Die Kritiker: Das Gesetz sind wir

Irgendwann haben Streifenpolizist Klaus und seine Kollegin Maja die Nase voll davon, sich mit kleinen Kriminellen abgeben zu müssen, die schneller wieder auf freien Fuß sind als sie ihren Bericht geschrieben haben. Irgendwann sehen sie ihre eigene Chance gekommen – und legen sich mit den falschen Leuten an!

Regisseur Markus Imboden und sein Autor Holger Karsten Schmidt haben seit ihrem Ausflug nach Amrum 2009 nicht direkt Narrenfreiheit beim ZDF. Aber wenn der Schweizer Regisseur und sein hanseatischer Geschichtenschreiber für den Krimi begeisterten Mainzer Sender Mord und Totschlag inszenieren, kann man davon ausgehen, dass sie Fragen über Schuld und Sühne nicht zwingend tiefenpsychologisch klären. Auch politisch ist das, was die beiden regelmäßig für die TV-Redakteure vom Lerchenberg zaubern, selten korrekt. Wie bereits erwähnt: Es war 2009 als Imboden und Schmidt Mörder auf Amrum aufs Publikum losließen. Erst auf dem Filmfest Hamburg, am 11. Januar 2010 dann im Zweiten Deutschen Fernsehen. Die Geschichte eines Inselpolizisten, in dessen Armen eine BKA-Beamtin stirbt, die die Kronzeugin in einem Mafia-Prozess auf Amrum versteckt hat, war schlichtweg ein Hammer. Der Humor: Schwarz wie die Nacht. Der Bodycount: Irrwitzig. Dabei wurde der Film über weite Strecken von Hauptdarsteller Hinnerk Schönemann getragen, der im Spiel der Mächte jenen Spaltpilz darstellte, den niemand auf dem Schirm hatte. Auf der einen Seite: Die Mafia. Auf der anderen: Das BKA. Alle in gewisser Weise nach festen Regeln vorgehend. Doch mittendrin: Der kleine Inselpolizist, der einfach anders tickt und selbst die abgebrühtesten Killer in den Wahnsinn treibt. Der Tagesspiegel verglich die Geschichte gar mit Filmen der Gebrüder Coen – was als Ritterschlag verstanden werden darf. Im montäglichen Kriminaltheater des ZDF haben wahrhaft nur wenige Filme solch begeisternde Kritiken erhalten.

Seither haben Imboden und Schmidt immer wieder den Rahmen des Gewöhnlichen gesprengt und auch ihr neuer Film «Das Gesetz sind wir» reiht sich in diese Serie ein. Wenngleich der Film nicht durchweg überzeugen kann. Aber alles der Reihe nach.

Ein verhängnisvoller Nasenbruch

Die beiden Bremer Polizisten Maja Witt und Klaus Burck sind frustriert. Klaus, der daheim seinen dementen Vater pflegt (und illegal eine osteuropäische Haushälterin eingestellt hat, um seinen Vater nicht in ein Heim geben zu müssen), und Maja, unverheiratet, auf sie wartet daheim nur ein Hund, laufen jeden Tag dort Streife, wo kleine Pusher ihre Drogen verticken. Ihre Arbeit hat keinen Effekt. Sie sind die Typen, vor denen niemand Respekt haben muss. Bis zu jenem Tag, an dem ein paar junge Männer aus einer Laune heraus den Schlafplatz eines schlafenden Obdachlosen anzünden wollen. Maja und Klaus können dies verhindert, die jungen Männer indes machen sich über die beiden lustig. Einer rotzt Klaus schließlich ins Gesicht – woraufhin Klaus ihm vor Wut die Nase bricht.

Der junge Mann offenbart sich als jüngster Sohn von Djamal Issa, dem Anführer des Issa-Clans. Nun hat Klaus ein Problem, denn der windige Anwalt des Clans versucht ihn übermäßiger Gewalt zu überführen. Vor Wut entschließen sich Klaus und Maja, Djamals Sohn etwas anzuhängen. Sie stehlen dem Clan Geld und schaffen es, einen kleinen Drogendealer – mit nicht ganz legalem Nachdruck – davon zu überzeugen, dass er gegen die Issas aussagt. Dann aber kommt alles ganz anders. Auch, weil das LKA ein falsches Spiel spielt.

Die Mischung stimmt nicht

Wie in ihren Vorgängerfilmen verbinden Imboden und Schmidt in ihrem neuesten Streich teils derben Humor mit durchaus wenig zurückhaltenden Gewaltmomenten. Aber genau darin liegt die Schwäche ihres Filmes: Er findet nur schwer eine Balance. Die erste Hälfte der Spielzeit ist geprägt von Klaus' und Majas Plan, es den harten Jungs einmal zu zeigen. Und das macht Sinn. Ihre Frustration ist spürbar. Dabei wirken beide durchweg sympathisch. Sie sind weder sture Beamte noch knallharte Dirty-Harry-Cops. Sie sind einfach zwei an sich anständige Personen, denen irgendwann – aus nachvollziehbaren Gründen – die Hutschnur platzt.

