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Alt 10.11.2019, 06:59:26   #136 (permalink)
raptor230961
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Der stolze Schmetterling
(Fabel aus dem Sudan)
Ein wunderschöner Schmetterling umflatterte eine duftende Blume; da bemerkte er eine hässliche Raupe, die im Staube dahin kroch. Verächtlich rief der Schmetterling ihr zu: "Wie darfst du es wagen, dich in meiner Nähe sehen zu lassen? Fort mit dir! Sieh, ich bin schön und strahlend wie die Sonne, und meine Schwingen tragen mich hoch in die Lüfte, während du auf der Erde umher kriechst. Fort, wir haben nichts miteinander zu schaffen!" "Dein Stolz, du bunter Schmetterling, steht dir schlecht an", erwiderte die Raupe ruhig. "All deine Farbenpracht gibt dir nicht das Recht, mich zu verachten. Wir sind und bleiben Verwandte, so schmähst du dich also selbst. Bist du nicht früher eine Raupe gewesen? Und werden deine Kinder nicht Raupen sein wie du und ich?!"
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Alt 11.11.2019, 06:54:44   #137 (permalink)
raptor230961
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Ada, der Waldgeist
(Fabel aus Kamerun)
Awsang Atikawt war ein großer Jäger und so geschickt, dass er die Jagd nie aufgab, wenn er dem Schwanz eines Tieres erst einmal folgte. Eines Tages klagten die Freunde, mit denen er beisammen saß, wie sehr ihre Felder von Elefanten zerstört worden wären. Atikawt fragte, warum sie die Tiere denn nicht getötet hätten. Aus Furcht, dabei ein Opfer der Elefanten zu werden, erhielt er zur Antwort. Atikawt nannte die Männer Feiglinge. Er würde nicht eher ruhen, bis jeder Elefant erlegt wäre, der es wagen sollte, auf seinen Feldern ein Zeichen zu hinterlassen. Unter den Anwesenden befanden sich aber auch zwei Elefantenmenschen. Einer der beiden erhob sich nun und sprach zu Atikawt: "Hör auf, dich zu brüsten! Die Elefanten werden auch deine Felder leerfressen und ungehindert davonziehen." Da erwiderte Atikawt entschlossen: "Sie sollen es nur versuchen, dann bekommen sie es mit mir zu tun!" Die Elefantenmenschen blickten einander scharf an. Dann kamen sie überein, die Felder des Jägers zu zerstören und abzuwarten, was geschähe. Bald darauf brachten Atikawts Frauen die Nachricht, Elefanten hätten die Felder verwüstet. Der Jäger packte einen Mundvorrat für unterwegs ein, und nachdem sein Jagdbeutel mit allem versehen war, machte er sich gut bewaffnet auf den Weg. Bis in die Dunkelheit folgte Atikawt der Elefantenspur. Während der Nacht ruhte er, an einen Baumstamm gelehnt, aber kaum begann es zu dämmern, nahm er die Verfolgung wieder auf. Er lief und lief, bis es dunkel wurde, dann kletterte er auf einen hohen Baum und verbrachte dort die Nacht. Am folgenden Tag holte er die Elefanten an einem breiten Fluss ein. Als die Elefanten Atikawt mit dem geladenen Gewehr erblickten, nahmen sie sofort wieder menschliche Gestalt an und baten um Schonung. Der Jäger erkannte seine Freunde, die beiden Elefantenmenschen, mit denen er wenige Tage zuvor gestritten hatte, und führte ihnen vor, wie er auf den Stamm eines sehr hohen Baumes schoss. Nachdem die beiden nun gesehen hatten, was für ein großes Stück Holz von dem Schuss weggerissen worden war, flehten sie noch ängstlicher, er möge ihnen nichts antun. Alle Zerstörungen, die sie auf seinen Feldern angerichtet hatten, versprachen sie zu ersetzen. Damit war der Jäger zufrieden, er wandte sich um und kehrte auf dem Weg, den er gekommen war, zurück.
Kaum aber war Atikawt außer Sicht, verwandelten sich die Männer wieder in Elefanten und wandten einen großen Zauber an. Sie ließen einen so heftigen Regenguss herniedergehen, dass der Weg überschwemmt war und der Jäger nicht nach Hause finden konnte. Er lief durch den Wald und hatte sich schließlich verirrt. Nach vielen Stunden befand er sich in einem Teil des Waldes, in dem er vorher nie gewesen war. Als es aufhörte zu regnen, entdeckte er ganz in seiner Nähe ein so prächtiges Haus, wie er noch nie eins gesehen hatte. Es gehörte der Beherrscherin des Waldes, und rings um das Haus lagen Haufen von menschlichen Schädeln und Knochen. Der Jäger glaubte sich schon verloren, da hörte er den Ruf: "Awsang Atikawt!" Er antwortete und sah aus einer schmalen Seitentür ein kleines lahmes Mädchen schlüpfen. Es kam auf ihn zu und erklärte, wie leid es ihr tue, dass er an diesen Unglücksort geraten sei. Ihre Herrin, ein Ungeheuer, verschlinge jeden, der sich in der Nähe ihrer Behausung befände. Mit Hilfe der Zaubermittel, über die sie verfüge, könne sie jeden einholen, der zu fliehen versuche. "Und trotzdem", fuhr das Mädchen fort, "wenn du tust, was ich dir sage, werde ich dich retten und sicher nach Hause bringen. Du darfst aber nichts von dem Essen zu dir nehmen, das meine Herrin dir geben wird." Atikawt dankte dem Mädchen und versprach, nicht ohne ihre Erlaubnis zu essen. "Gut", antwortete die Kleine, "dann nimm das hier", und gab ihm ein Stück essbaren Ton. "Iss davon, und was du von meiner Herrin bekommst, wirf irgendeinem Tier vor. Aber achte darauf, dass sie nichts merkt. In der Nacht wird sie dich mit zu sich nehmen. Sei auch da vorsichtig und hör genau hin, wenn sie zu schlafen scheint. Schnarcht sie laut wie ein Sturm, bleib ganz still liegen, dann ist sie nämlich noch wach. Erst wenn ihr Schnarchen das Haus wie ein Donnerschlag erschüttert, weißt du, dass sie schläft. Dann schleich dich hinaus und komm zu mir. Ich werde dir zwei verschiedene Zauberpflanzen geben, die du auf der Flucht brauchen wirst. Presst du den Saft der ersten auf das Tor, tut es sich auf, und du kannst hindurchgehen. Den Saft der zweiten lass in den Fluss tropfen, er wird austrocknen, und du gelangst an das andere Ufer. Dort darfst du dich aber auf keinen Fall umdrehen, sondern musst die Zauberblätter über deine Schulter ins Wasser werfen. Es wird steigen und die Furt überschwemmen. So kannst du nicht verfolgt und eingefangen werden." In dem Augenblick erklangen Trommeln, erschallten Hörner und alle mögliche Musik war im Abendwind zu hören. Das kleine Mädchen erklärte, dass sich nun ihre Herrin nähere, all die Töne kämen aus ihrem Leib. "Bleib ganz ruhig", sagte das Mädchen noch, dann eilte sie in ihr Versteck. Atikawt wartete, bebend vor Furcht. Als die Waldbeherrscherin angelangt war, brach die Musik ab. Sie trat ganz freundlich auf den Jäger zu und bedeutete ihm, er brauche sich nicht zu fürchten, sie wolle ihn zum Mann nehmen, weil sie schon so lange allein lebe. In ihrem prachtvollen Haus bot sie ihm einen Platz an, und Atikawt setzte sich zitternd, seine Angst war nicht geringer geworden. Ada, so war der Name des Waldgeistes, rief nun nach dem lahmen Mädchen. Es schlenderte herbei und gab vor, geschlafen zu haben. In ihrer Waldgeistsprache sagte Ada und wies dabei auf den Gast: "Morgen haben wir eine gute Fleischmahlzeit!" - "So ist es", antwortete das Mädchen. Am Abend träufelte Ada Zaubersaft in das Essen des Jägers. Er aber erklärte, in seinem Land sei einem Mann wie ihm nur im Ziegenstall erlaubt, etwas zu essen. Da durfte er sich dorthin zurückziehen. Atikawt warf das Essen den Ziegen vor, und in dem Augenblick, als etwas davon den Boden berührte, loderte eine Flamme auf. Der Jäger blieb ruhig und beobachtete, wie das Feuer wieder erlosch und die Ziegen alles auffraßen. Anschließend kehrte er zu Ada zurück. Sie unterhielten sich noch eine Weile und gingen dann schlafen. Vorher hatte Ada aber noch ein scharf zugespitztes Eisen ins Feuer gelegt. Damit wollte sie Atikawt durchbohren, sobald er eingeschlafen war. Nach einer Weile begann sie zu schnarchen, laut wie ein Sturm, wie das lahme Mädchen es beschrieben hatte. Der Jäger verhielt sich ganz still. Aber als sie kurz darauf schnarchte, dass wie von einem Donnerschlag das ganze Haus erbebte, erhob er sich. Auf sein Lager packte er Kissen, breitete eine Decke darüber und verließ den Raum, um das kleine lahme Mädchen zu suchen. Von ihr erhielt er die versprochenen Zauberpflanzen. Nachdem die ersten Tropfen aus der Zauberpflanze auf das Tor gefallen waren, hatte es sich vor Atikawt geöffnet, und auch der Saft aus der anderen Pflanze war kaum mit dem Wasser in Berührung gekommen, da hielt der Fluss sein Wasser zurück und erlaubte ihm, hindurchzuschreiten. Atikawt hatte das andere Ufer noch nicht erreicht, da hörte er Donnergetöse aus dem Haus, das er verlassen hatte. > Jetzt kommt die Waldbeherrscherin<, dachte er. Am