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Weltweit kaum Zweifel an Zukunft der Kernenergie

Peking/Paris/Washington (dpa) - Ungeachtet des schweren Atom- Unfalls in Japan stellen die meisten Länder die Zukunft der Kernenergie nicht in Frage. Atomkraftgegner sehen ihre Befürchtungen bestätigt, aber Regierungen und Nuklearindustrie wollen keinen Kurswechsel. Eine Übersicht:

CHINA: Der größte Energieverbraucher der Welt hat ausgerechnet an diesem Montag seine ehrgeizigen Pläne für den Ausbau der Kernenergie bekräftigt. In China sind heute 13 Atomreaktoren mit einer Kapazität von 10,8 Gigawatt im Betrieb. Bis 2020 sollen diese Kapazitäten sogar auf 86 Gigawatt verachtfacht werden. 25 Kernreaktoren sind zur Zeit im Bau, weitere 50 in konkreter Planung. Bis 2015 soll mit dem Bau von 40 Gigawatt an Kapazitäten neu begonnen werden.

RUSSLAND: Das größte Flächenland der Welt setzt weiterhin auf Atomkraft. Zum Jahr 2030 will Russland 26 Reaktoren bauen und den Anteil von Atomstrom von derzeit 15 Prozent auf rund ein Drittel verdoppeln. Der Staatskonzern Rosatom bewirbt sich zudem verstärkt im Ausland um Bauaufträge. Derzeit baut die Holding außerhalb Russlands mehrere Reaktoren, etwa in China, Indien und Iran.

INDIEN: Premierminister Manmohan Singh ordnete die sofortige Überprüfung der Sicherheitssysteme aller indischen AKW an. Nukleare Sicherheit habe für die Regierung die höchste Priorität, sagte Singh am Montag. Davon sind alle 20 indischen Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 4,78 Gigawatt betroffen. Dennoch will die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien die Atomkraft deutlich ausbauen. Geplant ist eine Gesamtleistung von 63 Gigawatt bis zum Jahr 2032.

In den USA werden Stimmen wieder lauter, die sich gegen Nuklearenergie wenden. Der einflussreiche Senator Joseph Lieberman forderte ein Moratorium für den Bau neuer Atomkraftwerke. 23 AKW in den USA seien nach ähnlichen Plänen gebaut wie in Fukushima. Derzeit liefern die 104 amerikanischen Atomkraftwerke rund ein Fünftel des US-Stroms. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist keine Genehmigung für den Bau eines neuen Meilers mehr erteilt worden. Auslöser für die Abkehr war der Nuklearunfall von Harrisburg vor rund 30 Jahren.

FRANKREICH ist mit 58 Reaktoren weltweit die Nummer zwei nach den USA. Atomstrom deckt etwa 80 Prozent des Verbrauchs. Die Atomkraft findet in der Bevölkerung breite Zustimmung. Für Präsident Nicolas Sarkozy hat der Export französischer Atomtechnologie Priorität. Doch plötzlich wächst der Widerstand gegen Atomkraft: Grüne Politiker fordern eine Debatte und eine Volksabstimmung. Am Sonntagabend demonstrierten etwa 300 Atomkraftgegner.

ITALIEN war nach der Katastrophe von Tschernobyl aus der Atomenergie ausgestiegen: 80 Prozent votierten 1987 für das Ende der Kernenergie. Erst Silvio Berlusconi legte 2009 erneut die gesetzliche Basis für den Bau von Atommeilern. 2013 soll mit dem Bau des ersten Europäischen Druckwasserreaktors in Italien begonnen werden, die Standortfrage ist jedoch noch ungeklärt. Ein Kurswechsel der Regierung ist nicht in Sicht, doch der Widerstand wächst.

FINNLAND lässt vor dem Hintergrund der Atomunfälle in Japan die Notfallpläne seiner Atomkraftwerke prüfen. In Finnland sind vier Atommeiler in Betrieb, ein fünfter befindet sich im Bau. Erst im vergangenen Jahr hatte das Parlament den Bau von zwei weiteren Atomkraftwerken gebilligt.

SCHWEDEN: Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt hält an der Entscheidung vom vergangenen Juni fest, wonach es im Falle der Stilllegung von einem der zehn Reaktoren Neubauten geben darf. «Wir müssen feststellen, dass es Sicherheitsrisiken gibt und wir daraus lernen müssen», sagte der Regierungschef am Sonntagabend. 2010 hatte Schweden das Bauverbot für Atomreaktoren aufgehoben und damit den 30 Jahre zuvor beschlossenen Atomausstieg revidiert.

SCHWEIZ: Die Schweizer Regierung setzt vor dem Hintergrund der Atomunfälle in Japan die Pläne zur Bewilligung neuer Atomkraftwerke vorerst aus. Bei den bestehenden fünf Kernkraftwerken leitete die Behörde für Nuklearsicherheit eine vorzeitige Sicherheitsüberprüfung ein. Die fünf Atomkraftwerke in der Schweiz wurden in den 70er Jahren gebaut und sollen zum Teil ersetzt werden. Die Entscheidung wird bei einer Volksabstimmung voraussichtlich 2013 getroffen.

TSCHECHIEN sieht nach der Katastrophe in Japan keine Notwendigkeit, die Erdbeben-Sicherheit des umstrittenen Atommeilers Temelin neu zu bewerten. «Das AKW Temelin kann ein Erdbeben in der Größenordnung von 5,5 auf der Richterskala überstehen», erklärte das Amt für Atomsicherheit am Montag.

POLEN hält an den Plänen für den Atomeinstieg fest. Der Bau des ersten Atomkraftwerks soll 2016 beginnen. Als möglicher Standort gilt Zarnowiec nordwestlich von Danzig. Der erste Atom-Strom soll 2020 fließen. Regierungschef Donald Tusk sagte am Montag: «Es gibt technische und konstruktionsbedingte Möglichkeiten, um ein Atomkraftwerk sicher zu bauen». «Wir dürfen aber nicht übertreiben. Polen liegt nicht in einer Erdbebenzone», sagte er.

Auch die TÜRKEI hält an ihren Plänen für den Bau von zwei Atomkraftwerken fest. Eine erstes Atomkraftwerk will Ankara am Mittelmeer errichten lassen. Russische Unternehmen sollen in Akkuyu vier Reaktorblöcke mit einer Leistung von 4800 Megawatt bauen.

In der SLOWAKEI sind in Jaslovske Bohunice und Mochovce jeweils zwei Atomreaktoren in Betrieb. Gemeinsam kommen sie auf eine Leistung von insgesamt 1760 Megawatt. Zwei weitere Reaktoren sind in Mochovce in Bau und sollen bis 2012 bzw. 2013 fertiggestellt werden.

BULGARIEN: Um der EU 2007 beitreten zu können, schaltete Bulgarien im umstrittenen Atomkraftwerk Kosloduj an der Donau vier veraltete Reaktoren ab. Ein zweites Kraftwerk in Belene soll vom russischen Unternehmen Atomstroiexport mit zunächst zwei 1000-Megawatt-Blöcken gebaut werden. Umweltschützer fordern seine Einstellung, da Belene in einem von Erdbeben gefährdeten Gebiet an der Donau liegt.

Atom / International
14.03.2011 · 21:54 Uhr
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