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Warnung vor Salat, Gurken und Tomaten im Norden

Bakterienstamme auch einem Nährboden im Institut für Hygiene der Universität Münster.Großansicht

Berlin (dpa) - Das Robert Koch-Institut warnt wegen des aggressiven EHEC-Darmkeims vor dem Verzehr von Salatgurken, Blattsalaten und rohen Tomaten insbesondere in Norddeutschland.

Eine epidemiologische Studie in Hamburg habe gezeigt, dass EHEC-Erkrankte diese Gemüse deutlich häufiger verzehrt hätten als gesunde Vergleichspersonen, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) zusammen mit dem Institut für Risikobewertung (BfR) am Mittwoch in Berlin mit.

Es steht den Angaben zufolge noch nicht fest, ob nur eines oder mehrere dieser drei Lebensmittel mit der Erkrankungswelle zusammenhängen. Besonders deutlich sei das statistische Signal jedoch bei Tomaten gewesen. Da die Lieferketten noch erforscht werden ist unklar, ob das betroffene Gemüse aus Norddeutschland stammt oder nur vor allem dort verkauft wurde.

Derzeit erlebe Deutschland den stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch, sagte RKI-Chef Reinhard Burger am Mittwochabend. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Das Bakterium sei hochinfektiös, schon 10 bis 100 Keime genügen für eine Ansteckung. Zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen.

Beim aktuellen Krankheitsausbruch seien zwei Frauen nachweislich durch den Erreger gestorben, sagte Burger. Bei mehreren weiteren Fällen besteht zudem der Verdacht, dass EHEC die Todesursache ist. Besonders schlimm an der Erkrankung ist auch, dass sie bleibende Nierenschäden hinterlassen kann. Die Ministerin für Verbraucherschutz, Ilse Aigner (CSU), bezeichnete die Ausbreitung als «besorgniserregend».

Die Zahl der Patienten, die sich mit EHEC infiziert haben, nimmt rasch zu. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sind deutschlandweit mehr als 600 Fälle registriert, von denen aber noch nicht alle bestätigt sind. Am Dienstag waren es noch etwa 460. Beim RKI wurden bis Dienstagabend rund 140 schwere Krankheitsverläufe mit blutigem Durchfall und Nierenversagen gemeldet. Noch am Dienstagmittag hatte das RKI 80 solcher sogenannter HUS-Fälle registriert. In den vergangenen Jahren gab es nur 60 bis 70 davon pro Jahr, und zumeist waren Kinder erkrankt.

Meldungen über bestätigte Infektionen oder Verdachtsfälle kommen mittlerweile aus 15 der 16 Bundesländer - nur Rheinland-Pfalz hat noch keinen Fall gemeldet. Der Schwerpunkt der Infektionen liegt in Norddeutschland. Am stärksten betroffen ist Hamburg. Für die Stadt und Schleswig-Holstein meldeten die Behörden zusammen mehr als 400 Fälle, bei denen Menschen erkrankt sind oder sich vermutlich angesteckt haben. In Niedersachsen litten mehr als 130 Patienten an Durchfallerkrankungen, die von dem EHEC-Darmkeim ausgelöst worden sein könnten.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) befürchtet, dass dort infizierte Patienten sterben werden. «Wir müssen damit rechnen, Patienten zu verlieren», sagte der Nierenspezialist Prof. Rolf Stahl. Es gebe einige schwer Erkrankte am UKE. Nach Angaben des Krankenhauses werden derzeit 33 Erwachsene und 14 Kinder behandelt. Der ärztliche Direktor Prof. Jörg Debatin sagte, es sei die größte Herausforderung für das Krankenhaus seit mehreren Jahren.

RKI-Chef Burger sagte, er erwarte ein Abflauen bei den grassierenden EHEC-Infektionen, wenn das bakterienhaltige Lebensmittel gefunden wird oder es sich um ein Lebensmittel von kurzer Haltbarkeit handelt. Gülle als Ursache sei «natürlich theoretisch eine Erklärung», aber dafür gebe es keine Daten. Gemüsebauern wehrten sich gegen einen solchen Verdacht. «Das Gemüse würde ein Ausbringen von Gülle doch gar nicht aushalten, das macht keiner», sagte der Geschäftsführer des Erzeugerrings Knoblauchsland, Anton Offenberger.

In Fleisch, Milch und Käse ist nach RKI-Angaben bislang keine Erreger gefunden worden. «Eine absolute Entwarnung für Fleisch kann aber niemand geben», sagte der Leiter der Abteilung Biologische Sicherheit des Bundesinstituts für Risikobewertung, Bernd Appel. Die ärztliche Leiterin des Großlabors Medilys der Asklepios-Kliniken in Hamburg, Susanne Huggett, äußerte im ARD-Morgenmagazin den Verdacht, dass im Moment Salatbars, «also vorbereitete Salatteile eine Rolle spielen».

Verbraucherministerin Aigner beschwichtigte Ängste vor einer Ansteckung. «Auf Gemüse muss niemand verzichten», sagte sie der «Passauer Neuen Presse» (Mittwoch). «Grundsätzlich sollten vor dem Verzehr stets die allgemeinen Hygiene-Empfehlungen beachtet werden.» Üblicherweise reiche eine Erhitzung der Speisen für zwei Minuten auf 70 Grad Celsius, erläuterte Burger.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hält die bestehenden Mechanismen im Kampf gegen die EHEC-Verbreitung für ausreichend. «Ein Krisenstab würde dann eingerichtet, wenn es übergeordneten Handlungsbedarf gäbe», sagte ein Sprecher von Bahr der Nachrichtenagentur dpa. Im Fall der EHEC-Welle würden die Bürger über das RKI, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das Verbraucherministerium sowie die Hotline des Gesundheitsministeriums (01805 - 99 66 01) informiert.

Gesundheit / Infektionen
25.05.2011 · 21:57 Uhr
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