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Wie geht es mit Chodorkowski weiter?

Michail Chodorkowski (M) mit seiner Mutter Marina (2.v.l.), seinem Vater Boris (2.v.r.), seinem Sohn Pawel und seiner ersten Frau Jelena. Foto: Michael KappelerGroßansicht

Moskau/Berlin (dpa) - Selbst enge Mitarbeiter waren überrascht, dass der begnadigte russische Unternehmer Michail Chodorkowski sich so schnell an die internationale Presse wenden würde. Fragen und Antworten zum Befinden und zu den Plänen des einst reichsten Oligarchen.

Wie tritt Chodorkowski nach zehn Jahren hinter Gittern in der Öffentlichkeit auf?

Erstaunlich souverän, konzentriert und diplomatisch. Selbst in den emotionalsten Momenten, als nach den Schwierigkeiten für seine Familie gefragt wird, bewahrt er Haltung. «Bloß keine Schwäche zeigen!», scheint er sich vorgenommen zu haben. Und so bleibt seinen Gegnern im russischen Machtapparat, die es bis heute gibt, der Triumph verwehrt, Chodorkowski weinen zu sehen.

Welche Rolle sieht Chodorkowski für sich in Freiheit - rachesüchtiger Graf von Monte Christo, Oppositionsführer oder nur reicher Emigrant?

Nichts von alledem: Chodorkowski hat angekündigt, sich vor allem um das Schicksal anderer politischer Gefangener zu kümmern - Putins «Geiseln», wie er sie nennt, allen voran Platon Lebedew. Sein Geschäftspartner, der stets mit ihm gemeinsam vor Gericht stand, ist weiter im Straflager. Russische Menschenrechtler hoffen indes, dass Chodorkowski eine Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft spielt.

Chodorkowski will sich aus der Politik in Russland raushalten - ist das eine Kapitulation vor Kremlchef Putin?

Er hat Putin schriftlich versichert, dass er nicht um politische Macht und auch nicht um sein früheres Eigentum kämpfen wird. Das dürfte den Kremlchef am meisten interessiert haben - neben der Ausreise nach Deutschland. Immerhin hatte die zersplitterte Opposition in Moskau auf die einigende Kraft des Intellektuellen Chodorkowski gehofft. Nun muss sie aber ohne ihn auskommen.

Ist denn ein Chodorkowski, der Putin das Feld überlässt, noch ein Kreml-Gegner?

Chodorkowski wird sicher weiter die Kreml-Politik kritisieren. Aber ein Kritiker in der Emigration - noch dazu ohne ausreichend finanzielle Grundlage für politische Machtspiele - wird weder vom Kreml noch von den Menschen in Russland ernst genommen. Chodorkowski hat in vielen seiner Aussagen durchblicken lassen, dass ihm seine wiedergewonnene Freiheit jetzt das Wichtigste ist.

Hat Chodorkowski im Zuge der Begnadigung nun seine Schuld eingestanden oder nicht?

Kremlchef Putin hatte ein Schuldeingeständnis immer wieder verlangt - und interpretiert das Gnadengesuch auch so. Chodorkowski widerspricht hier vehement und sagt, dass er seine Schuld nicht anerkenne. Er zitierte auch in einem Interview den Satz dieses Schreibens an Putin: «Ich bitte darum, mich vom weiteren Verbüßen meiner Strafe zu befreien, weil ich von zehn Jahren und zehn Monaten mehr als zehn Jahre in Haftanstalten verbracht habe.»

Warum ist die Frage der Schuld so entscheidend?

Es ist mehr als nur eine Sache der Ehre. Chodorkowski war der Chef des größten russischen Ölkonzerns Yukos mit über 100 000 Beschäftigten. Er verweist darauf, dass die russische Justiz Yukos als «Verbrechersyndikat» abgestempelt habe und damit jeder einzelne Mitarbeiter hätte verfolgt werden können. Chodorkowski betrachtet die beiden Prozesse gegen ihn unter anderem wegen Steuerbetrugs und Öldiebstahls weiter als politisch inszeniert. Er hofft am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf sein Recht.

Will Chodorkowski die verlorenen Anteile am zerschlagenen und verstaatlichten Ölkonzern Yukos wieder haben?

Einen offenen Kampf um seinen alten Besitz hat Chodorkowski abgelehnt. Aber er will sich in Freiheit nun in die Details laufender Verfahren einarbeiten. Alteigentümer klagen vor Gerichten um Schadenersatz.

Kann Chodorkowski zurück nach Russland?

Laut Kreml steht ihm als russischer Staatsbürger die Heimkehr frei. Doch Chodorkowski schließt das ausdrücklich aus, solange weiter eine Klage aus den alten Zeiten als Chef des Ölkonzerns Yukos anhängig ist. Erst wenn der Oberste Gerichtshof das alte Verfahren einstellt, will er über eine Rückkehr nachdenken.

Wo wird Chodorkowski in Zukunft leben?

In diesem Punkt hält sich der Begnadigte sehr bedeckt. «Wo wir leben werden, das werde ich mit meiner Frau besprechen. Das kann ich jetzt nicht allein entscheiden.» Ein deutsches Visum habe er zunächst für ein ganzes Jahr.

Warum trat er im Berliner Mauermuseum an die Öffentlichkeit?

«Es gibt eine gewisse Symbolik für mich. Das ist ein Ort, an dem sie mir sehr geholfen haben», sagt er. Chodorkowski spielt damit auf eine Ausstellung in den Räumen des Museums am Checkpoint Charlie an, die sein Schicksal dokumentiert. Er wolle mit diesem Auftritt der Museumsleitung seinen Dank aussprechen.

Wie viel Geld hat Chodorkowski noch?

Der einst reichste Mann Russlands verfügt vermutlich noch heute über ein ansehnliches Vermögen. «Ich kenne meine finanziellen Verhältnisse derzeit nicht. Das Geld reicht mir zum Leben», sagt Chodorkowski selbst. In russischen Medien kursiert immer mal wieder die Summe von 200 Millionen Euro. Bestätigt ist sie aber nicht.

Welche Rolle spielte der deutsch-russische Politologe Alexander Rahr?

Rahr ist der dritte Mann auf dem berühmt gewordenen Foto neben Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Chodorkowski am Berliner Flughafen Schönefeld. Der Politologe ist ein ausgewiesener Russland-Kenner mit guten Kontakten zum Kreml. In einem Interview hatte Rahr erläutert, dass er von Genscher in die Pläne für Chodorkowski eingeweiht worden und daraufhin aktiv geworden sei.

Belastet der Auftritt in Berlin die deutsch-russischen Beziehungen?

Chodorkowski selbst sagt: Hoffentlich nicht. Er sei Deutschland für die Hilfe bei seiner Freilassung «außerordentlich dankbar». «Ich wünsche mir am wenigsten, dass als Begleiterscheinung nun Probleme auftauchen.» Allzu wahrscheinlich ist das auch nicht. Die neue Bundesregierung hat sich gerade daran gemacht, das Verhältnis wieder zu verbessern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gilt aus seiner ersten Amtszeit als Russland-Versteher. Wichtiger als der Fall Chodorkowski für Berlin und Moskau: eine gute Lösung für den Konflikt in der Ukraine.

Menschenrechte / Russland / Deutschland
22.12.2013 · 18:18 Uhr
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