Altersarmut in Deutschland droht deutlich zu wachsen

Brieftasche
Foto: Stephanie Pilick
Der Anteil der von Armut bedrohten Rentner könnte bis 2039 auf 21,6 Prozent wachsen.

Berlin (dpa) - Viele Bundesbürger machen sich Sorgen, ob das Geld im Alter reicht - auch wenn der Arbeitsmarkt seit Jahren brummt. Doch selbst bei weiter guter Konjunktur könnte das Armutsrisiko unter Rentnern laut einer Studie in den nächsten 20 Jahren spürbar steigen.

Der Anteil davon bedrohter Ruheständler könnte bis 2039 von aktuell 16,8 Prozent auf 21,6 Prozent wachsen, wie Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergaben, die die Bertelsmann Stiftung am Donnerstag vorlegte. Stark im Fokus seien Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit, Alleinstehende und Geringqualifizierte. Die Prognose heizte die Debatte um die Grundrente weiter an.

Studienleiter Christof Schiller sagte: «Selbst bei einer positiven Arbeitsmarktentwicklung müssen wir mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut in den kommenden zwanzig Jahren rechnen.» Besonders Betroffene müssten noch besser in Arbeit gebracht werden - das führt zu höhere Renten. Nötig seien auch Rentenreformen.

Bei ihrer Berechnung gehen die Forscher unter anderem davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt weiterhin gut entwickelt. Als von Armut bedroht gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Laut Studie sind das Menschen, deren monatliches Nettoeinkommen unter 905 Euro liegt.

Die Studienautoren prognostizierten auch den Anteil von Beziehern von Grundsicherung. Sie gehen dabei davon aus, dass alle die Leistung in Anspruch nehmen, die dazu berechtigt sind - auch wenn laut Schätzungen rund zwei Drittel der Berechtigten ihren Anspruch nicht wahrnähmen. Laut der Erhebung könnte der Anteil der Rentner, die zusätzlich auf staatliche Hilfe zur Existenzsicherung angewiesen sind, bis 2039 von 9 Prozent auf knapp 12 Prozent steigen. Einen besonders starken Anstieg gäbe es laut DIW bei ostdeutschen Rentnern. Liegt die Grundsicherungsquote hier derzeit noch bei 6,5 Prozent, könnte sie sich bis 2039 auf knapp 12 Prozent fast verdoppeln.

Bereits frühere Studien hatten einen Anstieg der drohenden Altersarmut vorhergesagt. Als Gründe wurden unter anderem prekäre Beschäftigung, verbreitete Teilzeitarbeit, befristete Verträge und Unterbrechungen des Berufslebens etwa bei Müttern ausgemacht. Auch die Rente ist unter Druck. Die aktuelle Erhebung zitiert Angaben, nach denen 2018 auf 100 Personen im Erwerbsalter 31 Menschen ab 67 Jahre kamen - und dies nach dem Übertritt der «Babyboomer» in die Rente 2038 bereits 47 sein könnten.

Um Altersarmut zu vermeiden, wird vor allem über die geplante Grundrente für Geringverdiener diskutiert - die steckt aber seit Monaten in der großen Koalition fest. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wertete die Studie als Bestätigung, dass sie kommen müsse. Nötig seien aber unter anderem auch eine soziale Wohnungspolitik und bessere Löhne. Die Menschen sollten sich auf ein Kernversprechen des Sozialstaats wieder verlassen können: «Wer ein Leben lang gearbeitet hat, hat ein Recht auf eine ordentliche Absicherung im Alter.»

Die Studienautoren halten die geplante Grundrente - auch nach Heils Konzept ohne eine Prüfung der Bedürftigkeit - für «nicht hinreichend zielgenau». Zwar ließe sich damit die Armutsrisikoquote bis 2039 auf 18,4 Prozent begrenzen. Aber viele Bezieher eines Rentenaufschlags lebten in Haushalten mit Einkünften oberhalb des Existenzminimums. Die Union lehnt Heils Modell ab, da sie auf der im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Bedürftigkeitsprüfung besteht. Dann profitieren laut Studie aber auch deutlich weniger Menschen - der Anteil derer, die von Altersarmut bedroht sind, würde nur auf 21,2 Prozent sinken.

