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Alt 31.08.2019, 11:18:26   #91 (permalink)
raptor230961
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Der Liederjan und die Schwalbe
(Äsop – griechischer Dichter, ca 6. Jahrhundert)
Ein junger Mann vertat sein großes väterliches Erbe, bis ihm kaum noch ein Mantel übrigblieb. Da erblickte er beim Umherbummeln - es war gegen Wintersende - eine Schwalbe, die vorzeitig aus dem Süden zurückgekehrt war. "Oh!“ rief er, "nun haben wir Frühling, da brauche ich den Mantel nicht mehr." Alsbald verkaufte er ihn. Plötzlich aber kam ein Wetterrückschlag und es wurde wieder bitter kalt. Jämmerlich frierend lief er umher; dabei fand er das Vögelchen, das elend umgekommen war, tot daliegen. "Oh Schwälbchen", stöhnte er, "so gehen wir denn beide zugrunde!"
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Alt 01.09.2019, 08:11:53   #92 (permalink)
raptor230961
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Wie der Specht entstand
(Fabel aus Indonesien)
Vor langer, langer Zeit lebte auf einer der indonesischen Inseln ein Mann, der war in allen Holzarbeiten so geschickt wie kaum ein anderer. Seine größte Freude war, schnittige Boote und schöne Häuser zu bauen. Immer wieder kamen die Leute zu ihm, und er erfüllte ihre Wünsche, fragte aber selten nach Bezahlung und nahm immer nur, was man ihm gab. Vor lauter Schaffenseifer im Dienste der anderen kam er nie dazu, für sich selbst ein gutes Haus und ein hübsches Boot herzustellen. Einmal hatte er sich hierfür schon das Holz zurechtgelegt, da drängte ihn schon wieder jemand mit einem Auftrag, und dann ein zweiter, und so ließ er seine eigenen Balken und Bretter eben liegen und verfaulen und begnügte sich weiter mit einer armseligen Hütte. Wenn er es brauchte, lieh er sich ab und zu ein Boot ... Eines Tages hatte er ein Haus gebaut, das war das herrlichste von allen, die er bisher fertiggestellt hatte, und er stand recht zufrieden davor. Da gingen zwei Männer vorbei, und er hörte, wie der eine zum anderen redete: "Wundervolle Häuser baut er für andere, aber er selbst haust wie ein Hund; schlanke und flinke Boote fertigt er für jedermann, und er selbst sitzt auf dem Trockenen; vielen schafft er ein sauber-behagliches Heim, und er selbst hockt in Unrat und Dreck. Er ist der größte Narr!" Da schämte sich der geschickte und fleißige Mann über alle Maßen. Er lief in den dichtesten Wald hinaus, schloß die Augen und rief zu seinen Ahnen: "Ihr meine Schützer, löscht mich Narren aus!" Sogleich versank er in tiefen Schlaf. Als er wieder erwachte, war aus ihm der erste Specht geworden. Wie im früheren Leben trug er eine schwarze Jacke und eine weiße Weste, und auf dem Kopfe hatte er ein rotes Mützlein ... Er suchte sich in einem Baum ein Loch als Wohnung, und alle Tage hämmert und hackt er nun von früh bis spät ins Holz, daß man meint, ein Boot oder ein Haus sei im Bau. Wer aber genauer hinhört, vernimmt: Ich . . . Narr, Narr, Narr! der ich ... war, war, war!
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Alt 03.09.2019, 07:21:19   #93 (permalink)
raptor230961
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Das Geschenk der Löwin
(Fabel aus Afghanistan)
In einem fernen Land regierte einst, vor langer Zeit, ein sehr weiser König. Er hatte die Gewohnheit, jeden Vormittag in seinem Palast alle Menschen zu empfangen, die eine Bitte, einen Wunsch oder ein Anliegen an ihn hatten. Eines Tages, als wieder viele Menschen im Thronsaal bei der Audienz des Königs versammelt waren, schrie plötzlich jemand: "Hilfe! Ein Löwe!!" Alle fuhren auf und erblickten zu ihrem Entsetzen an der Tür, die zum Garten führte, eine Löwin. Die Menschen stürzten Hals über Kopf aus dem Saal. Nur der König blieb auf seinem Thron sitzen und schaute zu der Löwin hin. Er merkte, dass sie nur drei Pfoten auf den Boden gesetzt hatte. Die linke Vorderpfote hielt sie angewinkelt in der Luft. Langsam erhob sich der König und machte behutsam einen kleinen Schritt auf die Löwin zu. Die Löwin senkte den Kopf. Da begriff der König, dass sie ihn nicht angreifen wollte. Er näherte sich ihr langsam, streichelte ihr den Nacken und betrachtete dann ihre Pfote. Sie hatte sich einen langen Dorn eingetreten, den sie ohne Hilfe nicht mehr herausbrachte. "Warte", sagte der König. "Auch dir soll geholfen werden!" Er rief seinen Leibarzt, und der musste nun, obwohl ihm dabei die Knie schlotterten, der Löwin den Dorn aus der Pfote ziehen. Der König hielt dabei ihren Kopf und murmelte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Dann bestrich der Arzt die Wunde mit einer heilenden Salbe, und die Löwin humpelte davon. Der König aber ließ seinen Geschichtsschreiber kommen und den Besuch der Löwin in der Chronik des Landes aufzeichnen. Denn es war das erste Mal, dass eine Löwin zur Audienz des Königs gekommen war. Eine Woche später war der Thronsaal am Morgen wieder voller Menschen, als plötzlich einer schrie: "Hilfe! Ein Löwe!!" Und wirklich stand wieder eine Löwin an der Tür zum Garten. Alle stürzten hinaus, nur der König blieb ruhig auf seinem Thron sitzen. Er hatte die Löwin gleich erkannt. Diesmal hatte sie alle vier Pfoten aufgesetzt, und im Maul trug sie ein großes Blatt. Sie ließ es fallen, und einige Samenkörner kamen zum Vorschein. Die Löwin grub mit ihrer Pfote ein kleines Loch und verscharrte die Samenkörner. Dann brüllte sie drei Mal laut und freudig und lief davon. "Die Löwin hat uns ein Geschenk gebracht", sagte der König. Und er befahl seinem Gärtner, die Samenkörner auszugraben und in einem besonderen Beet einzupflanzen. Schon bald begannen kleine Pflanzen in dem Beet zu sprießen. Sie wurden rasch größer, bekamen große Blätter und dann auch schöne Blüten. Und schließlich wuchsen Früchte daran. Erst waren sie groß wie eine Kirsche, dann wie ein Pfirsich, ein Apfel, ein Kinderkopf, ein Erwachsenenkopf... Und sie wurden immer größer und größer. Die Menschen des Landes bekamen Angst. Sie gingen zum König und sagten: "Die Löwin hat uns diese Früchte gebracht, es sind Löwenfrüchte. Wer weiß, was darin ist? Womöglich kleine Löwen! Wenn die Früchte reif sind, kommen sie heraus und fressen uns alle." Der König lächelte. "Ich glaube nicht, dass in den Früchten kleine Löwen sind", meinte er. Aber er wusste, dass man einem Menschen seine Angst nicht ausreden kann, und so sagte er: "Doch wir wollen vorsichtig sein. Wir werden eine hohe Mauer um das Beet mit den Früchten bauen. Selbst wenn kleine Löwen darin wären - was ich, wie gesagt, nicht glaube -, könnten sie uns dann nichts antun." Nachdem die Mauer fertig war, schlich der König eines Nachts, als alles schlief, durch die darin eingebaute Tür zu dem Beet. Er pflückte eine der Früchte und teilte sie mit seinem Schwert. Kein kleiner Löwe war darin, sondern Fruchtfleisch, saftig und duftend, und Kerne, die so aussahen wie die Samenkörner, die die Löwin ihm gebracht. Der König gab einem Esel von der Frucht zu fressen. Der Esel fraß und fraß, und es bekam ihm gut. Der König gab auch einer Ziege davon zu fressen. Auch sie fraß und fraß, konnte gar nicht genug bekommen und verschlang sogar die Schalen. Und schließlich kostete der König selber. "Mmmm" - die Frucht war saftig und ungeheuer wohlschmeckend. Der König hatte noch nie etwas so Gutes gegessen. Am nächsten Tag gab er bei der Audienz jedem, der zu ihm kam, ein Stück der Frucht und fragte: "Wie schmeckt dir das?" Und alle antworteten "Majestät, das ist ungeheuer wohlschmeckend! Was ist das?" Am Ende der Audienz sprach der König: "Was ich euch heute zu kosten gab, waren die 'Löwenfrüchte', das Geschenk der Löwin. Wie ihr seht, sind keine kleinen Löwen darin. Wir wollen die Früchte anbauen, damit alle Menschen sie genießen können!" So geschah es dann auch, und die Früchte verbreiteten sich über alle warmen Länder. Im Sommer kann man sie auch bei uns kaufen - die Melonen, die die Löwin zu den Menschen brachte.
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Alt 04.09.2019, 10:02:58   #94 (permalink)
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Die Fliegen Bunnyyarl und die Bienen Wurrunnunnah
(Fabel aus Australien)
Die Bunnyyarl und Wurrunnunnah waren Verwandte und lebten zusammen im selben Orte. Die Wurrunnunnah waren fleißig und arbeiteten tüchtig, um rechtzeitig viele Vorräte einzusammeln und sie für die böse Zeit der Hungersnot aufzuspeichern. Die Bunnyyarl bekümmerten sich jedoch nicht um die Zukunft; sie vergeudeten die Zeit mit Spielen und Possentreiben und dachten gar nicht daran, ebenfalls Vorräte einzusammeln. Eines Tages sagten die Wurrunnunnah: »Kommt mit und holt den Honig aus den Blumen! Bald ist der Winter da, dann gibt es keine Blumen, und ihr könnt keinen Honig mehr einsammeln!« »Nein,« antworteten die Bunnyyarl, »wir haben uns hier um andere Dinge zu kümmern.« Sie gingen fort und überlegten sich, was sie nun wohl für neue Dummheiten aufstellen können; sie glaubten ja, daß die Wurrunnunnah nachher doch ihre Vorräte mit ihnen teilen würden. Die Wurrunnunnah taten also die Arbeit allein und überließen die Bunnyyarl ihren Nichtsnutzereien. Sie besuchten alle Blumen, trugen den Honig ein und kehrten nicht wieder zu den Bunnyyarl zurück. Sie waren es überdrüssig geworden, stets alle Arbeit für diese Faulpelze zu tun. Und später wurden die Wurrunnunnah in kleine, wilde Bienen und die faulen Bunnyyarl in Fliegen verwandelt.
