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Wolfgang Schäuble: Der Unverzichtbare

Noch-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (r.) und sein wahrscheinlicher Nachfolger Wolfgang Schäuble.
Berlin (dpa) - Die Fortsetzung der Minister-Karriere von Wolfgang Schäuble stand eigentlich nie infrage. Fest war mit einer weiteren Amtszeit im Innenressort gerechnet worden.

Dass die Kanzlerin den 67-Jährigen nun zum Bundesfinanzminister macht und ihn damit an die zweite Schlüsselposition der Regierung setzt, ist eine der Überraschungen in diesen Koalitionsverhandlungen. Auch für Angela Merkel ist der auf den Rollstuhl angewiesene 67-jährige Schäuble das, was er schon für Kanzler Helmut Kohl war: der Unverzichtbare.

Immer wenn es solche abrupten Karriere-Wenden gibt, lautet die Frage: Wie geht das? Und vor allem: Kann er oder sie das neue Amt überhaupt? Nun sind Politiker eher Generalisten als Experten für ein Fachgebiet, lautet die Standardantwort. Fachliche Expertise, Erfahrung kann aber natürlich nicht schaden.

Wenn es jemanden aus der jetzt scheidenden Regierung gibt, der beides aufweisen kann, ist es neben Kanzleramtsminister Thomas de Maizière der Badener Schäuble. Zweimal war er Innenminister - unter Kohl (1989-1991) und dann vier Jahre in der ersten Regierung Merkel. Allein neun Jahre führte er die Fraktion (1991-2000). Schon damals hatte er versucht, eine große Steuerreform durchzusetzen - unter ähnlich schlechten finanziellen Rahmenbedingungen wie heute. Ein völliger Neuling auf dem Gebiet von Haushalt und Steuern ist er also nicht. Er hat schon alles in seinem politischen Leben durch, das immer ein zäher Kampf um Macht und auch mit sich selbst war.

Die Karriere Schäubles enthält viele Höhepunkte, aber auch bittere Einschnitte, politisch und menschlich. Sie ist ein Stoff für ein Drama. Er galt in Kohls Zeiten als Architekt des Einigungsvertrages, als Kronprinz von Kohl. Als am 12. Oktober 1990 ein geistig verwirrter Mann im badischen Oppenau auf ihn schoss, war er dem Tode nahe. Heute spricht Schäuble unbefangen über das Attentat. Mit eiserner Disziplin nahm er wenige Monate nach dem Attentat - nun im Rollstuhl - seine Amtsgeschäfte wieder auf. Er wurde 1998 Nachfolger Kohls als Parteivorsitzender und stürzte politisch dann mit ihm über die Spendenaffäre.

Schäuble hatte Merkel 1998 zur Generalsekretärin gemacht. Aus dieser Position setzte sie sich an die Spitze der Partei, als die Christdemokraten in der Krise dem Abgrund nahe waren. Dass Merkel seine Nachfolgerin wurde, belastete das Verhältnis Schäubles zu der Ostdeutschen nicht. Er blieb in der Fraktionsspitze geachtet, trotz der Affäre, mit der er zunächst noch ständig in Verbindung gebracht wurde. Er wandte sich der Außenpolitik zu.

Zum Bruch mit Merkel kam es, als sie gemeinsam mit FDP-Chef Guido Westerwelle 2004 Schäuble als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten verhinderte. Beide einigten sich auf Horst Köhler - gegen den Widerstand der CSU. Heute wird Schäuble nun Minister in einem Kabinett Merkel/Westerwelle. Eine Ironie der Geschichte.

Das Verhältnis zu Merkel war wegen Köhler zerrüttet. Zur Aussöhnung kam es erst 2005 vor dem Wahlkampf, der Merkel schließlich ins Kanzleramt brachte. Als Innenminister verschrieb sich Schäuble vor allem einem Thema: die Freiheit vor den Bedrohungen des Terrorismus zu schützen. «Nur wer sich sicher fühlt, kann seine Freiheit leben», lautete sein Credo. Für seine Kritiker übertrieb er es aber mit der Einschränkung der Bürgerrechte.

Auch die Finanzkrise trieb ihn um. Im März hielt er in London dazu eine Rede mit dem Titel: «Lektionen, die wir lernen müssen.» Die Folgen des Casino-Kapitalismus wird er nun als Kassenwart der Nation besonders auszubaden haben.

Parteien / Regierung
23.10.2009 · 17:29 Uhr
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