Georg Baselitz

DVD / Blu-ray / Trailer :: IMDB (7,1)
Regie: Evelyn Schels
Darsteller: ?????
Laufzeit: 105min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Verleih: Alamode Film
Filmstart: 11. April 2013
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Im kreativen Herzstück eines jeden Künstlers, seinem Atelier, beginnt Evelyn Schels Dokumentarfilm. Dort, wohin nur selten Journalisten oder Gäste geladen werden und Kameras eigentlich verboten sind, beobachtet die Filmemacherin den Künstler bei der Arbeit. Er überarbeitet gerade das Portrait seiner Frau, das Teil seiner „Negativ Serie“ ist. Das über zwei Meter hohe Bild liegt vor seinen Füßen auf dem Boden – verkehrt herum, natürlich. Er beginnt es nachdenklich zu beäugen, beugt sich vor und wieder zurück, gleicht es mit seiner Vorlage ab, kniet sich vor das Bild und beginnt zu tupfen, zieht Handschuhe an und trägt Farbe auf, kratzt Farbe auf, tupft, kleckst und verwischt. Ein Künstler ganz in seine Welt versunken, ein Künstler, der sich bei der Arbeit über die Schulter blicken lässt und sich über seine Arbeitsweise äußert: „Das Problem bei mir ist, ich arbeite sehr flüssig, sehr dünn und sehr schnell, dann läuft allerdings die Farbe runter, das geht nicht. Daher arbeite ich meist auf den Boden. Dann läuft alles weg. Das schwimmt einfach weg. Für mich ist wichtig, dass du immer, wenn du unten arbeitest, die Monumentalität oder die Größe beibehältst, dass du nicht so klein wirst. Ich muss immer umdenken. Normalerweise ist man gewohnt, diesen Sehraum zu benutzen. Man macht dann eine ganze Figur auf so einem kleinen Stück. Und ich will ja ein großes Format mit einem Detail ausfüllen. Also diese Vergrößerung, die ich immer vornehmen muss, die darf ich nicht vergessen. Manchmal vergesse ich sie. Das ist schlecht.“ (Georg Baselitz) Baselitz erzählt dem Zuschauer von dem harten Lehrgeld, das er früher für seinen Eigensinn und seine Unbelehrbarkeit zahlen musste. Der Film geht ganz an die Wurzeln zurück, widmet sich zunächst den jähen Anfängen, mit einem Blick ins Familienalbum: Bilder aus einer Kindheit inmitten der NS-Zeit und einer Jugend im Nachkriegsdeutschland. Georg Baselitz erzählt von seiner Kindheit, vom problematischen Verhältnis zu seinem nationalsozialistischen Vater, seiner renitenten Jugend, den vielen Streichen und der schwierigen Rolle, die seine Mutter als Frau eines Ex-Nazis nach Kriegsende zu tragen hatte. „Mein Vater war Deutschnationaler, also er war Nazi. Als der Krieg zu Ende war, war er erst mal im Gefängnis. Er durfte nicht mehr als Lehrer arbeiten, er wurde vollständig degradiert. Er musste als ‚Schlammräumer oder Grabenräumer‘ arbeiten – heute würde man sagen „Müllmann“. Müllabfuhr hatten wir ja nicht. Er ging mit einem anderen Nazi jeden Morgen mit der Schaufel los, und die machten die Abwasserkanäle sauber. Meine Mutter musste dann in den Beruf meines Vaters einsteigen. Sie musste die Kinder aus dem Dorf unterrichten, obwohl sie es nie gemacht hatte, auch nicht gelernt hatte. Aber sie hat die Bücher von meinem Vater gehabt. Dann hat sie alle Prüfungen nachgeholt und wurde die Lehrerin. Was meine Mutter damals leisten musste, dafür schäme ich mich immer noch und es tut mir leid.“ (Georg Baselitz) Seine eigene Ehe mit Frau Elke könnte hingegen symbiotischer kaum sein. Seit über 50 Jahren sind die beiden verheiratet. Keiner kennt Baselitz so gut wie sie, weiß, was er macht und durchlebt. Niemand sonst darf ihn so ungefiltert kritisieren. Frage: „Wie viel Zeit verbringen sie miteinander?