Irak

Baerbock verspricht Jesiden nach Völkermord Aufbauhilfe

09. März 2023, 16:16 Uhr · Quelle: dpa
Außenministerin Annalena Baerbock besucht zentrale Schauplätze von Gräueltaten der Terrormiliz IS im Irak. Sie will auch ein Zeichen der Hoffnung senden.

Kudschu/Sindschar (dpa) - Najah Sedo kann ihre Tränen nicht bremsen. Fest umarmt die 32 Jahre alte Jesidin in der Schule des irakischen Dorfes Kutschu die deutsche Außenministerin. Annalena Baerbock steht mit ihr vor Schautafeln, auf denen der Horror sichtbar wird, den die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) 2014 in der Region Sindschar im Nordwesten des Iraks verbreitete. Dort hängt auch ein Foto von Sedos Mann Talaat, Jahrgang 1980 - zusammen mit Bildern Hunderter weiterer Opfer. Ermordet von den IS-Dschihadisten.

Baerbock besucht an diesem Donnerstag in der Region nahe der syrischen Grenze zentrale Schauplätze von IS-Gräueltaten. In einer aus Sicherheitsgründen zunächst geheim gehaltenen Aktion ist sie in einem besonders geschützten Konvoi unterwegs. Rechts von der Straße ist der Grenzzaun zu Syrien zum Greifen nah. Mehr als 5000 Angehörige der jesidischen Religionsgemeinschaft hatte der IS 2014 ermordet, als er die Region überrannte. Zehntausende wurden getötet, verschleppt und versklavt.

Kudschu: Massaker nach zwölf Tagen Belagerung

Am 15. August 2014 hatten IS-Kämpfer in Kudschu nach einer zwölf Tage langen Belagerung der Schule Männer, Jungen und älteren Frauen zusammengetrieben und ermordet. Jüngere Frauen und Mädchen wurden entführt und als Sklavinnen verkauft. Ein Großteil der Familien lebt immer noch in Flüchtlingslagern in der kurdischen Autonomieregion. Kudschu ist Heimatort der jesidischen Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad, die den Friedensnobelpreis bekam.

Najah Sedo erzählt, sie selbst sei sechs Monate lang von den Dschihadisten gefangen gehalten und dann verkauft worden. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern in einem Aufnahmeprogramm der baden-württembergischen Regierung in Stuttgart. Eine Psychotherapie soll ihr helfen. Doch die Erinnerungen lassen sie nicht los: Jede Nacht träume sie von Kudschu und den Verbrechen.

Baerbock: «Das Böse hat sein Gesicht gezeigt»

Baerbock verspricht den Jesiden im Irak erschüttert Unterstützung beim Wiederaufbau und der Verfolgung der Täter. «Kudschu ist einer dieser Orte, wo das Böse auf dieser Welt sein Gesicht gezeigt hat», sagt sie. «Wir können diese Väter und Mütter, diese Kinder nie wieder zurückholen. Aber wir können dafür sorgen, dass die Täter dieser brutalen Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden.»

Nachdem die internationale Gemeinschaft den Völkermord nicht habe verhindern können, habe sie eine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass dieser nicht über Generationen vererbt werde. Den Vertriebenen müsse wieder ein normaler Alltag ermöglicht werden. Kinder müssten zur Schule gehen können.

Baerbock legt in Kudschu weiße Rosen an einem neu errichteten Friedhof nieder. In der Region Sindschar hatte der IS 2014 mehr als 5000 Angehörige der jesidischen Religionsgemeinschaft ermordet. Zehntausende wurden getötet, verschleppt und versklavt. Die IS-Dschihadisten gelten zwar seit 2017 als militärisch besiegt, IS-Zellen verüben aber weiterhin Anschläge. Die Vereinten Nationen (UN) und der Bundestag haben die Verbrechen des IS als Völkermord verurteilt.

Baerbock will mit der Reise auch ein Zeichen zur Rückkehr von - nach Angaben der Bundesregierung - immer noch etwa 210 000 jesidischen Binnenvertriebenen im Irak in deren Heimatregion geben. In Deutschland lebt nach Angaben der Bundesregierung mit bis zu 200 000 Personen die größte jesidische Diaspora weltweit. Vor vier Jahren war Baerbock schon einmal in der autonomen Kurdenregion im Irak, noch als Grünen-Chefin. An eine Fahrt nach Sindschar war damals nicht zu denken - zu gefährlich.