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Alt 04.09.2019, 20:26:10   #95 (permalink)
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Der Kranich und die Krähe
(Fabel aus Australien und Ozeanien)
Der Kranich war ein großer Fischer. Er pflegte die Fische unter den Baumstämmen im Flusse mit den Füßen herauszujagen und eine große Anzahl auf diese Weise zu fangen. Als er eines Tages wieder eine große Menge Fische am Ufer beisammen hatte, kam die Krähe herbei, welche damals noch ganz weiß war. Sie bat den Kranich um einige Fische. »Warte noch ein wenig,« sagte der Kranich, »bis sie gar sind.« Aber die Krähe war hungrig und ungeduldig; sie quälte den Kranich fortwährend, doch der antwortete immer wieder: »Warte, warte ein wenig!« Einmal wandte der Kranich sich um und kehrte der Krähe den Rücken. Da schlich sie beiseite und wollte gerade einen Fisch fortnehmen, als der Kranich sich wieder umwandte. Ärgerlich nahm er einen Fisch auf und schlug der Krähe damit links und rechts welche um die Ohren. Sie war einen Augenblick wie betäubt und konnte nichts sehen. Sie fiel in das verbrannte Gras der Kochstelle und wälzte sich vor Schmerzen. Als sie wieder zu sich kam und davonging, waren nur ihre Augen weiß; ihr Gefieder war schwarz geworden. Und seitdem sehen alle Krähen schwarz aus. Die Krähe wollte dem Kranich den Streich heimzahlen, weil sie nun weiße Augen und schwarze Federn hatte. Sie wartete eine Gelegenheit ab. Und als der Kranich eines Tages am Ufer eingeschlafen war und schnarchte, schlich sie sich ganz leise mit einer Fischgräte herbei und steckte sie ihm unter das Zungenbein. Dann machte sie sich ebenso leise wieder davon; ganz vorsichtig, um kein Geräusch zu verursachen. Schließlich wachte der Kranich auf. Als er den Schnabel öffnete und recht herzhaft gähnen wollte, spürte er ein unangenehmes Gefühl im Halse. Er versuchte den eingedrungenen Fremdkörper durch Räuspern loszuwerden. Es war vergeblich; er vermochte nur sonderbar kratzende Geräusche und Töne von sich zu geben. Die Gräte blieb stecken. Daher ruft der Kranich bis heute mit heiserer Stimme: »Ga-ra-ga, ga-ra-ga!« und die Eingeborenen benennen ihn nun danach.
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Alt 05.09.2019, 06:47:15   #96 (permalink)
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Balu und die Dens
(Fabel aus Australien)
Der Mond Balu sah eines Abends auf die Erde hinab; sein Licht leuchtete sehr hell, weil er wissen wollte, ob dort unten noch irgend jemand auf war. Denn wenn die Menschen alle schliefen, pflegte er mit seinen drei Hunden zu spielen. Er nannte sie Hunde, die Menschen nannten sie Schlangen, und sie hießen Giftviper, Schwarze Schlange und Tigernatter. Als Balu mit den drei Hunden auf die Erde hinabschaute, erblickte er zwölf Dens oder Eingeborene, die durch einen Fluß wateten. Er rief sie an und sagte zu ihnen: »Heda, tragt mir einmal meine Hunde über den Fluß!« Obschon die Schwarzen Balu sehr gern leiden mochten, schätzten sie seine Hunde doch nicht; denn schon mehrmals, wenn er die Tiere zum Spielen auf die Erde geschickt hatte, bissen sie nicht nur die irdischen Hunde, sondern auch ihre Herren; und durch das Gift waren die Gebissenen getötet worden. Daher antworteten die schwarzen Burschen: »Nein, Balu, wir sind bange; deine Hunde beißen uns, sie sind nicht wie unsere Hunde, deren Biß nicht tötet.« Balu sagte: »Wenn ihr tut, was ich euch sage, so sollt ihr wieder lebendig werden, falls ihr sterbet. Seht her und achtet auf das Stück Rinde, das ich ins Wasser werfe.« Und dabei warf er ein Stückchen Baumrinde in den Fluß. »Seht, es kommt wieder nach oben und schwimmt weiter. So wird es euch auch ergehen, wenn ihr meinen Befehlen folgt; zuerst geht ihr unter, wenn ihr sterbet, aber dann kommt ihr sofort wieder an die Oberfläche. Wollt ihr dummen Kerle meine Hunde aber nicht hinübertragen, so ergeht es euch wie diesem Stein,« und er schleuderte in den Fluß einen Stein, der sogleich unterging, »dann steht ihr niemals wieder auf, ihr törichten Burschen!« Die Schwarzen entgegneten jedoch: »Balu, wir können es nicht tun, wir haben zu große Angst vor deinen Hunden.« »So will ich herunterkommen und sie selbst über den Fluß tragen und euch zeigen, daß es harmlose, liebe Geschöpfe sind.« Und er stieg vom Himmel herab; die Schwarze Schlange hatte er um den einen, die Tigernatter um den anderen Arm gewunden, und die Giftviper hing ihm über Schulter und Nacken herab. So trug er sie über den Fluß. Als er auf der anderen Seite angekommen war, hob er einen großen Stein auf und warf ihn ins Wasser. Er sagte: »Weil ihr feigen Burschen nicht tun wolltet, um was ich, Balu, euch bat, so habt ihr in Ewigkeit verscherzt, nach dem Tode wieder lebendig zu werden. Ihr werdet bleiben, wo man euch eingräbt; wie der vorhin ins Wasser geworfene Stein werdet ihr dann ebenso zu einem Stückchen Erde. Hättet ihr getan, was ich euch befahl, so könntet ihr ebenso oft sterben wie ich, und immer wieder wie ich lebendig werden. Jetzt werdet ihr aber solange ihr lebt schwarze Burschen bleiben, und Knochen, wenn ihr gestorben seid!« Balu sah sehr böse aus, und die drei Schlangen zischten so fürchterlich, daß die Schwarzen froh waren, als sie hinter den Büschen ihren Blicken entschwanden. Sie hatten sich stets vor Balus Hunden gefürchtet; nun haßten sie die Tiere und sagten: »Könnten wir sie doch nur von Balu fortlocken, dann wollten wir sie schon totschlagen.« Und fortan erschlugen sie jede Schlange, die ihnen in den Weg kam. Aber Balu sandte immer wieder neue und sagte: »Solange noch Dens leben, soll es Schlangen geben; die sollen sie daran erinnern, daß sie einst nicht tun wollten, um was ich sie bat.«
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Alt 06.09.2019, 19:00:57   #97 (permalink)
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Die sieben Schwestern Meamei
(Fabel aus Australien)
Wurunnah war den ganzen Tag über auf der Jagd gewesen und kam abends müde und hungrig nach Hause ins Lager zurück. Er bat seine alte Mutter um etwas Grassamenbrot, doch sie antwortete, es wäre nichts mehr übrig geblieben. Nun sagte er zu den andern schwarzen Gesellen, sie möchten ihm einigen Grassamen geben, damit er sich selber ein Brot backen könne. Sie wollten ihm jedoch nichts abgeben. Da wurde er zornig und sagte: »Wenn meine eigenen Verwandten mich hungern lassen, will ich von euch fortgehen, ich will in ein anderes Land ziehen und fortan bei fremden Leuten leben.« Und weil er so wütend war, ging er auch wirklich fort. Er nahm seine Waffen und zog zum Lager hinaus, um sich eine neue Heimat zu suchen. Als er eine Zeitlang gewandert war, bemerkte er in weiter Ferne einen alten Mann, der Bienennester ausnahm und Honig sammelte. Der alte Mann wandte sich zu Wurunnah und beobachtete sein Kommen. Und als Wurunnah ganz nahe bei ihm war, sah er, daß der alte Mann gar keine Augen hatte, und er schien sein Kommen doch schon viel eher bemerkt zu haben, als er es hätte hören können. Da erschrak Wurunnah und wunderte sich über den fremden Mann, der keine Augen hatte und ihm trotzdem das Gesicht zuwandte, als ob er ihn die ganze Zeit über gesehen hätte. Doch er wollte seine Angst verbergen und ging geradenwegs auf ihn zu. Als er dicht bei ihm war, sagte der Fremde, er hieße Murunumildah, und sein Stamm würde ebenso genannt, denn sie hätten keine Augen, sondern sähen mit den Nasenlöchern. Wurunnah empfand dies höchst sonderbar und war nicht wenig erschrocken, obwohl Murunumildah nett und freundlich war. Er gab dem Wurunnah ein Schüsselchen mit Honig und meinte, er wäre wohl ganz verhungert; er zeigte ihm den Lagerplatz und lud ihn ein, dahin mitzukommen und bei ihm zu bleiben. Wurunnah nahm den Honig und tat so, als ob er zu dem Lagerplatz hinginge; als er jedoch außer Sicht des Alten war, hielt er es doch für besser, den Weg nach einer anderen Richtung hin einzuschlagen. So marschierte er eine Weile fort und kam schließlich an einen großen Teich. Dort wollte er übernachten. Er trank erst einmal gehörig Wasser und legte sich dann zum Schlafen hin. Als er am nächsten Morgen erwachte, schaute er nach dem Teich aus, aber an seiner Stelle erblickte er nur eine weite Ebene. Er meinte noch im Traum zu sein, rieb seine Augen und sah nochmals hin. »Das ist ja eine komische Gegend,« sagte er, »erst treffe ich einen Mann, der keine Augen hat und doch sehen kann. Dann komme ich gestern abend an einen großen Teich, schlafe ein, wache wieder auf, und nun ist er verschwunden. Und ich weiß bestimmt, daß darin Wasser gewesen ist, ich habe ja selber welches getrunken, und jetzt ist weit und breit kein Tropfen mehr zu finden!« Und während er sich noch darüber wunderte, wie das Wasser wohl verschwunden war, sah er ein schweres Unwetter heranziehen. Da stand er schleunigst auf und lief, um im dichten Buschwerk Schutz zu suchen. Er war erst ein kleines Stückchen in den Busch eingedrungen, als er dort mit einem Male einige Rindenstücke am Boden liegen sah. »So, das gefällt mir,« sagte er, »jetzt brauche ich mir nur noch ein paar Pfähle zu suchen, dann kann ich mir damit und mit der Rinde eine kleine Hütte bauen, um darin vor dem herannahenden Sturm unterzuschlüpfen.« Er schnitt sich rasch einige Pfosten zurecht, schlug sie in den Boden und setzte die Rindenstücke dagegen. Als er das letzte Stück aufhob, stand plötzlich ein ganz eigentümliches Wesen vor ihm, wie er es vordem noch nie gesehen hatte. Das fremde Wesen rief: »Ich bin Bulgahnunnu!