Analyse: Wie Merkel die Flüchtlingszahlen senken will

19. Januar 2016, 16:30 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Der zentrale Satz der Kanzlerin zur Flüchtlingskrise ist inzwischen viereinhalb Monate alt. Ende August sagte Angela Merkel zum ersten Mal: «Wir schaffen das.»

Ihr Satz gilt noch immer. Aber inzwischen haben viele im In- und Ausland größere Zweifel, ob das Deutschland tatsächlich gelingt. Die Flüchtlingspolitik ist zu einer Frage geworden, die über Merkels Kanzlerschaft entscheiden kann. Die CDU-Chefin ist sich dessen bewusst. Längst wird die Asylpolitik im Kanzleramt koordiniert. Ein Überblick, was Merkel national und international alles unternimmt - oder zumindest versucht, um die Flüchtlingszahlen nach unten zu bringen:

HILFEN FÜR DIE TÜRKEI:

Von den geschätzt etwa 1,5 Millionen Menschen, die vergangenes Jahr illegal in die EU gelangten, kamen die meisten über die Türkei. Deshalb schlossen EU und Türkei unter wesentlicher Mitwirkung der Kanzlerin Ende November einen Pakt: Die Europäer kommen dem Beitrittskandidaten politisch und finanziell entgegen. Im Gegenzug verspricht die Türkei, ihre See- und Landgrenzen strenger zu sichern.

Die Zwischenbilanz nach anderthalb Monaten: Tatsächlich kommen nun pro Tag nur noch etwa 2000 Flüchtlinge über die Ägäis - was gewiss aber auch daran liegt, dass jetzt Winter ist. Die EU streitet derweil immer noch darüber, wer von den versprochenen drei Milliarden Euro welchen Anteil übernehmen muss. Am Freitag kommt Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erstmals zu Regierungskonsultationen nach Berlin.

HOTSPOTS:

Die Idee ist einfach: Wer über das Mittelmeer nach Europa übersetzt, wird in Aufnahme-Einrichtungen (Hotspots) in Griechenland oder Italien registriert und dann in andere EU-Länder verteilt. Nur: Von elf geplanten Hotspots sind erst drei in Betrieb. EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos sagt nun zwar zu, dass alle Hotspots in spätestens vier Wochen voll einsatzbereit sein sollen. Allerdings zerstreut er auch Hoffnungen auf eine schnelle Senkung der Flüchtlingszahlen. Im Gegenteil: Er sei in Sorge, dass «in den nächsten Monaten die Zahlen noch höher sein werden».

FLÜCHTLINGSVERTEILUNG:

Auch der Beschluss, 160 000 Flüchtlinge innerhalb der EU umzusiedeln, ist noch nicht einmal im Ansatz umgesetzt. Nach Angaben der EU-Kommission wurden erst 322 Flüchtlinge in andere Länder gebracht.

KONTROLLE DER AUSSENGRENZEN:

Deutschland gehört zu den Ländern, die dafür eintreten, dass die Grenzschutzagentur Frontex zu einer europäischen Küsten- und Grenzschutzbehörde ausgebaut wird, die diesen Namen tatsächlich verdient. Dazu soll das Personal von zuletzt 400 auf 1000 aufgestockt werden. Zusätzlich sollen bei Bedarf mindestens 1500 Grenzbeamte aus den Mitgliedstaaten schnell zur Verfügung stehen. Da es bei der Sicherung der Außengrenzen hakt, setzen derzeit immer mehr EU-Staaten darauf, die Probleme mit Kontrollen an der eigenen Grenze auf eigene Faust anzugehen. Führende Politiker in Europa sehen daher das gesamte Schengen-System - also das freie Reisen in der EU - in Gefahr.

HILFE VOR ORT:

Ein anderer Kernsatz der Kanzlerin seit Beginn der Flüchtlingskrise lautet: «Wir müssen die Fluchtursachen besser bekämpfen.» Deshalb bemüht sich Deutschland verstärkt um politische Lösungen für die verschiedenen Krisen. Auch die Entwicklungshilfe wurde aufgestockt. Nur: Allen ist klar, dass das keine schnelle Hilfe verspricht. Bis die Zahlen tatsächlich zurückgehen, wenn überhaupt, wird es dauern. 

