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Wirtschaft befreit sich im Rekordtempo aus der Krise

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Wiesbaden/Brüssel (dpa) - Angetrieben vom starken Export lässt die deutsche Wirtschaft ihre tiefste Krise im Rekordtempo hinter sich. Im zweiten Vierteljahr stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Auftaktquartal 2010 um 2,2 Prozent.

Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mit. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sprach von einem «Aufschwung XL». Ein solches Wachstum gab es nach Angaben der Statistiker noch nie seit der Wiedervereinigung. Zuletzt habe die Wirtschaft in der damaligen Bundesrepublik Frühjahr 1987 ebenfalls um 2,2 Prozent zum Vorquartal zugelegt.

In den 16 Euro-Ländern wuchs das BIP gegenüber dem Vorquartal um 1,0 Prozent. Auf Jahressicht betrug das Plus 1,7 Prozent, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg mitteilte. Damit ist Deutschland wieder die Konjunkturlokomotive Europas: Die größte Volkswirtschaft der EU hat sich an die Spitze des Aufschwungs gesetzt und die Rolle des Zugpferds übernommen.

«Das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum ohne Deutschland ist nur 0,6 Prozent gestiegen. Dies zeigt, wie gespalten die Konjunktur derzeit ist», analysierte Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. «Länder, die unter einer geplatzten Immobilienpreisblase und hohen Staatsdefiziten leiden, sehen weiterhin nur eine blutleere Aufwärtsbewegung.»

Andere große Länder blieben weit hinter den deutschen Spitzenwerten zurück: Großbritannien kam auf ein Plus von 1,1 Prozent, auch Frankreich (0,6 Prozent), Italien (0,4 Prozent) und Spanien (0,2 Prozent) hatten weit weniger Wachstum zu verkünden. Als Schlusslicht verzeichnete das hoch verschuldete Griechenland den größten Wachstumseinbruch mit minus 1,5 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft könne nun im Gesamtjahr «weit über zwei Prozent» wachsen, betonte Brüderle. Offiziell liegt die Regierungsprognose für 2010 noch bei rund eineinhalb Prozent.

Bankenexperten hoben ihre Prognosen für das Gesamtjahr weitaus optimistischer an. So korrigierten etwa die Unicredit und die Deutsche Bank ihre Vorhersagen auf 3,5 Prozent deutlich nach oben. «Das wäre ein stärkeres Wachstum als im Boomjahr 2006», sagte Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit. Zwar werde sich die Dynamik in den kommenden Quartalen abschwächen. Aber die deutsche Wirtschaftsleistung werde eventuell schon in der zweiten Jahreshälfte 2011 wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen.

Das Statistische Bundesamt korrigierte auch das BIP-Wachstum im ersten Quartal gegenüber dem Schlussvierteljahr 2009 deutlich auf 0,5 Prozent nach oben. Bisher hatte es ein Plus von 0,2 Prozent errechnet. Der zum Jahreswechsel ins Stocken geratene Aufschwung habe sich damit «eindrucksvoll zurückgemeldet», hieß es. Auf Jahressicht stieg die deutsche Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 4,1 Prozent.

Deutschland habe nun etwas mehr als die Hälfte der Krisenverluste aufgeholt, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Im Krisenjahr 2009 war die Konjunktur nach revidierten Angaben um 4,7 Prozent abgestürzt.

Impulse für den Aufschwung im zweiten Quartal kamen nach Angaben der Statistiker sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. «Die Dynamik der Investitionen und des Außenhandels hatten dabei den größten Anteil am Aufschwung», berichteten die Statistiker. Aber auch die privaten und staatlichen Konsumausgaben trugen der Behörde zufolge zum Wachstum bei.

Allianz-Ökonom Rolf Schneider macht für das starke Wachstum Nachholeffekte am Bau nach dem harten Winter und staatliche Konjunkturprogramme verantwortlich. Haupttreiber sei aber die kräftige Erholung des Welthandels gewesen: «Deutschland hängt in großem Maße vom Export ab. Das macht sich jetzt bezahlt.»

Allerdings deutet bereits einiges daraufhin, dass sich der Aufschwung nicht nahtlos fortsetzen wird. So zeichnet sich insbesondere in Asien ein etwas schwächeres Wachstum ab. Auch die Sparmaßnahmen infolge der Staatsschuldenkrise dürften eine immer stärkere Bremswirkung entfalten. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sprach von einem «Sommermärchen», schränkte aber ein: «Der Boom wird nicht ungebremst weitergehen. In den USA und in China weisen die Frühindikatoren bereits nach unten.» Das deutsche Wachstum werde nachlassen, die Aufwärtsbewegung aber nicht abreißen.

Aus Sicht von Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud ist es sogar gut, dass sich das rasante Wachstum des Frühjahrs nicht fortsetzen wird: «Sonst kommt eine neue Blase und danach wieder der Absturz.»

Konjunktur / BIP
13.08.2010 · 22:44 Uhr
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