Die Kritiker: «Balanceakt»

Das ZDF zeigt mit «Balanceakt» eine feinfühlige Dramödie zum Thema Multiple Sklerose.

Die Wiener Architektin Marie führt ein Leben auf der Überholspur: Sie ist beruflich erfolgreich, sportlich, führt eine glückliche Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, dem Musiker Axel, und kommt bestens mit ihrem Sohn Luis klar. Und auch ihr Vater ist voller Stolz auf seine Erstgeborene – und das will etwas heißen, denn Maries Vater Otto lässt an ihrer jüngeren Schwester Kerstin kaum ein gutes Haar. Diese ungleiche Behandlung der beiden Schwestern sorgt im Familienverbund zuweilen zu Eifersucht und Anspannungen – Anspannungen, die sich massiv erhärten, als bei Marie Multiple Sklerose diagnostiziert wird.

Aus Maries weitestgehend selbstbestimmten Leben wird ein Leben der Fremdbestimmung und ständigen Einmischungen: Wirklich jeder glaubt, den Durchblick zu haben und über die einzige Vision zu verfügen, was das Beste für sie sei. Marie derweil versucht, angesichts der dauernden Ratschläge Anderer die Nerven zu bewahren, Bloßstellungen zu entgehen, depressive Schübe zu bekämpfen und ihren Verantwortungen als Mutter und Partnerin gerecht zu werden. Sie probiert wirklich jede Behandlungsmethode aus, von medizinischem Marihuana bis hin zu Schamanismus. Doch die Lösung findet sie in Humor – was ihr aber gut tut, stößt zuweilen ihrem Umfeld vor den Kopf. Ihr Umfeld fühlt sich derweil wohler, wann immer sich Marie ihre Klagen über Kontrollverlust und Bevormundung verbeißt …

Die Betroffene nach und nach lähmende Krankheit Multiple Sklerose wurde bereits in ein paar Handvoll Filmen thematisiert, wie etwa im Coming-of-Age-Drama Dreamland oder der Doku Kleine graue Wolke. «Balanceakt» nähert sich der Krankheit weniger auf medizinischem Weg, sondern vor allem auf zwei Wegen. Einerseits ist ein wiederkehrendes Thema, wie sehr die Protagonistin fürchtet, ihre Selbstbestimmtheit zu verlieren, und wie sich diese Sorge damit beißt, dass ihr Umfeld sich mit (Über-)Eifer um sie kümmern möchte. Darüber hinaus zeigen sogleich mehrere sanft inszenierte, aber auch keine falsche Scheu an den Tag legende Sexszenen, wie die Multiple-Sklerose-Diagnose Marie bewusst macht, dass sie ihre Körperlichkeit verlieren wird.

Regisseurin Vivian Naefe hat ein versiertes Händchen dafür, der Körpersprache einen Großteil der Aussage zu überlassen. Das kommt selbstredend den Sexszenen zugute, die geschmackvoll und aussagekräftig, statt geifernd und überflüssig ausfallen. Doch auch abseits dessen gibt es mehrere dialogarme oder gar dialogfreie Szenen, in denen Naefe allein durch die Bildkomposition und den Gestus der Darsteller verdeutlicht, wie sich die Figuren fühlen.

Dem Titel entsprechend ist Balanceakt kein tränenzieherisches Drama, sondern ein Film der stillen Sorgen und verkniffenen Lacher. Julia Koschitz begeistert in der Hauptrolle, läuft mimisch und gestisch zur Höchstform auf. Aber nicht nur die mit kleinen Bewegungen und leichten Änderungen in der Stimmfarbe Bände sprechende Koschitz überzeugt – das ganze Ensemble erweckt das nuancierte, niemals dick auftragende Skript der Autorin Agnes Pluch zum berührenden Leben.

«Balanceakt» ist am 26. August 2019 ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.
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25.08.2019 · 11:50 Uhr
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