« es rief mit solch fürchterlicher Stimme, daß Wurrunnah das Rindenstück fallen ließ, seine Waffen vom Boden aufnahm und sich eiligst auf und davon machte. Den Sturm vergaß er völlig und hatte nur den einen Gedanken, so schnell wie möglich aus dem Bereich des Bulgahnunnu zu kommen. Er rannte immer geradeaus und kam schließlich an einen großen Fluß, der seinen Weg an drei Seiten hemmte. Weil nun der Fluß zu breit war, und er ihn nicht durchwaten konnte, mußte er wieder umkehren. Doch ging er nicht denselben Weg zurück, sondern wandte sich nach einer anderen Richtung. Als er sich umdrehte und den Fluß verließ, sah er eine Herde Emus ans Wasser gehen. Die eine Hälfte war mit Federn bedeckt, die andere nicht, doch hatte sie gleichwohl die Gestalt von Emus. Wurrunnah wollte einen speeren, um ihn zu verzehren. Er kletterte daher auf einen Baum, damit sie ihn nicht sehen konnten; dann hielt er seinen Speer bereit, um einen der federlosen Vögel zu töten. Als sie an ihm vorüberliefen, suchte er sich ein Opfer aus, schleuderte den Speer und tötete einen. Dann stieg er vom Baum herab, um ihn sich zu holen. Als er auf den toten Emu zulief, bemerkte er, daß es nicht lauter Emus waren, sondern Eingeborene von einem fremden Stamm. Sie standen um ihren toten Gefährten herum und machten wilde Gebärden, als ob sie sich an ihm rächen wollten. Wurunnah sah ein, daß ihm die Entschuldigung wenig nützen würde, den schwarzen Gesellen versehentlich getötet zu haben, weil er ihn für einen Emu gehalten hatte; sein einziges Heil lag in der Flucht. Da nahm er die Beine in die Hand, rannte fort und wagte vor Furcht, die Feinde möchten hinter ihm herstürmen, nicht sich umzugucken. So eilte er weg, bis er schließlich an eine Lagerstätte kam. Und er war schon eher dort, als er es überhaupt selber gemerkt hatte; er hatte nur an die ihm drohende Gefahr gedacht und gar nicht auf das geachtet, was ihm in den Weg kam. Als er die Lagerstätte betrat, brauchte er jedoch keine Angst mehr zu haben; denn als er hineinkam, befanden sich nur sieben junge Mädchen darin. Sie flößten ihm keinen Schrecken ein, nur schienen sie noch etwas überraschter zu sein als er. Sie waren zu ihm ganz freundlich, als sie sahen, daß er allein und hungrig war. Sie gaben ihm zu essen und erlaubten ihm, während der Nacht dort zu bleiben. Er fragte sie, wo denn der übrige Stamm wäre, und wie sie hießen. Da antworteten sie, sie würden Meamei genannt, und ihr Stamm wäre weit weg in einer anderen Gegend. Sie wären nur einmal hierhergekommen, um sich das Land zu besehen und würden eine Weile hierbleiben und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren. Am nächsten Tage setzte Wurunnah seine Reise fort und verließ die Lagerstätte der Meamei; er tat so, als ob er nie wieder zurückkommen wollte. Aber im stillen dachte er daran, sich in der Nähe zu verstecken und sie zu beobachten; wenn die Gelegenheit günstig war, wollte er sich eine von ihnen greifen und zur Frau nehmen. Er war des Alleinseins müde. Da sah er, wie die sieben Schwestern mit ihren Grabstöcken fortgingen. Er folgte ihnen von weitem und achtete darauf, daß sie ihn nicht sehen konnten. Sie blieben an einem Nest fliegender Ameisen stehen. Sie gruben mit den Stöcken in dem Ameisenhügel herum; und als sie die Ameisen alle ausgegraben hatten, warfen sie die Stöcke beiseite, setzten sich hin und wollten sich einen guten Schmaus leisten, denn diese Ameisen waren für sie vorzügliche Leckerbissen. Während die Schwestern sich nun ein herrliches Mahl herrichteten, schlich Wurunnah leise nach den Grabstöcken und nahm davon zwei fort. Dann schlich er vorsichtig mit der Beute in sein Versteck zurück. Als die Meamei schließlich ihren Hunger gestillt hatten, holten sie ihre Grabstöcke und gingen zur Lagerstätte. Aber nur fünf fanden ihre Stöcke wieder; die gingen fort und ließen die beiden anderen zurück, um die fehlenden Stöcke zu suchen. Sie meinten, die würden schon in der Nähe liegen; und wenn sie ihr Eigentum wieder hätten, würden sie sie bald wieder einholen. Die beiden Mädchen durchsuchten den ganzen Ameisenhügel, doch konnten sie keine Stöcke finden. Als sie dabei einmal Wurunnah den Rücken zukehrten, kroch er aus dem Versteck heraus und steckte die beiden Stöcke in seiner Nähe in den Boden. Dann schlüpfte er wieder in das Versteck zurück. Als die beiden Mädchen sich umwandten, sahen sie mit einemmal ihre Stöcke vor sich. Freudig eilten sie darauf zu und zogen sie aus dem Boden heraus, in den sie recht fest hineingesteckt waren. Als sie das taten, stürzte Wurunnah aus dem Versteck hervor, faßte beide Mädchen um die Hüften und hielt sie gehörig fest. Sie sträubten sich und schrieen, doch vergebens. Niemand konnte sie hören, denn niemand war da; und je mehr sie sich wehrten, um so fester hielt sie Wurunnah. Als sie merkten, daß alles Sträuben und Schreien vergeblich war, beruhigten sie sich, und Wurunnah sagte zu ihnen, sie brauchten keine Angst zu haben, er wolle für sie sorgen. Er wäre allein, sagte er, und möchte zwei Frauen haben. Sie sollten nur ruhig mit ihm gehen, und sie würden es gut haben. Doch müßten sie alles tun, was er ihnen sagen würde. Wenn sie nicht ruhig sein wollten, würde er sie schnell mit seinem Knüppel zur Ruhe bringen. Aber wenn sie ruhig mit ihm kämen, wolle er gut zu ihnen sein. Da die jungen Mädchen einsahen, daß jeder Widerstand nutzlos war, taten sie ihm den Gefallen und gingen ruhig mit Wurunnah. Sie sagten ihm, daß ihr Stamm sie eines Tages schon wiederholen würde; um dem vorzubeugen, schritt er rasch vorwärts und glaubte so, allen Nachstellungen aus dem Wege zu gehen. Einige Wochen waren ins Land gegangen, und, dem äußeren Anschein nach, hatten sich die beiden Meamei in ihre neue Lage gefunden und waren auch ganz zufrieden damit. Doch wenn sie allein waren, redeten sie oft von ihren Schwestern und malten sich aus, was die wohl getan hatten, als sie ihr Fehlen bemerkten. Sie besprachen sich, ob die fünf Schwestern etwa nach ihnen suchten, oder ob sie in die Heimat zurückgekehrt waren, um Hilfe zu holen. Aber in keinem Augenblick kam ihnen der Gedanke, daß man sie vielleicht längst vergessen hatte, und sie immer bei Wurunnah bleiben mußten. Als sie eines Tages im Lager beieinander saßen, sagte Wurunnah: »Das Feuer will nicht ordentlich brennen. Geht und holt mir dort drüben von den beiden Tannen etwas Rinde.« »Nein,« antworteten sie, »wir dürfen keine Tannenrinde abschneiden. Wenn wir das tun, siehst du uns niemals wieder.« »Geht! Und tut, was ich euch sage. Holt mir Tannenrinde. Seht ihr denn nicht, wie matt das Feuer brennt?« »Wurunnah! Wenn wir gehen, kommen wir niemals wieder. Du wirst uns nie wieder sehen. Wir wissen es.« »Geht, Weiber, und schwatzt nicht! Habt ihr jemals gesehen, daß man mit Redereien ein Feuer unterhalten kann? Was schwätzt ihr denn? Geht, und tut, was ich euch sage. Redet nicht solch dummes Zeug; wenn ihr fortlauft, werde ich euch schon wieder kriegen, und wenn ich euch dann zu fassen habe, bekommt ihr gehörige Prügel. Geht! kein Wort mehr!« Die Meamei gingen darauf fort und nahmen Steinbeile mit, um die Rinde abzuschälen. Jede ging an eine andere Tanne und hieb tüchtig mit dem Beile in die Rinde hinein. Als sie das getan hatten, stiegen die Tannen höher und immer höher aus dem Boden heraus und nahmen die beiden mit. Immer höher wuchsen die Tannen empor und immer weiter entfernten sich die beiden Mädchen damit von der Erde. Als dem ersten Schlag kein weiterer folgte, ging Wurunnah nach den Tannen und wollte sehen, warum die beiden Meamei nicht wiederkämen. Als er zu den Bäumen kam, sah er, daß sie viel größer geworden waren, und hoch, hoch oben in den Wipfeln schwebten seine beiden Frauen. Er rief ihnen zu, sie möchten doch gefälligst herunterkommen, aber sie antworteten nicht. Je höher sie stiegen, um so dringlicher rief er, doch sie gaben keine Antwort. Auch die Tannen wuchsen immer höher, bis ihre Spitzen schließlich den Himmel berührten. Als das geschah, schauten die anderen fünf Meamei aus dem Himmel heraus. Sie riefen ihre beiden Schwestern an und sagten zu ihnen, sie sollten nur keine Angst haben und hereinkommen. Und als die beiden die Stimmen ihrer Schwestern vernahmen kletterten sie rasch in den Himmel hinein. Die streckten ihnen die Hände entgegen, zogen sie in den Himmel hinein und lebten dort mit ihnen weiter. Und wenn du jetzt zum Himmel hinaufschaust, kannst du die sieben Schwestern beieinander sehen. Wir Schwarzen nennen sie Meamei und ihr Weißen die Plejaden.
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Alt 08.09.2019, 07:44:33   #98 (permalink)
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Woher der Frost kommt
(Fabel aus Australien)
Die Meamei oder Plejaden lebten einst auf der Erde. Es waren sieben Schwestern und wegen ihrer Schönheit berühmt. Sie hatten langes Haar, das bis zu den Hüften herabfiel, und ihre Körper waren mit Eiszäpfchen besät. Ihre Eltern lebten irgendwo weit in den Bergen und blieben dort, sie wanderten nicht umher, wie es die Töchter zu tun pflegten. Wenn die Schwestern auf die Jagd gingen, schlossen sie sich anderen Stämmen nicht an, obschon viele von Zeit zu Zeit versuchten, ihre Freundschaft zu erwerben. Besonders eine Schar junger Leute war von ihrer Schönheit so hingerissen, daß sie es gern gesehen hätte, wenn die Mädchen bei ihnen geblieben und ihre Frauen geworden wären. Die jungen Leute hießen die Berai-Berai und folgten den Meamei überall hin. Sie paßten auf, wo sie lagerten, und ließen alsdann stets Geschenke für sie da. Die Berai-Berai waren sehr geschickt im Auffinden von Bienennestern. Sie fingen sich zuerst eine Biene und befestigten dann irgend etwas Weißes, etwa eine weiße Feder, mit Gummi zwischen den hinteren Beinchen. Dann ließen sie die Biene fliegen und folgten ihr zum Nest. Den gefundenen Honig taten sie in Körbe und setzten sie im Lager der Meamei hin, die wohl den Honig aßen, aber vom Heiraten nichts wissen wollten. Doch eines Tages stahl sich der alte Wurunnah zwei von den Mädchen und fing sie mit Hinterlist ein. Er versuchte die Eiszäpfchen von ihnen loszuwärmen, doch löschte er dabei nur das Feuer aus. Nachdem sie eine Zeitlang in unfreiwilliger Gefangenschaft gewesen waren, wurden die beiden Mädchen in den Himmel hinaufgehoben. Hier fanden sie ihre fünf Schwestern wieder und blieben seitdem immer bei ihnen. Doch funkelten sie nicht mehr so prächtig wie die andern fünf; Wurunnahs Feuer hatte ihren Glanz vermindert. Als die Berai-Berai herausbekamen, daß die Meamei für immer von der Erde verschwunden waren, waren sie untröstlich. Man bot ihnen Mädchen aus ihrem eigenen Stamm an; sie wollten jedoch nur die Meamei, und sonst niemand haben. Und wie sie allen Trost zurückwiesen, wollten sie auch nichts essen und trinken; sie siechten dahin und starben. Das tat den Geistern leid, die sich doch über ihre Beharrlichkeit und Treue gefreut hatten, und so wiesen sie ihnen einen Platz im Himmel an, den sie noch heute innehaben. Wir nennen sie den Gürtel und das Schwert des Orion, den Dens sind die Sterne jedoch als die Berai- Berai bekannt.
