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Wulff-Rede: Zementierung von Vorurteilen verhindern

Tag der deutschen EinheitGroßansicht

Bremen (dpa) - In einer Grundsatzrede hat Bundespräsident Christian Wulff eindringlich dazu aufgerufen, die Vielfalt im Land zu schätzen und zugleich den Zusammenhalt zu fördern. Auszüge aus seiner Rede bei der zentralen Feier zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am Sonntag in Bremen:

«Wir feiern heute, was wir vor 20 Jahren erreicht haben: Einigkeit und Recht und Freiheit für unser deutsches Vaterland. Wir erinnern uns an jenen epochalen Tag, wie ihn ein Volk nur ganz selten erlebt. Ich denke an die Bilder aus Berlin, in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober. An die Menschen, die vor dem Reichstagsgebäude standen. An die gespannte Erwartung in den Momenten vor Mitternacht. An den Klang der Freiheitsglocke. An das Hissen der Fahne der Einheit. An die Nationalhymne. An das Glücksgefühl. An die Tränen. An den Zusammenhalt in diesem historischen Augenblick unserer Geschichte.

Auch 20 Jahre später erfüllt mich dies mit großer Dankbarkeit. Seit 20 Jahren sind wir wieder Deutschland, einig Vaterland. Doch was meint einig Vaterland? Was hält uns zusammen? Sind wir zusammengewachsen, trotz aller Unterschiede? (...)

Erst gingen wenige Mutige, dann immer mehr auf die Straßen in Ostdeutschland. (...) Sie haben sich selbst aus der Diktatur befreit, ohne Blutvergießen. (...) Was 1953 noch von Panzern niedergewalzt wurde, konnte 1989 nicht mehr aufgehalten werden. Das ist die eigentlich historische Leistung der Menschen. (...)

20 Jahre nach der Einheit stehen wir vor der großen Aufgabe, mit dem Mut zur Veränderung neuen Zusammenhalt zu ermöglichen in einer sich rasant verändernden Welt. (...) Die Lebenswelten in unserem Land driften in unterschiedlichen Bereichen oft eher auseinander: die von Alten und Jungen; Spitzenverdienern und denen, die vom Existenzminimum leben; von Menschen mit und ohne sicherem Arbeitsverhältnis; von Volk und Volksvertretern; von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensbekenntnisse. (...)

Ein freiheitliches Land wie unseres lebt von Vielfalt, es lebt von unterschiedlichen Lebensentwürfen, es lebt von Aufgeschlossenheit für neue Ideen, sonst kann es nicht bestehen. Zu viel Gleichheit erstickt die eigene Anstrengung und ist nur um den Preis der Unfreiheit zu haben. Das Land muss Verschiedenheit aushalten. Es muss sie wollen. Aber: Zu große Unterschiede gefährden den Zusammenhalt. Und daraus folgt für mich: Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen ­ das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt. Das ist Aufgabe der Deutschen Einheit - heute. (...)

Wir sind ein Volk! Dieser Ruf der Einheit muss heute eine Einladung sein an alle, die hier leben. Eine Einladung, die nicht gegründet ist auf Beliebigkeit, sondern auf Werten, die unser Land stark gemacht haben. Mit einem so verstandenen Wir wird Zusammenhalt gelingen ­ zwischen denen, die erst seit kurzem hier leben, und denen, die schon so lange einheimisch sind, dass manche vergessen haben, dass auch ihre Vorfahren von auswärts kamen.

Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: Sie sind unser Präsident" ­ dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Mit der gleichen Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben. (....)

Wir sind Deutschland. Ja: Wir sind ein Volk. Und weil diese Menschen uns mit diesen ausländischen Wurzeln wichtig sind, will ich nicht, dass sie verletzt werden in durchaus notwendigen Debatten. Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen. Das ist in unserem eigenen nationalen Interesse.

Die Zukunft ­ davon bin ich felsenfest überzeugt - gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem. Deutschland muss mit seinen Verbindungen in alle Welt offen sein gegenüber denen, die aus allen Teilen der Welt zu uns kommen. Deutschland braucht sie. Im Wettbewerb um kluge Köpfe müssen wir die Besten anziehen und anziehend sein und bleiben, damit die Besten bleiben. Meine eindringliche Bitte lautet: Lassen wir uns nicht in eine falsche Konfrontation treiben. (...)

Wir haben doch von drei Lebenslügen längst Abschied genommen. Wir haben erkannt, dass Gastarbeiter nicht nur vorübergehend kamen, sondern dauerhaft blieben. Wir haben erkannt, dass Einwanderung stattgefunden hat, auch wenn wir uns lange nicht als Einwanderungsland definiert und nach unseren Interessen Zuwanderung gesteuert haben. Und wir haben erkannt, dass multikulturelle Illusionen die Herausforderungen und Probleme regelmäßig unterschätzt haben: Verharren in Staatshilfe, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung.

(...) Mich beschäftigen die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger sehr, wie auch die Politik diese zurecht erkennbar ernst nimmt.

Und dennoch, wir sind weiter, als es die derzeitige Debatte vermuten lässt: Es ist Konsens, dass man Deutsch lernen muss, wenn man hier lebt. Es ist Konsens, dass in Deutschland deutsches Recht und Gesetz zu gelten haben. Für alle ­ wir sind ein Volk. (...)

