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Alt 14.10.2019, 15:45:18   #121 (permalink)
raptor230961
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Die sechs Jisos und die Strohhüte
(Fabel aus Japan)
Es waren einmal ein alter Mann und seine alte Frau. Der Mann flocht Strohhüte um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, doch die beiden lebten im Elend und so kam es einmal, dass sie am letzten Tag des Jahres kein Geld mehr für die traditionellen Neujahrskuchen hatten. Der Alte beschloss also, in die Stadt zu gehen und dort einige Strohhüte zu verkaufen. Er nahm fünf davon und machte sich auf den Weg. Die Stadt lag weit entfernt und auf dem Weg dorthin musste er eine Ebene durchwandern. Als er endlich in der Stadt angelangt war, fing er an zu rufen: "Strohhüte, wer will einen Strohhut kaufen? Die besten Strohhüte!" Die Stadt war voller Menschen, die Festtagseinkäufe machten. Sie kauften Fisch, Sake und Neujahrskuchen und eilten nach Hause. Niemand aber wollte dem Alten einen Strohhut abkaufen. Für den Neujahrstag braucht man keine Strohhüte. Als es anfing zu schneien, ging der alte Mann in der ganzen Stadt herum und bot seine Hüte an. Am Ende des Tage aber hatte er noch keinen einzigen Hut verkauft. Als sich der Alte müde auf den Heimweg machte, sah er in der Ebene einige Jiso-Statuen unter dem Schnee stehen. Schneeflocken bedeckten die Köpfe der sechs steinernen Statuen. Der gutmütige Alte dachte sich: "Bei dieser Kälte werden die Jisos frieren." Er fegte den Schnee von ihren Köpfen und setzte ihnen die Hüte auf, die er nicht verkauft hatte. Dabei murmelte er: "Diese Hüte konnte ich nicht verkaufen, aber ich bitte Euch, sie anzunehmen." Weil er nur fünf Hüte mitgenommen hatte, es aber sechs Statuen waren, schenkte der Alte dem letzten Jiso seinen eigenen Hut. "Ich bitte um Entschuldigung, dass dieser Hut nicht neu ist." sagte er und setzte seinen Weg fort. Als der alte Mann endlich heimkam, war er mit Schnee bedeckt, denn er hatte ja seinen eigenen Hut weg gegeben. Als seine Frau das sah, fragte sie: "Was ist passiert?" Der Alte antwortete: "Ich habe keinen einzigen Hut in der Stadt verkauft und auf dem Heimweg sah ich die Jisos in der Kälte stehen. Ihre Köpfe waren mit Schnee bedeckt, und so habe ich ihnen die Hüte gegeben. Weil die Hüte nicht reichten, habe ich ihnen auch meinen eigenen geschenkt." Seine Frau war sehr ergriffen. "Du hast gut getan." sagte sie. "Obwohl wir arm sind, haben wir doch ein Haus. Deshalb müssen wir zufrieden sein." So saßen beide beim Feuer. Weil sie wegen der nicht verkauften Hüte kein Geld hatten, fehlten auf ihrem Tisch die traditionellen Reiskuchen. Als es dunkel geworden war, wurden die beiden von einem Geräusch geweckt. Erst kamen die Stimmen von weitem - dann aber hörte man einen Gesang immer näher kommen: "Die Jisos haben Strohhüte vom alten Mann bekommen, wo steht das Haus der Alten, wo ist das Haus der Alten?" Der alte Mann und seine Frau wunderten sich sehr über den Gesang. Als sie danach laute Musik hörten, öffneten sie die Tür: vor der Tür lagen große Portionen Reis, Sake und Fisch, Neujahrsschmuck und warme Kimonos verschiedenster Art. Die Alten schauten sich um, um zu sehen, wer ihnen diese Dinge auf die Türschwelle gelegt haben mochte, und sahen die sechs Jisos, die sich entfernten - jeder mit einem Strohhut auf seinem Kopf. So hatten sich die Jisos mit einem Neujahrsgeschenk bei dem alten Mann für seine Wohltat bedankt.
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Alt 15.10.2019, 20:39:24   #122 (permalink)
raptor230961
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Der Sperling mit der durchschnittenen Zunge
(Fabel aus Japan)
Vor grauen Jahren lebte tief im Gebirge ein altes Ehepaar. Obgleich die beiden eigentlich wenig zu einander paßten, denn der Mann hatte ein gutes, braves Gemüth, die Frau aber besaß einen zänkischen, neidischen Charakter, so hausten sie doch ziemlich einträchtiglich zusammen und waren in Ehren alt geworden. Eines Tages saß der Greis, wie er dies oft zu thun pflegte, vor seiner Hütte, und da gewahrte er rings umherschauend einen Raben, der einen jungen Sperling verfolgte. Der kleine Spatz piepte gar ängstlich, und der große Rabe schlug mit den Flügeln und war schon im Begriffe, mit seinem gewaltigen Schnabel das matte Thierchen zu tödten, als noch gerade zu rechter Zeit der gute alte Mann herzu lief und den Raben verscheuchte, der sich auch alsbald ärgerlich krächzend in die Lüfte erhob. Gutmüthig nahm der Greis den Sperling in die Hand und trug ihn vorsichtig nach Hause. Das Herz klopfte dem Thierchen so ängstlich in der Brust, daß der Alte, von Mitleid erfüllt, ihm Trost zusprach, und als er in sein Zimmer trat, da setzte er das Vögelchen in ein Bauer, in dem es sich recht bald erholte. Als es nun wieder fröhlich zwitschernd in dem Bauer umherhüpfte, da fütterte es der alte Mann mit lauter guten Sachen; auch machte er die Thür des Bauers jeden Morgen auf, damit es sich frei und nicht gefangen fühlen sollte. Der Sperling war darüber guter Dinge; er benutzte diese Freiheit und flog in der Hütte hin und her; kam aber eine Katze, eine Ratte oder sonst ein Feind in Sicht, dann flog unser Spätzlein stets in das schützende Vogelhäuschen zurück. Der Alte hatte über den kleinen Vogel eine unsagbare Freude, und wie er sah, daß derselbe aus Dankbarkeit bei ihm blieb und nicht aus der Hütte flog, da hörte er nicht auf, die Klugheit und Zahmheit des lieben Thierchens zu preisen. Seine Frau aber, die alte böse Sieben, die ärgerte sich über den Vogel und kehrte dabei so recht wieder ihren bösen Sinn heraus; sie gönnte dem niedlichen kleinen Thiere das Futter nicht, das ihr Mann ihm täglich brachte, und diesem gönnte sie wieder die Freude nicht, die er an dem Vogel hatte. Es ist doch abscheulich, daß es so manchen mißgünstigen, bösartigen Menschen gibt, der es nicht lassen kann, seinem lieben Nächsten das Leben zu verbittern. Zu diesen gehörte auch die Frau des guten alten Mannes; sie schalt und maulte fortwährend über den Vogel, und als eines Tages der Mann nicht daheim war, da ließ sie ihrem langgenährten Hasse gegen den armen Spatzen freien Lauf. Brummend verrichtete sie ihre Arbeiten im Hause und warf drohende Blicke auf den nichts ahnenden Vogel, der lustig hin und her flatterte. Sie stand gerade am Waschgefäße, in dem sie ein Gewand wusch; nachdem dies geschehen, holte sie Stärke herbei, um demselben neuen Glanz zu geben. Und