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Zug-Verspätungen - Schummelt die Bahn bei der Pünktlichkeit?

Eine «Transparenzoffensive» kündigte die Deutsche Bahn im vergangenen Herbst an. Jeden Monat veröffentlicht sie seither eine Statistik, die aussagen soll, wie pünktlich ihre Nahverkehrs- und Fernzüge sind. Der Januar 2012 brachte mit durchschnittlich 96,5 Prozent ein neues Allzeithoch.

Doch daran, was nun «pünktlich» bedeutet, üben Forscher Kritik. Statistiker Walter Krämer, Psychologe Gerd Gigerenzer und der Bochumer Ökonom Thomas Bauer haben sich die Zahlen genauer angesehen, sie halten sie für interpretationsbedürftig und stellen deren Aussagekraft in Frage. Für die Wissenschaftler ist die Pünktlichkeitserhebung der Bahn die «Unstatistik des Monats» - als Beispiel für Statistiken, deren Zahlen und Interpretation einer Hinterfragung bedürfen.

Verspätung unter sechs Minuten gilt noch als pünktlich

Pünktlich ist für die Deutsche Bahn auch noch ein Zug, der mit einer Verspätung von unter sechs Minuten am Bahnsteig eintrifft. Ein Sprecher erklärt gegenüber news.de: «Bei der Pünktlichkeitsgrenze sind wir nach historischen Erhebungsmethoden verfahren.» Eigentlich gelten fünf Minuten als internationale Richtlinie, auch die Bahn kommuniziert diese Grenze. Doch weil diese Definition noch aus der Zeit der Bahnhofsuhren ohne Sekundenzeiger stammt, endet die fünfte Minute «optisch» erst mit dem Zeigersprung auf die sechste Minute nach Ankunft eines Zuges». Also endet die Pünktlichkeit bei 5 Minuten und 59 Sekunden.

Daran entzündet sich die Forscher-Kritik. Sie stellen folgendes Beispiel auf: Ein Zug stoppt 25 Mal bis zum Ziel. An 24 Stationen hält er mit einer Verspätung von weniger als sechs Minuten, nur einen Bahnhof erreicht er mit größerer Verspätung. Dann wäre er laut Statistik an 24 von 25 Stationen pünktlich. Das sind 96 Prozent - so viel Pünktlichkeit, wie die Bahn für den gesamten Januar ausweist.

In der Schweiz gilt ein Zug ab drei Minuten als verspätet

Ihrer Meinung nach sagt diese Statistik nichts über die Zahl der Fahrgäste aus, die ihren Anschluss an einer der 24 Stationen verpassen. Schließlich könnte der Zug ja an jeder Station mit knapp sechs Minuten Verspätung eingefahren sein - und trotzdem noch laut Bahn-Definition als pünktlich gelten, so die Forscher. Wie viele Kunden tatsächlich ihren Anschlusszug erreichen, ist bislang ein Bahn-Geheimnis. «Wir überlegen, die Zahl zu veröffentlichen», sagt der Sprecher der Deutschen Bahn auf news.de-Anfrage. Seit Jahren aber sei die Zahl konstant: Mehr als 90 Prozent der Reisenden erreichten ihre Anschlüsse trotz manchmal unpünktlicher Zubringer-Züge. Grundsätzlich aber räumt die Bahn Mängel ein: «Natürlich kann man an jeder Form einer Pünktlichkeitserhebung Kritik üben.»

Die Wissenschaftler üben zudem Kritik an der Sechs-Minuten-Grenze der Bahn. In der Schweiz etwa gilt seit dem Jahr 2009 ein Zug bereits ab drei Minuten als verspätet. Dabei gibt die Bahn an, sich «bewusst» am Schweizer Modell der Pünktlichkeitserhebung zu orientieren, «um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen».

Bahn: Deutsche Fernzüge sind störanfälliger

Würde das Drei-Minuten-Kriterium auf Deutschland übertragen, «sähe die Statistik der Deutschen Bahn wohl längst nicht mehr so freundlich aus», kritisieren deshalb die drei Wissenschaftler. Der Bahn-Sprecher räumt ein: «Würden wir drei Minuten als Grenze nehmen, dann wäre die Pünktlichkeitsquote schlechter, keine Frage.»

Doch der Sprecher verweist auch auf Größenunterschiede: Das Bahnnetz in der Schweiz sei so groß wie das Netz in Baden-Württemberg oder Bayern. «Unsere Fernzüge fahren teilweise über 1000 Kilometer weit, deshalb sind wir anfälliger für Verspätungen. Schließlich stehen etwa drei- bis viermal so viel Bäume am Streckenrand, die umfallen können, als auf einer Fernstrecke in der Schweiz», sagt er.

[news.de] · 08.03.2012 · 10:00 Uhr
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