Der Sozialverband VdK forderte Union und SPD auf, ihren Streit um die Grundrente zu beenden. «Wer jahrzehntelang gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, hat eine ausreichende Rente verdient. Ohne «Wenn» und «Aber»», sagte Präsidentin Verena Bentele. Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte: «Altersarmut duldet keinen Aufschub mehr.» Die Grundrente sei grundsätzlich richtig, dass sie aber frühestens 2021 kommen solle, sei nicht hinnehmbar. FDP-Fraktionsvize Christian Dürr kritisierte, die Steuerpolitik von Union und SPD sei «wie ein Brandbeschleuniger» für Altersarmut. Überlegungen, eine Aktiensteuer einzuführen, träfen am Ende vor allem Menschen, die sparen und privat fürs Alter vorsorgen wollten.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände betonte, die Studie sei ein weiterer Beleg dafür, «dass Altersarmut in Deutschland die Ausnahme ist und auch weiter bleiben wird». Ältere seien heute weniger auf Grundsicherungsleistungen angewiesen als Jüngere. Nicht hilfreich wären da wenig zielgenaue Maßnahmen wie Heils Grundrente.

Die DIW-Forscher sehen auch in einer anderen möglichen Reform Vorteile. Würde die Grundsicherung deutlich ausgeweitet und könnten Bezieher einen Teil der gesetzlichen Rente anrechnungsfrei behalten, wäre das Armutsrisiko laut den Berechnungen deutlich zu begrenzen.

Links zum Thema
Studie
Studie Kurzfassung
Soziales / Rente / Altersarmut / Rentner / Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung / Deutschland
12.09.2019 · 17:11 Uhr
[17 Kommentare]

