Das bessere «Designated Survivor» kommt aus Südkorea

Wie einige andere US-Serien hat die Produktion mit Kiefer Sutherland ein südkoreanisches Remake. «Designated Survivor: 60 Days» (im Original Jijeongsaengjonja) macht dabei einiges besser als die US-Version. Das liegt vor allem an einem grundlegend anderen Ansatz – den 60 Tagen.

Park Mu-jin ist kein Politiker. Dennoch hat der südkoreanische Präsident den Naturwissenschaftler in sein Kabinett berufen, um der Politik einen grünen Anstrich zu verleihen. Am Tag eines verheerenden Anschlags auf das Parlament, ist Park als einziger Minister nicht anwesend. Nun liegt das Schicksal der Nation in seinen Händen.

Was haben The Good Wife, Suits und Criminal Minds gemeinsam? Von all diesen Serien existieren südkoreanische Remakes. Designated Survivor: 60 Days aber sticht aus diesem Konvolut südkoreanischer Interpretationen amerikanischer TV-Stoffe hervor, ist diese 16-teilige Serie doch auf den Punkt genau das, was das US-Original in drei Staffeln niemals gewesen ist: Eine verdammt gute Fernsehserie.

Die Ausgangssituation von Jijeongsaengjonja, so der Originaltitel, ist mit der der US-Version weitestgehend identisch. Park (Ji Jin-hee) ist Naturwissenschaftler. Seine Expertisen zum Thema Umweltverschmutzung haben das Präsidialamt auf ihn aufmerksam werden lassen. Doch bald schon steht fest: Park ist nur ein Feigenblatt, mit dem sich die Politik schmücken möchte. Er sieht gut aus, hat eine fotogene Vorzeigefamilie, als Wissenschaftler ist er eine Koryphäe – für den Politbetrieb aber ist er ungeeignet. Er ist schlichtweg viel zu anständig. Indem er sich öffentlich gegen ein Handelsabkommen mit den USA aus Gründen des Umweltschutzes ausspricht, wäre Südkorea doch gezwungen, seine strengen Emissionswerte zu lockern, ist seine kurze Politkarriere eigentlich auch schon wieder beendet. Der Präsident verlangt von Park seinen Rücktritt. Bevor Park ihm jedoch sein Rücktrittsschreiben überreichen kann – geschieht der Anschlag und Park findet sich im Präsidialbüro wieder.



Designated Survivor: 60 Days nimmt sich die gesamte erste Episode Zeit, um Park dem Publikum vorzustellen. Hier unterscheidet sich die südkoreanische Interpretation der Geschichte deutlich vom US-Original. Stellt der Anschlag in der US-Version den Prolog der Handlung dar, geschieht der Anschlag in der südkoreanischen Serie irgendwann vollkommen unvermittelt. Park erlebt ihn aus der Ferne. Sieht die Explosionen. Und versteht weder, was er dort sieht noch hat er eine Ahnung davon, was nun auf ihn zukommt. So ist seine erste Reaktion in dem Moment, in dem ihm klar wird, dass kein ranghöherer Minister den Anschlag überlebt hat, höchst menschlich: Er sucht ein Badezimmer auf und übergibt sich.

Ji Jin-hee, der seit rund 20 Jahren zu den bekanntesten TV-Gesichtern in seiner Heimat gehört, stellt Park als einen zutiefst menschlichen, anständigen Charakter dar; es fällt leicht, sich mit ihm identifizieren. Vor allem aber ist er für westliche Zuschauer auch ein Türöffner, über den ein politisches System erklärt wird, das sich vielleicht nicht grundlegend von westlichen Demokratien unterscheidet, das aber in seiner fast schon absolutistisch-hierarchischen Struktur mit einem an Höflinge erinnernden Beamtenwesen eben doch einige Unterschiede aufweist. Da Park selbst ein Fremdkörper in diesem System ist, muss auch er dieses erst einmal verstehen.

Er ist aber nicht nur ein Fremdkörper in dem System. Er ist auch der Störfaktor im Plan der Verschwörer. Werden die Schuldigen zunächst in Nord-Korea vermutet und gelingt es Park erst in letzter Sekunde, einen Militärschlag – für den er, von den Militärs getrieben, die Genehmigung erteilt hat – zu verhindern, offenbart sich nach und nach, dass die Verschwörung ganz andere Gründe als einen Bruderstaatenzwist haben muss. Eine Verbündete auf der Suche nach den wahren Drahtziehern des Anschlags findet er in der jungen Agentin Han Na-Kyeong (Kang Han-Na), deren Verlobter bei dem Anschlag ums Leben gekommen ist und die sich nicht mehr an die Regeln des System gebunden fühlt.

Während Netflix nach der Übernahme der US-Serie nach zwei von ABC produzierten Staffeln mit der Produktion der eigenen dritten Staffel Schiffbruch erlitten und die Serie im Sommer 2019 schließlich gecancelt hat, versteckt der Streamingdienst das koreanische Remake ein bisschen verschämt irgendwo in den Untiefen seines Serienarchivs. Weil es die Schwächen der US-Produktion gnadenlos aufzeigt? Wo die US-Serie in zwei ABC-Staffeln fünf Showrunner verheizt hat, trägt für die südkoreanische Produktion mit 16 Episoden eine einzige Autorin namens Tae Hee Kim die Verantwortung. Und während die US-Produktion von Anfang an darunter gelitten hat, dass niemand wusste, wie viele Staffeln es denn geben wird – was wiederum bedeutet, dass die Verschwörung immer und immer weitergehen musste – deutet der Titelzusatz an, dass das Remake irgendwann zu einem Ende kommen muss: 60 Days, 60 Tage, das ist die Amtszeit von Präsident Park. Denn nach 60 Tagen muss der Verfassung nach ein neuer Präsident vom Volk gewählt sein, damit alles wieder seinen gewohnten Gang gehen kann. Als sei niemals etwas passiert ...

«Designated Survivor: 60 Days» ist als Original mit Untertiteln auf Netflix verfügbar.
Meinungen / TV-Kritik / Serientäter
19.01.2020 · 10:10 Uhr
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