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Zollitsch entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, spricht in Freiburg bei einer Pressekonferenz.Großansicht
Freiburg/Bonn (dpa) - Nach dreiwöchigem Schweigen hat die Deutsche Bischofskonferenz die Opfer sexuellen Missbrauchs an katholischen Schulen öffentlich um Vergebung gebeten.

«Ich entschuldige mich im Namen der katholischen Kirche in Deutschland bei allen, die Opfer eines solchen Verbrechens geworden sind», sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz (DBK), Robert Zollitsch, zum Beginn der DBK-Frühjahrsvollversammlung am Montag in Freiburg. Die katholische Kirche in Deutschland dringe auf eine umfassende Aufklärung. Zudem werde sie versuchen, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellen Übergriffen zu verbessern. Unterdessen wurden weitere Fälle von Missbrauch aus vergangenen Jahrzehnten bekannt und ein Priester beurlaubt.

Im Eröffnungsgottesdienst im Freiburger Münster bekannte Zollitsch am Abend vor den Bischöfen mit aufwühlenden Worten das Fehlverhalten von Priestern und anderen Kirchenmitarbeitern: «Wir haben den dumpfen Nachhall auch von Jahrzehnten zurückliegenden Verfehlungen (...) in den vergangenen Tagen und Wochen schmerzlich erfahren müssen. Vertrauen wurde auf abscheuliche Weise missbraucht und zerstört. Wir sind erschüttert über das Verhalten von Kirchenvertretern und Erziehern. Wir leiden mit den Opfern, die wir um Verzeihung bitten.»

Die Bischofskonferenz will aus dem Missbrauchsskandal Konsequenzen ziehen, wie Zollitsch vor der Presse ankündigte. Bei der Tagung in Freiburg werde die Konferenz unter anderem die Frage klären, ob sie einen Beauftragten für Missbrauchsfälle sowie Ansprechpartner für Missbrauchsopfer ernennt. Diese gibt es bislang nur in den einzelnen Diözesen sowie unter anderem auch bei dem vom Missbrauchsskandal besonders betroffenen Jesuiten-Orden.

Bundesweit haben sich im Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Kollegs und anderen katholischen Schulen bislang etwa 120 Missbrauchsopfer gemeldet. Der Skandal erfasst nun auch das Benediktinerkloster Ettal nahe Garmisch-Partenkirchen. Der Leiter der Klosterschule bestätigte dem Bayerischen Rundfunk (BR) am Montag, dass es zwischen 1950 und 1990 Missbrauchsfälle im Kloster gegeben habe. Dies gehe aus dem Nachlass eines beteiligten Ordensgeistlichen hervor.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann beurlaubte jetzt einen 76 Jahre alten Priester. Die «Frankfurter Rundschau» (Samstag) hatte zuvor berichtet, dass es in den 1970er Jahren in mindestens einem Bonner Internat des Ordens der Franziskaner-Minoriten sexuelle Übergriffe auf Kinder gegeben haben soll. Der Tatverdächtige, der nun beurlaubte Pater, hatte sich damals selbst angezeigt. Ende der 1970er Jahre war der Franziskaner-Minorit von Bonn nach Würzburg gekommen und hatte hier seither mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet.

Die Bischofskonferenz will in Freiburg ihre acht Jahre alten Leitlinien zum Schutz vor sexuellen Übergriffen auf den Prüfstand stellen. «Wir werden über mögliche Änderungen der Leitlinien sprechen», sagte Zollitsch, ohne Einzelheiten zu nennen. Zudem erörterten die Bischöfe bei ihrer bis Donnerstag dauernden Vollversammlung, wie die Prävention verbessert werden könne, beispielsweise durch Änderungen bei der Priesterausbildung. Grundsätzlich hätten sich die Leitlinien bewährt.

Das Thema werde am Dienstag und Mittwoch besprochen, sagte Zollitsch. Am Donnerstag (25.2./14.00) sollen die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Im Gespräch sei unter anderem die Bildung einer Arbeitsgruppe, die sich über die Frühjahrsvollversammlung hinaus mit dem Thema sexuelle Gewalt in der Kirche beschäftige.

Eine grundsätzliche Debatte über die Sexuallehre der katholischen Kirche sowie über das Zölibat - das Keuschheitsgebot für Priester - werde es nicht geben. Solche Diskussionen seien nicht erforderlich. «Sexueller Missbrauch hat nichts mit dem Zölibat und nichts mit der Sexuallehre zu tun», sagte Zollitsch. «Es ist eine Frage, wie ein Mensch veranlagt ist.» Sexueller Missbrauch sei daher überall möglich. Innerhalb der katholischen Kirche komme es nicht häufiger zu Missbrauchsfällen als anderswo.

Dagegen sehen Kritiker wie die Reformbewegung «Wir sind Kirche» großen Handlungsbedarf. Sie fordert seit langem die Abschaffung des Zölibats. Änderungsbedarf gebe es auch bei den Leitlinien zum «Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche»: Notwendig seien eine von der Kirche unabhängige Ombudsstelle, eine Reform der Priesterausbildung, wirksame Präventionsmaßnahmen und eine aktive Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft. Täter dürften in keiner Weise mehr in der Seelsorge eingesetzt werden. Notwendig sei zudem ein einheitliches und abgestimmtes Vorgehen aller Diözesen und Ordensoberen, fordert «Wir sind Kirche».

«Sexueller Missbrauch an Kindern ist immer ein abscheuliches Verbrechen. Und es ist auch eine Sünde», sagte Zollitsch. «Im Raum der Kirche wiegt der Missbrauch besonders schwer, weil es ein besonderes Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in den Priester gibt.» Um die Missbrauchsfälle aufzuklären, kooperiere die Kirche mit Staatsanwaltschaften und anderen staatlichen Behörden.

Die katholischen Internate wollen künftig jedem Verdacht auf sexuellen Missbrauch sofort nachgehen. Außerdem soll in solchen Fällen «konsequent und transparent» vorgegangen werden, heißt es in einer Erklärung des Verbands Katholischer Internate und Tagesinternate (VKIT), die am Montag in Bonn veröffentlicht wurde. Bei Erhärtung des Verdachts sei die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Kirchen
22.02.2010 · 18:34 Uhr
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