VERSCHÄRFUNG DES ASYLRECHTS:

In Deutschland hat Merkels Koalition in den vergangenen Monaten quasi im Akkord Verschärfungen im Asylrecht auf den Weg gebracht - auch um das Signal zu senden, dass sich ein Asylantrag für bestimmte Gruppen nicht lohnt. Unter anderem wurden sechs Balkan-Länder als «sichere Herkunftsstaaten» eingestuft, um Asylbewerber von dort schneller heimzuschicken. Zahlreiche weitere Restriktionen sind in Arbeit.

Allerdings lässt sich nicht alles per Gesetz regeln. Die Flüchtlingszahlen sind derzeit zwar etwas geringer, was im Winter allerdings nicht überrascht. Inzwischen kommen auch weniger Menschen vom Balkan, dafür aber mehr Menschen aus Nordafrika, die ebenfalls nur selten Anspruch auf Asyl haben. Und: Abschiebungen scheitern oft an praktischen Problemen - etwa daran, dass Herkunftsländer sich weigern, abgelehnte Asylbewerber wieder aufzunehmen.

PERSONAL FÜR ASYLVERFAHREN:

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das alle Asylanträge bearbeitet, bekommt deutlich mehr Personal, um die Asylverfahren zu beschleunigen und den Berg von unerledigten Anträgen abzutragen. Ende 2016 soll das BAMF 7300 Mitarbeiter haben - doppelt so viele wie derzeit. Die etwa 365 000 unerledigten Anträge sollen spätestens im dritten Quartal abgearbeitet sein. So lautet zumindest der Plan. Denn neue Mitarbeiter, insbesondere die wichtigen «Entscheider» für Asylverfahren, müssen erst geschult werden. Und das braucht Zeit.

