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Widersprüchliches Chile: Hightech und Bretterbuden

Bergwerk San José (dpa) - Der faustgroße Gesteinsbrocken ist von einer dicken, goldfarbenen Ader durchzogen. Auf einer Seite ist mit schwarzer Farbe die Zahl 33 aufgemalt.

«Den haben die Kumpel vor einiger Zeit aus der Mine hochgeschickt», erzählt Alberto Iturra, Chefpsychologe der gerade abgeschlossenen Rettungsaktion für die 33 Bergleute in Chile. Dass er das gelblich schimmernde Material tatsächlich für Gold hält, legt sein Gesichtsausdruck nahe. Aber im wirtschaftsliberalen Musterland Chile ist längst nicht alles Gold, was glänzt.

«Wenn wir die Kumpel in 700 Meter nicht alleingelassen haben, dann werden wir sie auch an der Oberfläche nicht alleinlassen», sagt Präsident Sebastián Piñera. Er steht auf einem Podest vor dem Krankenhaus der Stadt Copiapó, wo die nach mehr als zwei Monaten geretteten Bergleute behandelt werden. Vor der Weltpresse, die von dem Drama der nur knapp dem Tode entronnenen Kumpel in die trockenste Wüste der Welt gelockt wurde, hält er seine Standardrede. Sie handelt von der aufstrebenden Nation, die der Welt ein Beispiel an Mut, Können und Zuversicht gegeben habe. Nebenan wächst gerade das Betonskelett einer Erweiterung der Klinik in den Himmel.

Aber nur einen Steinwurf entfernt sieht die Realität ganz anders aus. In einer windschiefen Blechhütte am Straßenrand schustert ein alter Mann abgelatschte Schuhe zusammen. Nebenher verdient sich der ehemalige Bergmann ein paar Münzen als Parkwächter.

Ein anderer Mann bietet Fremden ungefragt ein Zimmer im Haus seiner Mutter zur Miete an. Gegenüber liegt eine Zeile kleiner, schäbiger Reihenhäuschen aus Billigmaterialien, bessere Bretterbuden mit löchrigen Eternitdächern. Aber über den holprigen Asphalt zischen nagelneue Autos aus Asien. Überall findet sich in Chile dieses Nebeneinander von Gestern und Morgen, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

«Der Staat hat den geretteten Kumpeln keine Pension angeboten, keine Entschädigung und keine Stipendien für ihre Kinder», sagt der Gewerkschaftschef des Unternehmens, Javier Castillo. Damit nicht genug: Der Betreiber, das Minenunternehmen San Esteban, ist zahlungsunfähig. «Wir werden sie nicht alleinlassen», hatte Piñera gesagt. Schöne Worte kosten nichts.

Die Mine sei schon lange als gefährlich bekanntgewesen, weil sie in einer geologisch instabilen Region liege. Seine Gewerkschaft habe die Behörden seit 1999 davor gewarnt: «Es gab nie eine Reaktion», sagt Castillo, dessen linke Hand seit einem Minenunfall verkrüppelt ist. Im Bergwerk San José sind nach Angaben von Castillo seit 1996 zwei Arbeiter ums Leben gekommen und drei erlitten Amputationen.

Die Familien der geretteten Kumpel erhalten Geld aus einem Fonds für Notfälle. Aber von den anderen 328 bisherigen Arbeitern haben mehr als zwei Monate nach dem Unglück nur 5 einen neuen Job. Die anderen warten noch immer auf ihre Entschädigung.

Zu den Aussichten der Geretteten, ihre Geschichten aus der Tiefe für bis zu 50 000 Euro an Medien unter anderem aus Deutschland zu verkaufen, sagt Castillo: «Einem Armen kann nichts Schlimmeres passieren, als über Nacht reich zu werden.»

Ein Besuch im Haus der Mutter des gefeierten Schichtführers der geretteten Minenarbeiter, Luis Urzúa, in Copiapó bestätigt diese Sorge. «In der großen Familie gibt es sowieso schon Spannungen. Die Mutter von Luis spricht nicht mehr mit seiner Frau, und die Aussicht auf das große Geld könnte alle gegeneinander aufbringen», warnt Jaime Martínez, ein Freund der Familie.

Aber vielleicht stimmen die Gerüchte ja, dass die 33 noch in der Tiefe einen Pakt geschlossen haben: Alle Einnahmen sollen in einen großen Topf kommen, aus dem jeder einen gleichen Teil erhält. Dann könnten sie ihre wunderbare Geschichte doch noch gemeinsam zu Gold machen.

Notfälle / Chile
15.10.2010 · 11:53 Uhr
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