siehe, da kam der Vogel herzu, setzte sich auf den Rand des Waschgefäßes und pickte ein wenig von der Stärke auf. Da aber ergriff das wüthende Weib eine Schere, packte den Vogel und wollte ihn erst umbringen; doch das Gewissen mochte ihr schlagen, und so ließ sie ihm das Leben. Aber damit er nicht mehr fressen und naschen könnte, wollte sie ihm die Zunge abschneiden. Der arme Sperling zog sein Köpfchen zurück, aber er bekam doch einen tiefen Schnitt in die Zunge und schrie laut auf vor Schmerz, so daß ihn die böse Frau losließ. Da flog er in Angst und Schrecken auf und davon, zum Hause hinaus, auf Nimmerwiedersehen. Als nach einiger Zeit der Alte heimkehrte, fragte er gleich nach seinem Liebling, und da erzählte ihm seine Frau die ganze Begebenheit und zankte ihn noch gehörig dafür aus, daß er sich um einen kleinen Vogel so anstellen könne, auf den doch gar nichts ankomme. Sie sagte, sie sei froh, daß der Spatz nicht mehr da sei, und seine Naschhaftigkeit hätte endlich einmal bestraft werden müssen. Der Alte aber war so betrübt, daß er ohne alle Scheu vor seiner bösen Frau ihr rund heraus erklärte, sie sei ein hartherziges Geschöpf und hätte den armen Vogel für sein Vergehen viel zu hart bestraft; und als er ihr so seine Meinung gesagt, da setzte er sich traurig vor die Hütte und spähte nach dem klemm Sperling, und so that er es von nun an Tag für Tag. Doch die Zeit verstrich, ohne daß das Vöglein zurückkam, und so ergab sich der Greis allgemach in sein Schicksal und gab seinen Liebling verloren. Nun begab es sich einstmals, daß der alte Mann an einem schönen, warmen Sommertage ausging und im kühlen Schatten der Bäume langsam dahin schlenderte. Ein schönes Bambusdickicht lag vor ihm, und dahin lenkte er seine Schritte. Als er nun in dasselbe eintrat, sah er plötzlich ein wunderhübsches Gärtchen, das er früher nie bemerkt. Und als er verwundert umherblickte, da gewahrte er auch ein nettes, sauberes Häuschen, und aus dem Häuschen trat ein wunderhübsches, freundliches Mädchen hervor. Dasselbe schritt durch den Garten und öffnete ihm mit herzlichem Gruße die Pforte. »Komm herein, mein lieber, alter Freund,« sprach des hübsche Mädchen, »du hast mich nun endlich wieder gefunden! Ich bin dein kleiner Sperling, dem du das Leben gerettet und den du so treu verpflegt hast!« Voll Freude schlug der alte Mann in die Hände, und als er der Einladung des lieblichen Mädchens folgte und sah, wie wunderhübsch es wohnte, da kannte seine Verwunderung keine Grenzen. Indessen hatte er keine Zeit, über diese wunderbare Begebenheit nachzudenken, denn kaum war er in das Häuschen eingetreten und hatte auf dem schönen Kissen, das man für ihn hinlegte, Platz genommen, da mußte er essen; das hübsche Mädchen brachte ihm viele Delikatessen, die er sonst nicht bekam, und dabei bediente sie ihn so gut und liebenswürdig, daß er sich nach Herzenslust pflegte und oft vor Freuden laut auflachte. Kaum war das Mahl verzehrt, so nahm das Mädchen sein Saitenspiel zur Hand und machte mit seinen Kameradinnen, die es herbeigerufen, schöne Musik; es ward auch getanzt, und da verging die Zeit so herrlich, daß der alte Mann gar nicht merkte, wie es dunkel wurde; auch dachte er nicht im mindesten daran, daß seine Frau sicherlich kein kleines Gezänk anfangen würde, wenn er so spät nach Hause käme. Nein, in diesen glückseligen Augenblicken konnte der gute Greis in der That an so etwas nicht denken, und so nahm er auch ohne alles Bedenken die Einladung seiner lieben Freundin an, daß er über Nacht da bleiben möchte. Er schlief auf den reichen, schönen Decken, die man ihm auf den Boden ausbreitete, herrlich bis an den lichten Morgen, und als die Sonne durch das Bambusgezweig blitzte, da machte er sich bereit, Abschied zu nehmen, und dankte herzlich für die freundliche Bewirthung. Doch so ohne weiters ließ ihn seine kleine Freundin nicht scheiden. »Wie kannst du denken,« sprach sie, »daß ich dich ohne ein Geschenk ziehen lasse?« Und damit ließ sie ein paar Kasten herbeitragen, von denen der eine klein, der andre aber groß und schwer war. Bescheiden, wie der gute Alte stets war, wählte er auch jetzt den kleinen Kasten, den er mit vielen Dankesworten in ein Tuch schlug und auf den Rücken nahm. Nun geleitete ihn das hübsche Mädchen aus dem Hause und durch das Gärtchen und sagte ihm Lebewohl. Leichten Muthes und dankbaren Herzens ging nun der Alte seines Weges und kam wohlbehalten in seiner Hütte an. Aber nun könnt ihr euch wohl denken, wie er bei seinem Eintritt in das Zimmer empfangen wurde! Hui, das gab ein Keifen und Schelten, als wie von bösen Geistern. Doch der gute Greis ließ seine zänkische Frau gewähren; er ließ sie poltern, so viel sie wollte, und dachte bei sich: »zuletzt hört sie doch auf, denn zu einem Zanke, der lange andauert, gehören immer zwei.« Damit hatte er sich stets getröstet, wenn seine Frau böser Laune war, und deshalb steckte er auch diesmal ein Pfeifchen an und setzte sich nieder, um auszuruhen. In seinem Herzen war eitel Freude und Lust; er konnte die lieben Spätzchen, die ihn so schön bewirthet, nicht vergessen, und als nun seine Blicke ganz unwillkürlich auf den hübschen Kasten fielen, den er zum Geschenk erhalten, da nahm er ihn zur Hand und öffnete ihn, um zu erfahren, was darinnen sei. Aber was war das? Lauter blitzendes Gold und Edelgestein! Er saß ganz starr und steif vor Verwunderung, während seine Frau, die neugierig herzugetreten war, sofort den ganzen Inhalt auf die Matte schüttete und die Kostbarkeiten auseinander suchte. Nun leuchteten ihre Augen, und ganz freundlich bat sie ihn mit sanften Worten, ihr umständlich sein Abenteuer zu erzählen. Der Alte willfahrte auch ihrem Wunsch und berichtete alles, was ihm mit den Sperlingen begegnet war, ohne die geringste Kleinigkeit auszulassen. Voller Staunen hörte die Frau ihm zu, doch als seine Erzählung bis zu den beiden Kasten gekommen war, und als sie nun hörte, daß ihr Mann den großen schweren Kasten ausgeschlagen und dafür den kleinen genommen hatte, da ging der Tanz von neuem los und das Zankmaul stand nicht eher still, als bis der alte Mann ganz genau den Weg zu den lieben Sperlingen beschrieben hatte. Sofort legte die Frau ihre besten Kleider an und machte sich auf den Weg. In ihrer Gier aber ging sie so rasch von dannen, daß sie nicht gehörig auf den Pfad achtete, und erst nach manchem Hin- und Herlaufen sehr mühsam das Häuschen der Sperlinge fand. Und als sie dasselbe endlich in dem niedlichen Garten vor sich sah, da klopfte sie nicht bescheiden, wie es sich gehört und wie es schicklich ist, an die Thür, nein, sie drang ohne weiteres durch den Garten bis an das Haus, als ob es ihr gehöre. Die Sperlinge waren ganz erschrocken darüber, und das schöne Mädchen, das seine Feindin wohl erkannte, berieth sich erst längere Zeit mit ihren Genossen, was zu thun sei. Doch so ohne weiteres durfte man die alte Frau nicht aus dem Hause werfen, das wäre nicht schön gewesen, und so machten sie alle gute Miene zum bösen Spiele und hießen den unliebsamen Gast willkommen. Schöner Kuchen und Wein wurde herbeigeschafft, und als sich die Alte weidlich gepflegt hatte, da glaubten die Sperlinge, sie würde nun gehen; doch weit gefehlt! »Wollt ihr mir denn nicht auch ein Abschiedsgeschenk geben?