Im Haus der Koexistenz

Vier Tage lang besucht Baerbock den Irak - der Besuch in Sindschar ist ein zentrales Element. Im «Haus der Koexistenz» im Dorf Snuny informiert sie sich über das schwierige Nebeneinander der Ethnien und Religionen. Die wenigen Schulen in der Region seien überfüllt, es gebe keine Kindergärten und keine Universitäten, berichten Mitarbeiterinnen. Unterstützung aus Deutschland wäre hilfreich.

Bedrückende Zahlen über die Opfer der IS-Terroristen werden genannt. 90 Massengräber seien bisher gefunden worden, 29 habe man schon exhumiert. Mehr als 2700 Kinder seien zu Waisen geworden. 120.000 Jesiden aus der Region seien ins Ausland geflüchtet, mehr als 6400 entführt worden - noch immer würden fast 2700 vermisst.

In Sindschar lässt sich Baerbock die schwer zerstörte Innenstadt des Regionalzentrums zeigen. Helfer erklären ihr die Arbeit. Junge Frauen, die nach dem Abzug des IS in ihre Heimatstadt zurückgekommen sind, berichten von der Aufklärungsarbeit in Schulen. Gerade Kinder seien von Minen und Munitionsresten besonders bedroht. Drei ältere Einheimische bedanken sich: «Deutschland ist gekommen, viele andere Länder sind nicht gekommen.»