Die Dens behaupten, daß die Berai-Berai auch jetzt noch am Tage auf die Bienenjagd gehen und nachts ihre Tänze abhalten, wozu die Meamei singen. Obgleich die Meamei ihr Lager in einiger Entfernung von den Berai-Berai haben, sind sie doch nicht so weit davon entfernt, daß ihr Gesang dort nicht vernommen werden könnte. Die Dens behaupten auch, daß die Meamei als ein Vorbild für die Frauen auf der Erde leuchten. Zur Erinnerung an ihr irdisches Dasein brechen die Meamei einmal im Jahre einige Eiszäpfchen von sich ab und werfen sie hinunter. Wenn die Dens dann am Morgen erwachen und überall Eis erblicken, sagen sie: »Die Meamei haben uns nicht vergessen. Sie haben uns Eis herabgeworfen. Nun wollen wir ihnen zeigen, daß wir sie auch nicht vergessen haben.«
Dann nehmen sie ein Stückchen Eis und halten es an die Nasenscheidewand der Kinder, bei denen sie noch nicht durchbohrt ist. Sobald die Nasenscheidewand infolge der Kälte unempfindlich geworden ist, wird sie durchbohrt und ein Strohhalm oder ein Knochen hindurchgezogen. »Nun,« sagen die Dens, »können die Kinder wie die Meamei singen.« Ein Verwandter der Meamei schaute gerade zur Erde hinab, als die beiden Schwestern zum Himmel emporgetragen wurden. Als er nun sah, wie der alte Kerl da unten wütend und schimpfend herumtobte und ihnen befahl, wieder herabzukommen, da machte ihm der Verdruß des Wurunnah großen Spaß, und weil er sich über die Flucht der beiden Mädchen so freute, mußte er laut loslachen. Seitdem lacht er immer; den Dens ist er als Ghindamaylännah, der lachende Stern, und uns als Venus bekannt. Wenn es im Winter donnert, sagen die Dens: »Nun baden die Meamei wieder.« Das Geräusch entsteht, wenn sie beim Bubahlarmay-Spiel hintereinander ins Wasser springen; wer dann den besten Knall erzielt, hat gewonnen; auch bei uns ist das Spiel beliebt. Sobald sie das Geräusch des Bubahlarmay-Spiels der Meamei hören, sagen die Dens auch: »Nun wird es bald regnen; die Meamei werden Wasser herunterspritzen. In drei Tagen wird er kommen.«
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Byamee's Versammlung
(Fabel aus Australien)
Die Jahreszeit war schön; da sandte man bei den Stämmen herum und lud sie zu einer großen Versammlung ein. Als Versammlungsort wurde Googoorewon bestimmt. Die alten Leute flüsterten sich zu, daß die Knabenweihe abgehalten werden sollte, doch das brauchten die Frauen nicht zu wissen. Der alte Byamee, ein gewaltiger Zauberer, sagte, er würde seine beiden Söhne Ghindahindahmoe und Boomaboomahnowee zur Versammlung mitbringen; denn es wäre Zeit, daß sie unter die jungen Männer aufgenommen würden, Frauen heirateten, Emu- Fleisch essen könnten und das Kriegshandwerk erlernten. Ein Stamm nach dem andern traf in Googoorewon ein; jeder schlug das Lager an einem bestimmten Platz der Hügel auf, die den Versammlungsplatz umziehen. Die Wähn, die Krähen, hatten einen Platz; die Dummerh, die Tauben, einen anderen; die Mahthi, die Hunde, einen dritten usw.; Byamee und sein Stamm Byamul, die schwarzen Schwäne, Oooboon, die blauzüngige Eidechse, suchten sich mit vielen anderen Häuptlingen und deren Stämmen einen anderen Lagerplatz aus. Sie zählten Hunderte und aber Hunderte, als sie alle beisammen waren; eine Unzahl nächtlicher Tanzfeste wurden abgehalten, und ein Stamm suchte dabei den anderen an Pracht in der Tanzbemalung und Eigenart seiner neuesten Lieder und Tänze zu übertreffen. Tagsüber wurde gejagt und geschmaust; nachts tanzte und sang man; Freundschaftspfande wurden ausgetauscht, ein Ziertäschchen gegen einen Bumerang usw.; junge Mädchen wurden an alte Krieger, alte Weiber an junge Männer gegeben; ungeborene Mädchen alten Männern, Säuglinge Erwachsenen versprochen; alle nur möglichen Verträge wurden eingegangen und jedesmal die Zauberdoktoren aus den Stämmen vorher befragt. Nach einigen Tagen kündigten die Zauberer den Männern aus den verschiedenen Stämmen an, daß sie die Knabenweihe abhalten würden. Doch das dürften beileibe nicht die Innerh, die Frauen, erfahren. Sie verließen täglich das Lager und taten so, als ob sie auf die Jagd gingen; in Wirklichkeit richteten sie aber den Festplatz für die Knabenweihe her. Sie klärten eine kreisförmige Fläche vom Busche, warfen einen Damm aus Erde darum auf, schlugen vom Kreis aus einen Pfad in das Dickicht und errichteten gleichfalls an den Seiten des Weges einen Erddamm. Als sämtliche Vorbereitungen beendet waren, hielten sie wie gewöhnlich ein nächtliches Tanzfest ab. Das dauerte schon eine Weile, da verließ plötzlich einer der alten Zauberdoktoren die Versammlung und begab sich mürrisch und wütend fort. Er ging zu seiner Lagerstatt, und ein anderer Zauberer folgte ihm dahin; und mit einemmal fingen die beiden an zu kämpfen. Und plötzlich, als die Aufmerksamkeit der Schwarzen durch den Kampf gefesselt war, hörte man aus dem Busch heraus ein seltsames, schwirrendes, summendes Geräusch. Die Frauen und Kinder fuhren erschreckt zusammen, denn dies plötzliche eigenartige Brummen hatte sie bange gemacht. Und sie wußten, daß es die Geister machten, die nun zur Knabenweihe gekommen waren. Das Geräusch klang, nicht als ob einem der Geisterschrecken in die Glieder gefahren wäre, sondern so wie das Summen, wenn man ein rundliches Stückchen Holz an eine Schnur bindet und es in der Luft herumwirbelt. Der Lärm ging weiter und die Frauen sagten mit angsterstickter Stimme: »Gurraymy«. Das ist der Geist der Knabenweihe. Und sie zogen die Kinder dichter zu sich heran. Die Knaben sagten: »Gayandy«, und an ihren Augen konnte man die Furcht ablesen. Gayandy bedeutet auch »Geist der Knabenweihe«, doch die Frauen dürfen nicht dasselbe Wort zur Bezeichnung des Geistes gebrauchen wie die Knaben und Männer, denn alles, was mit den Geheimnissen der Knabenweihe zu tun hat, ist heilig für Ohr, Auge und Zunge der Frau. Am andern Tag fand ein Auszug aus dem Lager statt. Man begab sich in den großen Kreis, den die Schwarzen angelegt hatten. Der Auszug fand unter einem großen Aufwand von Zeremonien statt. Ehe der eigentliche Auszug begann, verließen die Schwarzen schon am Nachmittag ihre Lagerstätten und begaben sich in das Dickicht. Und gerade als die Sonne unterging, zogen sie in einer langen Reihe, einer hinter dem andern, aus dem Gebüsch heraus und marschierten auf dem Weg entlang, den sie kurz vorher angelegt hatten. Jeder trug in der einen Hand ein Feuerholz und in der andern einen grünen Zweig. Als die Männer in der Mitte des Kreises angekommen waren, mußten das junge Volk und die Frauen die Stätten verlassen und sich ebenfalls in den Kreis begeben. Hier schlugen sie nun ihr Lager auf, aßen, tranken und tanzten wie an den vorhergehenden Abenden, bis ein gewisser Abschnitt erreicht war. Noch bevor es so weit war, hatte Byamee, welcher der mächtigste der anwesenden Zauberer war, Gelegenheit, seine Gewalt in bemerkenswerter Weise zu zeigen. Schon seit einigen Tagen hatten sich die Mahthi den klugen Männern in den Stämmen gegenüber wenig ehrfurchtsvoll benommen. Anstatt in andachtsvollem Schweigen, wie es ein Zauberdoktor erwarten darf, ihren Geschäften nachzugehen, plapperten und lachten sie unaufhörlich; sie spielten und schrien, als ob die heiligste Handlung der Stämme sie nicht das geringste anging. Häufig genug hatten die Zauberer sie ernstlich zur Ruhe verwiesen. Doch alle Ermahnungen waren vergeblich, die Mahthi lachten und schwatzten lustig weiter. Schließlich ging Byamee, der mächtigste und berühmteste unter den Zauberdoktoren, ins Lager der Mahthi hinüber und rief ihnen wütend zu: »Ich, Byamee, dem alle Stämme Ehre erweisen, habe euch Mahthi schon dreimal befohlen, ihr solltet euer Schwatzen und Lachen einstellen. Aber ihr gehorchtet mir nicht. Die anderen Zauberer schlossen sich mir an. Aber ihr gehorchtet nicht. Denkt ihr etwa, die Zauberer werden eure Knaben weihen, wenn ihr ihren Worten nicht folgt? Nie und nimmermehr, sage ich euch. Von heute ab soll kein Mahthi mehr wie ein Mensch sprechen. Ihr wollt Lärm machen, ihr wollt Raufbolde sein und die Leute stören, ihr wollt euch nicht ruhig verhalten, wenn Fremde anwesend sind, ihr wollt euch um die heiligen Dinge nicht kümmern. Gut. Dann mögt ihr und eure Nachkommen ewig herumlärmen, aber nicht mit Reden und auch nicht mit Lachen. Ihr sollt bellen und heulen. Und wehe dem, der von heute ab noch zuhört, wenn ein Mahthi spricht, er soll in Stein verwandelt werden.« Als die Mahthi den Mund öffneten, um zu lachen und einige höhnische Worte zu entgegnen, da merkten sie, daß Byamees Verwünschung eingetroffen war. Sie konnten nur noch bellen und heulen; sie hatten die Macht der Sprache und des Lachens verloren. Und als ihnen der Verlust zum Bewußtsein kam, da erhielten ihre Augen den Blick, der so viel Sehnsucht und stumme Bitte ausdrückt, und den man stets bei ihren Nachkommen beobachten kann. Wunder und Ehrfurcht überkam alle, als sie Byamee zu seinem Stamm zurückgehen sahen. Als Byamee sich wieder gesetzt hatte, fragte er die Frauen, warum sie denn keinen Grassamen mahlten. Und die Frauen antworteten: »Unsere Mahlsteine sind fort, und wir wissen nicht, wohin sie sind.« »Ihr lügt,« sagte Byamee, »ihr habt sie den Dummerh geliehen, die euch so oft darum angingen, obwohl ich euch verboten habe, sie wegzugeben.« »Nein, Byamee, wir haben sie nicht weggeliehen.« »Geht zum Lager der Dummerh und fordert eure Mahlsteine zurück!