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China dreht Japan den Rohstoff-Hahn ab – Tokios Chip-Offensive steht auf der Kippe

22. April 2026, 19:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
China dreht Japan den Rohstoff-Hahn ab – Tokios Chip-Offensive steht auf der Kippe
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Japans Chip-Offensive steht auf der Kippe. TSMC und Rapidus brauchen Rohstoffe, die China zurückhält. USA konkurriert um Alternativen.
Peking setzt Seltene Erden als Waffe ein. Japans Halbleiterindustrie verliert den Zugang zu kritischen Rohstoffen. Die Regierung pumpt Milliarden in lokale Fertigung – doch alternative Lieferanten gibt es kaum.

Japans Halbleiterindustrie hat einen wichtigen Rohstoffzugang verloren – aus China. Der Schritt war nach der Wahl von Premierministerin Sanae Takaichi und den im Januar erlassenen Exportbeschränkungen zu erwarten. Die kürzlich veröffentlichten Exportzahlen für Seltene Erden sowie Gallium und Germanium machen es jetzt offiziell: China schneidet seinen einst wichtigsten Abnehmer Japan vom Export ab.

„In der Praxis sehen sich japanische Abnehmer zunehmend gezwungen, auf alternative Beschaffungsmärkte auszuweichen", erklärt Brian Hendrich, Analyst des Rohstoffhändlers Tradium. Doch auch diese Märkte stünden bereits unter erheblichem Druck.

China hat im vergangenen Jahr begonnen, seine teils nahezu monopolistische Stellung bei der Verarbeitung Seltener Erden politisch zu nutzen und die Ausfuhren zu beschränken. Bei Tradium sieht man ein differenziertes Bild, schaut man sich die einzelnen Exportgruppen an. Während die Gesamtexporte Chinas im ersten Quartal wieder zugelegt haben, brachen die Exporte bei einigen strategischen Elementen wie Dysprosium und Terbium massiv ein.

„Versorgungs- und Planungssicherheit sind auch im neuen Jahr nicht gegeben", heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Tradium-Analyse.

Tokio setzt auf Milliarden-Offensive gegen Chipmangel

In Japan trifft dies auf eine von der Regierung vorangetriebene Industriestrategie, die insbesondere die Halbleiter- und Chipbranche fördert. Für deren Produktion sind kritische Rohstoffe wie Seltene Erden unabdingbar. Ein Chipmangel, angefacht durch die Konkurrenz zwischen China und den USA, soll verhindert werden.

„Japan will – wie die EU – seine Halbleiterindustrie stärken, hierfür nimmt die japanische Regierung sehr viel Geld in die Hand", erläutert Frank Robaschik von der deutschen Außenwirtschaftsagentur GTAI.

Der Experte sieht den Beginn einer Wachstumsphase und macht dies an konkreten Projekten fest. Eines davon ist das Vorhaben des taiwanesischen Chipgiganten TSMC, der in Japan eine Fertigung für 3-Nanometer-Chips aufbauen will. In diesem Größenbereich sind bisher nur Südkorea und Taiwan aktiv.

Dass das Unternehmen hier expandiert und statt auf 6- bis 12-Nanometer-Technik nun auf fortschrittlichere Chips setzt, hängt eng mit dem Engagement der japanischen Regierung zusammen. Das bestätigte TSMC-Chef Che-Chia Wei selbst: Die Premierministerin setze „sich nicht nur proaktiv für die Förderung von Investitionen, sondern auch für die Schaffung von Nachfrage ein."

Am meisten gefördert wird jedoch das Auftragsfertiger-Start-up Rapidus, welches auf Hokkaido bis 2028 eine Massenfertigung auf Basis der 2-Nanometer-Technologie von IBM aufbauen will. Diese und andere Projekte sieht Robaschik als Basis für weiter steigende Investitionen: „Wenn nicht unerwartete Verwerfungen auftreten, werden die Investitionen in die Halbleitertechnik in Japan weiter steigen", urteilt er.

Hinzu komme eine intakte internationale Nachfrage. Doch genau diese Projekte brauchen die Rohstoffe, die China nun zurückhält.

USA und Japan kämpfen um dieselben Lieferanten

Die entscheidende Frage lautet: Sind die ausbleibenden Lieferungen aus China eine Krise oder nicht? Beim Rohstoffhändler Tradium sieht man zumindest ein erweitertes Spannungsfeld, geht es darum, alternative Lieferanten für Japan zu finden.

Dafür verantwortlich sind insbesondere die USA, die versuchen, die eigene Industrie durch Bevorratung vor einem ähnlichen Szenario zu schützen. „Japan tritt damit heute in direkte Konkurrenz zu US-Kunden – häufig verbunden mit entsprechendem Preisdruck und eingeschränkter Verfügbarkeit", sagt Analyst Hendrich. Auch zu Europa stehe Japan in bestimmten Bereichen in Konkurrenz.

