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WikiLeaks veröffentlicht 250 000 US-Depeschen

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Washington (dpa) - Weltweit haben sich Regierungen auf eine Veröffentlichung geheimer Dokumente aus dem US-Außenministerium auf der Internetplattform WikiLeaks vorbereitet.

In einer diplomatischen Großoffensive informierte US-Außenministerin Hillary Clinton zahlreiche Staaten über die möglichen Enthüllungen, darunter auch Deutschland, schrieb ihr Sprecher Philip Crowley am Samstag (MEZ) im Nachrichtendienst Twitter. Er glaube, der außenpolitische Schaden des Geheimnisverrats könne für die USA beträchtlich werden.

Einen Tag vor der für heute erwarteten Publikation kursierten im Internet bereits Details zu den Inhalten. Demnach werden rund 250 000 diplomatische Depeschen im Netz zugänglich gemacht, die US-Vertretungen in aller Welt an das Außenministerium in Washington geschickt haben. Dazu kämen rund 8000 Direktiven der Zentrale in Washington an die Außenposten. Die Berichte berufen sich auf einen Artikel, der kurzzeitig bei Spiegel Online abrufbar gewesen sein soll, aber offenbar schnell von der Website entfernt wurde.

Mehrere Quellen im Web verlinken auf mutmaßliche Kopien des Artikels von Spiegel Online. Dort wird erklärt, dass fast alle Dokumente aus der Zeit nach 2004 stammten, nur eines reiche ins Jahr 1966 zurück. Die aktuellsten Papiere, mehr als 9000, seien in den ersten beiden Monaten dieses Jahres verfasst worden.

Nur rund 15 000 der Dokumente seien tatsächlich als «geheim» eingestuft, also mit der zweithöchsten Geheimhaltungsstufe versehen worden, hieß es weiter. Etwa 4300 Depeschen seien sogar so vertraulich, dass sie Ausländern nicht zugänglich gemacht werden dürften. Keines der Papiere, die WikiLeaks zugespielt worden seien, unterliege der höchsten Kategorie «streng geheim».

Die Redaktion von Spiegel Online hat sich auf dpa-Nachfrage bislang nicht dazu geäußert, ob die Angaben tatsächlich aus einem versehentlich von ihr publizierten Bericht stammen. Auf der Website wird «In eigener Sache» darauf hingewiesen, dass die üblicherweise ab Samstagabend zugängliche E-Paper-Ausgabe des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» aus redaktionellen Gründen erst ab Sonntag, 22.30 Uhr, verfügbar sein werde.

«Der Spiegel» war ebenso wie die US-Zeitung «New York Times» und der britische «Guardian» vorab mit Dokumenten versorgt worden, als WikiLeaks in den vergangenen Monaten mit der Veröffentlichung von Geheimdokumenten aus den USA zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak international Aufsehen verursachte. Dieses Mal hätten auch die spanische «Pais» und die französische «Monde» das Material gesichtet.

Zu den Depeschen hieß es weiter, dass US-Diplomaten aus aller Welt in ihnen Politiker und deren Motive bloßstellten oder Psychogramme zeichneten. Es handele sich auch um Einschätzungen der Lage in den Gastgeberländern der Botschafter oder um Protokolle von Gesprächen.

Vieles sei in dem Glauben verfasst und übermittelt worden, dass die Telegramme 25 Jahre lang unter Verschluss bleiben würden. Die verwendete Sprache sei oft sehr direkt, auch Klatsch und Berichte vom Hörensagen würden an das Hauptquartier gemeldet. Oft seien auch Namen von Informanten erwähnt, weshalb «Der Spiegel» die Dokumente nicht in der vollen Bandbreite zugänglich machen wolle.

Das State Department in Washington weiß nach eigenen Angaben nicht, welche Informationen den Enthüllungsaktivisten tatsächlich in die Hände gefallen sind. Es hat aber vorsorglich zahlreiche Länder informiert, darunter neben Deutschland auch Großbritannien, Frankreich, Afghanistan, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Eine Hauptsorge der USA ist, wegen der Veröffentlichung das Vertrauen ihrer Informanten zu verlieren.

Die Auswirkungen der Veröffentlichung lassen sich nach Ansicht des US-Botschafters in Deutschland, Philip Murphy, nur schwer absehen. «Es wird zumindest unangenehm sein - für meine Regierung, für diejenigen, die in unseren Berichten erwähnt werden, und für mich persönlich als amerikanischer Botschafter in Deutschland», sagte er der «Bild am Sonntag».

«Wir sprechen offen mit Kontakten, versuchen zu verstehen, was in unserem Gastland geschieht und berichten nach Hause, was wir hören und manchmal auch, was wir denken», beschreibt Murphy den Inhalt solcher Dossiers. Gefahr für das deutsch-amerikanische Verhältnis sieht er durch die Veröffentlichung nicht. «Ich bin sicher, dass die Freundschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland diese Herausforderung überleben wird.»

Die WikiLeaks-Macher selbst sprachen in ihrer Ankündigung der Publikation von der siebenfachen Menge an Dokumenten, die sie im Oktober veröffentlich hatten. Damals stellten sie rund 400 000 Seiten mit geheimen Logbucheinträgen aus den USA zum Irak-Krieg auf die Seite. Die Daten stammen nach dem mutmaßlichen Artikel von Spiegel Online aus einem geheimen Nachrichtennetz der US-Regierung, das rund 2,5 Millionen US-Vertretern zur Verfügung stehe.

Weltweit spekulieren Medien über die möglichen Inhalte der Papiere und den Konsequenzen der Veröffentlichung. In Großbritannien hat Premier David Cameron die Chefredakteure der britischen Zeitungen mit einer sogenannten Defence Advisory formal gebeten, die Regierung vor geplanten Veröffentlichungen zu dem WikiLeaks-Material zu konsultieren, also eine Selbstzensur zum Schutz der Militäroperationen des Landes zu erwägen.

Konflikte / Internet / USA
28.11.2010 · 13:04 Uhr
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