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Zittern um Fukushima: Techniker kämpfen weiter

Soldaten mit Schutzmasken bereiten sich Nihommatsu auf einen Einsatz in kontaminiertem Gebiet vor. Foto: Kyodo

Tokio/Berlin (dpa) - Erdbeben, Tsunami, Atom-Katastrophe - jetzt auch noch Hunger und bittere Kälte. In den Trümmerlandschaften im Norden Japans herrschen apokalyptische Zustände.

Während 50 Techniker im AKW Fukushima unter Einsatz ihres Lebens gegen das Inferno kämpfen, müssen 430 000 Menschen in Notquartieren ausharren. Der Wintereinbruch behindert die Helfer, Lebensmittel werden knapp. Die Zahl der registrierten Todesopfer stieg offiziell auf über 4300. In Berlin wird darüber gestritten, ob es für die vorläufige Abschaltung von acht AKW eine Rechtsgrundlage gibt.

Explosionen und plötzliche hohe Strahlung zwangen die letzten 50 Techniker im AKW Fukushima am Mittwoch zwischenzeitlich zum Rückzug. Die Strahlung sowie böiger Wind verhinderten Einsätze von Hubschraubern, die Wasser und Borsäure auf den havarierten Reaktor 4 hätten schütten sollen. In der Nacht zum Donnerstag (Ortszeit) wurden Löschkanonen zur Kühlung der Brennstäbe in Stellung gebracht.

Der Einsatz der Techniker in Fukushima wird von höchster Stelle verlangt: Die japanische Regierung warnte den Betreiber Tepco scharf davor, das AKW aufzugeben. Die Arbeiter setzen laut Experten ihr Leben aufs Spiel.

Am Mittwochmorgen war im Reaktor 4 ein weiteres Feuer ausgebrochen, zudem stieg Rauch oder Dampf auf. Wie viel Strahlung freigesetzt wurde, ist unklar. In den Blöcken 1 und 2 liegen die Brennstäbe bereits teilweise frei, was die Gefahr einer Kernschmelze erhöht. Ein unbemanntes Flugzeug des US-Militärs soll mit seinen hochauflösenden Kameras mehr Klarheit über das Innere der havarierten Atomreaktoren bringen.

Bei allen Hiobsbotschaften gab es auch positive Nachrichten: Die Schutzhülle des Reaktors 3 sei - entgegen erster Annahmen - nicht erheblich beschädigt, teilte die Regierung mit. Die gut 200 Kilometer entfernte Metropole Tokio wurde am Mittwoch von höherer Strahlung verschont.

Die USA distanzierten sich indirekt vom Krisenmanagement Tokios: Die Obama-Regierung legte US-Bürgern ans Herz, das Gebiet im Umkreis von 80 Kilometern zu verlassen. Dies sei, «was wir tun würden, wenn sich dieser Vorfall in den USA ereignen würde», sagte Weiße-Haus-Sprecher Jay Carney. Tokio hat bisher nur den Umkreis von 20 Kilometern evakuiert.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigte eine Fernsehansprache von Kaiser Akihito, der sich nur selten zeigt. «Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen werden, indem sie sich gegenseitig helfen», sagte er.

Die vorläufige Abschaltung von acht Atomkraftwerken in Deutschland steht rechtlich offenbar auf wackligen Füßen. Das Moratorium - also die Aussetzung der Laufzeitverlängerung - sei politisch zu verstehen, nicht rechtlich, sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Das bedeutet, dass das neue Atomgesetz mit den im Schnitt zwölf Jahre längeren Laufzeiten weiter gilt und die Konzerne langjährige Betriebsgenehmigungen älterer auf neuere Anlagen übertragen können. Diese würden dann weit über 2040 hinaus laufen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bezweifelt, dass die Abschaltung ohne Zustimmung des Bundestags zulässig ist. Dazu sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in «RTL Aktuell», es bedürfe keiner Befassung des Bundestages, «weil es ein bestehendes und vom Deutschen Bundestag beschlossenes Gesetz ist».

Nach Angaben der «Süddeutschen Zeitung» erwägt der größte deutsche Stromkonzern Eon eine Klage, sollten Meiler dauerhaft vom Netz müssen. Politische Folgen hat die japanische Katastrophe in China: Überraschend legte Peking die Genehmigungsverfahren für alle Atomprojekte auf Eis.

Die Akteure an den Finanzmärkten blicken weiter gebannt auf Japan. In den vergangenen Tagen wurde über einer Billion Euro an der Börse verbrannt. Der Dax sank um 2,01 Prozent auf 6513,84 Punkte.

Atom / Japan
16.03.2011 · 21:12 Uhr
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