anderen Ufer fühlte er sich erst sicher, als er, ohne sich umzublicken, die Zauberpflanze über seine Schulter geworfen hatte. Danach wandte er sich um, weil er sehen wollte, was geschah. Augenblicklich stieg das Wasser, und bald überschwemmten schäumende Fluten die Furt, so dass Atikawt seinen Weg ohne Angst vor Verfolgung fortsetzen konnte. Gegen Mitternacht erwachte Ada, zog das spitze, inzwischen rotglühende Eisen aus dem Feuer und stieß es durch die Kissen, die Atikawt auf seinen Platz gelegt hatte. Sie fingen sofort Feuer. Nun ratet, ob Ada jetzt wohl wütend war! Wie rasend griffen die Flammen um sich, und der Mann, den sie verschlingen wollte, war entflohen. In heißer Erregung nahm sie die Verfolgung auf, vergaß in ihrer Hast aber die Zauberpflanzen, mit denen sie das Wasser hätte zum Stehen bringen können, und musste so am Ufer des reißenden Flusses aufgeben. Dem Mann auf der anderen Flussseite rief sie zu: "Was wirst du dort erzählen, Awsang Atikawt, wo du hingehst?" - "Erzählen werde ich", antwortete der Jäger, "dass ich einer Frau begegnet bin, die allein im Wald lebt und die alle verschlingt, die sie eingefangen hat, einer Frau, die in ihrem Leib Trommeln, blasende Hörner und sogar große Waffen hat, einer Frau, die eine Gefahr ist für jedes menschliche Wesen. Je eher sie getötet wird, desto besser ist es für alle Jäger!" Voller Wut machte Ada kehrt. Atikawt aber setzte seinen Weg fort und wurde zu Hause mit großem Jubel empfangen.
Einige Tage später näherte sich eine wunderschöne Frau der Stadt, in der er lebte. Sie war so kostbar gekleidet, wie man es noch nie gesehen hatte. Auf dem Kopf trug sie eine Kalebasse voller Fleisch. Atikawt trat heraus, um den Gast zu begrüßen und nach seinen Wünschen zu fragen. Da erzählte ihm die Schöne, sie käme aus einer Stadt in der Nähe, die er vor einiger Zeit besucht habe. Sie hätte sich, kaum dass sie seiner ansichtig geworden, sogleich in ihn verliebt. Erst heute sei es ihr gelungen, ihn zu finden, obwohl sie überall nach seinem Namen und seinem Wohnort geforscht habe. Awsang Atikawt lauschte ihrer Schmeichelrede und bezweifelte nicht eines ihrer Worte. Eine von Atikawts Frauen aber war eine Zauberin. Sie fand heraus, dass es sich bei der Besucherin um keine andere handelte als Ada, die Beherrscherin des Waldes, und rief ihren Mann zu sich, um ihn zu warnen. So deutlich es ihr möglich war, gab sie ihm zu verstehen, die schöne Fremde sei in Wirklichkeit jene böse Frau, der er vor kurzem erst entkommen konnte, die mit den Trommeln, den Hörnern, Waffen und allen möglichen Gewaltmitteln im Leib. Atikawt aber lachte nur und meinte, wenn seine Frau den Waldgeist Ada gesehen hätte, wüsste sie, dass die Besucherin überhaupt nicht mit diesem Ungeheuer zu vergleichen wäre. Gegen Abend versuchte Atikawts Frau noch einmal, ihren Mann zu bewegen, die Fremde fortzuschicken, denn sie sei tatsächlich jenes böse Wesen, dessen Grausamkeiten er erst vor wenigen Tagen so eindrucksvoll geschildert hatte. Aber statt ihr zuzuhören, lachte Atikawt noch mehr und hielt seiner Frau vor, sie sei zu eifersüchtig. Einen dritten Versuch unternahm die Frau, als sich Atikawt in der Nacht zu der schönen Fremden legen wollte. Sie nahm ihn beiseite und erklärte ihm, dass er sein Leben verlöre, falls er nicht von seinem Vorhaben abließe, die schöne Besucherin, in Wahrheit Ada, der Waldgeist, würde ihn töten. Aber Atikawt blieb hartnäckig, und die Frau sah, alle Warnungen waren zwecklos. Dennoch beschloss sie, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, denn sie war viel zu besorgt, um ihn unbewacht schlafen zu lassen. An dem Platz, wo die Jagdhunde ihres Mannes waren, tat sie, als suche sie etwas, und wählte indessen zwei von den wildesten Hunden aus. Während sie die beiden streichelte und liebkoste, wisperte sie ihnen zu, dass sie in dieser Nacht ihren Herrn bewachen müssten, die Fremde wolle ihm ans Leben. Es waren Zauberhunde, wie die Frau wohl wusste. Als sie nun traurig ins Haus gegangen war, nicht etwa, um zu schlafen - bewahre -, da erhoben sich die Hunde und schlichen dorthin, wo Atikawt an der Seite der Fremden lag. Einige Stunden verstrichen, und alles blieb still. Ada, denn sie war es ja, nur verwandelt in eine schöne Frau, Ada war sicher, dass es ihr jetzt glücken würde, Atikawt zu töten. Sie schlug sich auf den Leib, da sprang das rotglühende spitze Eisen heraus. Ada holte aus, um den Mann an ihrer Seite im Schlaf zu töten, aber schon bei der ersten Bewegung sprangen die Hunde auf und warfen sich mit fürchterlichem Gebell auf sie. Der Jäger schrak auf, und Ada, voller Zorn, schlug noch einmal auf ihren Leib, das rotglühende Eisen sprang hinein und war verborgen. Dann tat sie so, als wäre auch sie von den Hunden geweckt worden, und sagte, dass sie mit den Hunden in einem Raum nicht schlafen könne. Also erhob sich Atikawt, schlug die Hunde, die ihm doch das Leben gerettet hatten, und kettete sie auf der Veranda an. Während er sich beeilte, zu seinem Gast zurückzukommen, schlich sich Atikawts zauberkundige Frau aus ihrem Raum, befreite die Hunde und flüsterte ihnen zu, dass sie wachen sollten wie bisher. Als Ada den Jäger wieder schlafend wusste, erhob sie sich erneut, schlug auf ihren Leib, und das rotglühende Eisen erschien ein zweites Mal. Da sprangen die Hunde durchs Fenster, packten sie und bellten so laut wie zuvor. Von dem Lärm erwachte Atikawt, und in dem Augenblick krähte der Hahn. Dieser Laut versetzte Ada in höchste Erregung, sie sagte zu Atikawt, dass sie sich unverzüglich auf den Weg machen müsse, er möge doch die Hunde einsperren und sie begleiten. Der Mann war so einfältig, dass er nicht nur alles tat, was sie sagte, sondern auch noch den Raum, in dem er die Hunde gelassen hatte, so fest verschloss, dass niemand an sie herankam, solange er fort war. Unterwegs forderte die Fremde Atikawt auf, voranzugehen, sie wollte ihm folgen. Aber dem widersetzte er sich, und dies war die erste und sehr nötige Weigerung gegenüber der Fremden, der nun, weil Atikawt hinter ihr ging und sehen konnte, was sie vorhatte, die Hände gebunden waren. Aber bald hatte sie sich einen Plan ausgedacht. Nahe am Weg stand ein Baum, an dem viele Früchte wuchsen. Ada bat den Jäger, hinaufzuklettern und ihr Früchte zu pflücken. Aber kaum war Atikawt ihrem Wunsch gefolgt, ließ sie den Baum durch Zauberkraft wachsen und wachsen, bis er höher war als jeder Baum auf der Welt. Dann schlug sie wieder auf ihren Bauch. Ungefähr zwanzig bewaffnete Männer sprangen heraus, umringten den Baum und schrien zu dem Jäger hinauf: "Nun, flieg doch!" Auch Ada fing an zu prahlen und rief ihm zu: "Du kannst schauen und schauen, wohin du willst, du siehst nur Schlimmes!" Als Atikawt das alles sah und hörte, fielen ihm die Warnungen seiner Frau wieder ein, und er verstand nun auch, warum die Hunde in der Nacht so sehr gebellt hatten. Von der Spitze des Baumes aus, wo er sich festgeklammert hatte, sah er seine Stadt und dachte daran, dass er die Hunde auch noch eingesperrt hatte. Er rief nach ihnen und weinte bitterlich über seine Dummheit. Inzwischen befahl Ada ihren Männern, den Baum zu fällen. Da nahmen die Männer ihre Äxte und schlugen auf den Baum ein. Als die Schläge einer nach dem anderen fielen, flog ein Papagei vorüber, sah, was da vorging, und brachte die Kunde eilends in Atikawts Haus. Sie sollten sofort die Hunde loslassen, riet er, sonst würde der, der am Morgen das Haus verlassen hätte, niemals wiederkehren. Andere hätten verzweifelt aufgegeben, als es einfach nicht gelingen wollte, die Hunde frei zu bekommen, aber Atikawts zauberkundige Frau, die nur zu gut wusste, dass ihr Mann verloren war, wenn die Tiere ihren Herrn nicht rechtzeitig erreichten, nahm einen Stein, schlug auf die Ketten ein, bis sie zerbrachen, und schickte die Hunde dann in die Richtung des Baumes. Sie hatten kaum die Hälfte des Weges geschafft, da fiel der Baum, prallte aber glücklicherweise gegen einen anderen und schlug nicht auf der Erde auf. Ada erteilte den Befehl, auch den zweiten Baum zu fällen, damit Atikawt endlich in ihre Macht geriete. Wieder machten sich die Männer an die Arbeit, und als auch dieser Baum fiel, hatten die Hunde den Platz erreicht. Der wildeste von allen, er hieß Oro Njaw, warf sich sofort auf Ada, die anderen stürzten sich auf die Männer und zwangen sie zur Flucht. Viele wurden getötet, nur wenige vermochten zu entkommen. Ada selbst wurde in Stücke gerissen.