Top-Themen

16.09. 01:00 | (00) Wegen Zinspolitik: Bedenken in der CDU gegen Lagarde
16.09. 00:40 | (00) Mehrere Zivilisten durch Autobombe in Syrien getötet
16.09. 00:39 | (00) Zweite Sondierung von Rot-Grün-Rot in Potsdam beendet
16.09. 00:00 | (00) Von der Leyen verteidigt Begriff "europäische Lebensweise"
16.09. 00:00 | (01) Regierungsbeamte nutzen für Dienstreisen Flüge mehr als Bahnfahrten
16.09. 00:00 | (00) Opposition attackiert Klimaschutz-Pläne der Bundesregierung
16.09. 00:00 | (05) Unions-Mitgliederinitiative stellt schwarze Null infrage
15.09. 23:39 | (01) Baum fällt auf Fahrbahn - Motorradfahrer tödlich verletzt
15.09. 23:02 | (10) Höcke bricht Interview mit ZDF ab
15.09. 22:43 | (13) Eklat um Höcke-Interview im ZDF - Interview abgebrochen
15.09. 22:40 | (03) Nazi-Satire «Jojo Rabbit» gewinnt bei Filmfest in Toronto
15.09. 21:46 | (03) Union und SPD starten Endspurt für Milliarden-Klimapaket
15.09. 20:49 | (03) Gauland weist Forderung nach Erfassung von "Flügel"-Anhängern zurück
15.09. 20:47 | (00) Irans Präsident für Kampf gegen Terroristen in Idlib
15.09. 20:43 | (02) Scholz: Bundesregierung wird ehrgeiziges Klimapaket vorlegen
15.09. 20:22 | (03) Stichflamme bei Festumzug - Junger Mann schwer verletzt
15.09. 19:55 | (10) Drohnenattacke auf Saudi-Arabiens Zentrum der Ölindustrie
15.09. 19:54 | (05) 1. Bundesliga: Paderborn verliert deutlich gegen Schalke
15.09. 19:19 | (03) Rechtsextremismus: Regierung sieht beunruhigende Entwicklung
15.09. 19:19 | (15) Bremer AfD wählt Ex-Bundespolizisten zum neuen Landeschef
15.09. 19:18 | (01) UN-Generalsekretär warnt auf den Bahamas vor dem Klimawandel
15.09. 19:03 | (00) Weiteres Sondierungsgespräch von Rot-Grün-Rot in Potsdam
15.09. 18:45 | (01) Autonomes Fahren: Garmin-Chef erwartet "Marktbereinigungen"
15.09. 18:43 | (00) Maas: Bei Antisemitismus nicht wegschauen
15.09. 17:51 | (02) Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten
15.09. 17:49 | (07) Gauland: Vorgehen des Verfassungsschutzes politisch gesteuert
15.09. 17:42 | (02) Axel-Springer-Chef Döpfner kündigt Sparkurs an
15.09. 17:34 | (07) Weil wehrt sich gegen Verbot von Verbrennungsmotoren
15.09. 17:20 | (04) 1. Bundesliga: Freiburg schlägt Hoffenheim
15.09. 17:18 | (01) Botschafter der Ukraine kritisiert Lindners Russland-Vorstoß
15.09. 17:12 | (00) Schäfer-Gümbel: Klimapaket Bewährungsprobe für Koalition
15.09. 17:11 | (01) Wirtschaftsweise Schnabel warnt vor Attacken auf EZB
15.09. 17:09 | (08) Schäfer und Schafe demonstrieren in Berlin
15.09. 16:54 | (07) In Sibirien wüten weiter Waldbrände
15.09. 16:44 | (00) Innenminister fordern Verbot von Combat 18
15.09. 16:36 | (06) Kubicki: SPD-Casting "an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten"
15.09. 16:24 | (16) Schäfer-Gümbel: Klimapaket stellt GroKo vor größte Bewährungsprobe
15.09. 16:16 | (00) Unfall bei Oldtimer-Fliegertreffen - mehrere Verletzte
15.09. 15:52 | (03) Kein Durchbruch im Brexit-Drama in Sicht
15.09. 15:52 | (02) Neue Ausschreitungen in Hongkong
15.09. 15:52 | (01) Auswärtiges Amt verurteilt Angriffe auf Ölanlagen in Saudi-Arabien
15.09. 15:45 | (00) Boot kentert auf dem Kongo-Fluss - viele Tote befürchtet
15.09. 15:25 | (04) 2. Bundesliga: Darmstadt und Nürnberg trennen sich 3: 3
15.09. 14:49 | (03) Union und SPD starten in Endspurt für Milliarden-Klimapaket
15.09. 14:31 | (09) Berlins Verkehrssenatorin fordert CO2-Steuer
15.09. 14:06 | (02) Trotz Verbots: Proteste und neue Zwischenfälle in Hongkong
15.09. 13:57 | (03) Polizei stoppt 94-jährigen Geisterfahrer im Elektrorollstuhl
15.09. 13:55 | (00) Boot auf dem Kongo-Fluss gesunken - viele Tote befürchtet
15.09. 13:54 | (03) VZBV-Chef: Bürger nicht zum "Zahlmeister der Klimawende" machen
15.09. 13:51 | (01) Happy Birthday, Prinz Harry!
