«Auerhaus» - Anspruchsvolles Jugendkino mit Herz

Was tun, wenn dein Kumpel versucht hat, sich umzubringen? Diese Frage wirft Neele Leana Vollmar in der Romanverfilmung Auerhaus auf und dringt dabei ganz tief in die emotionalen Gefilde ihrer jugendlichen Protagonisten vor.

Suizide werden in den Nachrichtenmedien aufgrund des sogenannten „Werther-Effekts“ (die Beobachtung, dass Berichte über Selbstmorde die Suizidrate der Bevölkerung beeinflussen können) nur in seltenen Fällen thematisiert. In Film und Fernsehen verhält es sich da bislang (noch) ein wenig anders, wenngleich es in Extremfällen wie etwa der erfolgreichen Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht immer mal wieder zu Streitfällen ob der plastischen Darstellung kommt. Interessant: Geht es in belletristischen oder fiktionalen Werken in der darum, dass sich eine Figur das Leben nimmt, folgt dieser radikale Schritt zumeist als direkte Konsequenz auf eine tiefsitzende Depression; ein Umstand, der ganz einfach den Beobachtungen der Realität geschuldet ist, in denen Betroffene in letzter Instanz keinen anderen Ausweg aus ihrer emotionalen Krankheitssituation sehen als sich das Leben zu nehmen. Gleichzeitig berichten Angehörige von Betroffenen häufig davon, dass vor dem endgültigen Schritt zumeist eine Art der Hochphase steht, in der die Patienten ihr Vorhaben derart verinnerlicht haben, dass sie reulos mit dem Leben abschließen.

Genau dieser Phase nahm sich der Berliner Autor in seinem Roman Auerhaus an, in dem er von einer jugendlichen Wohngemeinschaft erzählt, in deren Mitte ein nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie aufgenommener junger Mann steht, für den nach diesem Aufenthalt nun alles besser werden soll. Regisseurin Neele Leana Vollmar (Rico, Oskar und die Tieferschatten) hat den hochgelobten Bestseller nun ebenso kongenial verfilmt wie es der nicht minder großartigen Vorlage gebührt.

Eine außergewöhnliche WG

Vier Freunde und ein Versprechen: Ihr Leben soll nicht langweilig werden. Darum beschließen Höppner (Damian Hardung), Frieder (Max von der Groeben), Vera (Luna Wedler) und Cäcilia (Devrim Lingnau) einfach mal alles anders zu machen, als man es in der Provinz sonst so macht: Sie ziehen gemeinsam ins Auerhaus und gründen, unter den missbilligenden Blicken der Dorfbewohner, eine WG. Um den Moment zu feiern, alle Regeln zu brechen – und vor allem, um ihren Kumpel Frieder vor sich selbst zu retten. Denn der ist sich nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll. Doch wie lange können die Mauern des Auerhauses den Zauber dieser Gemeinschaft beschützen?

Wenn Protagonist Höppner gleich zu Beginn des Films aus dem Off von den Gepflogenheiten der Dorfjugend spricht – in seinem Kaff gibt es exakt eine Pizzeria und ein Eiscafé, wo sich er und bevorzugt seine Freundin den Tag um die Ohren schlagen – dann beginnt Auerhaus wie eine von zahlreichen Provinzgeschichten, an deren Ende immer entweder die Erkenntnis steht, dass es nirgendwo schöner ist als in der Heimat, oder dass man erst außerhalb so richtig erwachsen wird. Doch dieser Schein trügt: Das Skript von Vollmar und Lars Hubrich (Tschick) hat die Umgebung, in der sich die Ereignisse von Auerhaus abspielen, nur marginal im Blick; letztlich könnte die Geschichte auch überall sonst ablaufen, denn im Fokus stehen hier einzig und allein die Charaktere. Treffen diese in Auerhaus erst einmal allesamt aufeinander, umgehen die Macher direkt das nächste Klischee: Wenngleich sich Höppner, Frieder, Vera und Cäcilia gut und gern auch auf ihre zu Beginn ins Zentrum gerückten Spleens beschränken ließen und jeder von ihnen – ganz klassisch – sein Päckchen zu tragen hat, geht es in der Geschichte nie darum, einfach nur einen Haufen gegensätzlicher Figuren aufeinander prallen zu lassen.

Die Eigenheiten der Teens rücken sogar irgendwann komplett in den Hintergrund, stattdessen geht es darum, eine Realität aufzubauen, die unter den gegebenen Umständen eigentlich nicht möglich ist. Auerhaus ist, auch aufgrund einer im Ansatz ähnlichen Thematik rund um psychische Erkrankungen, so etwas wie die Antithese zur am Anfang des Jahres erschienenen Komödie Die Goldfische; hier ist alles düsterer, ernster und lässt sich eben nicht einfach so mit Optimismus und Selbstbewusstsein weglächeln. Das macht Höppners Voice-Over auch schon zu Beginn des Films deutlich, wenn nach nicht einmal fünf Minuten der Satz fällt, dass Frieder sich umgebracht hat – und die Geschichte dadurch eine einzige große Rückblende ist.