Die Quellen für die Rohstoffe sind vielfältig. Vietnam, Malaysia, Südkorea und Australien bieten sich an, in Südostasien „jedoch meist in begrenzten Volumina und mit noch nicht vollständig etablierten Lieferketten". Auch darüber hinaus stoßen die Projekte noch an Grenzen der Skalierbarkeit und Qualität.

Alles in allem gebe es noch keine Eins-zu-eins-Alternative zur Volksrepublik. Stattdessen: „Es entsteht vielmehr ein fragmentierter Beschaffungsmarkt, in dem Verfügbarkeit, Preis und Qualität deutlich stärker schwanken als in der Vergangenheit."

Das ändert sich auch nicht durch die im Februar von den USA angeregte Rohstoffallianz zwischen den USA und der EU, an der auch Partner wie Japan beteiligt werden sollen. Aus Sicht des Rohstoffhändlers liegt das vor allem am fehlenden Know-how im Bereich der Weiterverarbeitung der Rohstoffe.

Das Déjà-vu von 2010 kehrt zurück

Für Japan ist diese Situation ein Déjà-vu. Bereits im Jahr 2010 hatte China die Lieferung kritischer Rohstoffe kurzzeitig eingestellt. „Das war ein Weckruf für die Japaner", kommentiert Robaschik. Die Regierung reduzierte daraufhin die Abhängigkeit beim Import aus China bis 2020 von 80 auf rund 60 Prozent.

Der Experte hat jedoch den Eindruck, dass das Niveau seitdem wieder gestiegen ist. Eine bittere Erkenntnis: Die Lehren von 2010 wurden nicht konsequent genug umgesetzt.

Das heißt jedoch nicht, dass Japan nicht weiter versucht, sich zu diversifizieren. Vielmehr kooperiert das Land unter anderem mit Frankreich, Australien und Kanada, um weitere alternative Quellen zu erschließen. Im Inland hofft Japan dem Experten zufolge zudem auf den Tiefseebergbau.

„Dennoch werden diese Bemühungen China nicht über Nacht als Lieferanten obsolet machen", gibt Robaschik zu bedenken.

Strategische Reserven kaufen Zeit – aber nicht unbegrenzt

Obwohl die Rohstoffsituation alles andere als sicher wirkt, sind bisher keine Warnungen aus der japanischen Wirtschaft bekannt. Der Leitindex des Landes Nikkei ist seit Jahresbeginn um 13,5 Prozent angestiegen. Das strahlt Optimismus aus, nicht Versorgungskrise.

Ein Grund dafür ist, dass Japan besser vorbereitet ist als etwa Deutschland. Hierzulande sorgten verschärfte Exportkontrollen Chinas, unter anderem für Germanium, im vergangenen Jahr für Panik. Der Grund: Deutschland und die EU haben bisher noch keine entsprechenden Notreserven.

Das ist in Japan anders. „Japan hat strategische Reserven für kritische Rohstoffe – jedoch vor einigen Jahren aufgehört, diese zu veröffentlichen", weiß Robaschik. Er hält dies für eine strategische Entscheidung, um China über die eigene Durchhaltefähigkeit im Dunkeln zu lassen.

Trotzdem betont der GTAI-Experte: „Japan ist mit seinen Vorräten sicherlich einige Monate bis Jahre abgesichert, die Regierung spricht das Thema kritische Mineralien im internationalen Kontext aber immer wieder an." Es ist also nicht gesagt, dass dem Land nicht doch irgendwann die Puste ausgeht.

Als Alternative versucht Japan, Technologien zu fördern, die entweder mit weniger oder gar keinen kritischen Rohstoffen auskommen – gleiches gilt für das Thema Recycling. „Breit eingesetzt wird dies aber noch nicht."

Der Markt steht faktisch still

Vergleicht man die Versorgungslage mit dem vergangenen Jahr – und auch mit der aktuellen Situation auf dem Erdölmarkt, so stellt sich die Frage: Wie haben sich die Preise für Seltene Erden entwickelt?

Hier hat sich laut Tradium-Einkaufschef Jan Giese wenig verändert, in Europa bewegen sich die Preise weiter stabil, aber auf hohem Niveau. Als Stabilisierung dürfe man dies jedoch nicht bewerten, mahnt er.

„Transaktionen finden schlicht kaum statt – nicht, weil Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht wären, sondern weil der Markt faktisch zum Stillstand neigt." Unter dem Strich heißt das: Es findet kein Handel statt, der die Preisbildung beeinflussen könnte.

Eine Scheinruhe, die jeden Moment in Preisexplosionen oder Versorgungsengpässe umschlagen kann. Japan sitzt auf einem Pulverfass – mit Reserven, die irgendwann ausgehen.

Finanzen / Märkte / China / Japan / Halbleiter / Rohstoffe / Exportbeschränkungen
[InvestmentWeek] · 22.04.2026 · 19:00 Uhr
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