So endet die Geschichte von Awsang Atikawt, dem berühmten Jäger, und Ada, der schrecklichen Beherrscherin des Waldes, die in ihrem Leib alle Musik der Welt trug und auch alle Waffen, die je geschmiedet wurden. Und wir sehen, die Verschwörung der zwei Elefantenmenschen, die Felder des Jägers zu zerstören, hat uns einen großen Dienst erwiesen: den Tod von Ada, der Beherrscherin des Waldes, hat sie herbeigeführt. Atikawt muss tatsächlich ein großer Jäger gewesen sein, denn er hat den Wald von einem so grausamen Ungeheuer befreit.
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Alt 12.11.2019, 06:36:44   #138 (permalink)
raptor230961
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Die Katze und die Frau
(Fabel aus Afrika)
Vor langer, langer Zeit lebte die Katze nicht in den Häusern der Menschen, sondern wild im Busch. Sie fühlte sich aber einsam und dachte, sie wolle sich einem starken und mächtigen Wesen anschließen. Zuerst schloss sie Freundschaft mit dem Hasen und begleitete ihn überall hin. Eines Tages aber bekam der Hase Streit mit einem Hirsch; dieser kämpfte gegen den Hasen und tötete ihn mit dem Geweih. So zog die Katze mit dem Hirsch weiter. Eines Tages aber sprang aus einem Hinterhalt ein Leopard auf den Hirsch und brachte ihn um. Die Katze gedachte, sich an den Leoparden zu halten; als dieser sich aber an dem Fleisch des Hirschs gütlich tun wollte, erschien ein Löwe und vertrieb den Leoparden mit ein paar Prankenhieben. So lebte die Katze mit dem Löwen zusammen und glaubte, endlich den mächtigsten Begleiter gefunden zu haben. Eines Tages aber stießen Löwe und Katze auf eine Elefantenherde. Die Katze kletterte geschwind auf einen Baum, der Löwe jedoch wurde von den Elefanten zertrampelt. Die Katze dachte: "Größere und stärkere Tiere als die Elefanten gibt es nicht. Mit ihnen muss ich Freundschaft schließen." Die Katze überlegte noch, wie sie das anstellen sollte, als ein Jäger aus einem Busch heraus einen giftigen Pfeil auf den Elefanten abschoss: Tot sank dieser zu Boden und die restliche Herde raste in panischem Schrecken davon. Die Katze, immer noch auf dem Baum, dachte weiter nach: "Dieses seltsame zweibeinige Wesen sieht zwar nicht besonders stark aus - aber es hat doch den Elefanten überwunden. Ich muss versuchen, mit diesem Fremdling Freundschaft zu schließen." Also folgte sie, wenn auch in sicherem Abstand, dem Jäger bis zu dessen Haus. Sie wartete schüchtern einstweilen vor dem Haus, als der Jäger hineinging. Bald war aus dem Hause fürchterliches Schreien und Schimpfen zu hören: Die Tür flog auf, und heraus rannte der Jäger, hinter ihm drein die Frau, die ihn mit einer Holzkelle schlug. Da sagte sich die Katze: "Nun endlich habe ich das stärkste aller Lebewesen gesehen, dasjenige vor dem sich auch jener, der den Elefanten überwunden hat, fürchtet! Mit diesem Wesen will ich zusammenleben!" Und ging ins Haus und in die Küche.
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Alt 13.11.2019, 17:19:12   #139 (permalink)
raptor230961
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Popol Vuh - Die Schöpfung der Maya
Das "Popol Vuh", das heilige Buch der Maya wurde niedergeschrieben, lange bevor die Maya in Guatemala mit den Europäern und der über den Ozean mitgebrachten christlichen "Bibel" in Berührung kamen. Im "Popol Vuh" stehen sinngemäß folgende Worte:
"Hier ist nun zu berichten, wie einst die Welt in tiefem Schweigen schwebte, in tiefer Ruhe schwebte, in Stille verharrte, sanft sich wiegte, einsam dalag und öde war. Und dies ist die erste Kunde, die erste Aussage: Es gab keinen Menschen, kein Tier . . . - - einzig und allein der Himmel war da. Unsichtbar war das Antlitz der Erde, einzig und allein das Meer staute sich unter dem Himmelsgewölbe, das war alles. Kein Ding gab es, das sich zu etwas gestaltet hätte, das auch nur ein wenig sich hätte vernehmen lassen, kein einziges, das sich ein wenig geregt, das gerieselt oder gerauscht hätte im Himmel; rein nichts gab es, was gewesen wäre, was ein Dasein gehabt hätte. Nur Wasser staute sich, nur das Meer lag ruhig da, eine einzige Stauung, rein nichts gab es, was etwa sonst noch gewesen wäre. Nur Ruhe war und Stille in Dunkelheit und Nacht. Die alten Mayagötter langweilten sich in dieser regungslosen Unendlichkeit. So schieden sie die Wasser, und die Erde tauchte auf. Dann machten sie sich daran, sie mit Bäumen und Blumen zu schmücken und die neugeborene Welt großzügig mit Vögel und Fische und allerhand anderen Tieren zu beleben. Nun hatten die Götter etwas für das Auge, was sie alsbald in bessere Laune versetzte. Nach einiger Zeit wurde ihnen allerdings klar, daß sie etwas Wesentliches vergessen hatten: Die Tiere konnten nicht sprechen! Sie waren nicht einmal imstande, den Göttern zu danken, die sie in die Welt gesetzt und die für Futter und Trank gesorgt hatten. Der Gott, dem die Tiere unterstanden, mußte sich ernsthafte Vorwürfe von Seiten der anderen gefallen lassen. Dann machte man sich aufs Neue an´s Experimentieren. Sie formte einen gottähnlichen Menschen aus feuchtem Lehm. Der konnte zwar sprechen, hatte aber nicht genug Verstand, um diese Gabe nach dem Wunsch der Götter zu gebrauchen. Also wurde er auf den Abfallhaufen geworfen."Erfahrung macht den Dummen klug!" Er schlug einen neuen Versuch vor, nur sollte diesmal Holz verwendet werden, ein etwas edleres Material als Lehm. Tatsächlich ging es diesmal besser. Der hölzerne Mann konnte nicht nur sprechen, sondern auch denken. Man gab ihm eine hölzerne Frau, und sie vermehrten sich und verbreiteten sich über die Erde. Der einzige Haken dabei war, dass sie vergaßen, ihren Verstand gemäß dem Willen der Götter zu verwenden. Sie waren so sehr damit beschäftigt, zu essen, zu trinken und hölzerne Kinder in die Welt zu setzen, daß sie den himmlischen Mächten auch nicht einen Gedanken weihten. Sie benahmen sich keinen Deut besser als die Tiere. Da beschlossen die Götter, mit der ganzen Bevölkerung der Erde kurzen Prozeß zu machen. So kam es zur Sintflut. Obwohl die Holzmenschen schwimmen konnten erging es auch ihnen schlecht. Sie mussten auf den höchsten Bäumen Zuflucht suchen, und als die Wasser wieder sanken, hatten sie völlig vergessen, daß sie eigentlich am Boden beheimatet waren. Sie wurden zu den Vorvätern der Affen, die heute noch in den Bäumen des Dschungels leben und sich dumm und vulgär benehmen. Doch ihnen schenkten die Götter keine Beachtung mehr. Die Götter waren der Experimente müde. Der energischte von ihnen aber erklärte, er wolle noch einen letzten Versuch unternehmen. Diesmal beschloß er, einen Menschen aus Maismehl zu formen. Um allfälligen Fehlern beim Formen vorzubeugen, schuf er mit der gleichen Form vier Exemplare. Diesmal war der Versuch ein voller Erfolg: Die vier neuen Menschen konnten sowohl sprechen, als auch ihre Schöpfer preisen. Nur stellten sie sich als so intelligent heraus, daß die Götter sich Sorgen machten und erklärten, nun sei es des Guten etwas zuviel. Also riefen sie den Gott der Winde Hurakan. Hurakan blies dicke Wolken vor die Augen der allzu klugen Menschen und vernebelte ihren Blick, so daß sie künftig nur zu sehen vermochten, was auf der Erde vorging, während die Götter im Himmel fortan in Frieden leben konnten. Die vier frisch erschaffenen Maismenschen versanken nach den ersten Anstrengungen in tiefen Schlaf. Die Mayagötter sahen ein, dass es für den Menschen nicht gut sei, allein zu sein. sie benutzten den Schlaf der vier Männer dazu, vier Frauen zu erschaffen. Bereits am nächsten Morgen hörten die vier Maismänner beim Aufwachen ein rhythmisches Klappen: Die Maisfrauen waren dabei, frische Tortillas für das Frühstück zu bereiten. Die Götter wiegten sich bequem in ihren Hägematten, ließen ihre Blicke über die Erde schweifen und fanden alles sehr gut. Das Volk der Maya aber stammt von diesen vier Maispaaren ab.