Die Art, wie sie vorgehen, dem Clan (und ihrem unsympathischen Anwalt) etwas anzuhängen – klar ist nichts davon auch nur im Ansatz legal. Aber dies ist Fernsehen. Dies ist eine Fantasie. Hier dürfen die Bösen böse und die Guten gut sein. Und wenn die Guten dafür auch mal das Gesetz Gesetz sein lassen müssen: Sei es drum.

Dennoch kommt beim Anschauen dieses Filmes das Gefühl auf, zwei Filme zu schauen. Zunächst ist «Das Gesetz sind wir» eine Humoreske, die zwar nicht auf Härten verzichtet, diese aber als Notwendigkeit benötigt, um das Handeln der beiden Hauptfiguren in gewisser Weise zu entschuldigen (wenn zwei Gesetzeshüter das Gesetz brechen und dabei die Sympathie des Publikums nicht verlieren sollen, muss die Antagonistenseite eben so fies und gemein sein, dass man über die Verfehlungen der Protagonisten großzügig hinweg schauen kann). So überwiegt keinesfalls ein dunkler, sondern ein eher lockerer Ton, der Begriff Krimikomödie ist durchaus angebracht.

Doch dann geht der Geschichte ihr Humor verloren. Die Finsterlinge lassen sich eben nicht so leicht etwas anhängen, vor allem dann nicht, wenn sie über Mittel und Wege verfügen, selbst hieb- und stichfeste Beweise ad absurdum führen zu können. Durch die nun einsetzende Härte, die keine Relativierung mehr durch Humor erfährt, entwickelt sich das Geschehen zu einem Kriminaldrama. In vielen Momenten ist dieses Drama sogar der bessere Film. Die Geschichte wirkt geschlossener, glaubwürdiger. Aber sie beißt sich eben auch mit der ersten, vom Humor getragenen Hälfte.

FSK ab 16

Nun war auch Mörder auf Amrum einst ein recht harter Thriller. Als der Film auf DVD erschien, verpasste ihm die FSK eine Freigabe ab 16. Doch seine Inszenierung als eine Art „Inselwestern“ erlaubte eine gewisse Distanz zum Geschehen zu bewahren. Auf der einen Seite der Held, der eine Zeugin beschützen muss, auf der anderen Seite die Banditen, denen der Colt nur allzu locker an den Hüften hängt. Die Härten wirkten comichaft überzeichnet, die Inszenierung blieb dem klassischen Serial verbunden, in dem der Held von Cliffhanger zu Cliffhanger eilt und das Tempo die Dramaturgie bestimmt, ein Tempo, dem sich die Geschichte unterzuordnen hat. «Das Gesetz sind wir» aber fokussiert sich in seiner zweiten Hälfte ganz klar auf die dramatische Geschichte zweier Gesetzeshüter, die geglaubt haben, mit etwas Bauernschläue einen ganz großen Fisch an die Leine nehmen zu können und nun die volle Wucht von dessen Wut abbekommen. Noch einmal: Für sich betrachtet ist diese zweite Hälfte die bessere, kraftvollere. Aber das Gesamtrezept kommt dadurch ins Ruckeln. «Das Gesetz sind wir» wirkt wie ein Mittagsessen, bei dem eine Schweinshaxe und ein Vanillepudding auf einem Teller serviert werden. Beides für sich genommen ist lecker. Aber auf einem Teller?

Dass die Produktion keinen Schiffbruch erleidet, ist Julia Koschitz und Aljoscha Stadelmann zu verdanken. Aljoscha Stadelmann ist Klaus, der etwas bullige, in die Jahre gekommene Streifenpolizist, der einfach nur versucht ein netter Kerl und anständiger Polizist zu sein. Auch wenn die Geschichte nie wirklich verrät, wer in der Beziehung der beiden Gesetzeshüter das Gehirn und wer das Herz ist – so trägt Klaus das Herz zumindest auf dem rechten Fleck. Er ist ein liebender Sohn, er ist seiner Partnerin ein guter Freund, er ist großzügig. Julia Koschitz indes legt ihre Maja vielschichtiger an. Als Polizistin ist sie taff. Doch da ist auch eine große Einsamkeit in ihr. Zusammen tragen sie die Story durch ihr glaubhaftes Spiel und retten sie über ihren Bruch zur Mitte der Spielzeit.

Guckempfehlung trotz Schwächen

Trotz der Schwächen steht am Ende die erwartungsvolle Frage im Raum, ob es wohl eine Fortsetzung geben wird? Diese Neugierde zu wecken gelingt der Geschichte durch einen Epilog, den man so nicht erwartet. Selbstverständlich wird dieser hier nicht verraten. Dennoch ist die Wendung, die die Geschichte in diesem Moment nimmt, wirklich überraschend! Den Dreh, mit dem Imboden und Schmidt die Story zu ihrem Ende führen, kommt unvorhergesehen – und fügt sich dennoch so logisch in die Geschehnisse ein-, dass der Film vielleicht zwischendurch gewaltig ins Stolpern geraten mag: Am Ende aber findet er aufrecht über seine Ziellinie.

Das Gesetz sind wir: Erstausstrahlung im ZDF am Mittwoch, 25. März um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
24.03.2020 · 18:21 Uhr
[1 Kommentar]
 

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