Darum wird der Aktienmarkt nach der Coronakrise für lange Zeit nicht zu alter Stärke zurückfinden

• Schwächelnde Wirtschaft dürfte Aktienmarkt langfristig belasten
• Experten erwarten weitere Kursverluste
• Bewertungen dürften geradegerückt werden

In der letzten Woche haben die Börsen in Deutschland und den USA teilweise kräftig zugelegt und damit einen Teil ihrer Verluste aus der Corona-Krise wieder wettgemacht. Bis die Indizes zu ihren ehemaligen Höchstständen aufgeschlossen haben, die sie vielerorts kurz vor Ausbruch des Coronavirus erreicht hatten, ist es jedoch noch ein langer Weg - und Anleger sollten sich nach Meinung einiger Experten darauf vorbereiten, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis dieses Niveau wieder erreicht wird.

Rezession könnte Markt über Jahre belasten

Der Aktienmarkt "hat einen großen Schlag abbekommen, aber er wird sich von allem wieder erholen, und er wird zur richtigen Zeit sehr stark zurückkommen", schätzte US-Präsident Donald Trump Mitte März die Lage laut "Washington Post" in einer Rede an die Nation ein. Welchen Zeitpunkt er dabei im Sinn hatte, ließ Trump offen, es darf aber wohl angenommen werden, dass er an die Zeit dachte, wenn man die Ausbreitung des Coronavirus in den Griff bekommen hat.
Dass es an der Börse irgendwann wieder zu einem langfristigen Aufwärtstrend kommen wird, ist unstrittig. Doch man sollte wohl eher nicht darauf setzen, dass dies direkt passieren wird, wenn die unmittelbare Gefahr durch das Coronavirus nicht mehr besteht. Denn die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus lasten deutlich auf der globalen Wirtschaft und dürften sich dadurch längerfristig negativ auf den Aktienmarkt auswirken.

So hat zwar das beschlossene Hilfspaket der US-Regierung in der vergangenen Woche für kräftige Gewinne an den Börsen gesorgt, doch dessen Wirkung könnte laut "The Motley Fool" in der Realwirtschaft zu einem großen Teil verpuffen. Denn normalerweise führen Finanzspritzen und niedrige Zinsen zu einer erhöhten Geschäftstätigkeit und mehr Konsum - jedoch nicht, wenn die Menschen ihr Haus nicht verlassen, um zu konsumieren, und viele Unternehmen geschlossen sind. Stattdessen droht der USA laut dem Online-Magazin eine Rezession - wenn sie nicht sogar schon da ist. Sollten die USA tatsächlich in eine Rezession abgleiten, dürften andere Länder folgen. Im Falle einer globalen Rezession rechnet "The Motley Fool" mit einem schweren Bärenmarkt, der länger dauern dürfte als der während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er und Anfang der 1930er. Damals hatten die Bären für rund 17 Monate das Ruder an der Börse übernommen.

Experten erwarten langanhaltenden Bärenmarkt

Glaubt man dem Journalisten und Betreiber des Hulbert Financial Digest, Mark Hulbert, so dürfte der jetzige Bärenmarkt sogar deutlich länger andauern. Hulbert hat für "MarketWatch" alle Bärenmärkte seit 1900 ausgewertet - 36 Stück an der Zahl - und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass an der Börse erst in rund drei Jahren, nämlich im Februar 2023, mit neuen Allzeithochs gerechnet werden kann - sofern es sich um einen normalen Bärenmarkt handelt. Bei der Auswertung der Daten hat Hulbert nach eigenen Angaben Dividendenzahlungen und Inflationsrate berücksichtigt, da sonst ein "unrealistisch pessimistisches Bild" entstehe. Denn berücksichtige man nur den Preis, habe etwa der Dow Jones auf nominaler Basis rund 25 Jahre gebraucht, um sich nach dem Crash 1929 wieder auf sein vorheriges Niveau hochzuarbeiten.

Auch Lance Roberts, Chefstratege beim Vermögensverwalter RIA Advisors, glaubt, dass der Börse noch eine lange Zeit sinkender Kurse bevorsteht. Er erläuterte Mitte März in einem Bericht, der "CCN" vorliegt, dass sich ein Bärenmarkt in drei verschiedene Phasen aufteilen lasse. Zuerst komme ein scharfer Fall, gefolgt von einem optimistischen Wiederanstieg, bevor es dann in der dritten Phase zu einem langsamen Abstieg komme, der anhalte, bis fast keine Käufer mehr am Markt seien. Folgt man seiner Einteilung, befinden sich die Aktienmärkte momentan bestenfalls in der zweiten Phase.

Roberts ist daher der Meinung, dass es noch weiter nach unten gehen wird - und auch müsste, wenn man die Entwicklung der Unternehmensgewinne mit der Kursentwicklung des S&P 500 vergleicht. Laut dem Experten ist der Markt seit 2015 - also schon lange vor dem Coronavirus - von den Fundamentaldaten entkoppelt und der S&P 500 hätte - um diese Lücke zu schließen - eigentlich eine Korrektur bis auf ein Niveau von 2.000 Punkten einleiten müssen, was er selbst in der Coronakrise bisher nicht getan hat. Werden nun noch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus und einer Rezession auf die Unternehmensgewinne miteinbezogen, dann müsste der S&P 500 eigentlich bis auf 1.800 Punkte fallen, zitiert "CCN" den RIA-Chefstrategen.

Crash dürfte Überbewertung zurecht rücken

Ein ähnliches Muster wie heute gab es laut Lance Roberts von RIA Advisors auch schon um die Jahrtausendwende herum. Damals hatte das Platzen der Dot.com-Blase dazu geführt, dass sich Entwicklung von Index und Unternehmensgewinnen wieder angeglichen hatten. Nun könnte das Coronavirus der Katalysator sein, der einen überbewerteten Markt wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt und die Bewertungen, die in den letzten Jahren hauptsächlich durch eine außergewöhnliche Euphorie immer stärker aufgeblasen wurden, wieder gerade rückt.

Dass der Markt vor dem Corona-Crash überbewertet war, zeigt auch das KGV nach Robert Shiller. Wie "The Conversation" anmerkt, deutete dieses nur vor Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 und vor dem Platzen der Tech-Blase im Jahr 2000 auf eine ähnliche Überbewertung hin wie heute. Es ist daher anzunehmen, dass die Kurse durch das Zurechtrücken der Unternehmensbewertungen auch nach dem Ende des Bärenmarktes zunächst nicht mehr zu ihren alten Höchstständen zurückfinden werden.

Aktie im Fokus
[finanzen.net] · 30.03.2020 · 11:18 Uhr
[2 Kommentare]
 

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