Kein Drama nach Schema F

Als Zuschauer weiß man also von Anfang an, dass diese Erzählung nicht gut ausgehen wird. Doch für Neele Leana Vollmar ist das kein Grund, in erzählerische Tristesse zu verfallen (nicht zu verwechseln mit der willkürlichen Platzierung von eine heitere Stimmung vorgaukelnden Gags). Mit Auerhaus gelingen ihr und ihrem Co-Autor der schwierige Spagat, hoffnungsvoll von einem hoffnungslosen Schicksal zu erzählen; insbesondere die durchgehend eher düstere (manchmal vielleicht sogar etwas zu dominant als Taktvorgeber auftretende) Bildsprache verankert ihre Geschichte in einer Realität, in der sich die jungen Leute aufrichtige Mühe geben, sich um ihren depressiven Freund zu kümmern, ihm zu helfen, dabei aber auch immer wieder zu verzweifeln und die kleinen Erfolge realistisch hinterfragen, ohne sie nicht trotzdem zu würdigen. Die Interaktion der Jungdarsteller lebt von der auf das sukzessive Abflauen der Skepsis aufbauenden Intimität, die sich nach und nach durch das gemeinsame Wohnen einstellt.

Die authentischen Dialoge und das lebensechte Spiel der Miminnen und Mimen trägt seinen Teil dazu bei, um die Atmosphäre im Auerhaus (übrigens erwartungsgemäß abgeleitet vom Discoklassiker „Our House“ von Madness) auch an das Publikum heranzutragen. Dieses erlebt mit dem Film keine auf Pointe geschriebenen Gags, keine reißerischen Dramen oder Katastrophen, sondern einen Einblick in das mitunter fast dokumentarisch anmutende Leben von vier Heranwachsenden.

Mit ihrem nahezu vollständigen Verzicht auf dramatische Zuspitzungen oder anderweitig reißerische Plotentwicklungen geht Neele Leana Vollmar ein dem Grundton des Buches geschuldetes Wagnis ein, das für den ein oder anderen Zuschauer sicherlich ungewohnt sein wird; Auerhaus ist keine nach Schema F ablaufende Tragikomödie, sondern ein Film, der sich bisweilen gar der typischen Drei-Akt-Struktur entsagt. Lediglich gen Ende spendieren die Macher ihrem Publikum ein klassisches Ende mit vorangegangener Eskalation; doch wer zu Beginn gut aufpasst – sowohl beim Schauen des Films als auch beim Lesen dieser Kritik – denn wird der Ausgang des Films kaum überraschen, sondern einfach nur in seiner ganzen Konsequenz beeindrucken. Das tun ganz nebenbei auch die Darsteller, deren Spiel und Charakterentwicklungen sich nicht der Story unterwerfen. Stattdessen werden die vier Protagonisten von den Ereignissen im Auerhaus geformt. Das macht ihr Verhalten nicht immer nachvollziehbar, erweist sich aber – gerade für Figuren in der hier porträtierten Altersklasse – als glaubhaft sprunghaft.

Insbesondere Luna Wedler (Das schönste Mädchen der Welt) als zunächst bis über beide Ohren verliebte, später jedoch aus der Enge einer Beziehung fliehende Vera bekommt hier die Möglichkeit, sich nach Dem Horizont so nah in einer darstellerisch noch deutlich reiferen Rolle zu beweisen, während Fack ju Göhte-Star Max von der Groeben und Club der roten Bänder-Gesicht Damian Hardung sich in ihrem aus gegenseitiger Skepsis und versuchter Rücksichtnahme geprägten Zusammenspiel den darstellerischen Kern von Auerhaus bilden. Nie fühlte sich eine Freundschaft echter an, obwohl dieses Wort nicht einmal im Film fällt.

Fazit

Eine Geschichte über den Tod und das Leben damit: Neele Leana Vollmar beweist ein weiteres Mal ihr erzählerisches Fingerspitzengefühl beim Porträtieren junger Menschen, ihrer Ängste, Sehnsüchte und Träume. Ihre Tragikomödie Auerhaus ist der Beweis, dass das Leben auch ohne dramatische Zuspitzungen jederzeit erzählenswert ist.

Auerhaus ist ab dem 5. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen.
Kino / Die Kino-Kritiker
03.12.2019 · 12:00 Uhr
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