“ – Elke Baselitz: „Immer. Wir haben uns nie getrennt. Wir haben uns eigentlich immer gefreut, wenn wir den anderen gesehen haben. Selbst am Tag, wenn man sich begegnet im Haus, dann hat man sich gefreut. Es war nie der Moment, wo man sich nicht gefreut hat, den anderen gesehen zu haben. Wir leben ja so eng zusammen, dass man es nicht beschreiben kann. Wir sind wirklich 24 Stunden zusammen. Wir unterhalten uns, wir streiten uns – alles Mögliche; ich weiß genau, was er macht. Ich weiß genau, was entsteht.“ – Georg Baselitz: „Manchmal ist es einfacher, wenn man sofort jemanden hat, den man fragen kann in der Unsicherheit, die ich habe: Sag mal, ist das da okay oder nicht? (…) Sie muss gar nicht hingucken. Sie braucht mich ja nur anzuschauen, dann weiß sie, ich habe Mist gemacht.“ Kennengelernt haben sie sich in West-Berlin an der Kunsthochschule. Was sie gleich zusammengeschweißt hat, war die Tatsache, dass sie beide aus der damaligen DDR kamen, denn „das Heimweh verbindet“ (Elke Baselitz). Baselitz war schon 1957, nach seinem Rauswurf aus der Ost-Berliner Kunsthochschule, „schweren Herzens“ in West-Berlin gelandet. Hier änderte er seinen Stil – weg von realitätsvergleichender Malerei – und ließ die vielen neuen Einflüsse, besonders die amerikanischen Maler, auf sich wirken. „1958 war die große Ausstellung von amerikanischem abstrakten Expressionismus an der Westberliner Akademie mit den Pollock-Stationen, mit de Kooning, mit Sam Francis, mit Rothko. Es war ungeheuer eindrücklich. Das war kaum zu verarbeiten. Ein Feuerwerk von neuen Dingen.“ (Georg Baselitz) Baselitz beginnt einen neuen, eigenen Stil außerhalb des Mainstreams zu finden, malt mit „Saufarben“, dem Farb-Schmutz, der von Leinwänden gekratzt wird. Bald verbindet ihn eine enge Freundschaft mit dem Maler Eugen Schönebeck. Lange Zeit sind die beiden Künstler untrennbar, beschließen nur gemeinsam auszustellen, sammeln ihre ersten Erfahrungen mit Berliner Galeristen. Frage: „Wie war Baselitz als junger Mann?“ - Michael Werner, Galerist: „Neurotisch, verletzlich, sehr zielbewusst und fordernd. Ich habe ihn kennengelernt, da kamen zwei Jungs über den Hof mit einer großen Rolle, und die sahen ausgesprochen unmöglich aus. Die hatten lange dunkle Mäntel an, so fast bis auf die Erde, rauchten beide Kette, hatten lange Haare und haben gefragt, ob ich das Plakat aufhängen kann. Dann habe ich gesagt: ‚Jawohl, legt es mal auf den Tisch!‘ Dann haben sie gesagt: ‚Nein, wir wollten das jetzt gleich aufhängen.‘ Und irgendwie unter einer merkwürdigen Hypnose habe ich das gemacht. Die haben nicht geholfen, haben also an ihren Zigaretten gezogen. Dann habe ich das mühsam mit Tesafilm und Verrenkungen aufgehängt. Sie haben sich höflich bedankt, sind raus gegangen, und ich war wütend.“ Michael Werner gehörte gemeinsam mit Benjamin Katz die Galerie „Werner & Katz“, die mit einer Baselitz Ausstellung 1962 den Skandal um das Werk „Die große Nacht im Eimer“ auslöste. Wie es dazu kam, welchen Anteil die Galeristen daran hatten und was die Konsequenzen daraus waren, erzählen die Beteiligten. Weitere Galeristen und Weggefährten Baselitz‘ kommen zu Wort, berichten von den schwierigen frühen Jahren des Künstlers, in denen sich für seine Bilder einfach keine Käufer finden lassen wollten. Georg und Elke Baselitz halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, 80 Pfennig die Stunde, das war damals normal. „Baselitz war immer und wollte immer ein moderner Künstler sein. Nur die Moderne, die er wollte, die gab’s nicht. Das war irgendwie auch ein Glaubensbekenntnis, sich mit Herrn Baselitz zu beschäftigen. Und der große Teil der Öffentlichkeit oder der Sammlerschaft oder auch sehr, sehr viele Museen waren ziemlich aggressiv gegen die Sache eingestellt – auch die Presse.