5 Köpfe: Deutsche Serien, die es 2019 nicht gebraucht hätte

Das Jahr 2019 neigt sich so langsam dem Ende. Fünf Quotenmeter-Redakteure berichten von ihren Serien, mit denen sie ihre Zeit verschwendet haben.

In den vergangenen zwölf Monaten sind wieder viele deutsche Serien on air gegangen. So startete Netflix die bildundtonfabrik-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)», Sky suchte Fährten auf dem «Pass» und bei ZDFneo gab es eine Neuauflage von «Das Parfum». Für die Weihnachtszeit haben Serienjunkies und Freunde von fiktionalen Stoffen wieder reichlich Zeit, Formate nachzuholen. Fünf Quotenmeter-Redakteure stellen allerdings jeweils eine Serie vor, die ihnen in diesem Jahr überhaupt nicht gefallen hat.

«Wir sind die Welle» (Martin Seng)

Bereits 2008 wurde der US-Roman „Die Welle“ mit Jürgen Vogel verfilmt. Während der deutsche Spielfilm das Experiment, ob Faschismus im Klassenzimmer möglich ist, vielschichtig und schauspielerisch stark behandelt hat, machte die Serie «Wir sind die Welle» keine gute Figur dabei. Auch wenn die Serie in ihren sechs Folgen einen ordentlichen dramaturgischen Aufbau aufwies, bleibt sie in ihren politischen Motiven oberflächlich und bleibt mehr Abziehbild als tiefere Studie. Zu viel bleibt unreflektiert, zu wenig wird auf beide Seiten – links und rechts – des politischen Spektrums eingegangen. Auch wenn die Serie inszenatorisch Qualitäten aufweist, bleibt sie inhaltlich zu lückenhaft und unausgewogen. In dieser Form hätte es die erste Staffel somit nicht gebraucht, insbesondere da der Film die grundlegende Handlung von 2008 deutlich intelligenter und pointierter erzählt hat.

Dennoch kann man Potential erkennen, wenn auch die mögliche zweite Staffel vor vielen Baustellen steht, die es fertigzustellen gilt. Mehr politische Diversität und insbesondere größeren Tiefgang sind vonnöten, damit die Serie ihrem gewollten Anspruch gerecht werden kann.

«23 Morde» (Sidney Schering)

Es hatte schon einen guten Grund, weshalb «23 Morde» vier Jahre lang im Giftschrank Staub angesetzt hat: Selbst wenn Auftraggeber Sat.1 immer wieder verlautbaren ließ, man würde einfach nicht den idealen Programmplatz für diese Krimiserie finden, liegt eine deutlich offensichtlichere Erklärung auf der Hand – «23 Morde» ist ein qualitativer Reinfall. Um Joyn in seiner Anfangsphase aber neues Material zu bieten, hat ProSiebenSat.1 die Thrillerserie mit ihren hölzernen Dialogen und ihrer aufgesetzten Charakterzeichnung doch noch veröffentlicht.

Die Plot-Grundidee ist einfach ausgelutscht (Die Polizei will dringend einen gefährlichen Täter schnappen – und arbeitet daher zähneknirschend mit einem unberechenbaren und exzentrischen, jedoch brillanten Experten zusammen), und was mit liebenswürdigen, spannenden Figuren durchaus noch immer funktionieren mag, ist angesichts des klobigen Skripts in «23 Morde» nur eine Geduldsprobe. Franz Dinda mag als Serienkiller und Polizeihelfer das Beste aus dem Material rausgeholt haben, aber die Dialoge sind trotzdem auf dem Niveau einer Parodie. Verquickt mit einer miesen Tonabmischung ist «23 Morde» eine Joyn-Entdeckung der Marke: „Huch, wieso hat man das nicht im Archiv gelassen?"

