Bitte einschalten: Weshalb «Think Big!» eine Chance verdient hat

Die Sat.1-Comedyserie «Think Big!» könnte ein neues «Danni Lowinski» werden. Nun müssten nur noch Leute hinschauen.

Eigentlich müsste «Think Big!» für Sat.1 doch ein Selbstläufer sein: Eine komödiantische Serie, die aber auch dramatische und ehrlich-figurenbezogene Zwischentöne aufweist, sich keck-optimistisch mit sozialen Gefällen befasst und sich um eine aufgeweckte Protagonistin dreht. Das ist der Stoff, aus dem Danni Lowinski gewoben wurde und Sat.1 jahrelang großes Presselob einbrachte sowie erfreuliche Einschaltquoten. Doch zum Start war «Think Big!» das Glück nicht hold: Die ersten zwei von insgesamt zehn Episoden generierten in Sat.1 magere 4,7 und 4,5 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe, die Gesamtreichweite belief sich auf besorgniserregende 0,68 und 0,59 Millionen Interessenten. Ein Jammer – nicht nur, weil Sat.1 Erfolge im Bereich selbstproduzierter Fiction nötig hat, sondern auch, weil «Think Big!» besseres verdient hat.

Für alle, die noch nicht wissen, worum es geht (und angesichts der mageren Quoten dürften das viele sein): «Think Big!» dreht sich um die 24-jährige Nicole Pütz (Hanna Plaß), die mit ihrer besten Freundin Ebru (Yasemin Cetinkaya) ein Nagelstudio eröffnen möchte. Doch dafür bräuchten sie einen Kredit – und die Banken weigern sich, den beiden jungen Frauen aus dem Brennpunkt Köln-Chorweiler eine Chance zu geben. Höhere berufliche Qualifikationen seien nötig – also lässt sich Nicole das Abitur fälschen und beginnt ein BWL-Studium.

Somit ist Nicole so ausgelastet wie nie zuvor in ihrem Leben: Sie muss ihre alten beruflichen Pflichten weiterhin erfüllen, will weiter ihre Freundschaft zu Ebru pflegen und muss durch Unterrichtsmaterial durchsteigen, das weit komplexer ist als alles, was sie zuvor büffelte. Hinzu kommen snobistische Kommilitoninnen und Kommilitonen, ein strenger Professor, Sozio-Kulturschocks und neue Freundschaften, die gepflegt werden wollen …

Es ist nicht schwer, sich eine grausige Version dieser Grundidee vorzustellen: Nicoles altes Umfeld rümpft unentwegt die Nase über ihren neuen Umgang, neu errungene Sprachschätze und ständiges Büffeln, Nicoles neues Umfeld macht sich ständig völlig überzogen über die "Ghettobraut" lustig. Und natürlich würde in dieser Version von «Think Big!» alles, was aus Chorweiler stammt, ununterbrochen in Fack Ju Göhte-Chantal-Deutsch sprechen, während das Uni-Volk einen gigantischen Stock im Hintern hat und näselnd Schachtelsätze von sich gibt. Und womöglich war es genau diese Schreckensvision, die viele Fernsehende davon abhielt, «Think Big!» eine Chance zu geben.

Was für ein Verlust, denn «Think Big!» ist eben nicht "Chantal gegen Amy Farrah Fowler", sondern eine sympathische, herzige deutsche Comedyserie. Selbstredend wird mit dem sozialen Gefälle Brennpunkt-Gewächs / BWL-Studierende gespielt. So staunt Nicole glücklich über die großen, günstigen Portionen in der Uni-Mensa und findet die Idee einer Free-Refill-Salatbar spannend, während ihre ökologisch achtsame Kommilitonin Johanna (Annina Euling) die Nase über die mangelnde Nachhaltigkeit und die niedrige Qualität des Mensa-Angebots rümpft und höhere Preise bevorzugen würde. Doch «Think Big!» vermeidet es, dramaturgisch-forcierte Keile zwischen die beiden Welten zu treiben, in denen sich Nicole bewegt, und setzt eher auf Wohlfühl-Inspiration, die mit amüsanter Quirligkeit dargeboten wird, als auf Klassenkampf-Missgunst.

So schafft es «Think Big!», beiläufig auf Differenzen hinzuweisen, ohne bestehende Graben nur noch weiter zu vergrößern. Dass Hanna Plaß als Nicole eine ungeheuerlich-charismatische Ausstrahlung aufweist, tut «Think Big!» natürlich besonders gut: Plaß spielt Nicole mit einer auffälligen Attitüde, wodurch sich erklärt, dass sie sich bei den pampigen BWLern nur schwer Freunde macht. Doch ihre freundlich-kecken Blicke und ihre sanft, statt aggressiv, zur Schau gestellte Straßenschläue machen Nicole gleichzeitig als Person glaubwürdig, die sich trotzdem zwischen den Reichensöhnchen und Jura-Aussteigerinnen zu behaupten und Sympathien zu angeln weiß.

Dass die Kostümabteilung Annina Euling wie ein wandelndes Streberinnen-Mauerblümchen-Klischee einkleidet, ist ein unnötig dick aufgetragenes Element, zumal Euling im Spiel nicht derart stark in die Stereotypen-Kerbe schlägt wie man beim Anblick ihrer Rolle erwarten würde und Plaß doch eine knallige, aber geschmackvolle Garderobe erhält. Dafür ist Yasemin Cetinkaya als Ebru pointiert-kernig als echtes Chorweiler-Original, ohne es zu übertreiben, und Milena Dreißig ist als gutmütig-leichtgläubige Chorweiler-Mutter ein unerwartetes, spaßiges Element fern üblicher Brennpunkt-Comedy-Klischees.

Mit diesem Figureninventar erzählt «Think Big!» zügige Geschichten, deren Lösung zwar vorhersehbar sind, aber die Strecke von A nach B ist den Autorinnen und Autorinnen dank flotter Sprüche, einer Prise überspitzter Situationskomik und einem willkommen-freundlichen Umgang mit den Hauptfiguren sehr kurzweilig gelungen. Hoffentlich findet «Think Big!» noch sein Publikum – denn es ist eine Serie, von der das deutsche Privatfernsehen noch viele Folgen verdient hätte.

«Think Big!» ist immer freitags ab 20.15 Uhr in Sat.1 in Doppelfolgen zu sehen.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
14.02.2020 · 16:07 Uhr
[0 Kommentare]
 
Diese Woche
17.02.2020(Heute)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News