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Welt jubelt mit Chile: Bald alle Kumpel gerettet

Das Grauen unter Tage hat ein Ende für Bergarbeiter Mario Gomez (M). Der 63-Jährige steigt als neunter aus der Kapsel Großansicht

Bergwerk San José (dpa) - Euphorische Freude in Chile: Bis Mittwochabend waren fast zwei Drittel der ursprünglich 33 verschütteten Kumpel gerettet. Unter lautem Jubel schlossen die Bergleute ihre Frauen und Kinder in die Arme. 69 Tage zwischen Angst und Hoffnung gingen für sie glücklich zu Ende.

Nie zuvor mussten Bergleute so lange unter Tage ausharren. Die Männer schrien, weinten und umarmten glückstrunken die Helfer am Schacht. Die Rettungsaktion hatte in der Nacht begonnen. An der Oberfläche wartete - neben den Angehörigen - auch Chiles Präsident Sebastián Piñera. Rund um den Globus hofften nach Einschätzung chilenischer Medien mehr als eine Milliarde Menschen auf einen glücklichen Ausgang des Dramas. Piñera sprach von einer «magischen Nacht», in der «das Leben den Tod besiegt» habe.

Die Rettung in der engen Kapsel mit dem Namen «Fenix 2» («Phönix») verlief soweit völlig reibungslos. Statt der veranschlagten Stunde dauerte es im Schnitt nur 40 Minuten, die Kapsel zu prüfen, hinabzulassen und einen Kumpel nach oben zu ziehen.

Die Bergung kam so schnell voran, dass der letzte Kumpel noch am Mittwoch (Ortszeit) das Licht der Sonne wiedersehen könnte. «Wir rechnen damit, dass die Befreiung in sieben bis acht Stunden abgeschlossen sein wird», sagte Präsident Piñera kurz bevor der 14. Kumpel um 16.28 Uhr MESZ unter großem Applaus aus der Rettungskapsel kletterte.

Johnny Barrios Rojas wurde als 21. Kumpel nach oben geholt. Für den etwa 50-Jährigen waren die Qualen um 16.32 Uhr Ortszeit (21.32 Uhr MESZ) vorbei. Er galt als der «Krankenpfleger» unter Tage, weil er sich schon als Kind grundlegendes medizinisches Wissen angeeignet hatte - seine Mutter war Diabetikerin.

Als Kumpel Nummer 17 kehrte Omar Reygadas Rojas an die Oberfläche zurück. Die Helfer zogen den Mittfünfziger um 13.39 Uhr Ortszeit (18.39 Uhr MESZ) aus der Rettungskapsel. Verschüttet war er zuvor schon dreimal. Solche Biografien werfen auch ein Licht auf die unsicheren Zustände im chilenischen Bergbau.

Als letzter Kumpel sollte Schichtleiter Luis Urzúa in die Kapsel steigen, der in der Tiefe entscheidend zum Zusammenhalt der Gruppe beitrug.

Als erster war Florencio Ávalos um kurz nach Mitternacht Ortszeit (05.10 Uhr MESZ) mit der engen Rettungskapsel aus dem unterirdischen Gefängnis befreit worden. Es folgte Mario Sepúlveda, der die Menge mit einem bewegenden Jubelausbruch rührte.

Der jüngste der Kumpel, Jimmy Sánchez (19), wirkte nach dem Ausstieg aus der Kapsel deutlich angeschlagen. Chiles Gesundheitsminister war guter Dinge, dass die Bergleute die wochenlangen Strapazen körperlich ohne große Probleme überstehen. «Sie sind in einem sehr guten Gesundheitszustand», sagte Jaime Mañalich.

Weltweit wurde die Rettung live verfolgt. «Wir sind bei unseren Kollegen in Chile. Ich möchte unserer Schutzpatronin - der Heiligen Barbara - Dank sagen», sagte ein Bergmann im Bergwerk Saar. Die Menschen im österreichischen Örtchen Lassing, in dem 1998 ein Bergmann und zehn Helfer verschüttet worden waren, freuten sich ebenfalls über den glücklichen Verlauf.

Beim Internet-Dienst Twitter war alles voller «alegría», dem spanischen Wort für Freude. Überschwänglich beschrieben viele ihre Gefühle. «Heute sind wir alle Chilenen», hieß es. «Wir sind mit Dir, Chile!»

Gefreut haben dürften sich die oft tiefgläubigen Chilenen vor allem über die Worte von Papst Benedikt XVI. «Ich empfehle die Bergleute, die in der Atacama-Region in Chile verschüttet sind, weiterhin mit Hoffnung der Güte Gottes», sagte das katholische Kirchenoberhaupt in Rom.