Migration / Parteien / Flüchtlinge / EU / CSU / Klausuren / Deutschland
19.01.2016 · 16:30 Uhr
[11 Kommentare]
Senioren
Berlin (dpa) - Um 13.21 ist es vollbracht. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow hat die Kanzlermehrheit für das umstrittene Rentengesetz der Regierung verkündet und erlaubt sich die Bemerkung: «Ich denke, Sie haben die Steine, die von manchen Herzen geplumpst sind, gehört.» Schwarz und Rot haben den umstrittensten Teil ihrer Rentenreform aus eigener Kraft durchs Parlament gebracht. Fernsehsender […] (08)
vor 17 Minuten
Afrikas werden zu Kohlenstoffschleudern: Wie ein ganzer Kontinent seine CO₂-Bilanz verändert
Afrikas Wälder befinden sich an einem kritischen Wendepunkt. Jahrzehntelang galten sie als zuverlässige Kohlenstoffsenken: dichte Regenwälder, weitläufige Feuchtgebiete und ausgedehnte Baumflächen entzogen der Atmosphäre CO₂ und banden den Kohlenstoff in Holz, Laub und Böden. Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass sich dieses Bild verändert. Satellitendaten, verstärkte Feldbeobachtungen und […] (00)
vor 54 Minuten
Netflix übernimmt Warner Bros.
Los Angeles (dpa) - Beben in Hollywood: Der Streaming-Riese Netflix setzt zur Übernahme des Hollywood-Urgesteins Warner Brothers an. Netflix will sich mit dem Dutzende Milliarden Dollar schweren Deal unter anderem Batman, Superman und Harry Potter ins Haus holen - und bekommt zugleich den Streamingdienst HBO Max mit Serien wie «Game of Thrones» und «Die Sopranos». Für den Abschluss der Übernahme […] (00)
vor 2 Stunden
Großes Ghost of Yōtei-Update überrascht PS5-Spieler – Patch 1.101 behebt nervige Fehler
Ghost of Yōtei hat erst vor kurzer Zeit sein bislang größtes Update erhalten, inklusive New Game Plus, neuen Belohnungen und frischen Gründen, erneut auf die verschneiten Berghänge zurückzukehren. Doch der Patch brachte auch einige neue Probleme mit sich, die Spieler schnell bemerkten. Jetzt hat Sucker Punch reagiert und ein weiteres Update veröffentlicht, das gezielt die Fehler beseitigt, die […] (00)
vor 1 Stunde
Kirsten Dunst
(BANG) - Kirsten Dunst ist seit der Geburt ihrer Kinder eine "furchtlosere" Künstlerin geworden. Die 43-jährige Schauspielerin hat die Söhne Ennis (7) und James (4) mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Jesse Plemons. Seit sie Mutter ist, gibt sie ihren Rollen laut eigener Aussage "so viel mehr". Während einer 'In Conversation'-Veranstaltung beim Red Sea International Film Festival in Saudi-Arabien […] (00)
vor 1 Stunde
Vor dem Großen Preis von Abu Dhabi
Abu Dhabi (dpa) - Zak Brown wollte von einer Teamorder-Kehrtwende lange nichts wissen. 23 Grand Prix und über 260 Tage dieser Formel-1-Saison betonte der Geschäftsführer von McLaren, keinen der beiden Fahrer durch eine Stallregie bevorzugen zu wollen, um damit die Titelchancen zu erhöhen. Vor dem Finale und einem drohenden Fahrertitel-Totalschaden gegen Max Verstappen sagte Brown aber auf einmal: «Wir […] (00)
vor 3 Stunden
Deutschlands Lithium-Wette: Kommt jetzt die Rohstoff-Revolution?
Deutschland bezieht nahezu sein gesamtes Lithium aus dem Ausland – ein strategisches Risiko in einer Welt, in der Batterien zum Rückgrat der Industrie werden. Nun soll sich das ändern: Das australische Unternehmen Vulcan Energy hat die Finanzierung für ein Milliardenprojekt abgeschlossen, das den Abbau des Schlüsselrohstoffs im Oberrheingraben ermöglichen soll. Für die Bundesregierung ist es ein […] (00)
vor 38 Minuten
Opfer eines Datenlecks wie bei OpenAI?
Lahr, 05.12.2025 (lifePR) - Beim Webanalyse-Dienstleister Mixpanel sind im November 2025 Daten von Nutzern der OpenAI-API-Plattform abgeflossen. Nach einem Bericht von heise online vom 27. November 2025 und einer Mitteilung von OpenAI vom 26. November 2025 wurden „begrenzte Analysedaten“ aus den Systemen von Mixpanel entwendet, darunter Namen, E-Mail-Adressen und Standortdaten von API-Nutzern. […] (00)
vor 1 Stunde
 
Anzeigetafel in der Frankfurter Börse
Frankfurt/Main - Der Dax ist am Freitagmorgen positiv in den Handelstag gestartet. Gegen 9: 30 […] (00)
Autoproduktion (Archiv)
Wiesbaden - Der preisbereinigte Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe ist nach vorläufigen […] (00)
US-Sondergesandter Witkoff trifft Putin
Moskau (dpa) - Russland reagiert mit Spott auf das laut Medien in einer vertraulichen […] (19)
US-Präsident Trump empfängt Bundeskanzler Merz
Washington/Brüssel (dpa) - Mit einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie brandmarkt US- […] (10)
Photo: Avalon
(BANG) - Justin Baren, dessen Band The Redwalls einst als Support für Oasis auftrat, ist im […] (00)
WM-Auslosung
Washington (dpa) - Der Blick auf die Wetterkarte für Washington sollte Julian Nagelsmann […] (04)
Warum Bitcoin im November massiv einbrach
Die Marktlogik kippt in Richtung Tech-Risiko Der erste Bruch liegt im Verhalten des Bitcoin […] (00)
Elon Musks Online-Plattform X
Brüssel (dpa) - Die EU verhängt gegen Elon Musks Online-Plattform X wegen Transparenzmängeln […] (00)
 
 
Suchbegriff