Konflikte

Afghanische Ortskräfte: Kaum Verfolgungs-Fälle bekannt

20. Januar 2022, 17:55 Uhr · Quelle: dpa
Misshandlung, Verschleppung oder Tod - die Sorge um Ortskräfte in Afghanistan ist groß. Doch nach dem Nato-Abzug wird auch deutlich, dass schlimmste Befürchtungen offenbar bisher nicht eintraten.

Berlin (dpa) - Ein halbes Jahr nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan haben sich Befürchtungen einer gezielten Verfolgung der einheimischen Mitarbeiter bisher nicht bestätigt.

Dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) sei «ein konkreter Fall bekannt, bei dem eine Ortskraft der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für eine Woche inhaftiert wurde», sagte ein Sprecher des Ministeriums der Deutschen Presse-Agentur. «Darüber hinaus hat das BMZ keine eigenen Erkenntnisse darüber, dass Ortskräfte der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in Afghanistan seit August 2021 von den Taliban bedroht, misshandelt oder getötet worden sind.»

Kritik kam von Organisationen der Flüchtlingshilfe. «Alle, die sichtbar für westliche Organisationen gearbeitet haben, sind in Gefahr», teilte Günter Burkhardt mit, Geschäftsführer von Pro Asyl. Der Organisation lägen dramatische Fälle vor, die zeigten, dass
Ortskräfte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sehr wohl
von den Taliban verfolgt und bedroht würden.

Dem Entwicklungsministerium seien einzelne Berichte von Ortskräften über entsprechende Vorkommnisse bekannt, sagte der Sprecher. Diese könnten aber, auch aufgrund einer fehlenden deutschen Präsenz vor Ort, nicht verifiziert werden.

Aus dem Verteidigungsministerium hieß es: «Über eine generelle Bedrohung von ehemaligen Ortskräften der Bundeswehr seit Machtübernahme der Taliban einschließlich einer Verlautbarung der Taliban in diesem Sinne liegen dem Bundesministerium der Verteidigung keine nachprüfbaren Informationen vor.» Es würden Einzelinformationen zur Kenntnis gebracht, nach denen ehemalige Ortskräfte oder Familienangehörige in Deutschland sowie Hilfsorganisationen über Übergriffe oder Drohungen von Taliban gegen ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr oder ihre Familienangehörigen berichteten.

Deutliche Warnung Baerbocks

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hatte vor Weihnachten angekündigt, die Bundesregierung werde die Evakuierung von besonders schutzbedürftigen Menschen - darunter Menschenrechtsverteidiger und frühere Ortskräfte - beschleunigen. «Sie sind nicht vergessen», versicherte Baerbock. «Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alle in Sicherheit zu bringen.» Auch steuere Afghanistan «in die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit», warnte die Grünen-Politikerin mit Blick auf die schwere Hungersnot in dem Land. Große Teile der Wirtschaft in Afghanistan seien zusammengebrochen, viele Menschen müssten hungern, Familien verkauften in ihrer Verzweiflung ihre Töchter, um Nahrungsmittel kaufen zu können.

Doch ohne Mitarbeiter im Land ist die nötige Hilfe für 24 Millionen Menschen nicht zu leisten. Während die Bundesregierung einerseits bemüht ist, bisherige Ortskräfte und ihre Angehörigen aus dem Land nach Deutschland zu bringen, werden in Afghanistan bereits neue Mitarbeiter unter Vertrag genommen.

Um im Auftrag des Entwicklungsministeriums «Programme der Daseinsfürsorge zur Abmilderung der humanitären Katastrophe umzusetzen», haben die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und Nichtregierungsorganisationen «in begrenztem Umfang neue Ortskräfte in Afghanistan eingestellt», sagte der Sprecher. Und: «Das BMZ hat mit den Nichtregierungsorganisationen und der GIZ die Frage der Sicherheit der Ortskräfte erörtert. Derzeit liegen dem BMZ keine Erkenntnisse vor, die auf eine Gefährdung dieser Ortskräfte schließen lassen.»