« fragte sie endlich geradezu, da sie merkte, daß man sie gar nicht zum Dableiben nöthigte. »Von Herzen gern,« entgegnete das schöne Mädchen und ließ sofort wieder zwei ebensolche Kasten bringen, wie voriges Mal. Ohne alles Besinnen griff die alte Frau nach dem großen, schweren Kasten, den sie auch ohne weiteres aus den Rücken nahm, und mit flüchtigem Abschiedsgruß eilte sie fort. Doch so rasch, wie sie vermeinte, kam sie nicht nach Hause denn der große Kasten wurde schwerer und schwerer, so daß sie keuchend unter der Last schier zusammenbrach. Nur ihre Habgier und ihr Geiz stachelten sie immer wieder zu neuen Anstrengungen an, und so kam sie mit Aufgebot der letzten Kräfte endlich mit dem Kasten in ihre Hütte zurück. Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, so sank sie ermattet zu Boden; nachdem sie sich indessen nur einigermaßen wieder erholt hatte, machte sie sich daran, den Verschluß des schweren Kastens zu öffnen. Der Abend war bereits hereingebrochen, und es war im Hause ganz dunkel; doch das machte dem gierigen Weibe nichts aus. Sie nahm sich nicht die Zeit, Licht anzuzünden und hatte keine Ruhe, ehe sie die kostbaren Schätze untersucht hatte, die sie im Kasten vermuthete. So löste sie denn hastig, wenn auch nicht ohne Mühe, den Verschluß, und endlich sprang der Deckel in die Höhe. Aber, o Schrecken! keine Kleinodien und Kostbarkeiten kamen zum Vorschein, sondern scheußliche Gespenster mit glühenden Augen, mit schlangenartigen Schwänzen und mit scharfen Krallen stürzten aus dem Kasten hervor und peinigten das böse Weib auf alle erdenkliche Weise. Und so bekam sie für alle ihre Schlechtigkeit, für ihre Habgier und für ihre Grausamkeit ihre wohlverdiente Strafe.
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Alt 16.10.2019, 22:38:50   #123 (permalink)
raptor230961
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Der harte Lehnsherr
(Fabel aus Japan)
Vor Zeiten lebte am Fuße eines Berges ein altes Mütterchen mit ihrem Enkel, der ob seiner Gutherzigkeit und Tüchtigkeit im ganzen Dorf hochgeachtet war. Er pflegte sie sehr treu und liebevoll und war allezeit gehorsam und ehrerbietig gegen sie. Nun traf es sich, dass das Dorf in die Gewalt eines unbarmherzigen und unmenschlich grausamen Lehnsherrn kam. Der erließ eines Tages den Befehl an die Dorfleute, sie sollten alle alten Leute auf dem Berg aussetzen und Hungers sterben lassen; denn er meinte, sie seien zu nichts mehr nütze in der Welt und verstünden nichts als Reis zu essen. Den armen Dorfbewohnern blieb nichts übrig, als dem Befehl zu gehorchen, so schrecklich er auch war. Und so stieg das ganze Dorf an dem bestimmten Tage auf den Berg hinauf, überließ dort die armen Alten ihrem Schicksal und kehrte kummervoll heim. Auch unser altes Mütterchen führte der Enkel mit trauernden Herzen auf den Berg und ließ es dort allein, aber es elend langsam verschmachten zu lassen, das brachte er doch nicht übers Herz. Um Mitternacht desselbigen Tages noch holte er es wieder in sein Haus zurück, und hielt es dort im Keller ganz in der Stille von der Welt verborgen. Täglich brachte er, was es zur Nahrung bedurfte, und mühte sich redlich ab, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Der Gutsherr war in der Bosheit seines Herzens entschlossen, die Gemeinde bis aufs Blut zu quälen. Eines Tages gab er seinen Leuten den närrischen Befehl, ihm an einem bestimmten Tage ein Seil aus Asche zu bringen. Allen schien der Auftrag unausführbar; wie sollte man aus Asche ein Seil machen? In ihrer Ratlosigkeit baten sie den Herrn um Erlass der ganz unmöglichen Arbeit, aber er forderte das Seil nur um so dringender und drohte ihnen schwere Strafe an, wenn sie es nicht bis zur festgesetzten Stunde brächten. In ihrer Angst versammelte sich die ganze Gemeinde im Hause des Enkels und beratschlagte, was zu tun sei, aber kein Ausweg war zu finden. Da erschien plötzlich zu aller Staunen das Mütterchen, das im Keller die Beratung angehört hatte. Weil bis dahin niemand von seinem Aufenthalt im Keller eine Ahnung gehabt hatte, wunderten sie sich alle aufs äußerste, dass eine so alte Frau der Bosheit des Herrn hatte entzogen werden können, und waren gerührt über die kindliche Liebe und Klugheit des Enkels. Die Alte wieder tröstete sie in ihrer Angst und Sorge, indem sie sagte: „Es ist nichts leichter, als dem Befehl des Herrn nachzukommen. Asche lässt sich zwar nicht zu einem Seile drehen, aber man erhält ohne Mühe ein Seil aus Asche, wenn man ein gewöhnliches Seil im Feuer zu Asche verkohlen lässt.“ Die Leute folgten sofort ihrem klugen Rat und erhielten wirklich das verlangte Seil. Hocherfreut wählten sie einen aus ihrer Mitte, der es dem Herrn übergeben sollte. Der ging sofort zum Herrenhause und ließ melden, er bringe das gewünschte Seil aus Asche. Verwundert und neugierig, wie sie das Kunststück fertiggebracht hätten, ließ ihn der Herr sogleich vor sich kommen, und der Bote musste ihm den ganzen Hergang erzählen. Das tat er auch mit aller Aufrichtigkeit. Er schilderte ihre Not und Angst und wie sie ganz ratlos gewesen seien, und dass es ihnen niemals möglich gewesen wäre, den Wunsch des Herrn zu erfüllen, wenn nicht die Klugheit der geretteten Alten sie aller Sorgen enthoben hätte. Auch von der wunderbaren Errettung des Mütterchens sprach er ganz offen und rühmte die Liebe und Treue ihres Enkels. Da gingen dem harten Mann die Augen auf, und er erkannte, wie übereilt er dem Alter seinen Nutzen abgesprochen hatte, und wie töricht und schlecht sein ganzes Verhalten gewesen war. Und er ging in sich und besserte sich und wurde von diesem Tage an, seinen Untergebenen ein gerechter und gütiger Schirmherr.
