Coronavirus wird zur Belastungsprobe für Bankensektor: Droht eine neue Finanzkrise?

• Bankaktien in Coronakrise stark unter Druck
• Neue Kreditausfälle könnten Banken in Bedrängnis bringen
• Institute heute besser aufgestellt als bei letzter Krise

An der Börse sind die Auswirkungen des Coronavirus bei den Banken bereits angekommen: Die Kurse zahlreicher großer europäischer Bankhäuser sind seit Mitte Februar kräftig einbebrochen, einige Aktien haben sich sogar halbiert. Der Stoxx Europe 600 Banks, der die größten Finanzinstitute Europas umfasst, schloss am 18. März bei 83 Punkten und damit laut "Wolf Street" auf dem tiefsten Stand seit Februar 1988, als die monatelange Verkaufswelle nach dem Schwarzen Montag im Oktober 1987 die Börsen auf Talfahrt schickte. Selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im März 2009 war der Index der europäischen Banken nicht so tief eingebrochen wie jetzt. Allein seit Mitte Februar beträgt das Minus beim Börsenbarometer der Branche mehr als 40 Prozent.

Der Stoxx Europe 600 Banks nimmt damit vorweg, was die großen Banken befürchten, nämlich massive negative Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeiten durch die Folgen der Corona-Pandemie. So warnte etwa die Deutsche Bank davor, dass es noch nicht möglich sei, "sämtliche Folgen für die Gesamtwirtschaft abzuschätzen", ein anhaltender wirtschaftlicher Abschwung ihr Geschäft jedoch "in erheblicher Weise" negativ beeinträchtigen dürfte. Und auch die Credit Suisse gab bei Vorlage der jüngsten Quartalszahlen an, dass sie nicht voraussagen könne, wie sich die Coronavirus-Krise im weiteren Jahresverlauf auf das Konzernergebnis auswirken werde. Ihre Kreditengagements will die Schweizer Bank daher weiter umsichtig überwachen. Tatsächlich sind es vor allem die vergebenen Kredite, die die Banken nun in Bedrängnis bringen und womöglich eine neue Finanzkrise auslösen könnten.

Zahlreiche Kreditausfälle befürchtet

Die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus und die steigende Anzahl der infizierten Personen hat die Regierungen mehrerer europäischer Länder dazu gezwungen, das öffentliche Leben nahezu stillzulegen. Viele Firmen und Geschäfte sind geschlossen, Tourismus und Airlines stehen still, die Menschen bleiben zu Hause und schränken ihren Konsum durch die veränderten Rahmenbedingungen erzwungenermaßen ein. Viele Unternehmen und Selbstständige sind damit ihrer Einkommensquelle beraubt oder müssen mindestens deutliche Abstriche in ihrer Geschäftstätigkeit in Kauf nehmen. Eine Pleitewelle dürfte folgen - und sich auch auf die europäischen Banken auswirken.

Laut "Financial Times" haben viele Unternehmen in den letzten zehn Jahren das Niedrigzinsumfeld genutzt, um sich mit billigen Krediten einzudecken. Diese dürften sie jedoch bei massiven Einnahmeausfällen oder gar einer Pleite aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 womöglich bald nicht mehr bedienen können. Für die Banken hätte das zur Folge, dass die Anzahl fauler Kredite in ihren Büchern wieder deutlich zunimmt. Dabei schleppen die Finanzhäuser in diesem Bereich immer noch Altlasten aus der Finanz- und Schuldenkrise mit sich herum. Laut Zahlen der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA, die "CNBC" vorliegen, ist das gewichtete Durchschnittsverhältnis fauler Kredite bei den Banken in den letzten fünf Jahren zwar weiter zurückgegangen, liegt aber aktuell immer noch bei drei Prozent. Dieser Anteil dürfte in naher Zukunft wieder steigen. "Die Risiken für eine Kreditkrise bleiben in der Eurozone erhöht", schlussfolgerte daher der Ökonom Davide Oneglia vom Investment Research-Unternehmen TS Lombard gegenüber dem US-Sender. Auch ifo-Chef Clemens Fuest warnte laut "Financial Times": "Es ist unvermeidlich, dass einige Kreditnehmer zahlungsunfähig werden. Falls Banken dadurch Eigenkapital verlieren, könnten die Kapitalvorschriften dazu führen, dass sie andere Kredite ebenfalls eindämmen müssen, und dadurch die Krise verschlimmern."

Denn seit der Finanzkrise gelten strengere Relgen für Banken. So mussten sie sich seitdem unter anderem aus besonders riskanten Geschäften zurückziehen und ihre Kapitalpuffer deutlich erhöhen. Verluste durch notleidende Kredite gehen jedoch zu Lasten dieser Kapitalpuffer. Sollten sie also zu groß werden, hätte das unangenehme Folgen. "Wenn der Einzelne ausfällt, bedeutet das zunächst mal ein Problem für die Bank, die den Kredit ausgegeben hat", so der Chefvolkswirt der BayernLB, Jürgen Michels, gegenüber "Tagesschau". "Wenn ich jetzt aber diese Bank aufgrund des Verlustes in die Situation bringe, dass die auch bei anderen in der Kreditvergabe vorsichtiger werden - Finanzierungen werden teurer, einige können sich das nicht mehr leisten - dann kann es zu stärkeren Kreditausfällen führen, von denen viele Investoren betroffen werden. Und das kann dann zu einer Kreditknappheit führen".

Experten sehen noch keine unmittelbare Gefahr für Bankensektor

Noch ist es jedoch nicht soweit, dass es zu massenweisen Kreditaufällen kommt - und das Umfeld ist auch nicht vergleichbar mit dem der Finanzkrise 2008. So hat etwa die EZB in der vorletzten Woche zahlreiche Erleichterungen für Banken beschlossen. Die Finanzhäuser erhalten über zusätzliche Langfristkredite mehr Liquidität und können sich bei der EZB billiger denn je Geld leihen - und dieses über Kredite weitervergeben. Zudem hat die Europäische Zentralbank ihre Kapitalanforderungen für die Banken gelockert und ihnen erlaubt, ihre antizyklischen Kapitalpuffer abzuschmelzen und - anstatt hartem Kernkapital - auch Nachranganleihen für die Befüllung der Puffer zu verwenden.

Auch ansonsten sind die Finanzhäuser in einer besseren Situation als bei der letzten Krise. "Der Bankensektor scheint heute besser aufgestellt zu sein um auf Schocks zu reagieren als 2008, wenn wir auf die Kapitalquote schauen", so Ökonomin Maartje Wijffelaars von der Rabobank gegenüber "CNBC". Und auch Bankexpertin Carola Schuler sagte mit Blick auf die deutsche Finanzbranche gegenüber der "Tagesschau": "Seit der letzten Finanzkrise hat sich da einiges getan in der Verbesserung der Bilanzen. Daher gehen wir davon aus, dass die deutschen Banken im Wesentlichen einiges an Krisenauswirkungen verkraften können".

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[finanzen.net] · 24.03.2020 · 03:24 Uhr
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