Analyse: Selbstmordattentäter in Istanbul

12. Januar 2016, 17:09 Uhr · Quelle: dpa

Istanbul (dpa) - Es ist traumhaftes Wetter am Dienstag in Istanbul, strahlend blauer Himmel, Temperaturen bis zu 18 Grad. Perfektes Wetter für Touristen, um durch die Altstadt in Sultanahmet zu schlendern.

Das Viertel ist Weltkulturerbe, hier liegen die Hagia Sophia und die Blaue Moschee, Pflichtprogramm für Türkei-Besucher. Doch um 10.15 Uhr zerreißt eine Explosion die Idylle, sie ist so heftig, dass sie kilometerweit zu hören ist. Ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft - inmitten von deutschen Urlaubern.

Fast auf den Tag genau zwei Monate nach der Terrorserie von Paris wird wieder eine europäische Metropole von Gewalt erschüttert. Die türkische Regierung macht auch für den Anschlag von Istanbul die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich. In Paris waren zwei der 130 Toten Deutsche. In Istanbul trifft es fast nur Bundesbürger: Neun der zehn Todesopfer sind aus Deutschland, die meisten der Verletzten ebenfalls. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu ruft bei Bundeskanzlerin Angela Merkel an, um ihr persönlich zu kondolieren.

Die Verletzten werden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Zwei von ihnen werden am Nachmittag wieder entlassen. Krankenhausmitarbeiter geleiten einen älteren Mann und eine Frau mit rötlichen Haaren durch die Wartenden. Der Mann legt seinen Arm schützend um die Schultern der Frau. Sie wirkt völlig verstört und schirmt ihr Gesicht mit einer Handtasche ab, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen. «Sie stehen unter Schock und haben Angst», sagt ein Krankenhausmitarbeiter. «Die Frau weint ständig.»

Mit voller Wucht hat der Terror am Dienstag Istanbul erreicht, die größte Stadt der Türkei. In anderen Landesteilen eskaliert die Gewalt schon seit Monaten, was im Schatten des Bürgerkrieges im benachbarten Syrien erstaunlich wenig Beachtung in Europa gefunden hat.

Auch in Teilen der Südosttürkei herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Dort geht die Armee mit Kampfpanzern gegen Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor, die sich in Städten verschanzt haben. Zwar hat die PKK gedroht, den Konflikt in die Westtürkei zu tragen. Die Organisation greift aber keine westlichen Ziele an. Sie ist darum bemüht, sich mit der EU gut zu stellen, um dort von der Terrorliste genommen zu werden.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für den Anschlag von Istanbul verantwortlich. Vor ziemlich genau einem Jahr griff eine dem IS zugerechnete Selbstmordattentäterin eine Wache der Touristenpolizei in Sultanahmet an, sie riss einen türkischen Polizisten mit in den Tod. Seit Juni wurden drei schwere Anschläge in der Türkei verübt, die alle dem IS zugeschrieben werden, der sich allerdings nie dazu bekannt hat.

Einer davon war der Anschlag in der Hauptstadt Ankara im Oktober - der blutigste in der Geschichte der türkischen Republik, mehr als hundert Menschen starben. Erst vor wenigen Tagen wurde einer der beiden Selbstmordattentäter von Ankara identifiziert, laut Staatsanwaltschaft soll es sich um einen Syrer gehandelt haben.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan macht nun ebenfalls einen «Selbstmordattentäter syrischer Herkunft» für den Anschlag von Istanbul verantwortlich. Nach Angaben der türkischen Regierung handelte es sich um einen jungen Mann, der 1988 geboren wurde - und der laut Davutoglu der Terrormiliz IS angehört hat.

Erdogan sah sich in der Vergangenheit immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, den IS nicht zu bekämpfen oder sogar zu unterstützen. In den vergangenen Monaten hat die politische Führung der Türkei ihr Vorgehen gegen die Terrormiliz aber verschärft - und der Konflikt ist eskaliert. Erst vergangene Woche griffen IS-Milizen im Nordirak ein Ausbildungslager der türkischen Armee für kurdische Peschmerga an, die dort im Kampf gegen die Terrormiliz trainiert werden.

Jetzt hat der Terror in der Türkei eine neue Dimension erreicht. Bislang zielten dem IS zugeschriebene Anschläge in der Türkei auf Anhänger von kurdischen und linken Gruppen ab - nicht auf westliche Touristen.

Auf den ohnehin angeschlagenen Tourismussektor in der Türkei - eine der wichtigsten Lebensadern der Wirtschaft - wird der Anschlag fatale Auswirkungen haben. Schon vor dem Anschlag von Istanbul hatte beispielsweise der Reiseveranstalter Alltours wegen der prekären Sicherheitslage im Land Ausflüge in die Metropole aus dem Programm gestrichen. Seit Dienstag empfiehlt das Auswärtige Amt deutschen Urlaubern «dringend», alle Menschenansammlungen dort zu meiden.

Bislang sind die meisten Türkei-Urlauber aus Deutschland. Die Zahl der deutschen Touristen in dem Land dürfte nach dem Anschlag im «Gästezimmer der Türkei» - wie der Sender CNN Türk Sultanahmet nennt - dramatisch abnehmen. Die zweitgrößte Touristengruppe hatte die Türkei schon vor diesem Dienstag verloren: So gut wie alle Russen bleiben weg, seit die türkische Luftwaffe im vergangenen November an der Grenze zu Syrien einen russischen Kampfbomber abschoss.

Explosionen / Terrorismus / Türkei / Deutschland
12.01.2016 · 17:09 Uhr
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