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Alt 18.10.2019, 18:29:57   #124 (permalink)
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Färbermeister Eule
(Fabel aus Japan)
In alter, alter Zeit war die Eule ein Färber, und alle Vögel kamen zu ihr, um sich ihre Kleider färben zu lassen. Sie färbte diese in den schönsten Farben. Der Rabe war aber ein sehr eitler Geck. Immer flog er in einem schneeweißen Gewande umher. Endlich ging er auch zum Färber und sagte: „Färbe doch bitte mein Gewand mit einer Farbe, die es bisher noch nicht gibt.“ Die Eule überlegte es sich lange. Schließlich färbte sie das Kleid kohlenschwarz und sagte zu dem Raben: „Da hast du eine Farbe, die es bisher nicht auf der Welt gegeben hat.“ Der Rabe wurde nun sehr böse, aber da das Kleid sich nicht mehr anders färben ließ, mußte er es so anziehen, wie es war. Der Eule hat er den Schabernack bis heute nicht vergessen, und jedes Mal, wenn er ihr begegnet, fängt er an, sie laut zu beschimpfen. Deshalb zieht sich die Eule immer in den Wald zurück, wenn die Raben des Morgens ihren Flug beginnen, und kommt den ganzen Tag nicht aus ihrem Versteck hervor. Wenn sich aber Eule und Rabe doch einmal zufällig treffen, dann schauen sie sich gegenseitig mit bösen Blicken an.
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Alt 20.10.2019, 11:17:11   #125 (permalink)
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Der Glühwurm
(Fabel aus Japan)
In einem Sumpf stand einmal eine Lotospflanze, und in ihrem Geäst saß ein unscheinbarer, kleiner Wurm. Es war die Tochter der Feuerfliege, aber niemand beachtete sie, und sie verbrachte einsam ihre Tage. Die machte sich nichts daraus. Denn, dachte sie, wenn ich auch jetzt allein in meinem Blütenkelche liege – wenn ich groß bin, werde ich genug Gesellschaft bekommen. Und siehe, eines Abends, da strahlte ihr Körper in einem wunderbaren Lichte, sodaß alle ringsum erstaunten, und die Mondsichel am Himmel zog sich vor lauter Neid hinter einer Wolke zurück. Als die anderen Insekten das seltsame Licht sahen, das plötzlich aus der Lotosblume erstrahlte, kamen sie zu Tausenden an und bewunderten den glänzenden Glühwurm. Der große Nachtfalter umflatterte den Kelch der Lotosblume, große und kleine Käfer schwirrten unaufhörlich in der Luft, zahllose buntfarbige Tiere begannen ihr zu Ehren zu summen und zu singen, so daß es weithin in den Abend tönte. Der Glühwurm aber rührte sich gar nicht in seinem duftenden Blumenbett, er lag ganz still und unbeweglich und tat, als merkte er nichts von dem Gewirr rings um ihn. Aber Abend für Abend kamen Insekten wieder und umschwärmten den Glühwurm. Da wurde dieser endlich ärgerlich, trat aus seinem Bett heraus und rief: „Mir gefällt keiner von euch, lasst mich in Ruh’, ich nehme nur den zum Manne, der mir ein Licht bringt, so wie ich’s selbst habe.“ Zuerst waren all die Insekten erschrocken, dann aber flogen sie rasch von dannen, um Licht zu holen. Sie stürzten sich tapfer und ohne sich zu besinnen in jede Lampe, jede Kerze, die ihnen in den Weg kam. Aber kein einziger Strahl blieb in ihren Flügeln hängen, sondern sie mußten kläglich zugrunde gehen und für ihr Wagnis büßen. Der Glühwurm lag nun wieder allein in seiner Lotosblume. Und vielleicht wäre er noch lange allein geblieben, wenn nicht plötzlich ein Leuchtkäfer des Weges gekommen wäre, und dieser glänzte genau so hell wie der Glühwurm. Und als sie einander erblickten, da waren sie so beglückt, so daß sie zugleich beschlossen zu heiraten. Die armen Insekten aber, welche der Glühwurm fortgeschickt hatte, mühen sich noch heute vergebens nach dem Licht. Sie verbrennen sich dabei Flügel und Füße oder den ganzen Leib und müssen traurig sterben.
