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Volkswirte: Keine weltweite Rezession zu erwarten

Berlin (dpa) - Erdbeben, Tsunami und ein verzweifelter Kampf gegen den Super-GAU: Japan, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, kämpft an allen Fronten gegen eine ganze Serie von Katastrophen. Die Zukunft des Landes hängt am schrottreifen Atomkraftwerk Fukushima.

Zu den menschlichen Tragödien kommt die Sorge: Stürzt die Wirtschaftsmacht aus Fernost in eine Rezession? Oder gar die Weltwirtschaft - die sich gerade erst von der globalen Krise erholt hat? dpa geht dem Thema in Fragen und Antworten nach:

Droht der globalen Wirtschaft ein neuer Schock?

Japan ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit starker Position in Branchen wie Auto, Maschinenbau und Elektronik. Der Anteil des Landes am Welthandel beträgt nach einer Analyse von Commerzbank-Volkswirt Wolfgang Leim allerdings nur rund 5 Prozent. Die Import- und Exportverflechtung mit westlichen Industrieländern sei nicht sonderlich hoch. Doch die Erschütterungen nach der Lehman-Pleite 2008 haben gezeigt: Ein Schock kann über die Finanzmärkte von einem Land auf viele andere übertragen werden. Ernst wird es, wenn der Super-GAU nicht zu verhindern wäre.

Denn dann würde die japanische Wirtschaftsleistung «dramatisch» einbrechen. Weltweit würde sich ein solcher Schock nicht zwangsläufig auswirken - das globale Finanzsystem sei viel weniger mit Japan verflochten als mit den USA. Die Dekabank rechnet allerdings laut «Welt am Sonntag» damit, dass ein Super-GAU das globale Wachstum um einen Prozentpunkt abschwächen könnte. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sagte dagegen, eine größere Gefahr für die Weltwirtschaft seien die hohen Rohstoffpreise und Europas Schuldenkrise.

Wie ergeht es der Wirtschaft Japans im schlimmsten Fall?

Heise sagte, es sei ein gewaltiges Risiko, dass sich die Verstrahlung über Teile Japans ausbreite. «Es hätte schon ein apokalyptisches Ausmaß annehmen können», sagte er. Zuletzt verkündete Japans Regierung aber hoffnungsvolle Botschaften. Sollte eine radioaktive Wolke den Ballungsraum Tokio erreichen, würde das öffentliche und wirtschaftliche Leben zum Erliegen kommen, warnte der Experte. Für einen nicht bekannten Zeitraum würde die Produktion stillstehen. Der Schaden wäre enorm, im zweiten Quartal wäre der Produktionsrückgang «gewaltig».

Nach Schätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer könnten bei dreimonatigem Stillstand 2,5 Millionen Autos nicht gebaut werden - wobei ein Drittel durch Verlagerung in Werke außerhalb Japans wettgemacht werde könnte. Den Schaden für die japanische Autoindustrie beziffert Dudenhöffer in diesem Szenario mit 25 Milliarden Euro.

In welcher Lage war Japan vor dem Beben?

Immer wieder ist von «verlorenen Jahrzehnten» die Rede, wenn es um Japans Wirtschaft geht. Allgemein heißt es, Japans Wirtschaft sei auf dem absteigenden Ast. Doch auch wenn Japan die hohen Wachstumsraten der 1980er Jahre nicht erreicht: Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Leim ist die Lage so schlecht gar nicht, Japan sei kaum langsamer gewachsen als Deutschland. «Auch die Erholung nach dem Absturz im Zuge der weltweiten Finanzkrise war ähnlich dynamisch wie in Deutschland», schrieb der Volkswirt. Ende 2010 seien 60 Prozent des Rückgangs nach der Pleite von Lehman Brothers aufgeholt - weniger als in Deutschland, aber mehr als in den meisten anderen Euro-Ländern. Und die japanische Wirtschaftsleistung pro Kopf zähle mit 42 000 Dollar zu den höchsten weltweit. Deutschland komme auf 40 000 Dollar.

Droht auch Japan eine Schuldenkrise?

Eher nicht. Die Staatsschulden in Japan sind zwar gemessen am Bruttoinlandsprodukt weit höher als die der europäischen Schuldensünder und lagen Ende 2010 bei 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: In Griechenland waren es 140 Prozent. Dennoch droht dem Land nach Einschätzung Leims wohl keine Schuldenkrise, selbst wenn die Risikoaufschläge für Staatsanleihen steigen sollten. Denn Japan habe nach China die weltweit zweithöchsten Devisenreserven. «Japan ist ein reiches Land. Der Wiederaufbau wird nicht an den Finanzen scheitern», schrieb der Experte. Bei der Refinanzierung hängt Japan außerdem nicht am Tropf ausländischer Anleger. Denn 95 Prozent der umlaufenden Staatsschuldverschreibungen würden im Inland gehalten. Japan werde vermutlich keine Probleme haben, weitere Anleihen zu platzieren, erklärte Heise.

Wie wird Japans Wirtschaft in Gang gehalten?

Die führenden sieben Industriestaaten (G7) sind Japan zu Hilfe geeilt. Sie einigten sich erstmals seit mehr als zehn Jahren auf ein gemeinsames Vorgehen zur Währungsstützung - und sie stoppten den Höhenflug des Yen. Dieser war gegenüber dem US-Dollar auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen, obwohl die Wirtschaft des Landes am Boden liegt. Das macht japanische Produkte immer teurer. Japans Notenbank stellte den Banken Geldspritzen in Milliardenhöhe bereit, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Die Summe der kurzfristigen Notfallmaßnahmen summiert sich mittlerweile auf rund 37 Billionen Yen (322 Mrd Euro).

Japanische Marken sind allgegenwärtig - auch in Deutschland. Wie groß ist die Bedeutung Japans für die deutsche Wirtschaft?

Vergleichsweise gering. Als Abnehmer deutscher Waren rangiert Japan mit rund 18 Milliarden Euro (1,9 Prozent aller deutschen Warenausfuhren) nur auf Platz 18 - und bei den Einfuhren auf Platz 14, mit 22,1 Milliarden Euro. Das macht 2,7 Prozent aller Warenimporte aus.

Erdbeben / Atom / Konjunktur / Japan
19.03.2011 · 15:39 Uhr
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