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Alt 14.11.2019, 21:36:58   #140 (permalink)
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Als entschieden wurde, den Menschen zu schaffen
(aus Mittelamerika / Maya)
Hier ist nun der Anfang, als entschieden wurde, den Menschen zu erschaffen, und was in das Fleisch des Menschen eingehen sollte, wurde gesucht. Und die Vorväter, der Schöpfer und der Macher, die genannt wurden Tepeu und Gucumatz, sagten: "Die Zeit des Morgengrauens ist gekommen, lasst uns das Werk beenden. Lasst jene, die uns ernähren und erhalten sollen, erscheinen, die edlen Söhne, die zivilisierten Vasallen, lasst den Menschen erscheinen. Lasst die Menschlichkeit entstehen im Gesicht der Erde." Also sprachen sie. Sie versammelten sich und hielten Rat in der Dunkelheit und in der Nacht. Sie redeten und suchten. Sie dachten nach und grübelten. Auf diese Art kam ihre Entscheidung klar ans Licht. Sie fanden und entdeckten, was eingehen sollte in das Fleisch des Menschen. Es war, gerade ehe die Sonne, der Mond und die Sterne erschienen über dem Schöpfer und dem Macher. Von Paxil, von Cayalá kamen die Sprossen des gelben Mais und die Sprossen des weißen Mais. Und dies sind die Namen jener Tiere, die die Nahrung brachten: yac (die Gebirgskatze), utiú (der Kojote), quel (ein kleiner Papagei) und bob (die Krähe). Diese vier Tiere riefen den gelben Mais und den weißen Mais und wiesen den Pflanzen den Weg. So erfanden sie die Nahrung, und dies war es, was in das Fleisch des erschaffenen Menschen einging; dies war es, woraus das Blut des Menschen gemacht wurde. Und die Menschen waren erfüllt von Freude, weil sie ein schönes Land vorfanden, voll der Freuden, üppig gefüllt mit weißem und gelbem Mais und voll unzähliger anderer Früchte und Honig. Es gab Nahrung in Hülle und Fülle in jenen Dörfern, die Paxil und Cayalá hießen. Es gab Nahrung aller Art, kleine und große Nahrung, kleine Pflanzen und große Pflanzen. Die Tiere wiesen dem Mais den Weg. Und dann mahlend den gelben und weißen Mais machte Xmucané neun Getränke. Davon kam Stärke. So wurden den Menschen Muskeln. Dies taten die Vorväter, Tepeu und Gucumatz wurden sie genannt. Danach begannen sie über die Schöpfung zu reden, über die Schöpfung unserer ersten Mutter und unseres ersten Vaters. Der gelbe und weiße Mais waren ihr Fleisch. Maismehl war es, aus dem sie die Arme und die Beine des Menschen machten. Nur Teig von Maismehl wurde verwendet für das Fleisch unserer ersten Väter. Vier Männer wurden erschaffen. Und dies waren ihre Namen: Balam-Quitzé, Balam-Acab, Mahucutah und Iqui-Balam. Es ist überliefert, dass sie gemacht und geformt wurden, dass sie selbst keine Mutter und keinen Vater hatten. Man nannte sie nur Menschen. Sie wurden nicht von einem Weib geboren, noch wurden sie vom Schöpfer oder vom Macher gezeugt. Und da sie das Aussehen von Menschen hatten, waren sie Menschen. Sie redeten, sahen, hörten, gingen, griffen nach Dingen. Sie waren gut und schön. Ihre Gestalt war die Gestalt des Menschen. Sie waren begabt mit Verstand. Sie sahen. Und sofort sahen sie weit, und es gelang ihnen zu sehen und zu wissen all das, was in der Welt war. Sie schauten, und sofort sahen sie alles rings um sich, und bei angestrengtem Sehen sahen sie über den ganzen Bogen des Himmels und über das ganze Gesicht der Erde hin. Alle Dinge, verborgen in der Ferne, sahen sie, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Groß war ihr Wissen, und ihr Sehen erreichte die Wälder, die Felsen, die Seen, die Meere, die Gebirge und die Täler. Wirklich, es waren bewunderungswürdige Menschen. Da sprachen der Schöpfer und der Macher zu ihnen: "Wie denkt ihr über euer Sein. Seht ihr nicht? Hört ihr nicht? Ist es nicht gut, dass ihr sprechen und gehen könnt? Schaut also. Vertieft euch in die Welt, seht die Gebirge und die Täler erscheinen. Versucht, sie zu schauen." Dies sagten sie zu den ersten vier Männern. Und augenblicklich sahen die ersten vier Männer, was da alles ist auf der Welt. Dann dankten sie dem Schöpfer und dem Macher: "Wirklich, wir danken euch zwei- und dreimal. Wir sind erschaffen worden. Wir haben einen Mund, ein Gesicht. Wir sprechen, wir hören, wir denken, wir gehen, wir fühlen uns vollkommen, und wir wissen, was weit und was nah ist. Wir sehen, was groß und was klein ist im Himmel und auf Erden." Sie waren fähig, alles zu wissen, und sie betrachteten die vier Ecken, die vier Punkte des Himmelsbogens und das ganze runde Gesicht der Erde. Aber der Schöpfer und der Macher hörten das gar nicht gern: "Es ist nicht gut, dass unserer Arbeit Ergebnis, unsere Geschöpfe, sagen, sie wüssten alles, Großes und Kleines", so sprachen sie. Und also hielten die Vorväter wieder Rat. "Was sollen wir mit ihnen machen? Richten wir es so ein, dass sie nur sehen, was nahe ist. Lasst sie nur wenig sehen vom Gesicht der Erde. Es ist nicht recht, was sie sagen. Wer weiß, vielleicht sind sie doch nicht einfach Geschöpfe unserer Hervorbringung? Vielleicht sind sie auch Götter? Und wenn sie sich nicht vermehren, was wird beim Morgengrauen geschehen, wenn die Sonne aufgeht?" Also sprachen sie. "Lasst uns ihre Wünsche etwas einschränken. Denn so ist es nicht recht. Sie sollten wirklich nicht uns gleich und ebenbürtig sein." Also sprachen die Vorväter, der Schöpfer und der Macher. Also sprachen sie und veränderten das Wesen ihrer Kreaturen. Das Herz des Himmels blies Nebel in die Augen der ersten Männer. Ihr Blick wurde getrübt wie ein Spiegel, auf den man haucht. Ihre Augen wurden abgedeckt. Sie konnten nur noch sehen, was nahe und was deutlich war. Auf diese Art wurde die Weisheit und all das Wissen der vier ersten Männer zerstört. Dann wurden die Frauen gemacht. Gott selbst machte sie sorgfältig. Und so im Schlaf tauchten sie plötzlich auf, wahrhaftig und schön, die Frauen des Balam-Quitzé, Balam-Acab, des Mahucutah und des Iqui-Balam. Sie waren ihre Frauen, und als sie erwachten und sie fühlten, war sofort ihr Herz mit Freude erfüllt, weil sie nun Frauen hatten... Viele Menschen wurden gemacht, und in der Dunkelheit vermehrten sie sich. Weder die Sonne noch das Licht waren bisher gemacht, als sie sich so vermehrten. Alle lebten zusammen. Es gab sie in großer Zahl, und sie gingen dort im Osten umher. Sie sorgten nicht für ihren Gott. Sie schauten zum Himmel, aber sie wussten