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Alt 21.10.2019, 22:35:58   #126 (permalink)
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Die Verteilung der Weisheit
(Fabel aus Afrika)
Kwaku Ananse betrachtete die Welt und kam zum Schluss, das die Menschen mit der ihnen von Gott gegebenen Weisheit sehr unüberlegt und verschwenderisch umgingen. So entschloss sich Kwaku Ananse, die Weisheit einzusammeln und für spätere Zeiten aufzuheben. Kwaku Ananse machte sich also auf den Weg durch die Welt und sammelte jedes kleinste Stückchen Weisheit ein. Er tat sie vorsichtig in einen grossen Kürbis und füllte ihn bis zum Rand. Vorsichtig legte Kwaku Ananse den Deckel darauf und band ihn gut fest. Dann begann Kwaku Ananse darüber nachzudenken, wo er den Kürbis mit der Weisheit aufbewahren könnte. Kwaku Ananse kam zu dem Entschluss, den Kürbis mit der Weisheit auf die höchste Palme zu tragen und dort zwischen den Zweigen zu verstecken. Er würde den Kürbis gut festbinden, und dort oben wäre er so versteckt, dass ihn niemand sehen könnte. Es würde auch niemand annehmen, dass die ganze Weisheit der Welt sich auf einer Kokospalme befinden könnte. Kwaku Ananse band sich also den Kürbis vor den Bauch, hing sich ein langes Seil über die Schulter und begann, langsam die Palme hinaufzuklettern. Da der Kürbis sehr groß und sehr schwer war, musste sich Kwaku Ananse ordentlich anstrengen. Vorsichtig setzt er Bein vor Bein und kletterte die schwankende Palme immer höher. Er merkte plötzlich, dass sich das Band, mit dem er den Kürbis vor seinem Bauch angebunden hatte, lockerte. So hielt er den Kürbis mit zwei seiner Arme fest. Nun war das Klettern aber noch schwieriger geworden. Er entschloss sich, eine Rastpause einzuschalten. Plötzlich blickte er hinunter zum Fuss der Palme und sah dort seinen jüngsten Sohn, der sich vor Lachen den Bauch hielt. Da wurde er zornig und rief hinunter: "Warum lachst Du Deinen Vater aus, der sich so anstrengt, die ganze Weisheit der Welt in Sicherheit zu bringen, Sohn?" Da lachte der Junge noch mehr und rief zu Kwaku Ananse hinauf: "Sage mir, Vater, wenn Du die ganze Weisheit der Welt in Sicherheit bringen willst, warum trägst Du sie dann vor dem Bauch und nicht auf dem Rücken? Das wäre doch viel einfacher und bequemer!" Kwaku Ananse wurde über die frechen Worte seines Sohnes so böse, dass er ohne zu überlegen einen Arm vom Kürbis nahm, die Hand zur Faust ballte und ihm drohte. Ehe Kwaku Ananse jedoch noch ein Wort sagen konnte, fühlte er, dass der Kürbis unter dem Band durchglitt. Mit einem Arm konnte er den Kürbis nicht mehr halten, und dieser stürzte in die Tiefe. Er prallte auf den harten Boden auf und zerbrach in tausend Stücke. Kwaku Ananse blickte wie erstarrt hinunter und sah, wie die ganze Weisheit der Welt in kleinen Bächen davonfloss und begann, langsam in der Erde zu versickern. Von allen Seiten kamen die Menschen herbeigelaufen und hielten grosse und kleine Holzschalen oder Kürbisse in der Hand. Manche hatten in der Eile auch nur ein Blatt abgerissen oder auch nur einen Suppenlöffel mitgebracht. Sie alle versuchten, so viel von der ausfliessenden Weisheit zu erwischen, wie sie nur auffangen konnten. Kwaku Ananse aber, der langsam begann, die Palme hinunterzuklettern, wusste, dass für ihn selbst kaum ein Restchen übrigbleiben würde.
So ist es geschehen, dass die Weisheit in der Welt so ungleich verteilt ist. Die einen haben viel davon und die anderen viel zu wenig.
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Alt 25.10.2019, 23:45:21   #127 (permalink)
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Der Hase im Reich der Tiere
(Fabel aus Afrika)
Es war einmal eine große Dürrezeit im Reich der Tiere des Dschungels. Alle Quellen waren versiegt, alle Bäche und Flüsse trocken. Da versammelten sich die Tiere, um zu beraten, was gegen die Wassernot getan werden könnte. Sie vereinbarten, alle Feindseligkeiten untereinander zu beenden und ein tiefes Wasserloch zu graben, damit sie wieder Wasser hätten. Auch der Hase lebte im Reich der Tiere des Dschungels. Aber er fand es nicht richtig, dass er bei der schweren Arbeit am Wasserloch mithelfen sollte, denn er war bei weitem nicht so groß und kräftig wie die übrigen Tiere. Als die Tiere erfuhren, dass der Hase nicht mitarbeiten wollte, sagten sie erbarmungslos: "Dann wirst du auch kein Wasser trinken, wenn die Wasserstelle fertig ist." Da lachte der Hase und antwortete: "Ich trinke Wasser, wann immer ich will, denn ich kann überall genug Wasser finden. Ich bin ja nicht so groß und durstig wie ihr Elefanten, Tiger, und Löwen." Nach sieben Tagen hatten die Tiere des Dschungels ein tiefes Loch gegraben und waren auf eine Wasserquelle gestoßen, die so ergiebig war, dass sich schnell das ganze Wasserloch bis weit über den Rand mit frischem Wasser füllte. Die Tiere freuten sich so sehr, dass sie sogleich beschlossen, ein großes Fest zu feiern. Nur der Hase sollte nicht mitfeiern dürfen. Nach ein paar Tagen kam der Hase aus dem Wald hervor und blieb in einiger Entfernung von dem Wasserloch stehen, das jetzt der Lieblingstreff der Tiere war. Er trug eine Trommel, und er trommelte und sang dazu. Das klang so:
"Peh-peh, pere-pere peh! Nanima!
Tiere sind sich einig geworden - Nanima!
Eine neue Wasserstelle zu bauen.
Pere-pere peh! Nanima!
Ein Wasserloch wurde gegraben.
Pere-pere peh! Nanima!
Der Hase hat nicht mitgeholfen!
Pere-pere peh! Nanima!"
Den ganzen Tag sang und trommelte er so. Als er dann Durst bekam und in den Wald zurückging, um Wasser zu trinken, fand er nirgendwo Wasser, denn alle Wasserlöcher waren ausgetrocknet. Es war heiß, und der Durst quälte ihn sehr. Die übrigen Tiere dagegen waren gut versorgt, denn an der neuen Wasserstelle hatten sie Wasser im Überfluss. Es war Abend geworden, und der Hase fing wieder mit seiner Musik an und sang:
"Peh-peh pere-pere peh! Nanima!
Die Tiere sind sich einig geworden
Pere-pere peh! Nanima!
Ein Wasserloch zu graben.
Pere-pere peh! Nanima!
Der Hase hat nicht mitgeholfen.
Pere-pere peh! Nanima!"
Er näherte sich ganz langsam der Wasserstelle und sang und trommelte dabei unaufhörlich. Die Tiere, die im frischen Wasser badeten, sahen den Hasen kommen. Seine Musik hatte sie neugierig gemacht, und sie wollten wissen, was für ein Instrument die Trommel wohl wäre. Schließlich wurden sie immer neugieriger, denn die Trommelmusik und der Gesang des Hasen gefielen ihnen. Der Hase sang und trommelte ohne Unterlass. Seine Musik war so eingängig, dass die Tiere anfingen zu tanzen und im Chor seinen Gesang wiederholten:
"Die Tiere sind sich einig geworden!
Peh-peh pere-pere peh! Nanima!
Der Hase hat beim Graben nicht mitgeholfen!
Pere-pere peh! Nanima! Komm näher, mein kleiner Bruder!
Komm näher zu uns heran! Nanima!"
So sangen die Tiere und tanzten dazu, während der Hase immer fleißiger trommelte, bis in die späte Nacht. Zum Schluss waren die Tiere so begeistert vom Unterhaltungstalent des Hasen, dass sie ihn zum Wächter der Wasserstelle bestimmten. Der Hase aber freute sich sehr, denn es war ihm gelungen, sein Leben zu retten und von allen geachtet und geschätzt zu werden.
