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Wortlaut: «Ich werde als Präzedenzfall dargestellt»

Claudia Pechstein räumte im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa auch eigene Fehler ein. (Archivbild)Großansicht
Berlin (dpa) - Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein hat am Tag nach der zweijährigen Sperre schwere Vorwürfe gegen die Internationale Eislauf-Union (ISU) erhoben.

Sie sei sauer, «weil man mir vonseiten der ISU die Pistole auf die Brust gesetzt hatte und mit mir einen Präzedenzfall statuieren» wolle, erklärte die 37 Jahre alte Berlinerin, die tags zuvor wegen auffälliger Retikulozytenwerte rückwirkend zum 9. Februar von einer dreiköpfigen Disziplinar-Kommission für zwei Jahre gesperrt worden war. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa räumt sie aber auch eigene Fehler ein.

Wie haben Sie vergangene Nacht geschlafen?

Pechstein: «Ich habe besser geschlafen als vorher, weil ich jetzt endlich meine Familie informieren konnte. Seit Februar hatte ich ja praktisch niemand Infos geben können außer meiner Mutter.»

Wie hat Sie das Thema seit der WM im Februar belastet?

Pechstein: «Was wirklich passiert war, wusste nur ein ganz enger Kreis. Es hat mich sehr belastet, dass ich mit niemandem darüber sprechen konnte.»

Können Sie mal schildern, was in der Nacht vom 7. zum 8. Februar passiert ist. Wie hat Ihnen die ISU die auffälligen Werte mitgeteilt?

Pechstein: «Die ISU hat sich bei mir überhaupt nicht gemeldet. Am Morgen vor dem Wettkampf wurde Teamleiter Herr Jasch informiert, dass es bei mir auffällige Werte gebe und dass es bei mir nach dem ersten Tag eine Nachkontrolle geben würde. Am Samstag gegen 22.30 Uhr wurde ich zu Helge Jasch gebeten, der mir sagte, wie der Stand der Dinge ist: Aufgrund des hohen Wertes dürfe ich nicht mehr starten. Es gebe nun zwei Möglichkeiten: Entweder meldet ihr Claudia wegen Krankheit ab oder wir sprechen eine Schutzsperre aus. Heute ärgere ich mich, dass ich auf diesen Kuhhandel eingegangen bin.»

Aus heutiger Sicht wäre eine damalige Schutzsperre wohl die richtige Lösung gewesen...

Pechstein: «Sicher, das wäre optimal gewesen. Aber wir wussten ja damals gar nicht, worum es überhaupt geht. Ich habe in dieser Nacht das Wort Retikulozyten das erst Mal gehört. Später hat sich die Situation dann mehr und mehr verschärft, es ging plötzlich nicht mehr um eine Schutzsperre, sondern eine Doping-Sperre. Hätten wir damals gewusst, was auf uns zukommt, wären wir wahrscheinlich sofort an die Öffentlichkeit gegangen. Damals hatte uns Herr Kuipers von der Medizinischen Kommission der ISU noch gesagt, es würden weitere Kontrollen folgen und dann wäre die Sache erledigt.»

Schämen Sie sich jetzt, dass Sie die Öffentlichkeit an der Nase herum geführt haben?

Pechstein: «Natürlich ist es für mich total blöd, dass ich damals nicht die Wahrheit sagen konnte. Aber mir wurde ja förmlich die Pistole auf die Brust gesetzt seitens der ISU. Ich wollte damals verhindern, dass mein Name in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Doping beschmutzt wird, was ja definitiv nicht stimmt. Das ist etwas, das man nicht so leicht wegkriegt.»

Im Trainingslager Livigno hatten Sportler und Trainer den Eindruck, dass Sie fröhlich und ausgelassen warst. Scheinbar unbelastet?

Pechstein: «Ich muss seit Februar mit der Situation leben. Und am Anfang war ich mit Sicherheit nicht fröhlich. In Livigno musste ich ein bisschen gute Miene zum bösen Spiel machen. Außerdem dachte ich, mir kann ja nichts passieren, denn ich weiß, dass ich nicht gedopt habe.»

Sehen Sie sich jetzt von der ISU als Exempel missbraucht?

Pechstein: «Ich bin natürlich stinksauer auf die ISU. Ich werde von der ISU als Präzedenzfall dargestellt. Fühle mich total verarscht, denn ich wurde mehr kontrolliert als andere, und nie gab es eine positive Probe. Weil es jetzt laut neuem WADA-Code die Möglichkeit gibt, einen Athleten auch ohne positiven Befund zu sperren, haben die in der ISU gesagt: Jetzt ist aufgrund von Indizien mal eine dran. Wenn mein Wert auf Blutdoping zurückzuführen wäre, hätte ich das ja seit Jahren machen müssen. Wie hätte das denn mit der Logistik in diesem kleinen Verband mit wechselnden Ärzten funktionieren sollen? Und außerdem wurden bei mir nie Blutbeutel, Spritzen oder andere Utensilien gefunden, wie es bei Radsportlern der Fall war. Es werden auch keine Zeugen auftauchen, die mich belasten könnten, weil ich nie gedopt habe. Es gibt keine Beweise, nur ein Indiz: die erhöhten Retikulozyten-Werte. Das darf niemals ausreichen, um einen Sportler zu sperren.»

Warum haben Sie so spät mit den genaueren medizinischen Tests begonnen?

Pechstein: «Weil ich erst wenige Wochen vor der Anhörung von der Möglichkeit einer genetischen Bluterkrankung erfahren habe. Anschließend habe ich sofort reagiert. Zudem wussten wir ja nicht, was der Wert eigentlich heißt. Seit neun Jahren gibt es mein Profil bei der ISU und erst jetzt wird mir gesagt, ich hätte schon öfter überhöhte Retikulozyten-Werte gehabt. Selbst unser Teamarzt Dr. Lutz hat in Hamar erst erfahren, dass der Wert überhaupt eine Rolle spielt. Für diese Werte kann es tausende Begründungen geben, es kann sein, dass ich in drei Monaten Bescheid weiß, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren. Keiner weiß, worin das Problem mit meinem Blut besteht. Und ein weiteres Problem ist, dass Retikulozyten bei Standard-Untersuchungen des DOSB gar nicht abgenommen werden.»

Interview: Frank Thomas, dpa

Eisschnelllauf / Pechstein
04.07.2009 · 14:58 Uhr
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