Mehr als 28.000 Menschen warten auf die Ausreise

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums berichtete, das Ministerium stehe in einem engen Kontakt zu den ehemals beim deutschen Polizeiprojektbüro Beschäftigten und deren Familienangehörigen. Es leiste «in enger Abstimmung mit den Ressorts unter der Federführung des Auswärtigen Amtes und der logistischen Hilfe der GIZ» einen Beitrag zur Unterstützung unserer ehemaligen Ortskräfte in Afghanistan, insbesondere um eine möglichst rasche Ausreise mit den Familienangehörigen zu ermöglichen. Weitergehende Auskünfte zu deren aktueller Gefährdungssituation könnten jedoch vor dem Hintergrund der laufenden Bemühungen derzeit nicht erteilt werden.

Die Bundeswehr war Ende Juni 2021 nach fast 20 Jahren aus Afghanistan abgezogen und hatte sich im August nach dem Siegeszug der Taliban elf Tage lang an einer Evakuierungsmission für Schutzbedürftige beteiligt. Bis zum Jahreswechsel waren deutlich mehr als 5000 Menschen in Deutschland aufgenommen worden. Zuletzt warteten noch mehr als 28.000 Menschen auf die Möglichkeit zur Ausreise.

Es gibt zahlreiche Belege, dass es unter den militant-islamistischen Machthabern zu schweren Menschenrechtsverletzungen kommt. «Wir setzen uns gegenüber den Taliban mit Nachdruck für die Achtung der Menschenrechte ein und formulieren konkrete Erwartungen an sie. Wir sprechen auch gezielt Menschenrechtsverletzungen, von denen wir erfahren, gegenüber den Taliban an», heißt es in der Antwort des BMZ.

Im Visier der neuen, islamistischen Machthaber scheint vor allem eine andere Gruppe: Im Dezember hatten westliche Staaten scharf die Verschleppung von Angehörigen der afghanischen Sicherheitskräfte unter den neuen Herrschern kritisiert. In Berichten aus dem Land heißt es zudem, dass es zahlreiche Übergriffe gibt, bei denen afghanische Soldaten oder Polizisten verschwunden sind.