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Alt 27.10.2019, 09:28:36   #128 (permalink)
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Reg: 24.07.2016
Beiträge: 184
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Das Honigrohr
(Fabel aus Afrika)
Während einer Hungersnot nahm ein Mann Pfeil und Bogen und ging hinaus, um für die Seinen zu jagen. Unterwegs sah er einen Bienenstock. Er nahm die Waben heraus und fand, dass sie viel Honig enthielten. Zu Hause angekommen, stellte er fest, dass niemand daheim war. Er nahm seinen Topf, schüttete den Honig hinein, ging hinters Haus, grub ein Loch und vergrub den Topf sehr sorgfältig, damit keine Erde in den Honig fiel. Vorher hatte er noch ein Rohr in den Topf gesteckt, dessen Spitze aus der Erde ragte. Als nun die Familie am Abend nach Hause kam und das Essen fertig war, wollte man ihm auftun. Er aber sagte: "Gebt nur den Kindern. Was mich angeht, so will ich, dass die Kinder, wenn sie gegessen haben, mitgehen und mir hinter dem Haus mein Lied singen." Er ging mit den Kindern hinaus und lehrte sie ein neues Lied, und das lautete so: "Es möge ertönen, es soll auf mich zufließen." Während die Kinder sangen, beugte sich der Mann nieder und sog so lange Honig aus dem Rohr, bis er vollkommen satt war. So tat er es alle Tage. Als er aber eines Tages nicht zu Hause war, sprachen die Kinder untereinander: "Kommt, lasst uns gehen und das Lied unseres Vaters singen." Und während die anderen sangen, versuchte ein Kind, an dem Rohr zu saugen, wie es der Vater immer tat. Es merkte: Das Lied war außerordentlich süß! Auch die anderen Kinder kosteten den süßen Honig. Schließlich riefen sie ihre Mutter. Die Mutter erkannte, dass in der Erde Honig vergraben war und fand auch bald den Topf. Sie grub ihn aus, schüttete den Honig in ihren Topf und goss in den anderen Wasser. Darauf vergrub sie den Wassertopf wieder sorgfältig im Boden, denn der Vater durfte nichts merken. Den Honig trug sie ins Haus und aß davon mit ihren Kindern. Nachdem der Vater am Abend heimgekehrt war, sang er wie immer mit den Kindern das Lied. Als er aber an dem Rohr sog, merkte er, dass er nur Wasser schluckte. Er probierte noch einmal und fand, dass es tatsächlich so war. Da ging er mit den Kindern betrübt ins Haus. Sie aber verrieten ihm nichts. Nun aßen die Kinder Honig und gaben dem Vater nichts - wie er es mit ihnen getan hatte.
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Alt 29.10.2019, 15:21:50   #129 (permalink)
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Der Regentropfen
(Fabel aus Afrika)
Ein Regentropfen fiel einem Kind in die Hand. Er sprach: "Schließ die Hand, damit ich nicht sterbe und lauf zu den Hügeln mit den Bäumen und lass mich dort frei. Ich werde in die Erde dringen und es wird Regen fallen." Das Kind schloss die Hand und rannte zu den Hügeln mit den Bäumen, so schnell es konnte. Aber als es ankam und die Faust öffnete, war der Regentropfen verdunstet. Weinend lief das Kind ins Dorf zurück und erzählte den Alten, dass der Regentropfen gestorben sei. Nun würde es nie mehr regnen. Aber die Alten sagen: "Weine nicht! Wir werden im Dorf Bäume pflanzen, damit der nächste Regentropfen keine Zeit hat zu verdunsten. Wir werden Bäume pflanzen und wir werden Regen haben."
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Alt 30.10.2019, 19:47:01   #130 (permalink)
raptor230961
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Der Mann und die Antilope
(Fabel aus Afrika)
Es war einmal ein Mann, der war so arm, daß er sich von Hirsekörner nährte, die er aus den Abfällen des Dorfes heraus suchte. Eines Tages aber fand er ein kleines Geldstück, und weil er recht hungrig war, wollte er sich einen guten Braten kaufen. Zufällig kam ein Händler des Weges und bot ihm für sein Geldstück eine kleine Antilope. Der Mann nahm erfreut das Tier und wollte es schlachten. Da begann es zu reden "Habe Mitleid mit mir und laß mich leben!" Der Mann erschrak aber weil er ein gutes Herz hatte ließ er das zierliche Tier frei. Die Antilope lief sogleich in den Wald. Als es Abend wurde kehrte sie zurück und blieb die ganze Nacht in der Hütte. Das ging einige Zeit so. Eines Tages fand sie im Wald unter einem Baum, der mitten in einem Dorngebüsch stand einen kostbaren Diamanten. Zuerst wollte das Tier voll Freude zu seinem Herrn eilen. Aber dann sagte es zu sich: "Wenn ich Weise versuchen." Die Antilope nahm den Diamanten zwischen ihre Zähne und lief schnell aus dem Wald, bis sie zu dem Palast des Sultans kam. Sie sprang die Stufen hinauf zu dem Thron des Sultans und sagte: "Hoher Sultan! Mein Herr ist ein berühmter reicher Mann! Er bittet Dich, ihm Deine Tochter zur Frau zu geben, zum Zeichen seiner Freundschaft sendet er dir diesen kostbaren Edelstein." Der Sultan war sehr erfreut über das Geschenk und willigte ein. Nun lief die Antilope so schnell sie konnte zu ihrem Herrn und beide machten sich auf den Weg. Bevor sie jedoch zum Palast des Sultans kamen, sagte das Tier zu ihm: "Wirf Dich in den Sand!" Der arme Mann warf sich in den Sand und die Antilope zerriß mit ihren zierlichen Hufen seine Kleider, und fügte ihm kleine Wunden zu. Dann befahl sie ihm, liegen zu bleiben und eilte zum Sultan und sprach: "Mein Herr ist von Räubern ausgeplündert worden, kannst Du ihm helfen?" Sogleich gab ihr der Sultan ein prachtvolles Reittier, Kleider, Nahrung und viele Goldstücke. Sie brachte alles ihrem Herrn, und der arme Mann konnte als reicher Prinz in die Stadt einziehen. In drei Tagen sollte Hochzeit sein, er aber besaß noch kein Haus, wo er seine Frau hinbringen konnte. Die Antilope lief wieder davon, bis sie zu einer leeren öden Stadt kam. Die Häuser waren verfallen und von Unkraut überwachsen. Nur ein Haus stand da, prachtvoll gebaut aus Rubinen, Türkisen und schönen Marmorsteinen. Das Haus aber gehörte einem greulichen Drachen mit sieben Köpfen und sieben Augen, der alle sieben Tage in diesem Hause schlief. Die kleine Antilope war mutig und entschlossen. Sie schlüpfte durch ein Fenster und wartete. Als der Drache endlich kam und einen seiner sieben Köpfe hereinsteckte, biß sie ihm alle Augen aus. Als das Ungetüm endlich tot war, lief sie schnell zu ihrem Herrn, und alle zogen in einem prunkvollen Zug in den neuen Palast. Nun wäre alles gut gewesen, aber der arme Mann war plötzlich stolz, eitel und undankbar geworden. Er verachtete die Antilope, der er alles Glück verdankte und jagte sie aus seinem Haus. Kaum war das Tier verschwunden, fiel der undankbare Mann in eine tiefe Ohnmacht. Als er wieder aufwachte, lag er in seiner armseligen Hütte, und mußte sich wie früher von den Hirsekörnern ernähren, die er aus Abfällen des Dorfes heraussuchte. Sein ganzes Leben lang aber wußte er nicht, ob er alles nur geträumt oder wirklich erlebt hatte.