nicht, warum es soweit gekommen war. Sie waren vorhanden in großer Zahl: die schwarzen Menschen und die weißen Menschen, Menschen vieler Klassen, Menschen vieler Zungen, und es war herrlich, ihnen zuzuhören. Es gibt Generationen auf der Welt, es gibt Völker in Ländern, deren Gesicht wir nicht sehen, die kein Heim haben. Sie wandern nur durch die kleinen und großen Wälder wie Verrückte. So spricht man verächtlich von den Menschen des Waldes. So redeten sie dort, wo sie die aufgehende Sonne sahen. Die Rede von allen war gleich. Sie beschworen nicht Holz noch Stein. Sie erinnerten sich des Wortes des Schöpfers und des Machers, des Herzens des Himmels, des Herzens der Erde. Und dies sprachen sie, während sie an das Heraufziehen der Morgendämmerung dachten. In diesen Worten beteten sie zu Gott, liebend, gehorsam, furchtvoll. Sie blickten zum Himmel, wenn sie um Söhne und Töchter baten und sprachen: "Oh, du, Schöpfer und Macher! Schaut auf uns, hört uns an. Verlasst uns nicht, gebt uns nicht auf. Oh, Gott, der du bist im Himmel und auf Erden, Herz des Himmels, Herz der Erde, gib uns Nachkommen, solange die Sonne sich bewegt, und Licht ist. Lass den Tag anfangen. Gib uns viele gute Straßen, flache Straßen. Mögen die Völker Frieden haben, viel Frieden, und mögen sie glücklich sein. Gib uns ein gutes Leben, eine sinnvolle Existenz. Oh, ihr, Huracáb, Chipi-Caculgá, Raxa-Caculhá, Chipi-Nanauac, Raxa-Nanauac, Voc, Hunahpú, Tepeu, Gucumatz, Alom, Quaholom, Xpiyacoc, Xmucané, Großmutter der Sonne, Großmutter des Lichts, lass es tagen, lass das Licht kommen." Und so sprachen sie und beteten das Aufgehen der Sonne herbei, die Ankunft des Tages. Und zur selben Zeit sahen sie das Aufgehen der Sonne. Sie dachten an den Morgenstern, den Großen Stern, der vor der Sonne kommt, der das Himmelsgewölbe erleuchtet und die Oberfläche der Erde, der die Schritte der Menschen erhellt, die geschaffen worden waren und gemacht.
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Alt 16.11.2019, 20:37:20   #141 (permalink)
raptor230961
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Coyote und die Kuh
(Fabel aus Amerika)
Vor langer Zeit, sagt man, stand eine Kuh am Fluss. Coyote kam zum Ufer, und als er das Wasser sah, kriegte er es mit der Angst zu tun. "Ich möchte den Fluss durchqueren", sagte er, "aber das Wasser ist zu tief. Ich fürchte mich." Die Kuh sagte: "Du darfst dich an meinen Hörnern festhalten, und wir gehen zusammen ans andere Ufer." "Nein, das geht nicht, weil mich die Strömung abtreiben könnte", sagte Coyote und tat, als hätte er furchtbare Angst. "Dann halte dich an meinem Schwanz fest." "Nein, ich hätte trotzdem Angst." "Nun, dann weiß ich nicht, was ich für dich tun kann." "Lass mich in dein Rektum", schlug Coyote vor. Das war der Kuh peinlich, aber sie wollte dem Coyoten ihre Hilfe nicht verweigern. So sagte sie: "In Ordnung." Coyote kroch in sie hinein, und die Kuh schwamm über den Fluss. Als sie drüben ankam, biss Coyote sie in ihrem Innern zu Tode und fraß sie anschließend auf. Coyote war ein Schurke, und er hätte dies nicht tun sollen, aber die Kuh war dumm, denn sie wusste nicht, dass es einen Unterschied macht, ob man jemanden hilft oder sich von jemandem ausnützen lässt.
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Alt 18.11.2019, 17:45:03   #142 (permalink)
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Coyote und die Echse
(Fabel aus Amerika)
Coyote war wieder unterwegs. Nach einer Weile kam er zu einem großen toten Baum. Er sah eine fette braune Echse am Stamm, dass er sie nicht erreichen konnte. Coyote sagte: "Ich bin der, der nur Fett frisst. Komm herunter, damit ich dich essen kann." Die Echse sagte: "Alter Mann, Lass mich in Ruhe. Ich bin dabei, die Welt zu retten." Coyote sagte: "Red keinen Unsinn. Was meinst du damit?" "Ich halte diesen großen toten Baum aufrecht", sagte die Echse. "Der Himmel ruht auf ihm. Wenn ich loslasse, fällt der Himmel." Coyote kriegte Angst. "Lass mich dir helfen", sagte er. Er rannte zum Baum und drückte gegen den Stamm. "Gut", sagte die Echse. "Du bleibst hier, und ich hole meine Kinder, damit sie uns helfen können." Die Echse kam herunter und lief schnell davon. Coyote stand lange dort und drückte, so fest er konnte, gegen den Stamm. Schließlich wurde er so müde, dass er loslassen musste. Er rannte sofort in ein kleines Loch, um sich zu schützen. Er blieb lange dort drin und fürchtete sich. Nach einer Weile sah er, dass der Himmel nicht herunterstürzte, und nun wusste er, dass ihn die Echse zum Narren gehalten hatte. Er sagte etwas Schlimmes und ging davon.
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Alt 19.11.2019, 21:55:10   #143 (permalink)
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Coyote und der Biber
(Fabel aus Amerika)
Coyote ging durchs Land. Er fand einen Biber, der am Flussufer unter einem Baum schlief. Coyote hob ihn auf, ohne dass der Biber erwachte, und trug ihn weit weg vom Fluss. Dann schüttelte er ihn und sagte: "Also, alter Mann, wach auf. Ich wusste gar nicht, dass du in einem solch trockenen Land lebst." Der Biber blickte sich verschlafen um, aber da war nirgendwo ein Fluss zu sehen. "Alter Mann, würdest du mich zum Fluss bringen", bat er Coyote. "Nein", sagte Coyote, "das werde ich nicht tun. Mein Rücken schmerzt so sehr, dass ich keinen Biber tragen kann." Das war es, was er sagte, und er ging davon. Der Biber fing an, sich abzurollen, und er rollte und rollte, bis er in einen Fluss fiel. Von da an wartete der Biber nur darauf, Coyote diese Schmach heimzuzahlen, und er suchte überall nach ihm. Endlich fand er Coyote schlafend am Flussufer. Biber hob ihn auf und schwamm mit ihm in den Fluss hinaus zu einer Insel. Dort legte er Coyote hin und weckte ihn auf. "Heh, alter Mann, seit wann lebst du auf einer Insel?" Coyote sprang auf und sah nur Wasser um sich herum. Er konnte aber nicht schwimmen. "Alter Mann", sagte er, "würdest du mich bitte zum Ufer tragen?" "Nein, das werde ich nicht tun", sagte der Biber. "Mein Rücken schmerzt. Ich kann keinen Coyoten tragen." Der Biber ließ sich ins Wasser gleiten und tauchte unter. Da stand der Coyote auf der Insel und wagte es nicht, ins Wasser zu springen. Schließlich tat er es trotzdem. Er trieb lange im Wasser, und als er endlich ans Ufer geschwemmt wurde, war er fast tot.