« Die Frauen fürchteten für sich ein ähnliches Geschick wie der Mahthi, wenn sie ungehorsam wären; sie gingen fort, obschon sie ganz gut wußten, daß sie die Mahlsteine nicht verliehen hatten. Unterwegs fragten sie in jedem Lager nach und baten, ihnen einen Mahlstein zu leihen, doch überall erhielten sie dieselbe Antwort, nämlich, die Mahlsteine wären verschwunden, und niemand wüßte wohin. Die Dummerh hätten sie allerdings ausborgen wollen, aber jedesmal wäre es ihnen abgeschlagen worden, und doch wären nun die Steine fort. Die Frauen zogen weiter und hörten mit einem Male ein seltsames Geräusch, das sich wie Geisterrufen anhörte. Es erscholl ein gedämpftes: »Um, um, um, um.« Der Ruf erklang hoch in den Lüften, in den Baumwipfeln, und dann auch wieder unten am Boden im Grase; es war so, als ob überall Geister steckten. Die Frauen faßten ihre Fackeln fester und sagten: »Wir wollen umkehren. Die Wondah gehen um.« Sie gingen schleunigst zum Lager zurück und hörten immer in der Luft das »Um, um, um« der Geister. Sie erzählten Byamee, daß sämtlichen Stämmen die Mahlsteine abhanden gekommen wären und die Geister umgängen; und kaum hatten sie das gesagt, da hörten sie hinter dem Lager das »Um, um, um«. Die Frauen schmiegten sich eng aneinander; doch Byamee warf eine Fackel nach der Stelle, woher der Ton kam; als das Licht aufblitzte, sah er niemand, doch etwas viel Sonderbareres: zwei Mahlsteine schwebten vorüber; und doch war niemand zu sehen, der sie fortbewegte; und als die Mahlsteine seinen Blicken entschwanden, wurden die »Um, um, um, um«-Rufe immer lauter und mächtiger. Die ganze Luft schien mit unsichtbaren Geistern erfüllt zu sein. Byamee sah nun ein, daß die Wondah umgingen; er faßte seine Fackel fester und ging ins Lager zurück. Am Morgen waren nicht nur alle Mahlsteine verschwunden, auch das Lager der Dummerh war leer, und die Leute fort. Als niemand den Dummerh Mahlsteine borgen wollte, hatten sie gesagt: »Dann können wir nicht eher wieder Grassamen mahlen, als bis uns die Wondah Steine bescheren.« Und kaum hatten sie die Worte ausgesprochen, als sie einen Mahlstein auf sich zukommen sahen. Zuerst dachten sie, daß sie kraft eigener Macht nur einen Wunsch zu äußern brauchten, um ihn auch schon erfüllt zu sehen; als aber ein Mahlstein nach dem andern in ihr Lager gezogen kam und sich noch weiter fortbewegte, als sie dabei das: »Um, um, um, um« vernahmen, da merkten sie, daß die Wondah am Werke waren. Und nun wurde ihnen klar, daß sie den Mahlsteinen folgen müßten; sonst hätten sie den Zorn der Geister auf sich geladen, die ihnen die Mahlsteine gesandt hatten. Sie suchten ihre Habe zusammen und folgten der Spur der Steine; sie hatten sich einen Weg gebahnt, der von Googoorewon nach Girrahween führt, und in dem bei Hochwasser Wasser fließt. Von Girrahween wanderten die Mahlsteine nach Dirangibirrah, und die Dummerh folgten ihnen. Dirangibirrah liegt zwischen Brewarrina und Widda Murtee. Dort türmten sich die Mahlsteine zu einem hohen Berge auf; und wenn die Schwarzen in Zukunft gute Mahlsteine haben wollten, dann mußten sie dorthin gehen. Die Dummerh wurden in Tauben verwandelt; sie rufen wie die Geister: »Um, um, um!« Von dieser großen Versammlung ist noch ein besonderes Ereignis zu verzeichnen. Ein Stamm, die Ooboon, hatte sich in einiger Entfernung von den übrigen gelagert. Wenn sich nun ein Fremder ihrem Lager näherte, dann bemerkte man, daß der Häuptling der Ooboon herauskam und ihm einen Blitz entgegensandte, der sofort tötete. Niemand wußte, was für ein Blitz das sein mochte, der den Tod in sich trug. So sagte schließlich Wähn, die Krähe: »Ich werde meinen größten Schild mitnehmen und einmal nachsehen, was dahinter steckt. Folgt mir aber nicht allzu nahe nach, denn wenn ich es mir schon überlegt habe, wie ich mich vor dem tödlichen Funken bewahren kann, so möchte das doch vielleicht bei euch nicht gehen.« Wähn ging nun zum Lager der Ooboon; und als ihr Häuptling den Blitz auf ihn schleuderte, da hielt er schnell seinen Schild vor und schützte sich vor dem Glanze, mit tiefer Stimme rief er: »Wäh, wäh, wäh, wäh«; der Häuptling der Ooboon stutzte, er ließ den Blitz fallen und sagte: »Was ist los? Weshalb jagst du mir solchen Schrecken ein? Ich wußte nicht, daß du da warst, ich hätte dir weh tun können; aber das wollte ich gar nicht, denn ihr Wähn seid doch meine Freunde.« »Ich kann nicht hierbleiben,« antwortete Wähn, »ich muß nach meinem Lager zurück. Ich habe dort etwas vergessen, was ich dir zeigen wollte. Ich werde gleich wieder hier sein.« Als er so sprach, rannte Wähn schnell nach dem Platze zurück, wo er seine Keule hatte liegen lassen, und er war zurück, bevor Ooboon überhaupt gemerkt hatte, daß er fortgewesen war. So kam er wieder und schlich sich hinter Ooboon; Er verabfolgte ihm mit der schweren Keule einen Streich, der all die vielen Opfer des todbringenden Funkens vollauf rächte, und streckte den Häuptling der Ooboon tot zu Boden. Dann rief er triumphierend: »Wäh, wäh, wäh«, und lief ins Lager zurück und erzählte seine Heldentaten. An diesem Abend begann der große Tanz, den die Verwandten der Knaben tanzten, die nun zu jungen Männern geweiht werden sollten. Als die Nacht sich ihrem Ende zuneigte, wurden die jungen Weiber sämtlich in niedere Laubhütten gebracht, die man schon vorher rund um den Kreis errichtet hatte. Nur die alten Frauen durften dableiben. Jeder Mann, der sich an der Weihe der Knaben zu beteiligen hatte, mußte nun einen Kandidaten ergreifen und ihn auf dem vorher beschriebenen Weg in den Busch tragen. Auf ein Zeichen hin, packte jeder sich einen Knaben auf die Schulter, dann tanzten sie alle um den Kreis. Die alten Weiber mußten nun herbeikommen und sagten den Knaben Lebewohl; dann wurden sie ebenfalls in die Hütten zu den jungen Frauen gebracht. Fünf Männer geleiteten sie dahin und bogen darauf die Zweige oben auf den Hütten zusammen, damit sie nichts weiter sehen konnten. Nachdem sämtliche Frauen in die Zweighütten eingesperrt waren, verschwanden die Männer mit den Knaben schnell auf dem Wege, der in den Busch führte. Als sie außer Sicht waren, gingen die fünf Männer wieder zu den Hütten, zogen die Zweige fort und befreiten die Frauen, die sich nun in ihre Lager begaben. Den Frauen mochten diese Weihezeremonien sonderbar vorkommen, – sie wußten ganz genau, daß sie durch keinerlei Fragen auch nur das allergeringste erfahren würden. Nach einigen Monaten kehrten die Knaben zurück; dann fehlte ihnen vielleicht ein Schneidezahn, sie trugen am Körper Ziernarben; das konnten die Frauen sehen, und wenn sie nun ihrer eigenen Erfahrung entnahmen, daß die Kandidaten seit ihrem Verschwinden in den Busch kein weibliches Wesen mehr hatten zu Gesicht bekommen, so war das ihr ganzes Wissen. Am nächsten Tag rüsteten sich die Stämme, um nach dem kleinen Festplatz zu ziehen, wo nach ungefähr vier Tagen eine zweite Versammlung stattfinden sollte. Der Ort lag zehn bis zwölf Meilen entfernt. Auf dem kleinen Versammlungsplatz wird der Kreis statt mit einem Erdwall mit Grashaufen abgegrenzt. Alle Stämme ziehen gemeinsam dorthin, lagern sich und tanzen. Die jungen Weiber werden früh schlafen geschickt, nur die alten bleiben auf; sie müssen warten, bis die Stunde kommt, wo sie am großen Versammlungsort den Knaben Lebewohl sagten; sobald sie erschienen ist, werden die Knaben wieder in den kleinen Kreis getragen und die alten Frauen verabschieden sich nun zum letzten Male. Dann bringen die Männer, welche die Aufsicht über sie führen, sie weg. Für eine kurze Zeit bleiben sie noch beieinander, dann trennen sie sich, und jeder Mann zieht mit seinem Knaben in eine andere Richtung davon. Wenigstens sechs Monate stehen sie so unter strenger Aufsicht und dürfen nicht einmal ihre Mutter sehen. Nach Ablauf dieser Zeit kehren sie wieder zu ihrem Stamm zurück. Infolge der Vereinsamung werden sie so aufgeregt und sind so erschrocken, daß sie nicht mit der Mutter sprechen; sie laufen weg, wenn sie kommt, und erst nach und nach legen sie diese Scheu ab. Die Stämme, welche an der Versammlung von Byamee teilnahmen, sollten ihre Knaben jedoch nicht auf der kleinen Versammlung wiedersehen. Sie wollten gerade aufbrechen, als die Witwe Millindooloonubbah ins Lager stolperte und schrie: »Warum habt ihr mich arme Witwe mit meinen vielen kleinen Kindern allein reisen lassen? Denkt ihr, daß die Beinchen meiner Kinder mit euren Schritt halten können? Kann mein Rücken mehr als einen Wassersack tragen? Habe ich vielleicht mehr als zwei Arme und einen Rücken? Wie soll ich denn mit so vielen Kindern nachkommen? Trotzdem blieb niemand zurück und half mir. An jedem Wasserloch habt ihr das Wasser ausgetrunken. Wenn ich müde und durstig mit den Kindern an eine Wasserstelle kam, und sie nach einem Trunk riefen, was fand ich dann? Schlamm, nichts als Schlamm! Meine Kinder waren matt und durstig, sie schrien nach Wasser; und ich arme Mutter konnte sie nicht trösten. Wir kamen zum nächsten Loch. Und was fanden wir da wieder, wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe guckten nach Wasser? Schlamm, nichts als Schlamm! So kamen wir von einem Loch zum andern und fanden nur Schlamm; und ein Kind nach dem andern fiel hin und starb; sie starben, weil ihre Mutter Millindooloonubbah ihnen nichts zu trinken geben konnte.« Eine Frau lief ihr schnell entgegen, um ihr einen Trunk zu reichen. »Zu spät! zu spät!« sagte sie. »Weshalb soll denn eine Mutter leben bleiben, wenn ihre Kinder tot sind?« Stöhnend sank sie hintenüber. Als sie aber das kühle Wasser an den ausgetrockneten Lippen und der geschwollenen Zunge spürte, da raffte sie sich noch einmal auf; sie stellte sich aufrecht hin, schüttelte die Fäuste gegen die Lager der verschiedenen Stämme und schrie: »Ihr hattet es so eilig, hierher zu kommen. Nun sollt ihr ewig hier bleiben. Googoolguyyah! Googoolguyyah! Verwandelt euch in Bäume! Verwandelt euch in Bäume!