Ja, wir haben Nachholbedarf, ich nenne nur als Beispiele: Integrations- und Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in den Muttersprachen, islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern und selbstverständlich in deutscher Sprache. Und ja, wir brauchen viel mehr Konsequenz bei der Durchsetzung von Regeln und Pflichten ­ etwa bei Schulschwänzern. Das gilt übrigens für alle, die in unserem Land leben.

Zuallererst brauchen wir aber eine klare Haltung: Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. (...)

Neuer Zusammenhalt in der Gesellschaft ist nur möglich, wenn sich kein Stärkerer entzieht und kein Schwächerer ausgegrenzt wird. Wenn jeder in Verantwortung genommen wird und jeder verantwortlich sein kann. Wer lange vergeblich nach Arbeit sucht, sich von einem unsicheren Job zum nächsten hangeln muss, wer das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden und keine Perspektive erhält, der wird sich verständlicherweise enttäuscht von dieser Gesellschaft abwenden.

Wer sich zur Elite zählt, zu den Verantwortungs- und Entscheidungsträgern, und sich seinerseits in eine eigene abgehobene Parallelwelt verabschiedet ­ auch der wendet sich von dieser Gesellschaft ab. Leider haben wir genau dieses in der Finanzkrise erlebt. Niemand sollte vergessen, was er auch dem Zufall seiner Geburt und unserem Land zu verdanken hat ­ und er sollte es als seine Pflicht begreifen, unserem Gemeinwesen etwas zurückzugeben.

Die immer zahlreicheren Älteren bringen viel Gutes ein. Viele wollen über die Altersgrenzen hinaus in ihrem Beruf arbeiten, aber mit etwas weniger Stunden. Das müssen wir möglich machen. Andere engagieren sich ehrenamtlich, bringen ihr Wissen und ihre Erfahrung ein ­ warum nicht auch in einem freiwilligen sozialen Jahr für Ältere? (...)

Die erfolgreichste Art, die ich bisher erlebt habe, den Zusammenhalt zu stärken, ist, anderen zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen. Menschen können so vieles erreichen, wenn jemand an sie glaubt und sie unterstützt. Das habe ich immer wieder erlebt. In der Kinderkrippe meines Sohnes, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam betreut werden, ist ein kleiner Junge. Seinen Eltern wurde wegen dessen Behinderung vorhergesagt: Er wird nur krabbeln lernen können. Jetzt mit drei Jahren kann er laufen. (...)

Wir müssen bei den Kindern anfangen. Wie viele einst an die Einheit geglaubt haben, obwohl sie in weiter Ferne lag, müssen wir uns Ziele stecken, die weit entfernt scheinen, aber erreichbar sind: Kein Kind darf mehr ohne gute Deutschkenntnisse in die Schule kommen. Kein Kind soll die Schule ohne Abschluss verlassen. Kein Kind soll ohne Berufschance bleiben. Es sind unsere Kinder und Jugendlichen, um die es hier geht. Sie sind das Wertvollste, was wir haben.

Manches kostet keinen Cent, nur Zeit und Zuwendung: mit einem Kind ­ nicht nur mit dem eigenen ­ etwas unternehmen, ihm etwas vorlesen, ihm zuhören. Wir brauchen Eltern, die ihren Kindern sagen: Strengt Euch an.

Wir brauchen mehr Lob und Unterstützung für Lehrerinnen und Lehrer, die sagen: Wir geben nicht auf in unserem Bemühen, jedes einzelne Kind zu fördern und auf den Weg zu bringen. Wir brauchen mehr Unternehmen, die sagen: Wir geben den vielen, die es sich verdient haben, eine Chance ­ egal ob er oder sie nun Schulze oder Yilmaz heißt, Kinder hat oder nicht, als zu jung oder zu alt gilt. (...)

Unsere Kinder sollen die Geschichte unseres Landes und den unschätzbaren Wert der Freiheit, der Verantwortung, der Gerechtigkeit verstehen. (...)

Mit der Europäischen Union haben wir ein wunderbares Modell dafür geschaffen, wie Kooperation gelingen kann. In Vielfalt geeint ist zu Recht das europäische Motto, nach dem wir eine beispiellose Integration von Nationalstaaten geschaffen haben. Es zeigt der ganzen Welt: Wir Europäer haben aus der leidvollen Geschichte gelernt. (...) Es gibt viel Kritik an Europa. Aber ich werde nicht aufhören (...), mich für Europa einzusetzen.

Für unser Land hat sich am 3. Oktober 1990 eine Hoffnung erfüllt. Gleichzeitig haben wir an diesem 3. Oktober eine einmalige Chance zum Neuanfang bekommen. Wir haben diese Chance überzeugend genutzt. Lassen Sie uns nicht nur heute alle zusammen stolz sein auf das Erreichte. Aber wir sind nicht fertig. Es geht darum, die Freiheit zu bewahren, die Einheit immer wieder zu suchen und zu schaffen. Es geht darum, dieses Land zu einem Zuhause zu machen ­ für alle; sich einzusetzen für gerechte Verhältnisse ­ für alle.

(...) Wir gehen mit Mut und Zuversicht nach vorne. Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt, was wir gemeinsam schaffen können. Wir sind ­ im doppelten Sinne des Wortes ­ zusammengewachsen und zusammen gewachsen. Gott schütze Deutschland.»

Wulffs Rede

Geschichte / Einheit / Bundespräsident
03.10.2010 · 22:13 Uhr
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