüchtlinge – vornehmlich aus dem westafrikanischen Benin – unterbringt: Dort, wo Voodoo mittlerweile offizielle Staatsreligion ist.

Leider beschränkt sich Das vergessene Dorf von nun an auf eine kümmerliche Lückenausfülldramaturgie und degradiert dabei die eigentlichen Kernfiguren zu Statisten: Die Westafrikanerin Joy (Karen Zimana), die aus der Region geflohen war, nachdem die örtliche Miliz ihr ganzes Dorf abgeschlachtet hatte, wird in der beschaulichen Flüchtlingsunterkunft regelmäßig von zwei degenerierten Elektrikern vergewaltigt. Weil sie aus Furcht die Tat nicht zur Anzeige bringen will, lässt sie einen obskuren Voodoo-Priester obskure Rituale an ihr vollziehen.

Das ist mitunter etwas verstörend, aber niemals wirklich gruselig. Denn anstatt sich auf das Okkulte einzulassen wie einschlägige Genre-Filme, kokettiert Das vergessene Dorf lediglich ein bisschen mit dem Übersinnlichen und Unheimlichen: Aber Schlimmeres, als dass sich Magdas und Coras Hände ein bisschen verfärben, nachdem sie sich sonderbare afrikanische Getränke hinter die Binde gekippt oder okkulte Artefakte angefasst haben, passiert hier nicht.

Bezeichnend ist vielmehr, wie die afrikanischen Figuren mit ihren schrägen Voodoo-Anwandlungen konsequent zu Plot Devices degradiert werden. Der merkwürdige Babalawo, der nur sprechen darf, um alberne kreolische Verse aufzusagen, gibt den magical negro der Geschichte, während die von Weißen verursachten Probleme des schwarzen Vergewaltigungsopfers letztlich nur von anderen Weißen gelöst werden können. Leider bleibt das der einzige Aspekt dieses Films, bei dem einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft.

Sat.1 zeigt Das vergessene Dorf – Cora Steins erster Fall am Montag, den 21. Oktober um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
21.10.2019 · 10:10 Uhr
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