Die Hintergründe des Konflikts in Äthiopien

Foto: ---/UGC/AP/dpa
Menschen stehen nach einem Luftangriff auf die Hauptstadt der Region Tigray im Norden Äthiopiens vor schwarzen Rauchschwaden.

Nairobi (dpa) - Kaum noch lebenswichtige Medikamente, Hunger und gewaltsame Auseinandersetzungen in vielen Teilen des Landes am Horn von Afrika: Nach Angaben der Vereinten Nationen nimmt die Gewalt in Äthiopien mittlerweile katastrophale Ausmaße an. Ein Überblick über das Land, seine Akteure und die Hintergründe des Konflikts. 

Wo liegt Äthiopien? Wie viele Menschen leben dort?

Äthiopien ist ein Binnenstaat am Horn von Afrika. Das Land grenzt an den Sudan, Südsudan, Kenia, Somalia, Dschibuti und Eritrea. Mit knapp 115 Millionen Einwohnern ist Äthiopien das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung Afrikas. Es ist das einzige Land in Afrika, das nie kolonialisiert war. 

Wieso wird Äthiopien als Vielvölkerstaat bezeichnet?

Es gibt in Äthiopien etwa 80 Volksgruppen. Mit rund 34 Prozent stellen die Oromo die größte Volksgruppe im Land, gefolgt von den Amharen, die etwa 27 Prozent der Bevölkerung ausmachen. 7 Prozent der Äthiopier sind Tigriner. Die offizielle Amtssprache ist Amharisch, die am meisten gesprochene Sprache ist Oromo. Das Land ist föderal entlang ethnischer Linien organisiert, es gibt 10 Regionalstaaten, wie Oromia, Amhara, Tigray und Afar sowie zwei Stadtstaaten, zu denen auch die Hauptstadt Addis Abeba gehört. Die Regionalstaaten verfügen über ihre eigenen Regierungen und Sicherheitskräfte. 

Wie kam Abiy Ahmed an die Macht?

Die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) war bis 2018 die dominante Kraft in der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) - einer Parteienallianz, die Äthiopien 27 Jahre lang regierte. Dazu gehörte auch die Oromo People’s Democratic Organisation (OPDO). In Teilen der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die EPRDF-Herrschaft, die als zunehmend korrupt und autokratisch empfunden wurde. Immer wieder gab es Proteste, vor allem unter den Oromo. Im April 2018 wurde Abiy Ahmed, der Sohn eines muslimischen Oromo und einer amharischen Christin zum Regierungschef ernannt, er sollte für Ausgleich zwischen den Volksgruppen sorgen. Abiy Ahmed war Mitglied der OPDO und kam aus dem äthiopischen Geheimdienst. Er löste die Parteienallianz auf und gründete die Prosperity Party, die sich über mehr als nur ethnische Zugehörigkeit definieren sollte. Alle Parteien bis auf die TPLF schlossen sich der Prosperity Party an.

Wie kam es zu dem Konflikt in Tigray? 

Nach seiner Regierungsübernahme begann ein Machtkampf zwischen Abiy Ahmed und der TPLF. Er entfernte die TPLF aus vielen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen. Anhänger Abiy Ahmeds sagen, er sei gegen die Korruption und Dominanz der TPLF vorgegangen. Ihre Anhänger sehen sich als Opfer einer Säuberungsaktion, mit der Abiy Ahmed ihm nahe stehende amharische Nationalisten zufriedenstellen wollte. Hinzu kamen Bestrebungen Abiy Ahmeds, den Zentralstaat zu stärken, und das ethnisch-föderal geprägte System zu reformieren. Die TPLF hingegen wollte keine Einschränkungen der Autonomie von Tigray hinnehmen.

Eine für 2020 geplante Parlamentswahl wurde wegen der Corona-Pandemie verschoben. Tigray führte daraufhin ohne Zustimmung von Addis Abeba Regionalwahlen durch, deren Ergebnis die Zentralregierung nicht anerkennen wollte. Der militärische Konflikt brach aus, es kam zur Militäroffensive in Tigray. Der Konflikt hat sich mittlerweile auf angrenzende Regionen ausgeweitet. 

Wer kämpft auf welcher Seite? 

Auf der Seite der Regierung kämpft die äthiopische Nationalarmee gemeinsam mit Sicherheitskräften der Region Amhara und amharischer Milizen. Aufseiten Tigrays kommt die eigene Regionalarmee Tigray Defence Forces (TDF) zum Einsatz. Mittlerweile wird die tigrinische Seite auch von den bewaffneten Rebellen der Oromo Liberation Army (OLA) unterstützt. Allen Seiten werden schwere Menschenrechtsverletzungen wie Tötung von Zivilisten und Massenvergewaltigungen vorgeworfen. 

Wie geht es den Menschen in Tigray? 

Das alltägliche Leben in Tigray ist völlig zusammengebrochen. Seit Monaten gibt es keinen Strom, kein Internet, kein Bargeld, keinen Treibstoff und vor allem nicht genug Lebensmittel mehr. Laut Schätzungen der UN stehen auch 80 Prozent lebenswichtiger Medikamente nicht mehr zur Verfügung. Rund 5,2 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Zentralregierung behindert die Versorgung Tigrays, Regierungschef Abiy Ahmed wird eine Blockade der Region vorgeworfen. 

Wieso gelingt humanitäre Hilfe nicht?

Obwohl die UN und andere humanitäre Organisationen vor Ort sind, ist ihre Arbeit in Tigray nur sehr eingeschränkt möglich. Wegen der Luftangriffe der äthiopischen Streitkräfte ist es für die Flugzeuge der UN zu unsicher, humanitäre Hilfsgüter nach Tigray zu bringen. Es gibt nur noch eine Versorgungsroute über den Landweg aus der benachbarten Region Afar. Dort werden allerdings viele Lastwagen von den äthiopischen Behörden festgehalten. Mitarbeiter humanitärer Organisationen werden immer wieder angegriffen oder festgenommen. So mussten manche Organisationen ihre Arbeit ganz oder teilweise einstellen. 

Was will die TPLF? 

Nach eigenen Angaben will die TPLF, die humanitäre und ökonomische Blockade Tigrays durchbrechen und Sicherheit für die Region wiederherstellen. Im Gegenzug versucht sie die Versorgungsrouten in die Hauptstadt Addis Abeba zu blockieren. 

Warum ist von einem möglichen Zerfall die Rede?

Verschiedene Volksgruppen identifizieren sich nur bedingt mit dem Zentralstaat. Zwischen ihnen kommt es immer wieder zu ethnisch begründeter Gewalt. Wiederkehrenden Unruhen führten zu einer privaten Aufrüstung der Bevölkerung. In allen Gruppen gibt es aufgeheizte Desinformationskampagnen. Besonders in den sozialen Medien kommt es zu Hetze und Verbreitung von Unwahrheiten. Beobachter fürchten, dass selbst ein offizieller Waffenstillstand zwischen Regierung und TPLF nicht von den unterschiedlichen Milizen akzeptiert würde. Ein gewaltsamer Zerfall des föderalen Staates Äthiopien könnte die Folge sein. 

Vermischtes / Konflikte / Politik / Äthiopien / Fragen & Antworten
14.11.2021 · 11:55 Uhr
[8 Kommentare]
 
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