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Zeuge beschreibt Kriegshorror im Mladic-Prozess

Ratko MladicGroßansicht

Den Haag/Belgrad (dpa) - Bomben, Misshandlungen, Abfackeln ganzer Dörfer, Vertreibungen, Leichen und schreiende Verwundete: Der erste Zeuge im Prozess gegen den serbischen General Mladic hat die Schrecken des Krieges erschütternd beschrieben.

Elvedin Pasic war erst 14 Jahre alt, als er ohne Vorwarnung vom Horror des bosnischen Bürgerkrieges (1992-1995) getroffen wurde. Der heute 34 Jahre alte Mann beschreibt am Montag vor dem UN-Tribunal in Den Haag mit tränenerstickter Stimme, wie aus friedlichen serbischen Nachbarn wie aus dem Nichts erbitterte Feinde für alle Muslime wurden. Der wegen der schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 angeklagte damalige bosnische Serbenführer Ratko Mladic hört sich die erschütternden Schilderungen reglungslos an. Manchmal schüttelt er missbilligend den Kopf, manchmal lächelt er vielsagend.

Dem 70-jährigen Mladic werden die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 zur Last gelegt. Er soll verantwortlich sein für den Tod von Zigtausenden und die Vertreibung von Hunderttausenden. Er selbst betrachtet sich als unschuldig. Die Staatsanwaltschaft will über 400 Belastungszeugen aufbieten.

Pasic beschreibt, wie er in seinem Dorf Hrvacani nordwestlich von Sarajevo über Jahre mit anderen serbischen Kindern zu Schule ging, Handball oder Fußball spielte und die Ferien gemeinsam verbrachte. Ohne jede Vorwarnung hätten die serbischen Nachbarn im Sommer 1992 alle muslimischen Dörfer angegriffen. Sein gesamtes Dorf sei «bis auf die Grundmauern niedergebrannt» worden. Fünf Menschen, die vor dem serbischen Artilleriebeschuss nicht flüchten wollten, seien später als verkohlte Leichen gefunden und bestattet worden.

Die Botschaft der Serben bei diesen «ethnischen Säuberungen» war nach Darstellung des Zeugen immer die gleiche: «Hier ist kein Platz für Türken, dies ist Serbien!», hätten die Angreifer die Vertreibungen aller Muslime begründet. Er schildert den Versuch einiger hundert Muslime, sich in muslimisch kontrollierte Gebiete um die Stadt Travnik durchzuschlagen. Doch die Kolonne sei in einen serbischen Hinterhalt geraten, viele Tote und um ihre Erschießung jammernde Verwundete seien zu beklagen gewesen.

Der auch nach 20 Jahren aufgewühlte Pasic muss seine Aussagen immer wieder wegen Schluchzen und Tränen minutenlang unterbrechen. Die Flüchtenden hätten sich ergeben. Zwei Dutzend Frauen und Kinder seien von serbischen Soldaten aussortiert worden, zwischen 150 und 200 Männer seien zurückgeblieben. Die Männer mussten alle Wertgegenstände und Berge von Geld abgeben, die sie in sichere Gebiete Bosniens retten wollten. «Ich habe große, große Mengen von DM gesehen», berichtete er. Die Männer wurden nie mehr gesehen, die Anklage wirft Oberbefehlshaber Mladic vor, sie seien im Ort Grabovica umgebracht worden.

UN / Justiz / Kriegsverbrechen / Jugoslawien
09.07.2012 · 17:22 Uhr
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