« Dann fiel sie tot um. Und als sie niedersank, da wurden alle Stämme, die schon fertig zum Aufbruch dastanden, in Bäume verwandelt. Da stehen sie noch heute. Die Stämme, welche ihr Lager weiter zurück aufgeschlagen hatten, wurden in die Tiere verwandelt, deren Namen sie angenommen hatten. Die bellenden Mahthi wurden Hunde; die Byamul schwarze Schwäne; die Wähns Krähen usw. Und an dem Orte, wo einst diese große Versammlung abgehalten wurde, kann man nun große, hohe, gewaltige Bäume erblicken; sie sehen düster aus und neigen traurig klagend die Wipfel gegen den See, der heute den Versammlungsplatz bedeckt. Er heißt Googoorewon, der Baumhain, und an seinem Ufer sieht man noch heute die Reste der alten Erdumwallung. Hier halten die Vögel, welche die Namen der alten Stämme führen, ihre Versammlungen ab. Hier schwimmen die Byamuls stolz umher; die Pelikane wollen ihnen den Rang in Größe und Schönheit streitig machen; hier finden sich Eulen und noch zahlreiche andere Vögel. Die Ooboon, die blauzüngigen Eidechsen, gleiten durchs Gras. Hin und wieder hört man das »Um, um, um« der Tauben und gelegentlich auch den Ruf des Millindooloonubbah- Vogels: »Googoolguyyah, googoolguyyah«. Dann antworten klagend die düsteren Balah-Bäume, dann rauscht es in den dünnen Blättern der Bibbil-Bäume; so redet jeder Baum seine Sprache, und traurig hallt das Echo an dem Seeufer wieder. Die Männer und Knaben, welche sich schon auf dem kleinen Versammlungsplatz befanden, entgingen der Verwandlung. Sie warteten lange auf die Stämme, doch die kamen nicht wieder. Schließlich sagte Byamee: »Mächtige Feinde werden unsere Freunde wohl erschlagen haben und niemand ist entronnen, um uns ihr Schicksal zu melden. Vielleicht sind die Feinde auch uns schon auf den Fersen; wir wollen daher weiter ins Land hineinziehen.« So wanderten sie schnell gen Noondoo. Byamees Hündin lief neben ihnen her; sie hätte sich lieber am Wege hingelegt und wäre nicht so rasch gelaufen; doch Byamee wollte sie nicht verlassen und trieb sie immer wieder von neuem an. Als sie an die Noondoo- Quellen kamen, verschwand die Hündin im Busch und warf dort ihre Jungen. Solche Hundchen hatte man aber bis dahin noch nicht gesehen. Sie hatten Körper wie Hunde, Köpfe wie Schweine, und waren stark und grimmig wie Teufel. Wer im Walde von Noondoo einem dieser scharfzähnigen Wesen begegnet, verliert sein Leben; denn es beißt ihn unbedingt tot. Selbst Byamee wagte es nicht, sich der Brut seiner alten Hündin zu nahen. Dieser mächtige Zauberer Byamee lebt jedoch ewig. Niemand darf ihn schauen, sonst muß er unbedingt sterben. So lebt der alte Byamee, der tüchtigste von allen Zauberdoktoren, allein im dichten Busche auf einem der Hügel bei Noondoo.
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Wie die Blumen wieder in die Welt kamen
(Fabel aus Australien)
Als Byamee die Erde verlassen hatte und nun hoch oben auf dem Oobi-Oobi-Berge im fern-fernen Bullimah-Land wohnte, da welkten alle Blumen, die auf den Ebenen, Abhängen und Bäumen wuchsen, und gingen ein. Keine einzige kam wieder. Und als keine Blumen mehr zu sehen waren, war die Erde wüst und leer. Das es jemals welche gegeben hatte, wurde zum Märchen, das die Alten im Stamm den Jungen erzählten. Mit den Blumen verschwanden auch die Bienen. Wenn die Frauen Honig holen wollten, nahmen sie ihre Sammelkörbe vergeblich mit; sie kehrten stets ohne welchen heim. Es gab im ganzen Land nur noch drei Bäume, wo die Bienen lebten und arbeiteten; doch die Leute wagten nicht, sie zu berühren, denn Byamee hatte sein mäh, sein Zeichen, hineingeschnitten und sie so für immer als sein Eigentum gekennzeichnet. Die Kinder schrien nach Honig, und die Mütter murrten, weil die Zauberer ihnen nicht erlaubten, die Bäume des Byamee zu berühren; sie waren für immer geheiligt. Als nun der Alles-sehende Große Geist merkte, wie die Menschen nach Honig hungerten und doch nicht die Bäume des Byamee berührten, da erzählte er ihm, wie gehorsam sie wären. Byamee freute sich darüber und sagte, dann würde er ihnen etwas senden, was, wenn das Land infolge der Dürre fast verkäme, an den Bibbil- und Goolabah-Bäumen erscheinen und so süß sein solle, daß es den Kindern wie Honig schmecke. Bald darauf sah man weiße zuckerige Flecke auf den Blättern des Bibbil. Die Eingeborenen nennen sie goonbean. Und an den Stämmen lief die klare wahlerh oder Manna wie Honig herunter; in den Zweigen und Ästen ballte sie sich zu Klumpen zusammen und wurden hart; zuweilen fiel sie zu Boden; dann sammelten die Kinder, welche noch nicht an die Zweige reichen konnten, sie auf und aßen sie. Da freuten sich die Menschen und verzehrten dankbar die süßen Geschenke. Doch die Zauberer sehnten sich noch immer nach dem Blumenflor, der die Erde vor Byamees Fortgang bedeckt hatte. Ihre Sehnsucht wurde schließlich so groß, daß sie beschlossen, zu ihm zu gehen und ihn zu bitten, er möge die Erde doch wieder so schön machen wie früher. Sie sagten den Stämmen nichts von ihrem Vorhaben und begaben sich in nordöstlicher Richtung fort. Sie reisten weiter und immer weiter und gelangten endlich an den Fuß des großen Oobi-Oobi-Berges, der sich zu schwindelnder Höhe in den Himmel erhob und dort verschwand. Als sie daran entlang wanderten, erschien er ihnen mit seinen senkrecht abfallenden, steilen, kahlen Felswänden gänzlich unersteigbar. Nach einigem Suchen entdeckten sie jedoch einen Fußhalt, der in den Fels gehauen war, dann noch einen und einen weiteren, und als sie in die Höhe sahen, erblickten sie eine richtige Treppe, die sich, so weit das Auge nur blicken konnte, höher und immer höher hinaufzog. Da wollten sie hinaufsteigen. Sie gingen los; und als sie einen Tag lang geklettert waren, schien die Spitze des Berges noch ebenso weit entfernt zu sein wie anfangs; am zweiten und dritten Tag war es auch nicht viel anders; doch am vierten Tag erreichten sie den Gipfel. Dort sahen sie im Stein eine Vertiefung, aus welcher eine Quelle hervorsprudelte; durstig tranken sie von dem Wasser; sie waren nun wie neubelebt, und alle Müdigkeit und Schwäche, die sie beinahe völlig erschöpft hatten, waren verschwunden und vergessen. Ein klein wenig entfernt davon bemerkten sie Kreise, die aus Steinen errichtet waren. Sie traten in einen hinein; sogleich vernahmen sie die Töne eines Schwirrholzes, aus denen Wallahgooroonbooan, der Geisterbote Byamees, redete. Er fragte die Zauberer, was sie denn hier wollten, wo den Wissensdurstigen die heiligen Worte Byamees verkündet würden. Sie erzählten ihm, wie traurig und öde die Erde wäre, seitdem Byamee sie verlassen hatte, wie die Blumen alle eingegangen und keine wiedergekommen wäre. Obschon Byamee die wahlerh oder Manna gesandt hätte, um den lange entbehrten Honig zu ersetzen, so sehnten sie sich doch alle danach, daß die Erde wieder wie früher ihr fröhlich buntes Blumenkleid erhielte. Da befahl Wallahgooroobooan einigen dienenden Geistern vom heiligen Berge, die Zauberer nach Bullimah emporzutragen, wo nie verwelkende Blumen in ewiger Blüte stehen. Die Zauberer dürften davon so viel pflücken, wie sie in den Händen tragen könnten. Dann sollten die Geister sie wieder in den heiligen Kreis auf dem Oobi-Oobi-Berg zurückbringen; und die Beschenkten müßten alsdann so schnell wie möglich heimgehen. Als die Stimme ausgeredet hatte, wurden die Zauberer durch eine Öffnung in den Himmel hineingehoben und im Lande der ewigen Schönheit abgesetzt. Dort blühten überall in nie geschauter Fülle und Pracht die herrlichsten Blumen; sie zogen sich in feurigen Streifen hin und leuchteten gleich Hunderten von Regenbogen. O, die Zauberer waren davon so ergriffen, daß sie nur weinen konnten, doch es waren Freudentränen. Dann fiel ihnen wieder ein warum sie eigentlich gekommen waren; sie blieben stehen und pflückten die Hände voll der verschiedensten schönen Blumen. Und die Geister trugen sie wieder in den Steinkreis auf der Spitze des Oobi-Oobi zurück. Wieder ertönte das Summen des Schwirrholzes und Wallahgooroobooan sagte: »Nehmt die Blumen mit und sagt den Menschen, daß die Erde nie wieder ohne Blumen sein wird. In allen Jahreszeiten werden die verschiedenen Winde sie bringen; Yarrageh Mayrah1 wird die meisten schicken, dann soll jeder Baum und jeder Strauch seine Blüten bekommen, und zwischen den Gräsern auf den Ebenen und Abhängen sollen sich Blumen wiegen, o, so zahlreich wie die Haare auf dem Felle des Opossum. Allerdings soll Yarrageh Mayrah sie nicht immer so zahlreich bringen, aber doch zuweilen; niemals soll die Erde wieder ganz ohne Blumen sein. Gibt es nur wenige, und bläst ein sanfter Wind nicht erst den Regen herbei und lockt die Blumen, können die Bienen darauf nur wenig Honig für sich einsammeln, dann soll die wahlerh oder Manna wieder von den Bäumen tropfen und den Honig vertreten, bis Yarrageh Mayrah wieder Regen vom Berge herabsendet und den Bienen die Blüten öffnet; dann werden alle wieder Honig haben. Nun eilt, und als Wahrzeichen für das Versprechen nehmt zu euren Leuten die nie welkenden Blumen mit.