«Merz gegen Merz» (Lukas Scharfenberg)

Die neue Fernsehserie Merz gegen Merz erschien im April beim ZDF. Bisher waren die Projekte mit Christoph Maria Herbst gut, doch mit dieser Sitcom überzeugte er mich nicht. Ja, es gibt natürlich stellenweise einige gute Szenen und ich musste auch mal kurz schmunzeln, doch größtenteils waren die Witze und Anspielungen nicht passend. Es wirkte für mich mehr in die Länge gezogen.

Vielleicht habe ich solche Serien über Themen wie eine Scheidung schon zu oft gesehen und die Serie holt mich deshalb nicht ab. Denn wie ich finde, hat man das genannte Thema schon häufig genug im Fernsehen oder Kino angesprochen und alles herausgeholt, was man herausholen konnte. Die Serie kann man zwar gut nebenbei laufen lassen, aber ansonsten wirken die Witze eher altbacken.

«Rampensau» (Fabian Riedner)

Die Manager von VOX haben in den vergangenen Jahren viel Pionierarbeit geleistet. Sei es «Die Höhle der Löwen», «Sing meinen Song» oder «Club der roten Bänder». Zuletzt ging die Schlagzahl der neuen Formate spürbar zurück – nicht nur weil man einen gut aufgestellten Sender vorgefunden hat. VOX-Chef Sascha Schwingel ist das Gegenteil seiner Vorgänger und produziert erwartbares Fernsehen. Fernsehen für das VOX nicht steht. Kultige Nerd-Sendungen wie «Geschickt eingefädelt», in der man Guido Maria Kretschmar auf die große Bühne ließ, sind so nicht drin. Stattdessen will der Sender mit einer schrägen und lauten Sitcom auffallen: «Rampensau».

Die Serie ist gespickt mit zahlreichen Klischees: Jasna Fritzi Bauer sieht nicht nur jung aus, sie soll auch eine verzogene Göre verkörpern. Es ist egal, ob sie vor der Polizei flüchtet, einen Feuerlöscher auf einen Beamten abfeuert oder auf einer Polizeifeier einen Joint raucht – sämtliche Aktionen werden nicht geahndet. Zahlreiche Vorurteile werden aufgriffen, als ob die Autoren ein Bullshit-Bingo spielen: Männliche afrikanische Menschen haben große Geschlechtsteile, türkische und russischen Mitbürger sind kriminell und Shiris Kumpel lässt sich von Geschäftsleuten über den Tisch ziehen. Natürlich gibt es auch den vorgesetzten Polizisten-Kollegen, dessen Frau ihm von einem Mitarbeiter ausgespannt wurde. Man muss ja sämtliche Vorurteile abarbeiten.

Shiri, gespielt von Bauer, soll in der Serie tatsächlich einen Dealer-Ring an einer Berliner Schule auffliegen lassen – die Polizei verlässt sich also auf eine Schauspielerin, die keine Rollenangebote bekommt. Aha. Die Charaktere in «Rampensau» sind eindimensional, beschränkt und sind nicht in der Lage, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.

«Skylines» (Julian Miller)
Skylines hätte ein spannendes, authentisches Portrait über die Frankfurter Rap- und Hip-Hop-Szene werden können, über Themen wie Loyalität und Aufrichtigkeit, Integration und Ausgrenzung. Stattdessen degenerierte die Netflix-Serie aber zu einer belanglosen, klischeebeladenen Fingerübung über schwere Jungs, korrupte Banker und zwielichtige Musikverlage mit Wurzeln in der Unterwelt. Nichts, was man anderswo nicht schon wesentlich besser und spannender gesehen hätte – etwa bei Bad Banks oder 4 Blocks. Anstatt ein Statement zu setzen und mit Top-Kreativen das bisher Erreichte konsequent zu übertreffen, begnügte man sich damit, ein paar bekannte Versatzstücke und Stereotypen aneinanderzureihen.
Meinungen / Debatte / 5 Köpfe
07.12.2019 · 19:00 Uhr
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