15.09. 13:46 | (01) Günstig aber effektiv: Das Drohnenprogramm der Huthis
15.09. 13:44 | (13) «Ocean Viking»: Flüchtlinge dürfen in Italien an Land
15.09. 13:08 | (00) Kretschmer geht optimistisch in Sondierungen mit Grünen und SPD
15.09. 12:59 | (01) BA-Vorstand sieht keine Krise am Arbeitsmarkt
15.09. 12:59 | (00) Flüchtlinge der «Ocean Viking» dürfen in Italien an Land
15.09. 12:52 | (00) Designierter Verdi-Chef fordert Konjunkturprogramm
15.09. 12:46 | (00) Lange Schlangen vor Wahllokalen in Tunesien
15.09. 12:36 | (05) Gold-Klo «America» gestohlen - an Churchills Geburtsort
15.09. 12:09 | (06) Australische Städte wegen Dürre bald ohne Grundwasser
15.09. 12:08 | (01) 2. Bundesliga: Kiel entlässt Cheftrainer Schubert
15.09. 12:03 | (10) Ein Toter bei Brand in Einrichtung für Behinderte
15.09. 11:51 | (03) Außenminister Maas stellt sich hinter Grönemeyers Engagement
15.09. 11:47 | (00) Trotz Demonstrationsverbots: Neue Zwischenfälle in Hongkong
15.09. 11:30 | (01) Gülen-nahe Vereine werfen Erdogan-Regierung Entführungen vor
15.09. 10:38 | (08) Ex-General Both wirft Merkel "Wortbruch" vor
15.09. 10:11 | (05) Iran weist Vorwürfe zu Angriffen auf Ölraffinerie zurück
15.09. 10:09 | (05) Verdi: Öffentliche Aufträge nur an Firmen mit Tarifvertrag
15.09. 10:08 | (04) Mit Frank Bsirskes Abschied endet bei Verdi eine Ära
15.09. 09:41 | (08) Verteidigungsministerium: 27 Generäle im Osten stationiert
15.09. 09:13 | (03) Messner: Langfristiger Erfolg von FFF-Bewegung offen
15.09. 09:09 | (03) Tödlicher Familienstreit - 62-Jähriger in Lebensgefahr
15.09. 08:53 | (00) Bitkom ruft Fanpage-Betreiber nach Datenschutz-Urteil zum Handeln auf
15.09. 08:50 | (00) Migranten der «Ocean Viking» in Lampedusa angekommen
15.09. 08:34 | (00) Grüne-Fraktion: Herausforderin Kappert-Gonther selbstsicher
15.09. 08:15 | (15) Aktivisten kündigen vor Klimastreik "zivilen Ungehorsam" an
15.09. 07:59 | (03) Bsirske: Öffentliche Aufträge nur für Firmen mit Tarifvertrag
15.09. 06:51 | (02) Steuerzahlerbund: Für Klimaschutz woanders kürzen
15.09. 06:30 | (01) DFL-Chef: Neue Anstoßzeiten nicht in Sicht
15.09. 05:48 | (03) USA: Iran für Drohnenangriffe in Saudi-Arabien verantwortlich
15.09. 04:42 | (04) Bistum Limburg feiert erste Seligsprechung
15.09. 04:40 | (00) Rot-Grün-Rot sondiert wieder in Brandenburg
15.09. 04:37 | (00) Ein Toter und viele Verletzte bei Feuer in Pflegeheim
15.09. 04:36 | (00) Möglicher Grund für Zunehmen im Alter:  Fettabbau lässt nach
15.09. 02:40 | (00) Tunesien wählt neuen Präsidenten
15.09. 01:42 | (14) Söder: «Wir haben den Umweltschutz erfunden»
15.09. 01:40 | (05) Saudi-Arabien: Ölproduktion nach Angriffen eingebrochen
15.09. 00:00 | (03) Microsoft kritisiert Europa-Cloud
15.09. 00:00 | (00) Söder stellt Kompetenz der Grünen infrage
15.09. 00:00 | (02) Söder will Strafzinsen steuerlich absetzbar machen
15.09. 00:00 | (02) Kulturstaatsministerin will härtere Strafen für Antisemiten
15.09. 00:00 | (02) Merz fürchtet in Klimadebatte Vernachlässigung der Wirtschaft
15.09. 00:00 | (01) Bundespolizei setzt Ausbildungsprogramm in Afghanistan fort
15.09. 00:00 | (13) Umfrage: Mehrheit würde für Fleisch mehr bezahlen
15.09. 00:00 | (01) Emnid: FDP und AfD legen zu
15.09. 00:00 | (07) SPD will eine Million zusätzliche Ladesäulen bis 2025
15.09. 00:00 | (02) CSU-Chef will Hubschrauberträger
15.09. 00:00 | (05) Snowden vermutet Kooperation von Amazon und Regierungen
15.09. 00:00 | (00) Grüne: Steinmeier soll in Glückwünsch-Telegramm Hongkong ansprechen
15.09. 00:00 | (03) Jeder fünfte Arbeitnehmer nicht regulär beschäftigt
14.09. 23:39 | (00) Drohnenangriff trifft größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien
 
Diese Woche
16.09.2019(Heute)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News