« Die Stimme verstummte, und die Zauberer kehrten mit den Blumen aus Bullimah zu ihren Stämmen heim. Sie stiegen wieder die steinerne Treppe hinab, welche die Geister beim Kommen von Byamee gebaut hatten; über Abhänge und Ebenen hinweg wanderten sie wieder in ihre verschiedenen Lager. Die Leute drängten sich um sie herum und bewunderten mit weit aufgerissenen Augen die Blumen, welche die Zauberer bei sich trugen. Die Blumen waren noch so frisch, wie sie in Bullimah gepflückt waren, und erfüllten die Luft mit ihrem Wohlgeruch. Als die Stämme sich die Blumen lange genug angesehen und das Versprechen gehört hatten, das Byamee ihnen durch seinen Boten Wallahgooroonbooan verkündigte, da verstreuten die Zauberer die Blumen aus Bullimah überall hin, weit und breit. Einige fielen auf die Spitzen der Bäume, andere auf Ebenen und Abhänge, und wo sie hinfielen, da wachsen seither die verschiedenen Arten. Die Stelle, wo die Zauberer die Blumen zuerst zeigten und dann verstreuten, heißt heute noch Ghirraween, der Platz der Blumen. Wenn Byamees Bienen Yarrageh geweckt haben, und er den Regen vom Oobi-Oobi-Berge herabbläst, um den festgefrorenen Boden aufzuweichen, dann sprießen dort hohe saftige Gräser und prächtig blühende Blumen aller Art hervor. Bäume und Sträucher sind dann mit Blüten bedeckt, und die Erde überzieht sich wieder mit Gras und Blumen, so wie einst, als Byamee noch auf ihnen wandelte. Byamees Bienen wecken Yarrageh Mayrah, den Ostwind; dann schickt er den Regen die Berge hinab, und die Bäume blühen, und die irdischen Bienen sammeln den Honig ein. In der trockenen Zeit erscheinen die Ameisen als Boten und bringen die süße goonbean auf die Blätter, und die kleinen grauen Dulloorah-Vögel tragen die wahlerh oder Manna herbei. Wenn sie kommen, sagt der Den: »Jetzt kommt die Trockenzeit und eine große Dürre ins Land. Überall sind nur wenige Blumen, und der Grassamen ist ausgegangen. Doch goonbean und wahlerh gehen vorüber, so geht auch die Trockenheit vorbei; Blumen und Bienen kehren wieder; so ist es stets gehalten worden, seit die Zauberer uns die Blumen aus Bullimah brachten.«
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Alt 12.09.2019, 15:12:19   #101 (permalink)
raptor230961
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Woher der Frost kommt
(Fabel aus Australien)
Die Meamei oder Plejaden lebten einst auf der Erde. Es waren sieben Schwestern und wegen ihrer Schönheit berühmt. Sie hatten langes Haar, das bis zu den Hüften herabfiel, und ihre Körper waren mit Eiszäpfchen besät. Ihre Eltern lebten irgendwo weit in den Bergen und blieben dort, sie wanderten nicht umher, wie es die Töchter zu tun pflegten. Wenn die Schwestern auf die Jagd gingen, schlossen sie sich anderen Stämmen nicht an, obschon viele von Zeit zu Zeit versuchten, ihre Freundschaft zu erwerben. Besonders eine Schar junger Leute war von ihrer Schönheit so hingerissen, daß sie es gern gesehen hätte, wenn die Mädchen bei ihnen geblieben und ihre Frauen geworden wären. Die jungen Leute hießen die Berai-Berai und folgten den Meamei überall hin. Sie paßten auf, wo sie lagerten, und ließen alsdann stets Geschenke für sie da. Die Berai-Berai waren sehr geschickt im Auffinden von Bienennestern. Sie fingen sich zuerst eine Biene und befestigten dann irgend etwas Weißes, etwa eine weiße Feder, mit Gummi zwischen den hinteren Beinchen. Dann ließen sie die Biene fliegen und folgten ihr zum Nest. Den gefundenen Honig taten sie in Körbe und setzten sie im Lager der Meamei hin, die wohl den Honig aßen, aber vom Heiraten nichts wissen wollten. Doch eines Tages stahl sich der alte Wurunnah zwei von den Mädchen und fing sie mit Hinterlist ein. Er versuchte die Eiszäpfchen von ihnen loszuwärmen, doch löschte er dabei nur das Feuer aus. Nachdem sie eine Zeitlang in unfreiwilliger Gefangenschaft gewesen waren, wurden die beiden Mädchen in den Himmel hinaufgehoben. Hier fanden sie ihre fünf Schwestern wieder und blieben seitdem immer bei ihnen. Doch funkelten sie nicht mehr so prächtig wie die andern fünf; Wurunnahs Feuer hatte ihren Glanz vermindert. Als die Berai-Berai herausbekamen, daß die Meamei für immer von der Erde verschwunden waren, waren sie untröstlich. Man bot ihnen Mädchen aus ihrem eigenen Stamm an; sie wollten jedoch nur die Meamei, und sonst niemand haben. Und wie sie allen Trost zurückwiesen, wollten sie auch nichts essen und trinken; sie siechten dahin und starben. Das tat den Geistern leid, die sich doch über ihre Beharrlichkeit und Treue gefreut hatten, und so wiesen sie ihnen einen Platz im Himmel an, den sie noch heute innehaben. Wir nennen sie den Gürtel und das Schwert des Orion, den Dens sind die Sterne jedoch als die Berai- Berai bekannt. Die Dens behaupten, daß die Berai-Berai auch jetzt noch am Tage auf die Bienenjagd gehen und nachts ihre Tänze abhalten, wozu die Meamei singen. Obgleich die Meamei ihr Lager in einiger Entfernung von den Berai-Berai haben, sind sie doch nicht so weit davon entfernt, daß ihr Gesang dort nicht vernommen werden könnte. Die Dens behaupten auch, daß die Meamei als ein Vorbild für die Frauen auf der Erde leuchten. Zur Erinnerung an ihr irdisches Dasein brechen die Meamei einmal im Jahre einige Eiszäpfchen von sich ab und werfen sie hinunter. Wenn die Dens dann am Morgen erwachen und überall Eis erblicken, sagen sie: »Die Meamei haben uns nicht vergessen. Sie haben uns Eis herabgeworfen. Nun wollen wir ihnen zeigen, daß wir sie auch nicht vergessen haben.« Dann nehmen sie ein Stückchen Eis und halten es an die Nasenscheidewand der Kinder, bei denen sie noch nicht durchbohrt ist. Sobald die Nasenscheidewand infolge der Kälte unempfindlich geworden ist, wird sie durchbohrt und ein Strohhalm oder ein Knochen hindurchgezogen. »Nun,« sagen die Dens, »können die Kinder wie die Meamei singen.« Ein Verwandter der Meamei schaute gerade zur Erde hinab, als die beiden Schwestern zum Himmel emporgetragen wurden. Als er nun sah, wie der alte Kerl da unten wütend und schimpfend herumtobte und ihnen befahl, wieder herabzukommen, da machte ihm der Verdruß des Wurunnah großen Spaß, und weil er sich über die Flucht der beiden Mädchen so freute, mußte er laut loslachen. Seitdem lacht er immer; den Dens ist er als Ghindamaylännah, der lachende Stern, und uns als Venus bekannt. Wenn es im Winter donnert, sagen die Dens: »Nun baden die Meamei wieder.« Das Geräusch entsteht, wenn sie beim Bubahlarmay-Spiel hintereinander ins Wasser springen; wer dann den besten Knall erzielt, hat gewonnen; auch bei uns ist das Spiel beliebt. Sobald sie das Geräusch des Bubahlarmay-Spiels der Meamei hören, sagen die Dens auch: »Nun wird es bald regnen; die Meamei werden Wasser herunterspritzen. In drei Tagen wird er kommen.«
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Alt 14.09.2019, 11:49:41   #102 (permalink)
raptor230961
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Die Entstehung der Sonne
(Fabel aus Australien)
In alten Zeiten gab es noch keine Sonne; nur Mond und Sterne leuchteten am Himmel. Damals lebten auf der Erde auch keine Menschen, sondern nur Vögel und Tiere, die viel größer waren als heute. Eines Tages gingen der Emu Dinewan und der Kranich Brälgah auf der großen Ebene am Murrumbidjee spazieren. Sie fingen an sich zu zanken und kriegten miteinander das Prügeln. Brälgah lief in ihrer Wut auf das Nest von Dinewan zu, nahm dort eins der großen Eier weg und warf es mit aller Kraft zum Himmel hinauf. Dort fiel es auf einen Haufen Feuerholz nieder und zerbrach. Der gelbe Dotter lief über das Holz hinweg und setzte es in helle Flammen, so daß die ganze Welt zu jedermanns Verwunderung hell beleuchtet wurde. Denn bis dahin war man nur an eine sanfte Dämmerung gewöhnt gewesen; nun wurde man von der großen Helligkeit fast geblendet. Im Himmel wohnte ein guter Geist; der sah, wie herrlich und wunderschön doch die Welt war, als sie durch die strahlende Helle beleuchtet wurde. Er dachte, es wäre doch schön, jeden Tag ein solches Feuer anzuzünden. Und seitdem hat er es immer getan. Jede Nacht trägt er mit seinen dienenden Geistern Feuerholz zusammen und häuft es auf. Und wenn der Haufen beinahe fertig ist, schickt er den Morgenstern aus, um den Leuten auf der Erde anzuzeigen, daß das Feuer bald angezündet werden wird. Er merkte jedoch bald, daß dies Zeichen nicht genügte, denn die Leute, welche schliefen, sahen es nicht. Und er meinte, man müßte irgendein Geräusch haben, was das Kommen der Sonne ankündigte und die Schläfer aufweckte. Aber er konnte sich nicht so recht entschließen, wem er dies schwierige Amt übertragen sollte. Eines Abends hörte er das Gelächter des Gurgurgaga, des Hahns erschallen. »Aha,« sagte er, »das will ich ja gerade haben!« Und er sagte zum Gurgurgaga, er solle fortan jeden Morgen, wenn der Morgenstern verblasse und der neue Tag heraufdämmere, so laut wie möglich lachen, damit die Schläfer noch vor Sonnenaufgang durch sein Gelächter geweckt würden. Wenn er es nicht täte, dann zünde er auch kein Feuer mehr an, und die Erde würde wieder in Dämmerung eingehüllt sein. Gurgurgaga bewahrte der Welt jedoch das Licht und willigte ein, jeden Morgen in der Dämmerung sein lautestes Lachen erschallen zu lassen. Und seither ertönt jeden Morgen sein lautes Gekakel: »Gurgurgaga, gurgurgaga, gurgurgaga!« Wenn die Geister morgens das Feuer anzünden, strahlt es noch nicht viel Hitze aus. Aber um Mittag, wenn der ganze Haufen in heller Glut steht, ist es am heißesten. Dann geht es langsam aus, bis bei Sonnenuntergang nur noch rotglühende Asche vorhanden ist, die rasch erlischt. Nur einige Stücke werden von den Geistern mit Wolken zugedeckt, um noch Feuer zu haben, damit am andern Tag der neue Holzhaufen wieder angezündet werden kann. Kinder dürfen das Lachen des Gurgurgaga nicht nachmachen. Wenn er es hört, stellt er den Morgenruf ein. Tun die Kinder es trotzdem, so wächst ihnen zur Strafe über dem Augenzahn noch ein Zahn. Denn die guten Geister wissen sehr wohl, daß dann, wenn der Gurgurgaga aufhört, mit seinem Lachen die Sonne zu verkünden, die Zeit da ist, wo es keine Schwarzen mehr gibt, und auf Erden wieder Dunkelheit herrscht.