“ (Fred Jahn, Galerist) Mitte der 60er Jahre zieht das Ehepaar Baselitz aus Berlin weg nach Italien. Amüsant erzählt Baselitz von seinen ersten Eindrücken und Vorurteilen. Eine tiefe Verbundenheit mit Italien hat der Künstler noch heute, neben seinem Atelier am Ammersee hat er ein Domizil in Imperia. Während der Filmaufnahmen arbeitet der Künstler an zwei immensen Holzskulpturen, die seine Frau Elke und ihn darstellen. Mit der Motorsäge bewaffnet gräbt und sägt er sich durch die massiven Holzstücke. Die Skulptur wird er später in Bronze gießen lassen, ihre erste Ausstellung wird sie in New York haben, auch dahin wird der Zuschauer den Künstler begleiten. Auf seinem Weg zu einem der wichtigsten, zeitgenössischen Künstler ist die Biennale 1980 der Wendepunkt. Alte Tagesschauberichte, die den – bis dato – reinen Maler Baselitz für seine erste Skulptur wenig rühmen. Doch auf der internationalen Ebene ändert sich für den jungen deutschen Künstler nun alles: „Das war der Zeitpunkt, wo alle Amerikaner einstiegen und die ganzen Künstler in die New Yorker Galerien gingen. Baselitz bekam gleich zwei Galerien, Fourcade und Sonnabend.“ (Michael Werner, Galerist) Auch aktuell sind selbst seine frühen Werke sehr gefragt: „Es gab eine berühmte Auktion in London. Da wurde die Sammlung von Graf Dürkheim verkauft, und da waren ja einige bedeutende Bilder von Baselitz auch mit dabei. Eines davon hat in Euro umgerechnet so um die 5,5 Mio. Euro gebracht. Das war ein Heldenbild aus den 60er-Jahren. Vor allem das Frühwerk hat eine Aufwertung erlebt, die schon sehr beeindruckend ist, aber die dem, was Baselitz darstellt, einfach ganz gerechtfertigt ist.“ (Thaddaeus Ropac, Galerist) Noch heute füllen Georg Baselitz‘ neuste Werke Pariser Museen und New Yorker Galerien, wohin der Film ihn begleitet, noch heute ist der Künstler jedoch aufgeregt und ängstlich vor den Reaktionen der Betrachter: „Ich bin wahnsinnig aufgeregt, als hätte ich so was noch nie gemacht, als wäre es das erste Mal. Merkwürdigerweise. Alle sagen mir: Du hast doch alles, dir geht’s doch gut, du musst dich doch nicht … usw., aber es hilft nicht. Es gibt keine Therapie, weil ich grundsätzlich unsicher bin. Würde ich Bilder ausstellen, die ich schon öfter ausgestellt hätte und die, sagen wir mal, 20 Jahre alt wären oder 50, hätte ich vielleicht das Problem nicht. Aber da ich immer neue Sachen mache, gibt’s das Problem. Bist du noch da, akzeptieren die Leute das, lieben sie dich vielleicht sogar, oder finden sie es langweilig? Alle diese Fragen, da kannst du erst die Antwort finden, wenn die Sache gelaufen ist und alle Bilder verkauft sind.“ (Georg Baselitz) Indem Baselitz sich immer wieder diesen neuen Herausforderungen stellt, ist er auch mit seinen 75 Jahren nach wie vor ein gefragter Künstler auf der Höhe der Zeit, dessen Werk sich stetig weiterentwickelt und der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „Georg Baselitz ist ein grandioser Maler. Man muss natürlich ein Maler mit so einer genialen Malkraft sein, dass man so eine Karriere machen kann. Er hat in der Qualität nie nachgelassen. Wenn Sie die letzten Bilder sehen, und bedenken, dass es sich um einen Künstler handelt, der Mitte 70 ist, dann denkt man sich, das hat eine Frische wie ein junger Maler.“ (Thaddaeus Ropac, Galerist)

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