«Club der roten Bänder - Wie alles begann» - Fanservice Deluxe

Mit einer tragikomischen Krankenhausserie landete VOX von 2015 bis 2017 einen Megahit, der auch international mit Preisen ausgezeichnet wurde. Der dazugehörige Kinofilm Club der roten Bänder - Wie alles begann schildert nun die Vorgeschichte der Gang.

Basierend auf der katalanischen Erfolgsserie Polseres vermelles sowie deren Buchvorlage Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt brachte VOX 2015 seine erste eigenproduzierte TV-Serie heraus. Mit teilweise bis zu drei Millionen Zuschauern in der umworbenen Zielgruppe erwies sich das tragikomische, auf wahren Ereignissen des Autoren Albert Espinosa basierende Format als echter Crowdpleaser. Auch das Feuilleton zeigte sich beeindruckt von dem Balanceakt, die harte Realität innerhalb einer Krankenhausstation gleichermaßen leichtfüßig, dabei jedoch nie verklärend zu inszenieren; Krebs, Essstörungen, Amputationen, Autismus – all diese und noch viel mehr Thematiken griffen die Drehbuchautoren und Regisseure im Rahmen der 30 Episoden auf – auf jedes Lachen folgte eine Träne. Damit trafen die Macher direkt ins Herz ihrer Zuschauer. Und doch war nach drei Staffeln Schluss. Bisher haben die Verantwortlichen Wort gehalten, trotzdem kommt mit Wie alles begann nun ein abschließender Kinofilm in die Lichtspielhäuser, der die Serienereignisse allerdings nicht fortführt, sondern sich stattdessen als Prequel erweist.

Und als dieses besitzt der Club der roten Bänder-Film für Außenstehende natürlich keinerlei erzählerische Relevanz; dass die Tragikomödie vor allem Exposition für die zeitlich danach angesiedelten Serienfolgen ist und sich damit vorwiegend an die Fans richtet, ist selbstredend.

Wie aus sechs Jugendlichen ein Club wurde

Lange bevor Leo (Tim Oliver Schulz), Jonas (Damian Hardung), Emma (Luise Befort), Alex (Timur Bartels), Hugo (Nick Julius Schuck) und Toni (Ivo Kortlang) als „Club der roten Bänder“ ihren Krankenhausalltag miteinander teilen, müssen sie alle unabhängig voneinander schwere Schicksalsschläge durchstehen. Vor allem Leonard durchlebt eine Krise nach der anderen: Nach einer Krebsdiagnose muss ihm nicht nur das Bein amputiert werden, auch seine Mutter stirbt an den Folgen eines Tumors. Ein wenig Halt gibt ihm neben seiner Schwester nur sein zunächst abweisender Zimmergenosse Ben (Jürgen Vogel), der ihm hilft, mit der neuen Situation umzugehen. Derweil bekommt die essgestörte Luise Probleme mit der Polizei, als sie beim Drogenkaufen an einen verdeckten Ermittler gerät. Jonas‘ Bruder hört selbst dann nicht auf, ihn zu schikanieren, als auch er mit einer schlimmen Krankheitsdiagnose konfrontiert wird. Alex leidet unter dem Weggang seiner Mutter, nachdem diese von ihrem Vater betrogen wurde. Der autistische Toni versucht verzweifelt, Freunde zu finden und über allen wacht der im Koma liegende Hugo als eine Art guter Geist, der später dafür sorgen wird, dass sich die sechs Freunde zusammentun…

Regisseur Felix Binder und seine bereits an einigen Serienepisoden beteiligte Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf ergänzen die bekannten Figuren um einige interessante Ecken und Kanten, sodass wir noch einmal ganz neue Seiten an den lieb gewonnenen Charakteren entdecken – und einen ganz neuen, von dem wir uns gewünscht hätten, er wäre auch in der Serie dabei gewesen, doch dazu später mehr. Während die Serie sämtlichen Club-Mitgliedern eine ähnliche Screentime eingeräumt hat, steht im Kinofilm vor allem die Figur des Leonard im Fokus. Das ist naheliegend, schließlich wird er in der TV-Show als derjenige etabliert, der zum damaligen Zeitpunkt bereits die meiste Zeit im Krankenhaus verweilt hat und als Gründer der Gang später ohnehin zum Anführer ernannt wird.