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Alt 20.11.2019, 21:18:43   #144 (permalink)
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Die goldenen Kraniche
(Fabel aus Nordamerika)
Weit, aber tausend Stunden weit von den Ufern der vielen Flüsse, lebte der Stamm der gelben Vögel - der Kraniche. Nachdem ihnen der große Manitou goldene Federn gegeben hatte, ließ er ihren Häuptling Latakini holen und sagte dann mit ernster Miene: "Latakini, du bist der Häuptling der schönsten aller Vögel, denn kein anderer Stamm hat von mir ein goldenes Gefieder bekommen, nur ihr allein. Zum Dank dafür müsst ihr für alle Zeiten in der Gegend bleiben, die ich euch als Wohnsitz angewiesen habe." "Warum dürfen wir nicht an andere Orte fliegen?" fragte Latakini. "Weil euer Gefieder sonst seine schöne goldene Farbe einbüßen würde", antwortete der große Geist. Dann entschwebte er und verlor sich in den Wolken. Aber in den Kronen der nahen Kiefern hing noch für eine Weile der Hauch seines Atems. Latakini glättete mit dem langen Schnabel sein glänzendes Gefieder, schlug ein paar Mal mit den mächtigen Flügeln und erhob sich majestätisch in die Luft. Er flog zu seinem Stamm zurück, um ihm die Botschaft des großen Geistes zu überbringen. Der Sommer wurde älter und älter und hoch oben im Norden, wo Latakini lebte, kreisten die ersten Schwärme der kanadischen Gänse und Wildenten, der Tauchergänse und Wasserhühner und riefen das ganze Volk der Wandervögel zur großen Reise nach dem Süden zusammen. Latakini wurde unruhig. Tagelang verfolgte er die immer dichter werdenden Reihen der am Horizont verschwindenden Vögel und nachts lauschte er den Flügelschlägen, die den nächtlichen Himmel durchschnitten. Als er eines Morgens sah, dass die Kraniche ganz allein in der Gegend zurückgeblieben waren, konnte er der Versuchung nicht mehr widerstehen. Er stieg hoch in die Luft und rief seinen Stamm zu dem weiten Flug nach dem Süden auf. Manitou war über den Ungehorsam der Goldvögel über alle Maßen erzürnt. Er gebot den Wassern im Land der vielen Flüsse, dem Ziel des Schwarmes, das goldene Volk Latakinis zu verschlingen. Tag um Tag, Nacht um Nacht flogen die Kraniche unermüdlich über fremde Landstriche, bis sich die sonnenüberflutete, von den Silberbändern der Flüsse und den glänzenden Augen der Seen durchbrochene Prärie unter ihnen ausbreitete. Latakini ließ die Schwingen ruhen, kreiste ein paar Mal über dem Wasserspiegel und glitt dann auf den See hinunter. Die anderen Vögel folgten ihm. Da war es plötzlich, als wollte ein großes Unwetter über die Gegend hereinbrechen. Die Wellen verschlangen einander, und die Vögel konnten sich nur mit Mühe und Not auf dem Wasser halten. Die Wellen rissen ihnen die goldenen Federn aus und trugen sie davon. Latakini erteilte den Befehl zum Weiterflug, aber es war schon zu spät. Statt der goldenen Kraniche flog unter der südlichen Sonne ein Schwarm weißer Riesenreiher. Erst jetzt fielen Latakini die warnenden Worte des großen Geistes wieder ein. "Wenn wir im Frühling nach dem Norden zurück kehren, wird uns Manitou unser Gefieder wieder vergolden, und dann werden wir nie mehr fort fliegen", tröstete Latakini seine Stammesbrüder. Er konnte den Frühling kaum erwarten, und als er die ersten Schwärme der Heimkehrenden erblickte, mahnte er seinen Stamm unverzüglich zum Rückflug. Und wieder flogen sie ohne Rast und Ruh durch Tage und Nächte, bis sie endlich die heimische Wiese unter sich sahen. Sie ließen sich ins Gras gleiten, und es sah aus, als wäre neuer Schnee darauf gefallen, denn die Kraniche waren weiß geblieben. Da wusste Latakini, dass sie nie wieder ihr goldenes Gefieder haben würden, weil sie das Gebot des großen Geistes missachtet hatten.
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Alt 21.11.2019, 23:16:54   #145 (permalink)
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Maismutter und Schwarzer Meteor
(Fabel der Arikara / Nordamerika / South Dakota)
Die Alten sagen, dass die Erde zuerst von Riesen bewohnt gewesen sei, die so stark waren, dass sie vor nichts Angst hatten, nicht einmal vor Nesaru, der im Himmel wohnt. Zornig sah dieser ihrem Treiben zu und beschloss, sie zu vernichten. Daher sandte er die Spitzmaus auf die Erde, damit sie die Menschen, die ganz am Ende der Welt lebten und sich sehr vor den Riesen fürchteten, in Maiskörner verwandeln sollte. Die Spitzmaus verwandelte die Menschen in Maiskörner und versteckte sie tief unter der Erde. Auch die Tiere versteckte sie dort, damit sie sicher seien vor dem Vernichtungswerk. Dann sandte Nesaru, der im Himmel wohnt, die Maismutter auf die Erde, hieß sie die Menschen um sich sammeln, denn die kleinen Körner hätten sonst gar zu leicht verloren gehen können. Danach kehrte die Maismutter zurück zu Nesaru, der im Himmel wohnt, während die Spitzmaus bei den Menschen blieb. Nun sandte Nesaru, der im Himmel wohnt, sein Strafgericht über die Riesen. Aber die Menschen waren tief unter der Erde zu dieser Zeit, daher weiß heute niemand, wie die Riesen umgekommen sind. Einige behaupten, dass es durch ein großes Feuer geschehen sei, während andere von einem großen Wasser wissen wollen. Nur Nesaru, der im Himmel wohnt, weiß es genau, aber er schweigt. Während die Menschen als Maiskörner tief unter der Erde waren, hatte Nesaru, der im Himmel wohnt, dort oben Mais gepflanzt, damit er die Menschen in ihrem Versteck nicht vergesse. Als der Himmelsmais zu sprießen begann, sprach Nesaru, der im Himmel wohnt: "Jetzt ist es Zeit, dass die Menschen hervorkommen, denn der Mais will ans Licht." Als der Himmelsmais reif war, nahm Nesaru, der im Himmel wohnt, einen Kolben und sprach zu ihm: "Maismutter, gehe wieder hinunter und führe die Menschen hinaus, denn es ist Zeit." Da verwandelte sich der Kolben in eine alte Frau, die sich sogleich auf den Weg zur Erde machte. Lange irrte sie über die Welt, denn sie konnte keine Menschen finden. Auch die Stelle, wo die Menschen verborgen waren, hatte sie vergessen. Da hörte sie im Osten den Donner rollen. Sie folgte dem Laut und kam zu den Menschen unter der Erde. Als die Menschen und die Tiere in ihrem Versteck die Maismutter rufen hörten, beschlossen sie, an die Oberwelt zu kommen, denn Nesaru, der im Himmel wohnt, hatte seinen Boten geschickt. Dachs, Maulwurf und Wühlmaus machten sich an die Arbeit, um ein Loch bis an die Oberwelt zu graben. Unter der Leitung von Spitzmaus arbeiteten sie an dem Tunnel, der sie hinausführen sollte aus der Dunkelheit. Dachs grub eine Weile, dann wurde er müde und sagte: "Oh, ich kann nicht mehr!" Nur Maulwurf grub emsig weiter und sah mit einem Male die Sonne scheinen. "Die Sonne scheint! Die Sonne scheint!" rief er aufgeregt. Da fand der Dachs seine Kräfte wieder und begann das Loch zu erweitern. Der Maulwurf jedoch, der zu lange in die Sonne gestarrt hatte, kann seit diesem Tage kaum mehr sehen. Daher blieb er zurück unter der Erde, wo es dunkel war und wo er sich auskannte. Die übrigen Tiere aber begaben sich nach oben, dorthin, wo die Sonne ihr Licht verbreitete, und auch die Menschen machten sich auf den Weg an die Oberwelt. Als alle aus der unteren Welt verschwunden waren, sprach die Maismutter zu denen, die sich auf der Erde versammelt hatten: "Ihr Menschen sollt mir folgen, wohin die Sonne wandert. Alles Getier aber soll dorthin ziehen, woher die Sonne gekommen ist. Wenn Menschen und Tiere sich fortan treffen, sollen sie sich nicht mehr erkennen, keine gemeinsame Sprache mehr haben, und Menschen sollen Menschen, Tiere aber Tiere bleiben, bis Nesaru, der im Himmel wohnt, alle zu sich ruft." Und so geschah es denn auch, doch damals gab es eine Anzahl Wesen, die erst später zu Tieren