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Zivile Opfer und die «Falle» für die ISAF

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Neu Delhi (dpa) - Als sei die Lage nach dem Luftangriff in Kundus nicht kompliziert genug, versuchen nun auch noch die Taliban, aus dem Vorfall Kapital zu schlagen.

Ihr Sprecher Sabiullah Mudschahid forderte am Montag eine unabhängige Untersuchung des Bombardements, damit «solche Massenmorde» künftig nicht mehr vorkämen. Ob der Luftangriff in Nordafghanistan richtig war - worauf die Bundesregierung weiterhin beharrt - oder nicht: Für «Massenmorde» sind in Afghanistan die Taliban verantwortlich, wie sie bei hunderten Anschlägen mit etlichen getöteten Zivilisten demonstriert haben. Die meisten getöteten Zivilisten gehen Jahr für Jahr auf das Konto der Aufständischen, nicht auf das der ausländischen Soldaten.

Während die Taliban Zivilisten angreifen oder den Tod von Unbeteiligten mutwillig in Kauf nehmen, versucht die NATO-geführte Internationale Schutztruppe ISAF zumindest, zivile Opfer zu vermeiden. Gerade die Deutschen stehen am Hindukusch nicht im Ruf, Hasardeure zu sein - im Gegenteil. Jahrelang kämpfte die Bundeswehr gegen den Vorwurf von Bündnispartnern, zu wenig «robust» gegen die Taliban vorzugehen. Nicht immer gelingt es den Truppen, zivile Opfer zu vermeiden - auch vor dem Bombardement vom Freitag haben deutsche Soldaten in Kundus bereits versehentlich Zivilisten getötet.

Zwar lag am Montag weiterhin kein Ergebnis der ISAF-Untersuchung über den Luftangriff in Kundus vor, aber der Gouverneur des bombardierten Distrikts Char Darah, Abdul Wahid Omarkhel, sprach von 135 Toten, darunter viele Kinder. Sollten sich die Angaben besonders zu den toten Kindern bewahrheiten, wären das verheerende Nachrichten für die Bundeswehr. Ob die Zahlen, die der Distrikt-Gouverneur bei Gesprächen mit Dorfbewohnern und Stammesältesten ermittelt haben will, zutreffen, will nun die Zentralregierung in Kabul überprüfen.

Offen ist, wie sie das anzustellen gedenkt. Das Gebiet ist in weiten Teilen unter Taliban-Kontrolle, Regierungsvertreter haben kaum Zugang, und die Opfer sind längst beerdigt. Afghanische Beobachter verweisen darauf, dass die Regierung eine Entschädigung für jeden Toten angekündigt hat - und dass das in Char Darah zu der Versuchung führen könnte, die Opferzahl künstlich nach oben zu treiben.

Der Vorfall in Kundus beweist erneut, wie sehr sich zivile Opfer negativ auf den Einsatz auswirken. Nicht nur stärkt jeder von Soldaten getötete Zivilist die Sache der Taliban. Die Opfer befeuern auch Einsatz-Kritiker in den jeweiligen Truppensteller-Nationen. Der vor einem Vierteljahr angetretene ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal hat die Gefahr erkannt. In einer «taktischen Direktive» ordnete er kurz nach seiner Ankunft in Kabul an: «Wir müssen die Falle vermeiden, taktische Siege zu erzielen - während wir gleichzeitig strategische Niederlagen erleiden, indem wir zivile Opfer oder exzessive Schäden verursachen und damit das Volk verprellen.»

Das Bombardement von Kundus ist nun der erste Ernstfall für den US-General McChrystal und seine neue Politik - dass es dabei die Deutschen trifft, muss nicht für einen bösen Willen der Amerikaner sprechen. McChrystal scheint die Folgen des Luftangriffs schnell und vorbehaltlos aufklären zu wollen. Keiner seiner Vorgänger hat sich bei dem unangenehmen Thema so engagiert gezeigt. Nach dem Bombardement wandte sich der US-General im afghanischen Fernsehen an die Bevölkerung und versicherte, die NATO werde alles unternehmen, um Zivilisten zu schonen. Dann reiste der ISAF-Kommandeur persönlich nach Kundus, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Feindlichkeit gegenüber der Bundeswehr hat der General in seiner Amtszeit in Afghanistan bislang nicht erkennen lassen - im Gegenteil. Den deutschen ISAF-Kommandeur für die Nordregion, Brigadegeneral Jörg Vollmer, nannte er in einem Interview mit deutschsprachigen Medien vor knapp einem Monat «einen begnadeten Kommandeur». Zum Engagement der Bundeswehr am Hindukusch meinte der amerikanische General damals: «Die Deutschen leisten großartige Arbeit.»

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
07.09.2009 · 15:13 Uhr
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