Neujahrskonzert 2004 - Teatro La Fenice

Regie: Riccardo Muti
Darsteller: Stefania Bonfadelli, Roberto Aronica
Laufzeit: 59min
FSK: ???
Genre: Musik (Italien)
Filmstart: 01. Januar 2004
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Das Gran Teatro della Fenice – fünf Verdi-Opern erlebten hier ihre Uraufführung: Ernani, Attila, die erste Version von Simon Boccanegra, Rigoletto und La Traviata; dazu kamen Rossini-Opern wie Tancredi und Semiramide, Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi und Ruggero Leoncavallos La Bohème. Die italienische Erstaufführung von Wagners Rienzi ging hier ebenso über die Bühne wie die erste Aufführung des Ring des Nibelungen in Italien. Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Premierenertrag mit Igor Strawinskys The Rake’s Progress (1951), Benjamin Brittens The Turn of the Screw (1954), Sergej Prokofiews Feuriger Engel (1955), Luciano Berios Allez-Hop! (1959) und Luigi Nonos Intolleranza (1960) und Prometeo (1984) hoch. Und das sollte alles mit einem Schlag zunichte gemacht worden sein? Es ist schon etwas Seltsames um dieses venezianische Theater, das Einheimische wie Opernfreunde in aller Welt liebevoll »La Fenice« nennen – etwas von einen doppelten Mythos: Der Vogel Phönix, der sich selbst verbrennt, um aus der Asche als Symbol der ewigen Erneuerung wieder aufzuerstehen; und das nach ihm benannte Opernhaus, das viele für das schönste der Welt gehalten haben und das seit seiner Eröffnung im Jahr 1792 zweimal völlig niederbrannte. Nach dem ersten Brand in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1836 wurde das Theater – es stand damals noch an einem anderen Ort – in knapp einem Jahr am Campo San Fantin nach den originalen Plänen von Tommaso und Giambattista Meduna wiedererrichtet – dort, wo es heute (wieder) steht und wo viele Jahre lang eine verrußte Fassade an jenen Brand erinnerte, der in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 1996 das Gebäude erneut bis auf die Grundmauern vernichtete. Am 14. Dezember 2003 – fast auf den Tag genau 167 Jahre nach dem ersten Brand – wurde das Gran Teatro della Fenice mit einem von Riccardo Muti geleiteten Festkonzert wiedereröffnet. Diesem Ereignis folgten sieben weitere Konzerte mit illustren Namen von Christian Thielemann und Mariss Jansons bis Elton John. Den Schlusspunkt setzte das hier vorliegende Neujahrskonzert unter Lorin Maazel mit Ausschnitten aus Opern von Giuseppe Verdi, Gioachino Rossini und Amilcare Ponchielli. Ein coup de théâtre, denn dieses Ereignis wurde vom Fernsehsender Rai Uno direkt übertragen, was von vielen als Herausforderung an die Wiener Philharmoniker empfunden wurde, deren traditionelles Neujahrskonzert 2004 zudem von Riccardo Muti dirigiert wurde. Danach wurde das Fenice wieder für fast ein Jahr geschlossen. Die – wenn man so will »richtige« – Wiedereröffnung folgte im November 2004 mit Giuseppe Verdis La Traviata, jener Oper, die hier am 6. März 1853 ihre Uraufführung erlebte. Warum es in der Nacht des 29. Januar 1996 zu dem verheerenden Brand kam, scheint inzwischen auf seine banalen Ursachen zurückgeführt: Ein Elektriker, der eine Strafe wegen Nichteinhaltung eines Arbeitstermins befürchtete, wollte einen kleinen Kabelbrand vortäuschen, um die Verspätung der Arbeiten plausibel zu machen. Die Geschichte des Wiederaufbaus ist viel weniger leicht zu erzählen. Nach dem Brand von 1996 gab es für die