Gleichzeitig ist seine Lebensgeschichte aber auch ganz einfach die spannendste: Mit der Krebserkrankung und dem darauffolgenden Tod seiner Mutter, dem Bruch mit seinem Vater über die Amputation des Beines bis hin zum tragischen Verlust eines guten Freundes bekommt der sich später Leo nennende Patient einmal die ganze Bandbreite an tragischen Schicksalsschlägen ab, wie man sie sich für einen Teenager in seinem Alter kaum vorstellen mag. Wir entdecken also, wie Leonard zu Leo wird; und gerade für die Serienzuschauer, die bereits viele Jahre Zeit mit ihm verbracht haben, ist das natürlich besonders emotional.

Für Liebhaber der Serie

Die anderen Figuren bleiben im Film vor allem Nebencharaktere. Das ist je nach Sichtweise entweder schade, oder die absolut richtige Entscheidung, denn so, wie die Geschichte hier erzählt wird, besitzt nicht jeder von ihnen das Potential für eine ausführliche Betrachtung. Gleichzeitig nimmt das diesen Handlungssträngen aber auch ordentlich Substanz; natürlich müssen Jonas, Emma, Alex, Hugo und Toni auch dabei sein, doch da beispielsweise Tonis Subplot nur aus einer Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen besteht, wäre es hier fast besser gewesen, ihn ganz zu streichen. Überhaupt ist es Tonis Vorgeschichte rund um ihn und seinen von Dieter Schaad (Das Haus der Krokodile) gespielten Großvater, der das größte Stirnrunzeln hervorruft. Mit der aufrichtig-ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild Autismus hat das, was in Club der roten Bänder – Wie alles begann abgehandelt wird, nämlich überhaupt nichts mehr zu tun.

Stattdessen werden hier Allgemeinplätze runtergerattert, die den eigentlich nur menschenscheuen (und eben autistischen) Toni bisweilen wie einen absoluten Volltrottel dastehen lassen. Das wird weder seiner Figur, noch der Serie gerecht, in der stets fachlich korrekt mit diversen Krankheitsbildern umgegangen wurde.

Die Atmosphäre der Serie trifft Club der roten Bänder – Wie alles begann trotzdem weitestgehend; sicher nicht zuletzt, weil für den Film zum großen Teil dieselben Leute vor und hinter der Kamera verantwortlich zeichnen, wie für das TV-Format. Die Bilder von Kameramann Thomas Schinz orientieren sich an den immer einen Tick überbeleuchteten Aufnahmen von seinen Serienkollegen Robert Berghoff und Ergün Cankaya, wodurch, im positiven Sinne, der Eindruck gewahrt wird, dass wir hier nicht mehr (aber auch nicht weniger) als eine absolut hochwertig produzierte TV-Serie auf der großen Leinwand zu sehen bekommen. Dasselbe gilt für den Rhythmus. Im Fernsehen wurde jede Folge von einem Off-Kommentar des guten Geists Hugo beendet, der die Moral der jeweiligen Episode noch einmal zusammenfasste. Das gilt hier auch; wann immer ein entscheidender dramaturgischer Abschnitt zu Ende ist, darf Hugo kommentieren, sodass man bisweilen den Eindruck gewinnt, hier eher einer Handvoll zusammenhängender Serienfolgen zuzuschauen, als einem für sich allein stehenden Film. Zumindest auf dieser Ebene holt der Film (aus Fan-Sicht) die volle Punktzahl: die Dialoge, die technische Aufmachung und die serielle Dramaturgie entsprechend exakt dem, was man von dem Format gewohnt ist.

Und ein Jürgen Vogel (So viel Zeit) veredelt das Ganze dann noch einmal zusätzlich, auch wenn es schade ist, dass sein Handlungsstrang als einziger der ist, der im Rahmen des Films vollständig auserzählt wird. Er hätte die Serie hervorragend ergänzt.

Fazit

Man kann Fanservice auch so inszenieren, dass Zuschauer, die bisher nichts mit einem Format zu tun hatten, trotzdem abgeholt werden. Das wäre die Königsdisziplin. Den Machern von Club der roten Bänder – Wie alles begann ist das leider nicht gelungen. Dafür ist ihr Film eine stimmige Ergänzung der Serie, die vor allem Liebhabern einige neue Seiten an ihren bekannten Charakteren, allen voran Leo, offenbart. Schade, dass die anderen Figuren hinter ihm zurückstehen müssen.

Club der roten Bänder – Wie alles begann ist ab dem 14. Februar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
11.02.2019 · 15:30 Uhr
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