Chemiebranche erlebt kurze Atempause – der Strukturbruch bleibt

Kurzer Umsatzsprung, keine Trendwende
Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat im zweiten Quartal 2026 erstmals seit drei Jahren wieder Umsatz zugelegt – 7,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Verband der Chemischen Industrie VCI führt das auf zwei Faktoren zurück: eine um 2,4 Prozent gestiegene Produktion und vor allem auf 5,7 Prozent höhere Preise.
Hinter den Preissprüngen steckt kein Boom der Nachfrage, sondern die schiere Notwendigkeit, Lager aufzufüllen, weil Lieferketten durch die Straße von Hormus gestört sind. Kunden kaufen jetzt, was sie später vielleicht teurer oder gar nicht bekommen – eine klassische Vorratsreaktion auf geopolitische Unsicherheit.
Auslastung bleibt katastrophal
Trotz des Umsatzschubs läuft die Branche mit 73,2 Prozent Auslastung weit unter ihren normalen Werten. Schon im Juni brachen Aufträge und Umsätze wieder ein. Der VCI nennt das klar: Vorratskäufe und geopolitische Verwerfungen sind keine Trendwende.
Verbandspräsident Markus Steilemann fordert einen konsequenten Kurs für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Was er damit meint, bleibt offen. Klar ist: Die alten Strukturprobleme – hohe Energiekosten, überbordende Regulierung, fehlende Investitionsanreize – sind nicht weg. Sie sind nur für ein Quartal von den Nachrichten über den Iran überdeckt worden.
Die Prognose verrät die Wahrheit
Der VCI hat seine Produktionsprognose für 2026 bereits auf minus 1,5 Prozent gesenkt. Umsatz soll dank höherer Preise trotzdem um 2,5 Prozent wachsen – das ist kein Wachstum, das ist Inflationskompensation.
Die zweite Jahreshälfte wird laut Verband von schwacher Auslastung, hohem Kostendruck und verhaltener Industriekonjunktur geprägt sein. Genau diese drei Faktoren waren schon vor dem Nahost-Konflikt da. Sie sind nicht verschwunden, sie sind nur kurzzeitig verdeckt.
Was wirklich fehlt
Die Chemieindustrie braucht keine staatlichen Subventionen oder neue Förderprogramme. Sie braucht niedrigere Energiekosten, weniger Bürokratie und einen Staat, der reguliert, was wirklich gefährlich ist – und ansonsten die Finger vom Markt lässt. Alles andere ist Symptomkosmetik.
Solange die Politik weiter auf Steuern, Abgaben und planwirtschaftliche Vorgaben setzt, bleibt die deutsche Chemie ein Hochkostenstandort mit gelegentlichen geopolitischen Sonderkonjunkturen. Der Strukturbruch ist nicht behoben – er ist nur verschoben.