Venezianer keinen Zweifel: Ein Wiederaufbau (mit bühnentechnischen Verbesserungen) wurde angepeilt, kein Neubau, der das alte Theater in der Sprache der modernen Architektur interpretieren würde. Schon am Tag nach dem Brand gab der Philosoph und damalige Bürgermeister Massimo Cacciari jene Parole aus – »Com’era e dov’era« (»Wie es war und wo es war«) –, die zum ersten Mal 1902 beim Einsturz des Campanile am Markusplatz verkündet worden war. Anfangs schien alles auf eine rasche Lösung zuzusteuern. Von einer Wiedereröffnung im Jahr 2000 war die Rede; man schrieb einen internationalen Wettbewerb aus und beauftragte im Herbst 1997 eine italienische Firma mit den Bauarbeiten. Dann freilich verfing sich der Elan in den Gerichtssälen. Ein Rechtsstreit zwischen den konkurrierenden Bauunternehmen legte den Wiederaufbau für ganze sechzehn Monate lahm, ehe die Arbeiten im Sommer 1999 wiederaufgenommen werden konnten. Nun wurde der 15. Februar 2002 als Datum der Wiedereröffnung genannt. 2002 wurden die Baufirmen erneut ausgewechselt, ehe es gelang, das Theater bis zum Dezember 2003 zumindest konzertfertig zu stellen. Bevor Riccardo Muti dann mit dem Fenice-Orchester am 14. Dezember die Eröffnungsfeierlichkeiten einleitete, fand schon zwei Tage vorher eine Art »inoffizielle« Wiedereröffnung statt: Bei der Generalprobe zum Festkonzert waren am Wiederaufbau des Theaters beteiligte Arbeiter und Techniker, pensionierte Musiker und Angehörige der aktiven Orchestermusiker anwesend, und viele hatten damals Tränen in den Augen. Ist das neue Gebäude überhaupt wieder das alte, an dem so viele Erinnerungen hängen? Ist nicht die Patina des »wahren« Fenice – die selbst nur in der Illusion existierte, denn das Theater war in den 1930er Jahren renoviert worden – unwiederbringlich verloren? Der Geruch des Neuen ist überall im Haus spürbar. Die Farben scheinen gegenüber früher um Nuancen heller. Auch der dunkle Teppichboden wurde durch (originales) lichtes Holz ersetzt; und die Akustik ist brillanter und bassbetonter geworden. Und doch muss man bewundern, mit welcher minutiösen Hingabe jedes noch so kleine Detail wiederhergestellt wurde. Hier feierte in der Zeit des Computers die Kunst des Handwerks eine späte Blüte, gingen moderne Technik und alte Tradition ein Bündnis ein, das es ermöglichte, eine möglichst getreue Kopie des Originals wiedererstehen zu lassen. Die Beleuchtung wurde von einer Firma ausgeführt, die Villen in Hollywood und Foyers von amerikanischen Hotelketten ausstattet. Die Stoffbezüge lieferte eine Firma, die seit Jahrhunderten in Venedig tätig ist und in deren Archiv sich noch Proben jener Stoffe finden ließen, mit denen die Fenice-Stühle 1935 bezogen worden waren. Als wichtigste Quelle jedoch erwies sich Senso, ein Film von Luchino Visconti, dessen Standbilder dazu dienten, die Farben im Zuschauerraum zu rekonstruieren. Hunderte von alten Familienfotos wurden vergrößert, um die vergoldeten Holzdekorationen möglichst originalgetreu nachzubilden. Sogar der grünsamtige Bühnenvorhang mit seinen über tausend Margariten – er stammte aus den 1850er Jahren – hängt wieder an seinem Platz. Und die historische Patina? Sie wird sich wieder einstellen, wenn das Fenice durch seine Aufführungen unter Beweis stellt, dass es die Tradition des Ortes würdig fortsetzt.

Kommentare

Dieser Film wurde leider noch nicht kommentiert.
Hier können Sie einen Kommentar abgeben.