Politik / Bundesregierung / Diplomatie / International / Annalena Baerbock / Jesiden / Deutschland / Irak
09.03.2023 · 16:16 Uhr
[8 Kommentare]
Chipfabrik
Brüssel (dpa) - Deutschland darf den Aufbau von zwei Chipfabriken mit staatlichen Beihilfen in Höhe von 623 Millionen Euro unterstützen. Die EU-Kommission genehmigte das Vorhaben für die Projekte in Dresden und Erfurt, wie die Brüsseler Behörde mitteilte. Das Unternehmen GlobalFoundries soll von Hilfen in Höhe von 495 Millionen Euro für die Erweiterung seines Standorts in Dresden profitieren. Dort […] (00)
vor 1 Minute
Jamie Lee Curtis
(BANG) - Jamie Lee Curtis wird über die Weihnachtszeit eine Pause von den sozialen Medien einlegen. Die 67-jährige Schauspielerin verriet, dass sie während der Festtage eine "lange" digitale Auszeit von Instagram und Co. nehmen wird. Jamie freut sich darauf, Zeit offline zu verbringen. Bei der Premiere ihres neuen Films 'Ella McCay' erklärte sie gegenüber 'E! News': "Ich werde gleich eine richtig […] (00)
vor 2 Stunden
Ermittlungen gegen ehemalige RBB-Intendantin
Berlin (dpa) - Nach langen Ermittlungen hat die Generalstaatsanwaltschaft Berlin Anklage gegen die frühere Intendantin des RBB, Patricia Schlesinger, und drei weitere ehemalige leitende Mitarbeiter erhoben. Die Behörde wirft ihnen im Zusammenhang mit dem RBB-Skandal unter anderem Untreue vor, hieß es in einer Mitteilung. Schlesinger (64) weist die Vorwürfe zurück. «Frau Schlesinger hat alle ihre Entscheidungen als Intendantin ausschließlich an […] (00)
vor 6 Minuten
Skyrim auf der Switch 2: Ein Drachenblut mit massiven Reaktionsstörungen
Es wirkt beinahe wie ein ungeschriebenes Gesetz der Videospielindustrie: Wo immer ein Bildschirm existiert, wird Bethesda einen Weg finden, The Elder Scrolls V: Skyrim darauf zu veröffentlichen. Völlig überraschend hat das Kult-Studio nun die Anniversary Edition für Nintendos frischgebackene Switch 2 auf den Markt geworfen. Doch was eigentlich ein Grund zur Freude für alle Dovahkiin sein sollte, […] (00)
vor 45 Minuten
Corinna Mehner wird Gesch?ftsf?hrerin der STUDIO ALBA PRODUCTIONS
Gemeinsam mit Michael Lehmann soll sie das Family-Entertainment-Label der Studio Hamburg Production Group strategisch und kreativ ausrichten. Corinna Mehner?bernimmt mit sofortiger Wirkung die Gesch?ftsf?hrung der neu gegr?ndeten STUDIO ALBA PRODUCTIONS, dem Family-Entertainment-Unternehmen der STUDIO HAMBURG PRODUCTION GROUP mit Standorten in M?nchen und Hamburg. Gemeinsam mit Michael Lehmann wird sie die kreative und strategische Leitung des […] (00)
vor 1 Stunde
Deutschland - Brasilien
Dortmund (dpa) - Im WM-Teamhotel der deutschen Handballerinnen breitet sich Weihnachtsstimmung aus. Schon im Foyer der Vier-Sterne-Herberge in Rotterdam sorgen riesige, festlich dekorierte Tannen für eine besinnliche Atmosphäre. Auf dem Wunschzettel des DHB-Teams steht in diesem Jahr vor allem eine Geschenkidee ganz oben: Eine Kette am liebsten mit einem goldenen Anhänger. Aber auch Silber oder […] (01)
vor 27 Minuten
Powells Abschied und Hassetts Aufstieg prägen die Zukunft der Geldpolitik
Die Zinssenkung wirkt routiniert, das Signal dahinter nicht Die Federal Reserve hat den Leitzins erneut um 25 Basispunkte gesenkt und die Spanne auf 3,5 bis 3,75 Prozent verschoben. Auf den ersten Blick ist das die erwartbare Fortsetzung eines vorsichtigen Lockerungskurses. Doch die Entscheidung trägt ein ungewöhnliches Merkmal: drei Gegenstimmen, die in entgegengesetzte Richtungen ausschlagen. […] (00)
vor 45 Minuten
Spezialisierung schlägt Größe: Insiders Technologies veröffentlicht neuen LLM-Benchmark
Kaiserslautern, 11.12.2025 (PresseBox) - Insiders Technologies, technologisch führender Anbieter von Software für Intelligent Automation (IA), kann in der neuesten, vierten Ausgabe seines LLM Benchmarks einen deutlichen Qualitätssprung des eigenen OvAItion Private LLM verzeichnen. Das Modell verbessert sich trotz verdoppeltem Datenumfang und erheblich komplexerer Dokumente um mehr als zwei […] (00)
vor 1 Stunde
 
Kinder in einer Schule (Archiv)
Wiesbaden - Die Bildungsausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden sind im Jahr 2024 auf rund 198 […] (01)
Euroscheine (Archiv)
Köln - Trotz der Wirtschaftsschwäche haben die Deutschen zuletzt wieder mehr für gute Zwecke […] (01)
Bäckerei (Archiv)
Berlin - Mehrere Branchen wollen die ab 1. Januar 2026 geplante Aktivrente offensiv einführen. […] (00)
Öl-Pipeline in Brandenburg defekt
Gramzow (dpa) - Nach dem Auslaufen großer Mengen Rohöl aus einem Leck an einer Pipeline im […] (00)
US-Präsident Trump
Washington (dpa) - Für den Betrag von einer Million US-Dollar (rund 855.000 Euro) können sich […] (01)
«The Lincoln Lawyer»: Netflix nennt Starttermin für Staffel vier
Mickey Haller kehrt am 5. Februar 2026 zurück und muss diesmal seine eigene Unschuld vor Gericht beweisen. […] (00)
Borussia Dortmund - FK Bodö/Glimt
Dortmund (dpa) - Nach dem enttäuschenden 2: 2 (1: 1) statt eines Champions-League-Pflichtsiegs […] (02)
Mechabellum Season 6 angekündigt: Dreamhaven und Game River ziehen den Vorhang auf
Heute haben Dreamhaven und Entwickler Game River Mechabellum Season 6: Rift and Technologies […] (00)
 
 
Suchbegriff