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Alt 31.10.2019, 19:42:58   #131 (permalink)
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Das Ei, das immer größer wurde
(Fabel aus Afrika)
Ein Mann hatte elf Söhne. Der jüngste von ihnen aber war der Sohn der zweiten Frau. Bevor der Mann starb, überließ er jedem der zehn älteren Söhne drei Rinder. Dem jüngsten Sohn übergab er ein kleines Ei und trug ihm auf, es draußen, weit weg vom Kraal aufzubewahren und dem Ei jeden Tag etwas vorzusingen. Dann starb der Mann. Der jüngste Sohn ging nun jeden Tag zu seinem Ei und sang ihm etwas vor, und das Ei wuchs und wuchs. Bald war es größer als eine Hütte, aber es wuchs immer noch. Da bekam der jüngste Sohn Angst vor dem Ei und kletterte auf einen Baum, wenn er ihm vorsang. Endlich, als er eines Tages wieder sang, platzte das Ei und Tiere jeglicher Art kamen heraus: Rinder, Schafe und Ziegen. Da baute der jüngste Sohn seinen eigenen Kraal und lebte glücklich darin.
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Alt 02.11.2019, 08:31:47   #132 (permalink)
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Die kleine Blume
(Fabel aus Afrika)
Eine große Trockenheit breitete sich immer mehr aus. Zuerst regnete es immer weniger. Auch die großen Flüsse verloren ihre Srömung und wurden zahme Bäche. es wurde immer schwerer, Wasser für Menschen und Tiere zu finden. Kleine Rinnsale kämpften sich durch den Sand. Das Gras wurde braun und verdorrte. Die Blätter welkten und fielen von Büschen und Bäumen. Kein Wölkchen erschien am Himmel. Der Morgen erwachte ohne die Erfrischung des Taus. Die Sonne brannte den ganzen Tag erbarmungslos nieder auf das Land. Dann starben die kleinen Bäume und Sträucher. Die Tiere liefen viele Kilometer, um einige Tropfen Wasser zu finden. Kleine und schwache Tiere waren diesen Strapazen nicht gewachsen und fielen verdurstet zu Boden. Nur wenige hatten die Kraft gehabt rechtzeitig aus der Wüste zu fliehen.Selbst die stärksten, ältesten Bäume deren Wurzeln tief in die Erde reichten, verloren ihre Blätter und sie strengten sich an, ihre Wurzeln noch tiefer in das Erdreich zu graben. Alle Brunnen und Flüsse, die Quellen und Bäche waren vertrocknet. Nur ein geübtes Auge konnte nach langem Suchen die Stellen finden, wo es tief unter dem heißen Sand feucht wurde. Aus dem angefeuchteten Sand ließ sich für den Geduldigen, anspruchslosen Sucher ein bisschen Feuchtigkeit herauspressen. Wie durch ein Wunder war eine einzige Blume am Leben geblieben, denn eine ganz winzige kleine Quelle gab noch ein paar Tropfen Wasser. Doch die Quelle jammerte ganz verzweifelt: "Alles ist vertrocknet, verdurstet und stirbt! Und ich bin zu klein und zu schwach, um all die schönen majestätischen Tiere und die satrken Bäume mit ihren Schatten spendenen Kronen zu retten. Ist es überhaupt noch sinnvoll, dass ich mich abmühe und ein paar Tropfen aus der Erde hole und auf den Boden fallen lasse?" Ein alter kräftiger Baum stand in der Nähe. er hörte die Klage der kleinen Quelle. Und bevor auch er starb, wandte er sich mit letzter Anstrengung an sie:" Liebe Quelle, niemand erwartet von dir, dass du die ganze Wüste zum Grünen bringst. Deine Aufgabe ist es, einer einzigen Blume Leben zu geben. Mehr nicht."
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Alt 06.11.2019, 18:54:30   #133 (permalink)
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Warum Sonne und Mond einander meiden
(Fabel aus Kamerun)
Sonne und Mond waren früher einmal Freunde. Eines Tages aber sprach die Sonne zum Mond: "Wir sind im Laufe der Jahre recht schmutzig geworden. Ich finde, es wäre gut, einmal wieder zu baden." - "Recht hast du", meinte der Mond, "ich mache mit!" Darauf schlug die Sonne vor: "Ich bade im Oberlauf des Flusses und du im Unterlauf. Wenn du das Wasser zischen und brodeln hörst, weißt du, dass ich hinein gestiegen bin." Der Mond war einverstanden. Da wanderte die Sonne flussaufwärts zu der bezeichneten Stelle und befahl ihren Leuten, Brennholz zu schlagen und herbeizuschaffen. Andere erhielten den Auftrag, Termitenbauten zusammenzutragen. Nachdem beides geschehen war, hieß die Sonne sie ein großes Feuer entfachen und die Termitenbauten hineinwerfen. Die rot glühenden Termitenbauten mussten die Leute dann auf Befehl der Sonne ins Wasser schleudern. Das gab nun ein gewaltiges Zischen und Brodeln. Dampf stieg auf und erfüllte weithin die Luft. Als der Mond das sah und hörte, glaubte er, die Sonne hätte entsprechend ihrer Vereinbarung gehandelt, und stieg mit allen seinen Leuten in den Fluss. Sogleich überlief ihn ein kalter Schauer und - alle Wärme und aller Glanz waren verschwunden. Traurig stieg der Mond aus dem Wasser. Bald darauf rief die Sonne ihm zu: "Bist du fertig?" Und der Mond antwortete: "Es ist alles erledigt." - "Wir wollen zur Stadt zurückkehren", meinte nun die Sonne. Sie erschien mit ihren Begleitern in strahlendem Glanz, wärmer und herrlicher leuchtend als je zuvor. Als der Mond das sah, wurde er noch trauriger und fragte die Sonne: "Warum hast du mich betrogen?" - "Warum hast du denn nicht ein wenig überlegt?" erwiderte sie. "Du hast mich betrogen", beharrte der Mond. Aber die Sonne entgegnete nur: "Ach, hör schon auf!"