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Alt 15.09.2019, 16:50:55   #103 (permalink)
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Die Aufgabe des Königs
(Fabel aus den Philippinen)
Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, da wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger bestellen. Er versammelte die Weisen seines Landes und rief seine beiden Söhne herbei. Er gab jedem der beiden fünf Silberstücke und sagte: "Ihr sollt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend füllen. Womit, das ist eure Sache." Die Weisen sagten: "Das ist eine gute Aufgabe." Der älteste Sohn ging davon und kam an einem Feld vorbei, wo die Arbeiter dabei waren, das Zuckerrohr zu ernten und in einer Mühle auszupressen. Das ausgequetschte Zuckerrohr lag nutzlos herum. Da dachte er sich: "Das ist eine gute Gelegenheit, mit diesem nutzlosen Zeug die Halle meines Vaters zu füllen." Mit dem Aufseher der Arbeiter wurde er einig, und sie schafften bis zum späten Nachmittag das ausgedroschene Zuckerrohr in die Halle. Als sie gefüllt war, ging er zu seinem Vater und sagte: "Ich habe Deine Aufgabe erfüllt. Auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zu warten. Mach mich zu deinem Nachfolger." Der Vater antwortete: "Es ist noch nicht Abend. Ich werde warten." Bald darauf kam der jüngere Sohn. Er bat darum, das ausgedroschene Zuckerrohr wieder aus der Halle zu entfernen. So geschah es. Dann stellte er mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein. Der Vater sagte: "Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast sie mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen."
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Alt 17.09.2019, 06:36:27   #104 (permalink)
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Der Traum des Bettler Matsuki-Schei
(Mongolische Fabel)
Wohlig gebettet auf einer rosaweichen Wolke war der junge Bettler Matsuki-schei seinem harten Lager entwichen und schwebte über allem Irdischen, wie ein junger Gott. Nun war er jeder Sorge enthoben; denn seine Wünsche waren fortan dem Schicksal Befehl. Er wünschte sich, der Kaiser Asiens, der Beherrscher aller Mongolen zu sein. So schaute er hinab und suchte den Palast des großen Wuschangis-khan, des glücklichsten aller Kaiser. Als er ihn endlich gefunden, gefiel es ihm, sich zu wünschen, dort unten an den Stufen des Glückes sitzen zu dürfen. Also saß der junge Bettler Matsuki-schei in seine Lumpen gehüllt auf der Treppe des Palastes und streckte nach alter Gewohnheit seine Hand aus, um zu betteln. Man achtete nicht auf ihn. Eine Schar der schönsten Freier, mit den längsten und seidigsten Zöpfen des Mongolenreiches, in goldgestickten Drachengewändern, umlagerte das Tor und wartete auf die Wahl der schönen Thronerbin Nukada. Endlich erschien sie, schön wie die Ranke eines Tempelgewächses, mit einem kleinen Seidenball, den sie dem Auserwählten zuwerfen sollte. Die stolze Nukada aber mochte keinen von diesen geschmückten Laffen und warf den Ball ins Leere. Er fiel wie durch Zauber in die Hand des Bettlers. Der Drache im Banner krümmte sich, ein Wehklagen hub an, aber der Ball war gefallen und der kaiserliche Spruch war besiegelt. Man umhängte den Bettelsmann mit prächtigen Kleidern und gab ihm die kaiserliche Tochter Nukada zur Frau... Einige Tage nach diesem Ereignis starb der Kaiser Wuschangis-khan aus Kummer über dieses Ungemach. Wirklich wurde nun der Bettler Matsuki-schei Kaiser von Asien und Beherrscher aller Mongolen. - "Wehe dem, der wunschlos ist!" sagt der Weise Lao-tse. Matsuki-schei aber besaß alles; er hatte keine Wünsche mehr und wurde todunglücklich. Draußen vor dem Tor aber stand das Wort "Glück" groß in goldenen Lettern geschrieben. Darum hieß es nun, nach außen hin - "das Gesicht wahren". Aber das wunschlose Leben im Überfluß wurde immer unerträglicher. Matsuki-schei beschloß, zu fliehen. Als er sich nun eines Nachts heimlich davonmachen wollte, um sich diesem scheinbaren Glück zu entwinden, wurde er entdeckt und es gab einen heftigen Kampf. Mit übermenschlichen Kräften riß er sich los und machte einen tollkühnen Sprung durch die Wölbung eines Fensters ins Freie. Unten im Schatten einer Mauer wurde er am Arm gepackt und gewaltig geschüttelt.
Matsuki-schei erwachte aus seinem Traum. - "Ans Betteln, du Faulenzer!" hörte er die Stimme seines Stiefvaters, des alten Bettlers, der ihn unsanft von seinem harten Maisstrohlager zog, auf dem er geschlafen hatte, wie auf Wolkenkissen. Der junge Bettler Matsuki-schei murrte nicht. Er ging leichten Schrittes zur Hütte hinaus an die Bettlerarbeit und freute sich, daß er nicht der Kaiser Asiens, der Beherrscher aller Mongolen war.
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Alt 18.09.2019, 16:55:30   #105 (permalink)
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Der hochmütige Geier
(Fabel aus Burma)
In grauer Vorzeit war der Geier ein friedfertiger, freundlicher Vogel, der sich mit den anderen Tieren gut verstand. An einem heißen Sommertag überflog er in großen Kreisen die weite, offene Landschaft und beobachtete mi seinen scharfen Augen eine Büffelherde. Er hatte ein krankes Tier entdeckt, und als dieses in der Hitze zusammenbrach, flog er herab, setzte sich ruhig in die Nähe des sterbenden Tieres und wartete geduldig, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Erst als er ganz sicher war, dass das Tier nicht mehr lebte, stillte er seinen Hunger. Danach flog der Geier zum Fluss, um sich gründlich zu reinigen, denn er ist ein sehr sauberes Tier. Und nach dem erfrischenden Bad stolzierte er am Flussufer entlang und unterhielt sich angeregt mit einer Ente. Dabei fiel zufällig sein Blick ins klare Wasser. Entsetzt flog der Geier in die Luft, kehrte aber sofort wieder zum Fluss zurück. Er musste wissen, ob das wirklich sein Spiegelbild gewesen war, was ihm eben so grässlich aus den Wellen entgegengelacht hatte. "Oh, wie hässlich bin ich!" stöhnte er auf "Mein Gefieder ist zwar dicht und schön, aber dieser Kopf und dieser Hals! Ich bin eine Schande für alle Vögel. Nur eine einzige große Feder ziert mein Haupt und spärliche kleine Federchen bedecken meinen Hals." Der Geier schämte sich sehr und flog zu einer fernen Felshöhle, um sich dort vor den Augen der anderen Tiere zu verbergen. Er jammerte und haderte mit seinem Schicksal. "Warum muss gerade ich so hässlich sein?" klagte er. "Selbst die Enten und die Gänse haben einen hübschen Kopf. Warum bin ausgerechne ich nicht schön!" Bekümmert aß er keinen Bissen mehr und ließ sich auch von niemanden trösten. Er wäre in seiner Höhle elend verhungert, wenn die anderen Vögel nicht Mitleid mit ihm gehabt hätten. Der königliche Adler ließ alle Vögel zu sich rufen und sprach: "Wir müssen unserem Freund helfen. jeder von uns reiße sich eine schöne Feder aus und bringe sie ihm! Dann kann der Geier seinen Kopf und seinen Hals bedecken und muss sich nicht länger vor uns schämen." Alle Vögel waren mit dem Vorschlag einverstanden und flogen mit einer Feder zu ihrem unglücklichen Freund. Bald war dieser mit den glänzensten Federn überhäuft. Und nicht nur der Kopf und der Hals erstrahlten unter dem neuen Kleid, nein, er hatte auch noch genug Federn, um seinen ganzen Körper zu schmücken. Überglücklich trat der Geier wieder in das Sonnenlicht und ließ sich von seinen Freunden unter lautem Jubel zum Fluss führen. Jetzt konnte er sich an seinem Spiegelbild nicht satt genug sehen. Immer wieder drehte er und wendete er sich und starrte voller Stolz ins Wasser. Er hatte das prachtvollste Gefieder von allen Vögeln. Von nun an flog der Geier sehr häufig zum Fluss, um sich darin zu betrachten. Von Tag zu Tag wurde er hochmütiger und blickte auf die anderen Vögel herab. Spottend verfolgte er die kleine Nachtigall: "Wie abscheulich siehst du aus. An deiner Stelle würde ich mich nicht einmal des Nachts zeigen, sondern unter der Erde verbergen und die schöne Natur nicht mit meiner Hässlichkeit beleidigen. Sieh nur meine Farbenpracht!" Von morgens bis abends flog er laut geifernd umher und wollte von allen bewundert werden. Unaufhörlich gab er mit seiner Schönheit an. "Kein Wunder, dass du nicht fliegen kannst! Mit deinem dürftigen Federkleid kommst du nicht eine Buschhöhe über das Wasser hinaus!" zischte der Geier abfällig der Ente auf dem Fluss zu. "Schau mich an, wie reich ich bin!" Der Geier plusterte sich auf, schwang angeberisch seine Flügel und schwebte eingebildet davon. Eines Morgens verkündete er allen Vögel: "Ich bin der stattlichste Vogel unter euch. Darum werde ich ab heute euer König sein. jeder muss mich verehren und mir gehorchen." Jetzt riss den Vögeln die Geduld. Laut zeternd eilten sie zum Adler und beschwerten sich über den aufgeblasenen, unverschämten Geier. Da wurde der Adler zornig: "Dieser undankbare Wicht verdient nicht unser Mitleid. Stürzt euch alle auf ihn und nehmt ihm eure Federn wieder ab!" Die Vögel ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie fielen über ihn her, zupften und rissen an seinem Gefieder, dass auch manche Feder zu Boden flatterte und vernichtet wurde, die dem Geier selbst gehört hatte. Gerupft und hässlicher als zuvor stand der Geier da. Die große Feder von seinem Kopf und auch die wenigen kleinen Federn von seinem Hals waren der Abrechnung zum Opfer gefallen.
Seit dieser Zeit sind Kopf und Hals des Geiers ohne Federn, und er ist ein zanksüchtiger Vogel geworden, der niemanden in seiner Nähe duldet.
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