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Wer bringt Großbritannien den Wandel?

Wähler strömen in ein Wahllokal.
London (dpa) - Das Wort «Change» ist bei dieser Wahl in Großbritannien in aller Munde. Alle großen Parteien versprechen den Wandel - selbst die Labour-Partei, die seit 13 Jahren an der Macht ist.

Wandel der kriselnden Wirtschaft, Wandel der desolaten Gesellschaft, Wandel der Abgeordneten, die durch den Spesenskandal in Verruf geraten sind. Doch der wahre Wandel ist schon passiert: Eine kleinere Partei hat den beiden Platzhirschen Labour und Tories die Schau gestohlen und bringt das alte Zwei-Parteien-System ins Wanken. Wer in die Downing Street einzieht, ist so offen wie selten zuvor.

Während Premierminister Gordon Brown ums politische Überleben und eine vierte Amtszeit für «New Labour» kämpft und sein Herausforderer von den Konservativen, David Cameron, sich schon auf der Zielgeraden wähnt, schaffte der Chef der Liberaldemokraten, Nick Clegg, den Aufstieg vom Außenseiter zum Superstar. Auch wenn Kritiker die «Cleggmania» mit der Schweinegrippe verglichen, die «weder so ansteckend noch so langlebig ist, wie Experten voraussagten»: Die drittgrößte Partei, die bisher weitgehend unbeachtet in der Opposition dümpelte, könnte zum «Königsmacher» werden. Erstmals seit 36 Jahren könnte es wieder eine Koalition geben.

In Umfragen liefern sich die Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen. «Dies ist die spannendste Wahl seit 50 Jahren», sagt Charlie Beckett, Direktor des Medieninstituts Polis. Zwar liegen die Konservativen immer noch vorne - und immer mehr deutete in den letzten Tagen darauf hin, dass der 43 Jahre alte Cameron die Schlüssel für die Downing Street bekommt.

Aber er kann sich nicht auf eine absolute Mehrheit der Sitze verlassen, so wie das noch vor einigen Monaten aussah, als Labour im historischen Tief herumkrebste und die Tories im Höhenrausch waren. Es ist durchaus möglich, dass auch Brown mit den Liberaldemokraten eine Koalition bilden und Labour an der Macht bleiben könnte. Dass Clegg selbst Premier wird, ist wegen des britischen Mehrheitswahlrechts unwahrscheinlich.

Doch wie immer die neue Regierung aussieht: Es wartet ein Berg Probleme auf sie. Großbritannien ist mit 163 Milliarden Pfund (187 Milliarden Euro) haushoch verschuldet, das Haushaltsdefizit ist fast so hoch wie das in Griechenland. Ein Sparprogramm ist unausweichlich. Doch wo das Messer angesetzt wird, hat bisher keine der Parteien verraten - zu groß ist die Angst vor der Wut der Wähler. Ökonomen fürchten, dass langwierige Verhandlungen über eine mögliche Koalition die Probleme verschärfen könnten.

Derweil fielen andere brennende Fragen im Wahlkampf fast unbemerkt unter den Tisch: So fasste niemand wirklich das Thema Afghanistan an. Stattdessen konzentrierte sich der Wahlkampf auf die Persönlichkeit der Hauptpersonen. Sogar die Frauen der Parteichefs spielten eine größere Rolle als der Krieg am Hindukusch, in dem 9500 Briten kämpfen.

Und in diesem Imagewettbewerb für die Medien konnte der 59 Jahre alte Brown nur verlieren. Verrufen als Griesgram und Wüterich ging er aus drei TV-Debatten als Verlierer hervor. Während der telegene Cameron hemdsärmlig und voller Tatendrang Wähler umwarb und der 43-jährige Clegg sogar einige Frauenherzen höherschlagen ließ, wirkte Brown müde. «Ich würde Ihrem Ehemann raten, seinen Beruf zu ändern - er sieht schlecht aus, seit er den Job macht», riet eine besorgte Einkäuferin Browns Frau Sarah, als diese für ihn Wahlkampf machte.

Auch wenn die Medien Browns Ausrutscher, bei dem er über die Wählerin Gillian Duffy gelästert hatte und dabei erwischt wurde, als dessen «Sargnagel» ansahen: In Umfragen schadete «Duffy-Gate» dem Premier weniger. Vielmehr ist die Frage, ob die Wähler Brown verzeihen, dass er als langjähriger Finanzminister mit daran schuld ist, dass Großbritannien noch tiefer in die Rezession rutschte als andere Industrieländer.

Brown jedenfalls will das Amt, das er erst vor drei Jahren als ungewählter Nachfolger von Tony Blair angetreten hat, so schnell nicht aufgeben. Für ihn wäre es auch eine persönliche Niederlage, wenn er beim ersten Votum der Wähler durchfällt. Doch selbst der eiserne Kämpfer Brown ist sich seiner relativ geringen Chancen bewusst. Wenn Labour eine Schlappe einsteckt, dann muss Brown als Parteichef wohl gehen. Und so reflektierte er kurz vor der Wahl schon über die «gemeinnützige Arbeit», die er im Falle einer Niederlage machen könnte. Für den bekannterweise arbeitssüchtigen Premier wäre das zumindest persönlich ein ziemlicher Wandel.

Wahlen / Großbritannien
06.05.2010 · 20:02 Uhr
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