Auch weltliche Führer fanden wohlwollende Worte. US-Präsident Barack Obama wünschte Glück. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte in einem Schreiben: «Die Kameradschaft und die Widerstandskraft der Bergleute, die Planung und Effizienz der Rettungsaktion und die Solidarität aller haben der Welt eine Botschaft der Hoffnung und Zuversicht gegeben.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ ebenfalls ihre Freude ausdrücken. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: «Unsere Gedanken und unsere guten Wünsche sind bei den Chilenen - bis zu dem Moment, wo der letzte gerettet ist.» Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: «Ganz Deutschland freut sich mit den Bergleuten und ihren Angehörigen. Der erfolgreiche Beginn dieser Rettungsaktion ist ein modernes Wunder.» Auch Spaniens König Juan Carlos freute sich über den Erfolg der Chilenen.

Boliviens Präsident Evo Morales kam, um den einzigen Nicht- Chilenen im Team, Carlos Mamani aus Bolivien, zu besuchen. Er lud seinen Landsmann ein, in der Präsidenten-Maschine zurück in die Heimat zu fliegen. Als Mamani aus der Kapsel stieg, schwenkten Chiles Präsident Piñera und einige Helfer bolivianische Fähnchen. Die gespannten Beziehungen der Länder schienen für einen Augenblick vergessen. Die Rettung Mamanis habe die Länder noch enger zusammengeführt, sagte Piñera bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Morales bei dem Bergwerk.

Angehörige, Bergleute und auch die etwa 1600 Medienmitarbeiter aus aller Welt reagierten im Lager Esperanza mit Jubelschreien und Freudenausbrüchen auf jede neue Rettung. Auch bei Berichterstattern flossen die Tränen. Luftballons in den chilenischen Nationalfarben Rot, Weiß und Blau stiegen in den Himmel.

«Die Erde hat einen Mann geboren», formulierte das chilenische Staatsfernsehen, als der erste Kumpel aus der engen Rettungskapsel stieg. «Das hat den chilenischen Traum erfüllt», sagte Präsident Piñera voller Stolz über die wie am Schnürchen laufende Aktion.

Sepúlveda wurde wie ein Rockstar bejubelt. «Ich war bei Gott, ich war beim Teufel, sie kämpften um mich, Gott hat gewonnen», sagte er im ersten Interview nach der Rettung. Sein Kollege Illanes antwortete auf die Frage, wie die Fahrt denn gewesen sei: «Wie eine Vergnügungstour.» Claudio Yáñez, der seiner Freundin versprochen hatte, sie nach der Rettung zu heiraten, wurde von seinen beiden weinenden Töchtern umarmt. Die Bilder von der unglaublichen Freude über die Rettung konnten auch die anderen Kumpel in mehr als 600 Metern Tiefe sehen.

Die Geretteten wurden in ein bereitstehendes Behelfslazarett getragen, wo sie kurz untersucht werden. In dem abgeschirmten Bereich durften sie mit Angehörigen reden, dann wurden je vier der Kumpel zusammen mit Hubschraubern in die Klinik der nahe gelegenen Stadt Copiapó geflogen. «Ich bin so froh, danke Gott, dass er gut zurückgekommen ist», sagte der Vater von Ávalos. «Alles Schlimme liegt jetzt hinter uns und alles Schöne vor uns», sagte Alicia Campos, Mutter von Daniel Herrera. Ihr Sohn wurde als 16. gerettet.

Die Bergleute hatten seit dem 5. August in der Kupfer- und Goldmine in der Atacama-Wüste festgesessen. Um mit den knappen Ressourcen zu haushalten, aßen sie in den ersten Tagen lediglich alle zwei Tage zwei Löffel Thunfisch. Erst nach 17 Tagen konnte die Gruppe ein Lebenszeichen absetzen und wurde danach durch enge Röhren mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Kleidung, elektronischen Geräten, Klappbetten, aber auch Frischluft und Briefen von Angehörigen versorgt.

Die Internationale Föderation der Chemie-, Energie-, Bergbau- und Fabrikarbeitergewerkschaften (ICEM/Genf) schätzt, dass jedes Jahr mindestens 12 000 Kumpel bei ihrer Arbeit ums Leben kommen. Piñera kündigte zwar an, das die Unglücksmine erst dann wieder öffnen dürfe, wenn die Arbeit in ihr sicher sei. Allerdings gibt es in Chile hunderte weitere Minen wie die in San José, die genauso wie bisher betrieben werden.

Notfälle / Chile
13.10.2010 · 22:47 Uhr
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