Konflikte / Menschenrechte / Bundeswehr / Ortskräfte / Deutschland / Afghanistan
20.01.2022 · 17:55 Uhr
[11 Kommentare]
Junge Leute mit ihren Smartphones (Archiv)
Berlin - Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland fordert von der Politik mehr Maßnahmen zum Schutz junger Verbraucher. Das geht aus dem Verbraucherreport 2026 des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) hervor, über den die "Rheinische Post" berichtet. Den Daten zufolge betrifft das vor allem die Bereiche Online-Dienste, Finanzen und […] (00)
vor 2 Minuten
Zara McDermott
(BANG) - Zara McDermott kämpft derzeit mit erheblichen Schlafproblemen. Die TV-Moderatorin verriet in einem YouTube-Video, dass ihr Schlaf in den vergangenen Wochen "mehr als schrecklich" gewesen sei. Besonders die beruflich bedingte Trennung von ihrem Freund Louis Tomlinson mache ihr zu schaffen. Innerhalb eines Monats habe die 29-Jährige drei […] (00)
vor 12 Stunden
Eine Frau hört Musik
Berlin (dpa/tmn) - Menschengemacht oder KI-generiert? Diese Frage stellt sich längst auch bei Musik. Denn mit Generatoren wie Suno oder Udio gibt es KI-Lösungen, die Songs und ganze Alben vollsynthetisch produzieren - und das so «gut», dass es für viele Menschen schwer oder gar nicht zu erkennen ist. Deshalb setzen viele Streaminganbieter schon auf eine […] (00)
vor 1 Stunde
GTA 5 bekommt plötzlich ein kostenloses Upgrade – Rockstar überrascht Fans
Die ganze Welt wartet gefühlt auf den dritten Trailer samt Preis- und Editionen-Ankündigungen von GTA 6, dann macht Rockstar Games macht einen überraschenden Schritt. Die Upgrades von Grand Theft Auto V (GTA 5) auf PlayStation 5 und Xbox Series X/S werden ab dem 18. Juni 2026 kostenlos. Wer bereits die PS4-Version oder die digitale Xbox-One-Version […] (00)
vor 10 Stunden
Netflix macht aus Erfolgs-Podcast eine True-Crime-Dokuserie
Mit «Criminopatía» adaptiert Netflix eines der erfolgreichsten spanischen True-Crime-Formate und schickt dessen Schöpferin Clara Tiscar vor die Kamera. Netflix hat den Produktionsstart der neuen Dokumentarserie Criminopatía bekanntgegeben. Die Reihe basiert auf dem gleichnamigen Podcast von Clara Tiscar, der sich in Spanien zu einem der erfolgreichsten Formate des True-Crime-Genres entwickelt […] (00)
vor 6 Stunden
WM 2026 - England - Kroatien
Dallas (dpa) - Mit einer herausragenden Leistung beim Auftaktsieg gegen Kroatien schürt Harry Kane die englische Hoffnung auf den zweiten WM-Titel. Der Stürmerstar vom FC Bayern München war beim 4: 2 (2: 2) der überragende Mann und traf zweimal. «Wir haben einfach das gemacht, was wir machen müssen, um ein Spiel zu gewinnen», sagte Kane. «Wir sind […] (00)
vor 19 Minuten
woman, crypto, bitcoin, digital, currency, coin, blockchain, happy, success, business
Michael Saylor, Executive Chairman von Strategy, betont, dass das Hauptziel seines Unternehmens darin besteht, Finanzprodukte zu schaffen, die durch Bitcoin (BTC) abgesichert sind. Dieses Geschäftsmodell vergleicht er mit einer Reservebank. Laut Saylor sollte die nächste Entwicklungsphase von Bitcoin darin bestehen, einen mehrschichtigen Kapitalmarkt […] (00)
vor 1 Stunde
Ein Fahrzeug, viele Möglichkeiten
Vogelsbergkreis, 17.06.2026 (lifePR) - „Wir gehen neue Wege im Vogelsbergkreis: Denn zusammen mit Grebenhain, Alsfeld, Lauterbach und Homberg stellen wir eine wichtige Säule im Brand- und Katastrophenschutz zukunftsfähig auf“, sagt Landrat und Gefahrenabwehrdezernent Dr. Jens Mischak. Gemeinsam mit Kreisbrandinspektor Marcell Büttner und Kreisbrandmeister Tony Michelis stellt er am Standort der […] (00)
vor 11 Stunden
 
Hitzewelle
Frankfurt (dpa) - Deutschland steuert auf die bislang wärmsten Tage des Jahres zu. Am […] (01)
Nahostkonflikt - Libanon
Teheran/Washington/Riad/Tel Aviv (dpa) - Der Wortlaut des Rahmenabkommens zwischen […] (01)
Deutsches Kriegsschiff (Archiv)
Berlin - Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) rechnet damit, dass der […] (00)
Straße von Hormus
Islamabad/Washington/Teheran (dpa) - Das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran […] (02)
STARZ sichert sich Russell T Davies’ neue Serie «Tip Toe»
Alan Cumming und David Morrissey spielen in dem neuen Drama von «It's a Sin»-Schöpfer Russell T […] (00)
Vom Elektroschrott zur Hightech-Kathode: Forschungsteam recycelt Akkus in zwei Stunden
Lithium-Ionen-Akkus stecken in Smartphones, Elektroautos, Stromspeichern und […] (00)
WM 2026 - England - Kroatien
Arlington (dpa) - Als umjubelter Doppelpacker und neuer WM-Rekordtorschütze Englands […] (03)
Apple erklärt, warum das große Siri AI Update für iOS 27 so viel Zeit brauchte
Der Siri-Verantwortliche Mike Rockwell hat kürzlich erläutert, weshalb […] (00)
 
 
Suchbegriff