Fünfzig Jahre waren seitdem vergangen. Die Sonne hatte die alte Geschichte längst vergessen, nicht aber der Mond. Eines Tages bemerkte er zur Sonne: "Warum sind unsere Leute in letzter Zeit nur so aufsässig? Sie gehorchen gar nicht mehr so wie früher!" - "Das macht mir ebenfalls Sorgen", erwiderte die Sonne. "Wäre es nicht am besten", schlug darauf der Mond vor, "wir töten unsere Leute?" Die Sonne war einverstanden, und der Mond bestimmte nun: "So gehe ich flussaufwärts und töte dort meine Leute, du aber gehst flussabwärts und bringst deine Leute dort um." Als die vereinbarte Zeit herangekommen war, begab sich jeder an den bezeichneten Platz. Der Mond befahl seinen Leuten: "Fertigt schnell so viele Rotkugeln, wie ihr könnt, mehr als tausend!" Als das geschehen war, ordnete er an: "Werft sie alle ins Wasser." Da färbte sich das Wasser rot wie Blut. Die Sonne sah das rote Wasser heran fließen und glaubte, der Mond hätte das Vorhaben ausgeführt. Da brachte sie alle ihre Leute um. "Sind deine Leute tot?" rief ihr der Mond zu. Und die Sonne antwortete: "Ja, sie sind tot." - "Hast du auch keinen vergessen?" vergewisserte sich der Mond noch einmal. "Nicht einer ist mehr am Leben", erklärte die Sonne. "Wir wollen jetzt zur Stadt zurückkehren", rief nun der Mond, "ich bin ebenfalls soweit." Als die Sonne den Mond mit allen seinen Leuten kommen sah, fragte sie ihn: "Warum hast du mich betrogen?" Der Mond entgegnete: "Findest du denn so etwas nicht schön?" - "Keineswegs!" gab die Sonne zur Antwort, "du hast sehr böse gehandelt!" - "Nein, ich habe durchaus nichts Unrechtes getan!" erwiderte ihr der Mond. "Hast du vergessen, was du mir vor Jahren zugefügt hast?" Die Sonne erklärte, sie könne sich nicht mehr daran erinnern. Da sprach der Mond: "Ich ziehe meine Bahn, aber ich leuchte nicht mehr warm wie einst, weil du mich betrogen hast. Heute nun traf dich die Vergeltung: Du hast all deine Leute getötet und musst jetzt allein deine Bahn ziehen. Ich aber habe ein großes Gefolge. Darüber freut sich mein Herz."
Seit dieser Zeit meiden Sonne und Mond einander.
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Alt 07.11.2019, 23:36:29   #134 (permalink)
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Der Mann mit der hässlichen Frau
(Fabel aus Afrika)
Ein Mann hatte eine hässliche Frau. Die beiden lebten zufrieden miteinander, aber der Mann dachte oft bei sich: Ich hätte so gern eine schöne Frau... Eines Nachts, als er schlief, erschien ihm im Traum ein Dschinn, der zu ihm sprach: «Du hast drei Wünsche frei. Drei Mal darfst du um etwas bitten, und es wird dir gewährt werden.» Der Mann erwachte, weckte seine Frau und erzählte ihr von dem Traum. «Wenn du drei Wünsche frei hast, könntest du da nicht einen für mich tun?», bat die Frau. «Hast du denn einen Wunsch?», fragte er. «Einen großen!», antwortete sie, denn sie hatte längst gemerkt, was ihr Mann im Geheimen dachte. «Ich wünsche mir, nicht mehr so hässlich zu sein.» «Dann wünsche ich mir, dass du wunderschön bist», rief der Mann. Im selben Augenblick war seine Frau so schön, dass er nicht glauben konnte, sie sei noch dieselbe wie zuvor. Am nächsten Morgen ging er mit ihr durch die Stadt spazieren, damit alle sähen, wie wunderschön seine Frau geworden war. Nicht nur die Männer drehten sich nach ihr um, auch die Frauen schauten ihr bewundernd nach. Die beiden kamen am königlichen Palast vorbei. Der König stand gerade am Fenster, und als er die schöne Frau erblickte, wollte er sie für sich haben. Er sandte seine Diener auf die Strasse, sie mussten dem Mann die Frau wegnehmen und in den Palast führen. Der Mann aber ging traurig nach Hause und dachte: Nun bin ich ganz allein. Der König wird mir meine Frau nicht zurückgeben. Ach, hätte ich sie doch nie so schön gewünscht. Dann fiel ihm ein, dass er noch zwei Wünsche frei hatte. Sollte er sich eine andere Frau wünschen? Nein, das brachte er nicht übers Herz. Immerzu musste er an seine Frau denken, die im Königspalast war. Er dachte: Wenn sie hässlich wäre, würde der König sie nicht haben wollen. Ich werde mir wünschen, dass sie wieder so hässlich wird wie zuvor, dann wird der König sie fortschicken. Doch er zögerte: Vielleicht hat sich der König in sie verliebt, und wenn er sie liebt, wird sie ihm auch gefallen, wenn sie hässlich ist. Was soll ich nur tun? – Jetzt weiß ich es: Ich werde mir wünschen, dass meine Frau im Königspalast zu einer Äffin wird. Einen Affen wird der König nicht zur Frau haben wollen. Der Mann sprach seinen zweiten Wunsch aus und verwandelte die Frau in eine Äffin. Als der König statt der schönen Frau einen Affen erblickte, erschrak er und rief: «Zauberei! Fort mit dem Affen!» Da jagten die Diener die Äffin aus dem Königspalast. Sie lief durch die breiten Strassen der Stadt, und sie lief durch die schmalen Gassen bis zur Hütte des Mannes. Dort setzte sie sich hin und weinte: «Lieber Mann», jammerte sie, «kannst du mich nicht in das zurückwünschen, was ich früher war? Ich war hässlich, aber ein Mensch. Ich will deine Frau sein und kein Affe!» Der Mann dachte lange nach, so lange, wie er noch niemals nachgedacht hatte. Inzwischen hatte er gelernt, dass man mit Wünschen vorsichtig sein musste. Endlich sagte er: «Ich wünsche mir, dass du wieder meine Frau bist. Und wie du aussiehst, das ist mir gleich. Denn als du im Königspalast warst und ich dich verloren glaubte, wusste ich nicht mehr, ob du hässlich oder schön bist, sondern nur, dass du gut bist und dass ich dich liebe.» Sofort verschwand die Äffin, und seine Frau saß bei ihm und sah genauso aus wie früher. Nur freilich kam sie ihm nicht mehr hässlich vor. Und das ist bei allem so, das man mit den Augen der Liebe ansieht.
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Alt 09.11.2019, 07:49:39   #135 (permalink)
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Das Haselhuhn und die Schildkröte
(Fabel aus Äquatorialguinea)
"Ich bin besser daran, als du", sagte das Haselhuhn zur Schildkröte. "Ich kann rasch gehen und noch mehr - ich kann fliegen." - "Du Glückliche", antwortete die Schildkröte, "ich schleppe mich fort, und, so gut es geht, mache ich meine Geschäfte ab." Nun traf es sich, dass die Menschen, um zu jagen, das Gras der Wiese anbrannten; das wachsende Feuer engte den Kreis immer mehr ein, die Gefahr für beide Tiere war offenkundig und sicher. Die Schildkröte schleppte sich in eine kleine Grube, die durch den Fußtritt eines Elefanten ausgehöhlt war, und rettete sich so. Das Haselhuhn dagegen versuchte den Flug; aber Rauch und Feuer ließen es herabfallen, und es starb. - Wer sich all zu sehr rühmt, bleibt bei der Probe zurück.
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