Anzeichen für Kinderhandel in Haiti mehren sich

22. Januar 2010, 18:22 Uhr · Quelle: dpa
Port-au-Prince/Genf/Rom (dpa) - Während die Hilfe für Millionen Bedürftige nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti auf Touren kommt, mehren sich Anzeichen für illegalen Kinderhandel. Im Erdbebengebiet seien 15 Kinder nach Informationen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF aus Krankenhäusern «verschwunden».

Bei Familienmitgliedern seien sie nicht, sagte Sprecher Jean Luc Legrand am Freitag in Genf. Er hatte vor einer Lockerung der Adoptionsregeln gewarnt; Menschenhändler würden die Lage nach Naturkatastrophen oft für ihre Zwecke ausnutzen.

Unterdessen begannen Hilfsorganisationen, in einer großangelegten Aktion Nahrung zu verteilen. Dabei gab es in einigen Fällen Gewalt. Ein erneutes Nachbeben der Stärke 4,4 sorgte zudem für Unruhe wie Gerüchte über eine Umsiedlungsaktion von Hunderttausenden Haitianern.

Die Spendenbereitschaft der Menschen weltweit wird mit teils spektakulären Aktionen von Stars unterstützt. Stars aus Film, Musik und Fernsehen - darunter Hollywood-Schauspieler wie Meryl Streep, Nicole Kidman, Brad Pitt, Clint Eastwood und Tom Hanks - wollten in der Nacht zum Samstag bei einer US-Fernsehshow Spenden sammeln. In Deutschland wurden bisher 86 Millionen Euro gespendet - deutlich geringer als bei der Tsunami-Katastrophe in Asien vor vier Jahren. Dies ergab eine Umfrage des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) bei 50 Hilfswerken und Spendenportalen.

Präsident räumt Mängel ein

Präsident René Préval gab Mängel bei der Organisation der Opferhilfe zu. Kritik kam auch vom Medizinjournal «The Lancet»: Die Lage vor Ort sei chaotisch, zerstörerisch und unkoordiniert. «Die Hilfe kam spontan aus vielen Staaten. Ich gebe zu, dass es einen generellen Mangel an Koordination gab», sagte Préval der spanischen Zeitung «El País» (Freitagsausgabe). In Genf meinte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), zur Haiti-Hilfe: «Sie mag einigen langsam vorkommen, doch wir haben Lektionen gelernt.» Die Lage bessere sich aber, alles bewege sich in die richtige Richtung.

«Unmoralisches Spiel»

«The Lancet» kritisierte bei der Haiti-Hilfe ein «gefährliches und unmoralisches Spiel», bei dem so manche Politiker, Organisationen und Unternehmen aus Eigeninteresse handelten. Es sei skandalös, dass es eines Erdbebens bedurfte, um die schon zuvor unmenschlichen Bedingungen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu hebeln.

Mit dem Schicksal von Kindern befassten sich auch die 27 EU- Staaten. Sie wollen bei Adoptionen von Waisenkindern aus dem Erdbebengebiet in Haiti gemeinsam vorgehen. «Wir denken über eine europäische Lösung nach», sagte der zuständige EU-Kommissar Jacques Barrot im spanischen Toledo. Die europäischen Justizminister hätten sich bei ihren Treffen darauf verständigt, in dieser Sache mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) zusammenzuarbeiten.

Es habe über Netzwerke von Kinderhändlern geklagt, die illegal Kinder aus Haiti verschleppten und auf den «Adoptionsmarkt» brächten. Dubiose Geschäftemacher haben in Braunschweig versucht, die Not der Angehörigen von haitianischen Erdbebenopfern auszunutzen. Die Staatsanwaltschaft hat deswegen inzwischen Vorermittlungen aufgenommen, sagte ein Justizsprecher am Freitag.

SOS-Kinderdörfer will Kinder und Eltern zusammenbringen

Auch die Organisation SOS-Kinderdörfer will sich um die Kleinsten und Schutzlosesten des Jahrhundertbebens kümmern. Tausende Kinder irrten allein durch die Trümmer, hieß es. Die Organisation will wenigstens einem Teil der Kinder helfen, ihre Eltern wiederzufinden. Bis zu 200 Kinder könnten vorübergehend in dem unversehrten Kinderdorf Santo südlich von Port-au-Prince in Zelten untergebracht werden, sagte der SOS-Koordinator in Haiti, Georg Willeit.

Unterdessen setzte eine Debatte über den Wiederaufbau im ärmsten Land des amerikanischen Kontinents ein. Die USA lehnten die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Haiti ab. Nach Ansicht des UN- Sondergesandten Bill Clinton sind für den Wiederaufbau in Haiti vor allem Jobs notwendig. «Die USA haben mit solchen Programmen große Erfahrung in Nahost und in Afghanistan», sagte der frühere US- Präsident am Donnerstag bei den Vereinten Nationen in New York. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon betonte, die ganze Welt stehe hinter Haiti und helfe beim Aufbau. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, forderte für Haiti Wiederaufbauhilfen nach dem Vorbild des Marshall-Plans.

Bei der Essensabgabe setzen sich die Stärkeren durch

Große Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz betonten, in Haiti komme Unterstützung nun an. Die Verteilung der Hilfsgüter war aber weiter schwierig. Als die Deutsche Welthungerhilfe Bohnen, Reis und Salz an Bedürftige verteilte, endete dies im Tumult, bei dem junge Männer Frauen und Kinder abdrängten und Hilfsgüter raubten. «Wir wussten, dass es schwierig sein würde, Lebensmittel zu verteilen», sagte der Welthungerhilfe-Chef in Haiti, Michael Kühn.

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen hat seit dem schweren Erdbeben auf Haiti 1,5 Millionen Nahrungsmittelrationen an die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten verteilen können. Dies entspreche etwa vier Millionen Mahlzeiten für eine Million Menschen, wie die in Rom ansässige UN-Organisation am Freitag mitteilte.

Beim Wiederaufbau des erdbebenzerstörten Haitis muss nach Ansicht der Vereinten Nationen stark auf eine stabilere, sicherere Bauweise geachtet werden. «Haiti hatte keine Chance und hätte auch nicht auf ein Desaster dieses Ausmaßes vorbereitet sein können», schrieb die für Katastrophenbegrenzungen zuständige UN-Behörde UNISDR in Genf.

Erdbeben / Haiti
22.01.2010 · 18:22 Uhr
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