geworden sind. Lange folgten die Menschen der Maismutter über die Erde, und viele Hindernisse mussten überwunden werden. Bei jedem Hindernis aber blieben einige Menschen zurück und wurden zu Tieren. Dachs, Wühlmaus und Spitzmaus waren schon am ersten Tage umgekehrt, entschlossen, doch lieber bei Maulwurf zu bleiben. Am Flusse blieb Königsfischer zurück mit seiner Familie, während die Eule sich im Walde verirrte. Taucher konnte sich nicht vom See trennen, den sie alle überquert hatten, und Specht hatte einen hohlen Baum gefunden, der ihm besonders zusagte. Coyote aber hatte sich schon zu Beginn auf die Seite geschlichen und selbständig gemacht. Schließlich kamen die Menschen im Gefolge der Maismutter an eine Stelle, von der die Maismutter sagte, dass hier das erste Dorf stehen sollte. Da machten sich die Menschen daran, Hütten zu bauen. Die Maismutter aber sprach: "Ich will euch von mir geben, damit ihr pflanzen könnt und zu essen habt. Denn fortan werdet auch ihr essen müssen, damit ihr zahlreich werdet wie die Maiskörner, die ihr einst gewesen seid." Als sie all ihre Schätze verteilt hatte, ging sie zurück zu Nesaru, der im Himmel wohnt. Während die Maismutter fort war, begannen die Menschen zu streiten, daher sandte Nesaru, der im Himmel wohnt, den Schwarzen Meteor auf die Erde. Dieser sollte Frieden stiften und den Menschen beibringen, wie sie zu leben hätten. Von ihm lernten die Menschen den Gebrauch von Werkzeugen aus Stein, die Wettspiele, die heiligen Gesänge und die Kriegsregeln, denn Schwarzer Meteor, der die heilige Pfeife brachte, war der erste Häuptling der Menschen. Seit dieser Zeit hat es bei den Menschen Häuptlinge gegeben. Doch Nesaru, der im Himmel wohnt, war noch immer nicht mit den Menschen zufrieden. Noch einmal schickte er die Maismutter auf die Erde, damit sie den Menschen ihre Weisheit bringen sollte. Von ihr lernten die Menschen das Geheimnis der heiligen Medizinbündel, die großen Feste und Tänze, und von ihr haben auch die Medizinmänner ihre Kunst, Kranke zu heilen und Zauber zu bannen. Die Maismutter jedoch trug den Menschen auf, sie in den Fluss zu werfen und zu ihr zu beten, wenn sie ihre Hilfe brauchten. Noch heute muss man daher an den Fluss gehen, wenn man die Maismutter um Hilfe bitten will. Für die Menschen ist sie Nährerin und Mutter zugleich, Sinnbild der Erde, aus der sie stammen. Ihr. heiliges Zeichen ist die ungebeugte Zeder, immergrünes Symbol der ewigen Mutter. Daher stellen die Menschen zu den heiligen Festen eine Zeder vor den Eingang zur Ratshütte, damit die Mutter bei ihren Gebeten zugegen sei. Neben der Zeder aber liegt der Stein, Sinnbild des Schwarzen Meteors, der vom Himmel kam und die heilige Pfeife brachte. Wenn Zeder und Stein nicht mehr vor dem Ratszelt sein werden, dann ist die Zeit da, zu der die Maismutter wiederkehren wird, um ihre Kinder hinaufzuführen zu Nesaru, der im Himmel wohnt.
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Alt 23.11.2019, 09:20:01   #146 (permalink)
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Die einzige Frau
(Fabel der Inuit)
Vor langer Zeit lebten viele Leute im Nordland, aber es gab keine Frau unter ihnen. Man wußte nur von einem einzigen Weib, das weit im Süden lebte. Schließlich machte sich einer der jungen Männer im Norden auf und reiste gen Süden, bis er zum Haus der Frau kam, wo er blieb und bald ihr Mann wurde. Eines Tages saß er im Haus, dachte an die Heimat und sagte: "Ah, ich hab eine Frau, und der Sohn des Häuptlings im Norden hat keine!" Und er gefiel sich sehr in Gedanken an sein gutes Schicksal. Indessen hatte sich der Häuptlingssohn auch daran gemacht, nach dem Süden zu reisen, und während der andere gerade so zu sich sprach, stand der Häuptlingssohn am Hauseingang und belauschte ihn. Er wartete am Eingang, bis drinnen alle eingeschlafen waren, kroch dann ins Haus, packte die Frau bei den Schultern und wollte sie wegschleppen. Wie er den Ausgang erreichte, bemerkte ihn ihr Mann und erwischte seine Frau noch an den Füßen. Es kam zu einer Rauferei, welche damit endete, daß die Frau auseinandergerissen wurde. Der Dieb trug die obere Körperhälfte nach Hause ins Nordland, während der Gatte mit der unteren Hälfte seiner Frau zurückblieb. Jeder der beiden saß nun und versuchte, die fehlenden Teile aus Holz zu schnitzen. Nachdem sie ergänzt waren, wurde ihnen Leben eingehaucht, und so waren aus den Hälften einer Frau zwei Frauen gemacht. Die Frau im Süden war allerdings eine schlechte Näherin, was sie der Plumpheit ihrer Holzfinger verdankte; dafür war sie eine gute Tänzerin. Die Frau im Norden war zwar in Näharbeiten gewandt, aber ihre hölzernen Beine machten sie zu einer sehr schwachen Tänzerin. Jede der Frauen vererbte an ihre Töchter diese Merkmale, so daß noch heute dieser Unterschied zwischen den Frauen des Nordens und denen des Südens besteht - was beweist, daß die Geschichte wahr ist.
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Alt 24.11.2019, 08:09:40   #147 (permalink)
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Wer ist der Weiseste?
(Fabel aus Mexiko)
Es lebte einmal ein starker und mächtiger und des Zaubers kundiger Häuptling, der hatte zwei Söhne. Und den älteren von den beiden lehrte er, sich in einen Adler verwandeln, den Jüngern aber lehrte er, sich in einen Coyoten zu verwandeln. Und durch seinen Zauber und durch die Kunst seiner Söhne wurde sein Stamm reich und mächtig. Als der Häuptling aber alt war, erhob sich die Frage, wer von seinen beiden Söhnen einmal sein Nachfolger werden und seinen Platz im Rat der Alten einnehmen solle. Und nachdem sich die Krieger gesammelt hatten, die den Rat des Stammes ausmachten, ließ man auch die beiden Brüder rufen, um zu prüfen, wer von ihnen beiden weiser sei. Und einer der Alten fragte: "Seid ihr bereit, eine Probe eures Scharfsinns und eurer Weisheit abzulegen?" "Wir sind es." "Nun, ihr seid beide weise und in zauberischen Künsten gut ausgebildet. Wem von euch es gelingt, vor dem andern die Welt zu umrunden, der soll als Nachfolger eures Vaters angesehen werden. Verwandelt euch in eure Gestalten, und dann - auf mein Zeichen macht euch auf den Weg!" "Nun, bei dieser Aufgabe wird mein Bruder im Nachteil sein, denn ich kann mich in die Luft erheben und schneller sein", sagte der Altere. "Es wird sich zeigen." Die beiden Brüder verwandelten sich also in die Tiere ihres Zeichens, in einen Adler und in einen Coyoten. Und auf ein Zeichen des Alten erhob sich der Adler in die Luft und flog in Richtung Westen davon. "Nun, was ist mit dir?" fragte der Ratsälteste den Coyoten. " Willst du dich nicht auch auf den Weg machen?" Aber der Coyote blinzelte nur den Sprecher an, wedelte mit dem Schwanz und legte sich bequem nieder. Niemand sprach mehr. Nach einer Weile erhob sich der Coyote und ging gemächlich um den Kreis der Alten herum, dann legte er sich wieder nieder . Am nächsten Morgen erschien mit dem Aufgang der Sonne ganz ermattet der Ältere, den kaum mehr seine Flügel trugen, und ließ sich im Kreis der Alten nieder . "Nun?" rief er triumphierend aus, "bin ich der Erste oder nicht? Und bin ich damit der Weiseste oder nicht?" "Wir wollen erst deinen Bruder hören", sagte der Älteste und wandte sich an den Coyoten, "sag mir, warum hast du dich gar nicht auf den Weg gemacht? Wolltest du damit deine Unterlegenheit gegenüber dem Bruder zugeben?" Da verwandelte der Coyote sich wieder in einen Menschen und sagte: "Bin ich nicht einmal um euch herumgegangen?" " Ja, und. ..?" "Für einen Krieger ist der Rat der Alten seine Welt." Da erhoben sich die Alten und sagten: "Er ist der Weiseste." Und so wurde der Jüngere der Nachfolger des Vaters und nicht der Ältere.
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Alt 25.11.2019, 19:59:02   #148 (permalink)
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Der Elfenmann Im Goldstein
(Färöer Inseln)
Am Abhang beim Dorfe Skarvanes ("die Kormoran-Landspitze", spr. Skarvaneeß) auf der Insel Sandoy ("Sandinsel") liegt ein Felsen, den man Gullsteinur ("Goldstein", spr. Gudlstainor) nennt. Dort wohnte dereinst ein Elfenmann, der einer der Bauersfrauen in Skarvanes gegenüber zu aufdringlich wurde. Seine Annäherungsversuche an die Frau waren dermaßen hartnäckig, daß sie überlegte, wie sie sich seiner erwehren könne. Eines Tages ging sie in seine Felsenhöhle und stellte sich freundlich. Sie bat ihn um einen Ratschlag gegen Trolle, da diese so sehr hinter einer ihrer Kühe her seien, daß diese ganz wild geworden sei. Der Elfenmann war sehr erfreut, daß sich ihm nun eine Möglichkeit bat, der Frau zu helfen. Er hieß sie, Wegerich an die Kuh zu binden. (Früher trug man oft Wegerich bei sich, um sich gegen Zauberei zu schützen.) Doch sobald die Frau wieder bei sich daheim war, befestigte sie Wegerich an sich selbst. Als der Elfenmann sich ihr dann wieder näherte, konnte er gar nicht mehr nahe an sie herankommen. Da wurde ihm klar, daß er hinters Licht geführt worden war, und er rief aus:
“Pfui daß Du fragtest!
Pfui daß ich geantwortet!
Das Amulett für die Kuh
Wollte die Frau für sich selbst.”
Dann ging er fort und konnte sich der Bauersfrau fortan nimmermehr nähern.
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Alt 26.11.2019, 20:39:33   #149 (permalink)
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Das Trollbier
(Dänemark)
In einem Hof bei Roskilde wohnte ein Mann, der hieß Peter Andersen, und in einem Hügel auf seinem Gut wohnten Trolle. Die hatten eines Tages Hochzeit, und spät in der Nacht ging ihr Bier aus. Da ging der Troll zum Bauern, der erst kürzlich gebraut hatte, klopfte bei ihm an und sagte: „Willst du mir nicht aushelfen und mir ein Faß Bier leihen, Peter Andersen, du sollst es wiederbekommen, wenn wir gebraut haben." -„Wer bist du und wo wohnst du?" fragte der Bauer. „Ich bin der Mann aus dem Hügel dort oben", sagte der Troll. „Ja, geh in den Keller hinunter und nimm dir ein Faß", sagte der Bauer. Der Troll holte sich das Bier und ging damit heim. Einige Nächte darauf kam der Troll wieder ans Haus und klopfte an. Der Bauer wachte auf und fragte: „Wer klopft da?" - „Ich", gab der Troll zur Antwort, „ich bringe das Bier, das ich von dir geliehen hatte; ich habe es in den Keller gestellt; du sollst Dank haben für deine Gefälligkeit, und wenn du nicht in das Faß hineinschaust, so kannst du so viel daraus zapfen, wie du willst, dann wird es nie leer." Eine lange Zeit ging es gut; sie zapften und zapften, und es war immer Bier darin, und niemand schaute in das Faß. Aber eines Tages hatten sie eine neue Magd, und die konnte nicht begreifen, wie das zuging; sie sah die Leute niemals brauen und sie hatten doch immer Bier. Da nahm sie sich vor, in das Faß hineinzuschauen, ob es noch nicht bald leer sei. Aber wie erschrak sie, als sie sah, daß das Faß voller Kröten war! Von da ab war kein Bier mehr darin.
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Alt 28.11.2019, 20:33:20   #150 (permalink)
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Der Lohn guter Thaten
(Dänemark)
Es war einmal ein Mann, der in einen Wald gegangen kam, um sich etwas Brennholz zu schlagen. Er ging umher und sah einen Baum nach dem andern an; aber sie waren für diesen Gebrauch allzu gut; es konnte Nutzholz aus ihnen werden, wenn sie stehen blieben, so daß er sie nicht fällen mochte. Endlich fand er doch einen Baum, der ihm nicht zu gut dünkte: derselbe war krumm und verkrüppelt und welk und faul; den fand er zur Feuerung passend, und er begann auf ihn loszuschlagen. Da sprach jemand zu ihm und sagte: »Hilf mir, daß ich loskomme, mein guter Mann!« Und als er zusah, wer es sei, da war es eine große Viper, die sich in dem Baume festgeklemmt hatte; sie war in eine Spalte eingequetscht und vermochte sich nicht selbst wieder zu befreien. »Nein, ich will dir nicht helfen,« sagte der Mann, »denn sonst fügst du mir Schaden zu.« Die Schlange sagte: Nein, sie werde ihm nichts zu leide thun, er solle sie doch losmachen. Da schob der Mann ganz vorsichtig seine Axt in die Spalte unter der Schlange, so daß sie befreit wurde. Aber kaum war sie losgekommen, da ringelte sie sich an ihm empor und wies ihren Giftstachel und zischte und wollte ihn stechen. »Sagte ich es nicht,« versetzte der Mann, »daß du eine Canaille wärest, die Gutes mit Bösem belohnen würde!« - »Ja,« antwortete die Schlange, »du hast gut reden; aber in der Welt geht es so zu, daß alle guten Thaten schlecht belohnt werden.« - »Das ist nicht wahr,« sagte der Mann, »gute Thaten werden gut belohnt.« - »Darin wird dir niemand recht geben,« sagte die Schlange; »ich weiß besser, wie es in der Welt zugeht.« - »Laß uns Umfrage halten!« sagte der Mann. »Meinetwegen!« sagte die Viper. Sie ließ ihn nicht los, sondern er mußte mit ihr durch den Wald gehen, bis sie einer alten Kracke begegneten, die auf der Weide ging. Sie war lendenlahm und vom Sattel wundgerieben; sie war auf dem einen Auge blind und hatte nur noch ein paar elende Zahnstummeln im Maule. Die frugen sie, ob gute Thaten gut oder schlecht belohnt würden. »Sie werden schlecht belohnt,« sagte das Pferd; »ich habe jetzt meinem Herrn zwanzig Jahre lang treu gedient, ihn auf meinem Rücken getragen und seine Kalesche gezogen, bei jedem Schritte auf meinen Fuß geachtet, damit ich nicht straucheln und er dadurch zu Schaden kommen möchte. So lange ich jung und stark war, hatte ich gute Tage und ward gefüttert und getränkt und gestriegelt, hatte meinen guten Stall und reichliche Streu; aber jetzt, da ich alt und schwach geworden bin, muß ich den lieben langen Tag in der Tretmühle gehn, komme nie unter Dach und Fach und erhalte kein anderes Futter, als was ich mir selbst ausrupfe. Nein, gute Thaten werden nur schlecht belohnt.« »Da hörst du's,« sagte die Viper, »jetzt steche ich dich.« - »Ach nein,« sagte der Mann, »warte doch einen Augenblick! Dort kommt Reineke Fuchs; laß uns ihn um seine Ansicht fragen.« Reineke kam herangeschlichen und blieb stehen und blickte sie an: er sah wohl, daß der Mann in einer schlimmen Lage war. Da frug die Viper Meister Reineke, ob es sich so verhalte, daß gute Thaten schlecht belohnt würden, oder ob sie gut belohnt würden. »Sage: gut!« flüsterte der Mann, »dann bekommst du zwei fette Gänse.« Die Schlange hörte nichts von dem Geflüster. Da sagte Reineke: »Gute Thaten werden gut belohnt,« und im Nu sprang er hinzu und biß die Schlange in den Nacken, daß sie zur Erde fiel. Allein ehe sie starb, konnte sie doch noch sagen: »Nein, gute Thaten werden schlecht belohnt; das mußte ich erfahren, da ich das Leben des Mannes schonte, bis er mir das meinige raubte.« Nun war die Viper todt, und der Mann war frei. Er sagte also zu Reineke: »Komm mit nach Hause und nimm deine Gänse in Empfang!« - »Nein, danke schön!« sagte Reineke; »ich gehe nicht ins Dorf; denn da bekäme ich die Hunde auf den Hals!« - »So warte hier, bis ich sie dir bringe!« sagte der Mann, und dann lief er nach Hause und sagte in aller Hast zu seiner Frau: »Mach schnell, und stecke zwei fette Gänse in einen Sack! die hab' ich Reineke Fuchs heute zum Frühstück versprochen.« Die Frau nahm auch einen Sack und steckte etwas hinein; aber es waren keine Gänse: es waren zwei bissige Hunde, die sie besaßen. Der Mann eilte mit dem Sack zum Fuchse hinaus und sagte: »Da hast du deinen Lohn.« - »Danke,« sagte der Fuchs, »so war es doch keine Lüge, was ich vorhin sagte: daß gute Thaten gut belohnt werden.« Damit nahm er den Sack auf den Rücken und lief in den Wald hinein. »Sie sind tüchtig schwer,« sagte Reineke, dann setzte er sich nieder und zerbiß die Schlinge des Sackes mit seinen scharfen Zähnen. Aber im Nu schossen die beiden bissigen Hunde aus dem Sack heraus und sprangen ihm an den Hals. Er konnte sich nicht von ihnen losmachen; sie bissen ihn ganz todt. Allein er konnte doch noch sagen: »Nein, es war doch eine Lüge, was ich vorhin sagte; gute Thaten werden schlecht belohnt.«
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